metroscope - Stadt von Morgen

Von Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer von metroscope

Zukunft des ICC, Bauflation

#55・
73

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Zukunft des ICC, Bauflation

Rettet die Kunst das Berliner ICC?
Man hört die Maschine des ICC regelrecht kraftvoll brummen. Bild: Mathias Voelzke
Man hört die Maschine des ICC regelrecht kraftvoll brummen. Bild: Mathias Voelzke
Es ist ein Statement, das Hoffnung macht: Der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, sagte gestern angesichts der unsicheren Zukunft des Berliner ICC, die Chance sei jetzt da, den momentan leerstehenden Kultbau einer neuen, vielfältigen Zukunft zuzuführen. Es gebe nun ein Zeitfenster von zehn Jahren, das man nutzen sollte, weil in diesen zehn Jahren die Avus und die gesamte Verkehrsinfrastruktur um das ICC herum neu strukturiert werden. Obereder rief die Politik auf, diese Chance zu nutzen.
Hintergrund des Statements ist eine künstlerische Aktionswoche, die momentan unter dem Titel „The Sun Machine is Coming Down“ in dem futuristischen, aber seit Jahren ungenutzten Kongresszentrums stattfindet. Bis zum 17. Oktober bespielen die Berliner Festspiele mit verschiedenen artistischen Interventionen den gigantischen Bau, von Performance und Musik bis Videokunst. Wo die Aura des einst Hochtechnologischen gewichen ist, wo also Funktionen stillgelegt sind und der Verfall die Gegenwart des Baus prägt, kommen nun also Körper, Pflanzen, Klang, Diskurs und Bewegung zurück. Dies reflektiert letztlich auch kritisch die Kultur der Massenansammlungen, wie sie in Kongresszentren weltweit zelebriert wird und die durch Corona eben auch grundsätzlich auf dem Prüfstand steht.
Doch die temporäre Nutzung des ICC hat zugleich eine praktische Message. Sie zeigt:
Diese Architektur ist zwar sperrig, aber auch extrem anpassungsfähig. Hier sind noch ganz andere als „nur“ kongressbezogene Nutzungen denkbar. Ganz neu ist dieser Gedanke nicht. Schon vor einigen Jahren kursierte die Idee eines israelischen Investors und der Berliner Kuratorenschmiede Bureau N, aus dem ICC das „ICCC“ zu machen. das „International Center for Contemporary Culture“. Eine kleinteilige und heterogene kulturelle Nutzung war der Ansatz. Der Grundgedanke:
„Das ICC ist eine Dialogmaschine, ein Gesamtkunstwerk, ein architektonisches Statement und ein Versprechen für die Zukunft. Eine sich immer schneller verändernde Gesellschaft und der immer raschere technische Fortschritt brauchen Räume, die dynamisch reagieren können. Das ICC hält solche Räume seit 1979 bereit. Wir schlagen eine neue, intelligente Kleinteiligkeit innerhalb der großen Raummaschine vor, die zum ursprünglichen Raumkonzept passt wie angegossen.“
Klingt gut. Die Berliner Verwaltung hatte auf die Idee des ICCC eher reserviert reagiert und dem Investor die kalte Schulter gezeigt. Der ist aber, wie man hört, weiterhin interessiert. Insofern, liebe Stadt Berlin: Vielleicht mal zum Hörer greifen? Könnte sich lohnen. Für Berlin und die Architekturwelt. Zumal das ICC seit 2019 unter Denkmalschutz steht. Und das definitiv zurecht.
Das ICC ist, auch wenn dieser Begriff momentan häufig strapaziert wird, eine Ikone. Entworfen vom Architektenpaar Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler, war der 1979 eröffnete Koloss mit 80 Konferenzräumen und bis zu 9.000 Sitzplätzen mal eines der meistbesuchten Kongresszentren der Welt. Es war immer als „Dialogmaschine“ gedacht, die in ihren Sälen und den durch Gänge und Rolltreppen miteinander verbundenen Foyers und Terrassen verschiedenste Veranstaltungsformate inszenieren kann. Und es ging schon immer um mehr als um öde Jahreskongresse Deutscher Fachverbände. Schon laut ursprünglicher Ausschreibung sollte 50 Prozent der Nutzung über das reine Kongressgeschäft hinausgehen – etwa mit Bühnen-, Show- oder Kammermusikveranstaltungen für die Berliner. Insofern liefern sowohl die Ansätze des ICCC als auch die momentane Kunstwoche einen Blick in die Zukunft, aber auch zurück zum Wesen des ICC. guz
Die Vision des ICCC. Quelle: Bureau N
Die Vision des ICCC. Quelle: Bureau N
Wie die "Bauflation" Stadtumbau und Klimaschutz verteuert
Preissprung im 3. Quartal: Mehr als nur ein Corona-Nachholeffekt; Quelle: Destatis
Preissprung im 3. Quartal: Mehr als nur ein Corona-Nachholeffekt; Quelle: Destatis
Der gesamte Bausektor in Deutschland steht vor einem neuen Preisphänomen. Die Baupreise steigen so schnell wie seit 51 Jahren nicht. Und einiges spricht dafür, dass das aktuelle Preisniveau the new normal werden könnte – der künftig um etliche Stufen höhere Preissockel, auf dem Infrastruktur und Wohnungen entstehen werden. Im August stiegen die Preise für alle Vorleistungen und Materialien um 12,6 Prozent, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Das ist gewaltig.
Ein Teil des Preissprungs ist auf einen rein statistischen Effekt zurückzuführen, wie ein Blick auf die Grafik oben zeigt. Vor einem Jahr war der Markt pandemiebedingt auf Schrumpfkurs, deshalb fällt ein Preisanstieg jetzt, im direkten Vorjahresvergleich, besonders hoch aus.
Ökonomen sehen aber eine grundsätzlich neue Realität auf alle Akteure in Architektur, Bau und Stadtplanung zukommen. Denn die Pandemie hat nicht nur eine statistische Wirkung, sondern auch einen echten Effekt in der realen Welt, was die gesamte Materialverteilung rund um den Globus angeht. Engpässe bei bestimmten Metallen, Dämmstoffen oder Holz werden immer wieder auftreten, und das ist nicht nur auf vorübergehende Lieferschwierigkeiten und volle Containerhäfen in China zurückzuführen. Sondern auch auf eine Neuausrichtung der wirtschaftlichen Gravitationszonen. China und der asiatische Raum auf der einen Seite und die USA auf der anderen Seite nehmen wieder Fahrt auf, Wachstumsraten und Zahlungsbereitschaft liegen weit über jenen in Europa.
Gleichzeitig wachsen in Europa und insbesondere in Deutschland die Ansprüche an die Energieeffizienz von Gebäuden, zusätzlich nehmen die Aufgaben im Stadtumbau zu. Damit steigt auch der generelle Bedarf.
Weil Deutschland und Europa selbst keine großen Rohstoffressourcen haben, besteht ein Ausweg in der De-komplizierung der Bauprozesse und technischen Ausstattungen. Weniger Lüftungsanlagen und weniger Dämmschichten, weniger Materialeinsatz insgesamt. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hatte dazu vor zwei Jahren schon ein interessantes Fachsymposium in Berlin veranstaltet. Jetzt ist eine gute Gelegenheit, da noch einmal hinzuschauen - hier ist das PDF zur Veranstaltung “Lowtech im Gebäudebereich”. fab
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