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75 Jahre ZEIT — kommt eine neue Generation an Zeitungs-Apps?

Revue
 
 

Was mit Medien

22. Februar · Ausgabe #29 · Im Browser ansehen

Podcast + Community + Events. Das Programm für deine Journey durch den Medienwandel. Mit @Fiene, @HerrPaehler & @Horn.


Liebe Leserschaft,
vor zehn Jahren war die Zeitungs-Welt im iPad-Fieber. Im Februar 2011 startete Medienmogul Rupert Murdoch mit The Daily die weltweit erste Tageszeitung exklusiv für das Apple-Tablet.
Erst wenige Monate zuvor sprach Springer-Chef Mathias Döpfner im US-TV von einer neuen Ära für Zeitungen: “Jeder Verleger sollte sich einmal am Tag hinsetzen, beten und Steve Jobs dafür danken, dass er mit diesem Gerät die Verlagsindustrie rettet.”
Es folgte: Ernüchterung. Bereits Ende 2012 stellte Murdoch The Daily wieder ein. Viele Verlage dünnten ihre digitalen App-Angebote aus. Die Produktionskosten überstiegen die Zahlungsbereitschaft der Leserschaft. Noch heute versuchen Medienhäuser mit digitalen Geschäftsmodellen an die Goldenen Zeiten des Printzeitalters anzuknüpfen. Auch wenn es einige Erfolge gibt, gelang dies der Branche aber nicht nicht.
In dieser Woche bringt die ZEIT ihre Jubiläumsausgabe zum 75-jährigen Bestehen der Wochenzeitung raus. Die wird auch auf einer neuen Zeitungs-App abrufbar sein, die es seit wenigen Wochen gibt. Wir lernen: Die Konsumenten haben im Jahr 2021 neue Bedürfnisse. Die neue App will diese bedienen. Erwartet uns eine neue Generation an Zeitungs-Apps?
Damit beschäftigen wir uns in diesem Newsletter. Doch zunächst möchten wir euch unser neues Coaching-Programm für Journalist:innen vorstellen, die eine eigene digitale Publikation ins Leben rufen möchten. Wir sind uns sicher: Mit unserem Kickstarter-Programm läuft es besser, als für “The Daily”.

Gründe dein eigenes Medienprojekt! 💪
Unser Coach: Pauline Tillmann (Deine Korrespondentin)
Unser Coach: Pauline Tillmann (Deine Korrespondentin)
Hast du eine Idee zu einem journalistischen Projekt, es aber noch nicht gestartet oder richtig zum Fliegen gebracht? Egal ob Podcast, Newsletter, Social-Media-Format oder Online-Magazin, wir empfehlen dir dann die Teilnahme an unserem neuen Programm: Mach dein Ding — das Kickstart-Coaching für deine journalistische Gründung.
Du erhältst im Zeitraum von drei Monaten 6 Einzelcoachings und kannst Teil unser Gründer:innen-Gruppe werden, um mit einem starken Netzwerk noch stärker durchstarten zu können. Coach ist die Solopreneur-Expertin und Journalistin Pauline Tillmann (“Deine Korrespondentin”).
Das Komplettpaket stellen wir auf wasmitmedien.de vor. Bis Sonntag kannst du dich bewerben. Die Teilnahme kostet einen symbolischen Wert von 150 Euro. Den Rest übernimmt dankenswerterweise die Schöpflin Stiftung.
Hier gibt es weitere Infos:
🎧 Pauline Tillmann stellt in dieser “Was mit Medien”-Podcast-Ausgabe das Programm vor. Außerdem spricht Thierry Backes (Süddeutsche Zeitung) über seine Forschung zur deutschen Creator Economy. Sein Fazit:
2021 ist ein guter Zeitpunkt, ein Medienimperium zu gründen.
🎧 Den “Was mit Medien”-Podcast gibt es kostenlos bei Apple PodcastsSpotify oder im Audio-Player auf wasmitmedien.de (inklusive Link zu anderen Podcast-Apps).
Wie die ZEIT Zeitungs-Apps neu denkt 💡
So sieht die neue Zeitungs-App der ZEIT aus
So sieht die neue Zeitungs-App der ZEIT aus
Kurz vor dem großen Jubiläum der ZEIT, hat sich die Marke eine neue App für ihre Wochenzeitungs-Abonnenten gegönnt. Wir haben mit Götz Hamann (Redaktionsleiter Digitale Ausgaben der ZEIT) und Thorsten Pannen (Leiter Produktentwicklung bei ZEIT ONLINE) über den Entstehungsprozess gesprochen.
Götz Hamann erwartet nach dem ersten Hype vor zehn Jahren eine neue Generation an Apps für digitale Editionen:
“Verlage stellen zunemehnd fest: In Inszenierung und Schönheit zu investieren macht das Digitalangebot wertiger. Das hat positive Folgen für Engagement und die Haltedauer von Digitalabos. Was bisher nice to have war —davon bin ich überzeugt— wird zunehmend von einer ökonomischen Rationalität unterfüttert.”
Auch Thorsten Pannen ist sich sicher, dass ein neues Level bei der Digitalisierung von Zeitungen nötig ist:
“Überraschenderweise ist aus den PDF-Ausgaben mehr als eine kurzlebige Brückentechnologie geworden. Vielleicht liegt es auch daran, dass engagiert gestartete digitale Editionen schnell ausgenüchtert wurden.”
Inzwischen gibt es auch ganz neue Bedürfnisse in der Nutzerschaft. Wie die ZEIT diese bedienen möchte, und wie das Zeitungserlebnis in das Digitale übertragen werden soll, darum ging es in unserem Podcast-Gespräch. Das sind unsere Learnings:
👉 Der Prozess: Los ging es vor 1,5 Jahren. Auf vier DIN-A0-Zetteln haben Götz und Thorsten die ersten Ideen notiert. Es folgten unzählige Diskussionen innerhalb des Hauses (“Wir sind ja bei der ZEIT”), eine umfangreiche Leser:innen-Befragung und Workshops mit einer externen Strategiebegleitung. Am Ende ist die App zum allergrößten Teil im Haus umgesetzt worden.
👉Was die Nutzerschaft möchte:
  • Die Leserschaft wünscht sich ein Leanback-Produkt. Genutzt wird die App in diesen Szenarien (und in dieser Reihenfolge): Sofa, Bett, Garten, Urlaub, auf dem Weg zur Arbeit und dann am Küchentisch.
  • Die Leserschaft möchte ein begrenztes Angebot. Wie bei einem Buch möchten die Leser:innen irgendwann fertig sein. Tiefe statt Schnelligkeit wird geschätzt. Dieses Bedürfnis wird im digitalen Journalismus wenig bedient. Bisher fallen kleinere Publikationen wie Riffreporter, Krautreporter oder das britische Tortoise-Media mit einem bewusst begrenzten Angebot auf.
  • Das Bedürfnis nach Schönheit, Tiefe, Orientierung ist gewachsen. Das liegt sicherlich auch an den Zeitläufen, in denen wir leben. Auch dieses Feld wird von digitalen Medien bisher kaum bedient.
  • Audios sind sehr gewünscht. Die Parallelität von Audio und Text wird von einem großen Teil der Zielgruppe erwartet.
👉Die Learnings:
  • Die Leserschaft verbringt mit jeder Ausgabe 30 Minuten +. Für Web-Maßstäbe ist das sehr viel.
  • Gestaltung darf sich nicht nur auf den ersten Screen erstrecken. Die Herausforderung dabei: Wie können über eine lange Textstrecke bessere Wieder-Einstiegs-Punkte und Atempunkte inszeniert werden.
  • Ein Drittel der App-Nutzer:innen hören Audios — obwohl derzeit nur rund 15 von rund 100 Texten professionell eingelesen werden. So kann die ZEIT auch als Nebenbeimedium genutzt werden (beim Sport, unterwegs oder parallel zu Haushaltstätigkeiten).
  • Die Nutzung beginnt am Mittwochabend. Am Donnerstag gibt es den Höhepunkt und am Wochenende eine Wiederbelebung. Montag und Dienstag sind tote Tage. Deswegen gibt es eine neue “Heute”-Seite, auf der unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Bei Weltlagen können Texte ergänzt werden.
  • Viele digitale Editionen werden linear gelesen. Inhalte mit einer vorderen Platzierung sind im Vorteil. Damit mehr Texte beachtet werden, hilft auch hier die neue “Heute”-Seite. Jeden Tag werden vier Texte empfohlen, die aus der bisherhigen Erfahrung wenig gelesen worden sind, aber zum Tag passen.
  • Weniger ist mehr. Zwar haben die Texte kein Standardlayout, wie dies von den meisten Webseiten bekannt ist - es gibt aber auch keinen Multimedia-Overkill. Im Kern werden gut gestaltete Texte mit unterschiedlichen Optiken angeboten. Animationen und Videos werden nur homöopatisch eingesetzt.
👉Die Herausforderung:
  • Eine Zeitungsseite bietet 1,5 Quadratmeter Raum zur Gestaltung. Das gibt es im Digitalen nicht. Die Bildschirme sind kleiner und haben je nach Gerät unzählige Größen. Wenn der Text in die Gestaltung einfließt und den visuellen Gesamteindruck prägt, entsteht diese Wucht nur auf dem Papier. Digital muss Inszenierung anders geschehen. Zum Beispiel durch lebendige Photographie (Mikroanimationen).
  • Eine Idee von Götz Hamann hat es nicht in die App geschafft: Das lyrische Tier. Ein animiertes Tiers, das ein besonderes Gedicht vorträgt. Aber vielleicht kommt das ja noch …
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Welche Zukunft hat das Radio, Valerie Weber? 📻
Valerie Weber, WDR-Programmdirektorin
Valerie Weber, WDR-Programmdirektorin
Die Audiowelt wandelt sich: Für Musik gibt es Spotify, für Wort Podcasts und für Austausch Clubhouse. Was bleibt da für das Radio? Darüber haben wir mit der passionierten Radio-Expertin Valerie Weber gesprochen. Die frühere Antenne-Bayern-Chefin ist inzwischen WDR Programmdirektorin und sagt:
Radiomacher:innen haben mit dem Aufkommen des Internets eine ihrer schärfsten Waffen aus der Hand gelegt, nämlich die Communityfähigkeit.
Ein selbstkritischer, aber dennoch optimistischer Blick auf die eigene Branche. Wir empfehlen diesen aufschlußreichen Diskurs:
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Wie funktionieren Faktenchecks bei Facebook? 🔍
Max Biederbeck (AFP) und Guido Bülow (Facebook)
Max Biederbeck (AFP) und Guido Bülow (Facebook)
In den letzten Jahren stand besonders Facebook in der Kritik, dass die Plattform für die rasende Verbreitung von Fake News genutzt wurde. Was hat sich in der Zwischenzeit getan?
Fake News werden beispielsweise durch externe Faktenprüfer kontrolliert. In Deutschland gehören Mitarbeiter:innen der DPA und des Recherchebüros Correctiv dazu. Seit 100 Tagen ist auch ein deutsches Team der Nachrichtenagentur AFP dabei. Wie funktionieren aber Faktenchecks bei Facebook? Das verraten uns Max Biederbeck, Ressortleiter Faktencheck bei der Nachrichtenagentur AFP (Foto links), und Guido Bülow, Head of News Partnerships Central Europe bei Facebook (Foto rechts). Dabei geht es auch um das Vorgehen gegen Corona-Falschinformationen und die Sperrung des Accounts des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump.
Aus der Community 👋
Am Mittwoch findet das nächste “Was mit Medien”-Community-Event statt. Ihr könnt bei dem Webinar dabei sein:
🗓️ Webinar: 11 Hacks für bessere Überschriften, die nix mit Clickbait zutun haben – mit Anne-Kathrin Gerstlauer, Journalistin und Beraterin, vorher Vize-Chefredakteurin von watson.de (7/10)
Wie gelingen Zeilen, die kreativ sind, aber trotzdem klar in der Aussage, die zuspitzen, aber kein Clickbait sind? Wie schreibe ich Teaser, die das Thema vermitteln, aber noch nicht die ganze Geschichte? Wie finde ich eine kreative Überschrift, wenn ich gar nicht kreativ bin? Was macht die perfekte Instagram-Caption aus? In diesem Webinar geht es um Überschriften und Teaser für Homepage, sowie die Social-Media-Kanäle Instagram, Facebook und Twitter.
Mittwoch, 24. Februar 2021, 18-19:30 Uhr. Maximal 10 Teilnehmer:innen – wir haben noch drei Plätze frei. Kostenlos für “Was mit Medien”-Supporter:innen mit Freikontingent (Visionär:innen und Disruptor:innen), bzw. 49,50 Euro für alle restlichen Supporter:innen. 99 Euro für Nicht-Community-Mitglieder.
🗓️Was kommt im nächsten Podcast? In der kommenden Podcast-Ausgabe am Freitag schauen wir auf das Zusammenspiel zwischen Instagram und Medien. Wie funktioniert Journalismus auf dieser Plattform? Darüber reden wir mit Clare Devlin. Sie ist WDR-Journalistin und Gründerin von Folgerichtig. Eure Fragen, Anregungen und Anmerkungen nehmen wir gerne in das Gespräch mit auf. Antwortet einfach auf diese Mail oder schreibt an posthorn@wasmitmedien.de.
Habt einen schönen Rest-Montag und eine gute neue Woche
Daniel, Herr Pähler & Dennis
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