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Wohnwünsche in Stadt und Land, preiswürdige Außenräume, Mini-Mietendeckel

metroscope - Stadt von Morgen
Wohnwünsche in Stadt und Land, preiswürdige Außenräume, Mini-Mietendeckel

Wohnst Du noch oder gestaltest Du schon?
3 Szenarien, 30 Fragen, knapp 9000 Teilnehmer: Die Online-Umfrage "Stadt.Land.Chancen" widmete sich auch der Zukunft des Wohnens. Quelle: IAO/acatech
3 Szenarien, 30 Fragen, knapp 9000 Teilnehmer: Die Online-Umfrage "Stadt.Land.Chancen" widmete sich auch der Zukunft des Wohnens. Quelle: IAO/acatech
Morgens in Deutschland, der Wecker rappelt. Aufstehen, duschen, frühstücken. Das Bett wird unter der Zimmerdecke verstaut. Nach dem Anziehen wird der Kleiderschrank zum Büro. Ein weiterer Arbeitstag im Homeoffice ­– damit verschwimmen die Grenzen zwischen Freizeit, Familie und Beruf. Denn die Wohnung kann noch mehr als Konferenzraum und Kaffeeküche: In Pausen und nach Feierabend wird sie zu Spielplatz oder Fitnessstudio. Multifunktionsräume punkten mit platzsparender Ausstattung. Auch die Freizeit wird zuhause am Bildschirm verbracht; vom Konzertbesuch über den Kochkurs bis zum Videocall mit Freunden. So erweitert sich unser Lebensraum in die virtuelle Realität. Heimelig und Hightech sind kein Widerspruch.
Wie klingt diese Vorstellung für Sie – attraktiv? Avantgardistisch? Oder eher abschreckend? Genau dazu konnten sich Online-Nutzer im Sommer einen knappen Monat lang Gedanken machen. Damals führte das Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO zusammen mit der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften eine neuartige Befragung durch: Sie präsentierten auf www.stadtlandchancen.de drei Zukunftsszenarien zu den Themenkomplexen „Wohnen und Bauen“, „Versorgen und Zusammenhalten“ und „Pendeln und Arbeiten“ – und erhoben in 30 Fragen die Einstellungen und Meinungen zu einzelnen Thesen (von denen sich einige kursiv gesetzt im eingangs geschilderten Tagesablauf finden.)
Alles so schön bunt hier: Zwei Thesen aus der Online-Umfrage "Stadt.Land.Chancen" Quelle: IAO/acatech
Alles so schön bunt hier: Zwei Thesen aus der Online-Umfrage "Stadt.Land.Chancen" Quelle: IAO/acatech
Ziel des Projekts sollte es laut den Machern sein, „eine Bestandsaufnahme der Wünsche und Sorgen der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland hinsichtlich der Gestaltung des Lebens im städtischen und ländlichen Raum zu machen und einen Diskussionsprozess zu initiieren“. Dazu fragten sie neben den Meinungen auch demografische Eckdaten und Postleitzahlen ab. Nun wurden die Befunde der Studie vorgestellt, pünktlich zum Auftakt der diesjährigen ARD-Themenwoche „Stadt.Land.Wandel – Wo ist die Zukunft zuhause?“.
Insgesamt 8.787 Teilnehmer gaben Auskunft darüber, wo und wie sie künftig leben möchten. Einige Ergebnisse überraschen wenig: Landbewohner befürchten demnach vor allem Einbußen bei ihrer Mobilität, der Versorgung mit gesundheitlicher Infrastruktur sowie kulturellen Angeboten; Stadtmenschen sorgen sich eher um steigende Lebenskosten, Verdrängung und zu wenig Naherholungsgebiete. Doch es finden sich auch etliche Überschneidungen; nicht nur die gemeinsame Begeisterung für regionale Produkte und grüne Energie, sondern ebenso die geteilte Skepsis angesichts eines virtuell stattfindenden Soziallebens. Um es mit den Autoren zu formulieren: „Personen aus dem städtischen und ländlichen Raum verbindet die Sorge vor Vereinsamung.“
Es gibt also einen Wunsch nach Gemeinschaft – und genau an dieser Stelle wird es gerade auch für Stadtmacher interessant. Denn während im ländlichen Raum flexible und damit nachhaltigere Wohnformen – vorsichtig formuliert – nicht eben gefragt sind, setzt das Gros der Stadtmenschen große Hoffnungen in neue Ideen, um die prekäre Wohnsituation zu verbessern: kollektive Wohnformen, genossenschaftliche Baumodelle oder modular gestaltete Räume sind hier die Stichworte. Das heißt: In den Cities ist man gegenüber kreativen Lösungen und experimentellen Nutzungen offenkundig noch sehr viel aufgeschlossener, als es das derzeitige Planungs- und Bauwesen vermuten ließe. Und: Ob Stadt oder Land – überall hoffen Befragte auf platzsparende Wohnformen, um den Flächenfraß zu bremsen.
Der kontroversesten These „Ich wäre für andere Wohnformen offen wie beispielsweise Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhäuser“ stimmten in der Umfrage übrigens insbesondere Frauen, einkommensschwächere und ältere Personen zu; Männer, einkommensstarke und jüngere Personen dagegen signifikant weniger. Hier wäre es hilfreich, Ursachenforschung zu betreiben – und vielleicht auch gleich Aufklärungsarbeit zu leisten. Allerdings hat die Umfrage ohnehin eine Schlagseite: Frauen, 20- bis 39-Jährige, Befragte mit höheren Bildungsabschlüssen sowie Personen mit einem Haushalts-Nettoeinkommen zwischen 2600 bis 5000 Euro sind darin überrepräsentiert. Es fehlen Einpersonenhaushalte, über 70-Jährige und Geringverdiener. Zudem stammt die Mehrheit der Befragten aus Bayern; dessen Rundfunk war Medienpartner. Eine ausgewogenere Datenlage täte dem Ganzen daher gut.
Ob jung oder alt, Stadt oder Land: Der Wunsch nach Teilhabe ist überall groß. Quelle: IAO/acatech
Ob jung oder alt, Stadt oder Land: Der Wunsch nach Teilhabe ist überall groß. Quelle: IAO/acatech
Auch die dürfte jedoch nichts an der zentralen Erkenntnis der Studie ändern: Sowohl im ländlichen wie im städtischen Raum verspüren die Menschen den starken Wunsch, ihre Wohnumgebung aktiv mitzugestalten. Eine Botschaft, die man nicht oft genug wiederholen kann, denn noch immer bleibt bei vielen Bürgerbeteiligungsverfahren ordentlich Luft nach oben. Disziplinen wie die Soziologie oder Stadtanthropologie kritisieren schon seit längerem, dass die üblichen Formate à la „Präsentation mit Fragerunde“ nicht nur wenig Spielraum für Teilhabe auf Augenhöhe lassen, sondern auch viele Leute ausschließen – zum Beispiel all jene, die nicht vor größerem Publikum reden können oder wollen. Dabei gibt es offenbar eine Menge Menschen, die bessere – oder gar gute – Cities mitgestalten wollen. Sie gilt es (nicht nur laut Studie) „einzubinden, wenn es um die Gestaltung von zukunftsfähigen Städten und Gemeinden geht, und die gemeinschaftsstiftende Wirkung von Partizipationsprozessen zu nutzen“. cél
Andrea Gebhard: Identität durch ehrliche Landschaftsplanung
Harter Industriecharme im Park Baumkirchen Mitte. Foto: Gutzmer
Harter Industriecharme im Park Baumkirchen Mitte. Foto: Gutzmer
Landschaft ist en vogue. Vor ein paar Monaten erst wurde die Landschaftsarchitektin Andrea Gebhard zur Präsidentin der Bundesarchitektenkammer gewählt. Gestern Abend nun erhielt sie den renommierten Architekturpreis der Stadt München. Ich war in der Jury – und kann berichten: Ausschlaggebend war, neben der unbestreitbar hohen Qualität der Arbeit des Büros Mahl Gebhard Konzepte, auch die gestiegene Bedeutung der Disziplin Landschaftsarchitektur insgesamt. Und das hat aus meiner Sicht auch etwas mit Corona zu tun. Denn durch die Pandemie haben wir nicht nur verstanden, wie wichtig Stadtraum für unsere Kultur ist. Wir haben auch gemerkt, wie gute und integrativ gestaltete Außenräume gerade in schwierigen Zeiten so etwas wie gesellschaftlichen Halt, wie sie räumliche Identität schaffen können. Und da nun Welle vier über uns hinweg spült, könnte es sein, dass politische Maßnahmen uns noch einmal zur innerräumlichen Kontaktbeschränkung auffordern – und uns damit im Winter an die Plätze unserer Städte treiben. Schön da, wenn diese uns räumliches Beschäftigungspotenzial bieten, wenn sie also keine neutralen Raumszenerien darstellen.
Um solche Räume zu schaffen, kommt es darauf an, ganz genau die Ankerpunkte des jeweiligen städtischen Kontextes zu lesen und mit diesen zu arbeiten.
Und es kommt darauf an, „intelligent mit unterschiedlichen Dimensionen zu arbeiten, vom ganz Großen bis zum Kleinen, ortsbezogenen“, wie Münchens Stadtbaudirektorin Elisabeth Merk gestern in ihrer Laudatio formulierte.
Genau dafür steht das Büro Mahl Gebhard. Ein Beispiel aus dem Münchner Kontext: Der Landschaftspark Baumkirchen Mitte. Auf dem 15 Hektar großen Gelände eines ehemaligen Bahnbetriebswerkes im Viertel Berg am Laim entstand seit 2013 ein neues Stadtquartier inklusive Park. Fast 70 Jahre lang wurden hier Lokomotiven und Güterwaggons rangiert und repariert. Mahl Gebhard haben das Freiraum-Areal neu gedacht und in durchaus rougher Weise neu zum Leben erweckt. Die Idee: Die Brache und die dort in die Erde eingewachsenen Industrierelikte nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung betrachten.
Die vorgefundene, verwucherte Landschaft wird als Chance gesehen – und der Wucherungsprozess nicht unterbrochen. Das Bahnbetriebswerk hatte sich nach der Stilllegung nämlich zu einer naturnahen Brache entwickelt, zu einer Art „hot spot“ der Biodiversität. Außerdem hat das industriell-Ruinöse auch Identität stiftenden Charakter. Den haben Andrea Gebhard und ihre Kollegen herausgearbeitet. Auf höher gelegten Stegen können Besucher quasi über die verwachsenen Relikte der Industriekultur schweben.
Wobei nicht verhohlen werden soll, dass sich in dem Park durchaus auch fragwürdige Aktivitäten abspielen. Man findet schon die eine oder andere Schnapsflasche. Aber vielleicht ist dieses Stück Heterogenität einfach etwas, das man als Stadt auch mal aushalten muss. Fest steht jedenfalls: Es ist gut, dass Landschaftsarchitektur mehr in den Fokus der Stadtgestaltung gerät. Hoffentlich hält dieser Trend auch nach Corona an. guz
Mini-Mietendeckel für Städte
Mieterprotest in Berlin. Foto: Fabricius
Mieterprotest in Berlin. Foto: Fabricius
Die Ampel-Koalitionäre steuern auf leicht strengere Mietregeln zu. Laut metroscope-Informationen aus Verhandlungskreisen könnte es bald niedrigere Kappungsgrenzen bei laufenden Mietverträgen geben, sowie einige Nachbesserungen bei der Mietpreisbremse (für neue Verträge) und bei der Kostenumlage fürs Modernisieren. Details gibt es noch nicht. Die Verhandlungspartner halten sich strikt an die Vereinbarung, nichts nach außen dringen zu lassen. Doch Vermieterinnen und Vermieter sollten sich darauf einstellen, dass sich etwas ändern wird.
Die Kappungsgrenze legt fest, wie schnell Vermieter die Miete bei laufenden Verträgen anheben dürfen. Im Normalfall sind es 20 Prozent in drei Jahren (bis maximal auf das Niveau der ortsüblichen Vergleichsmiete), in Gebieten mit angespanntem Wohnungsmarkt – das sind in der Regel die größeren Städte – gelten 15 Prozent. Zu erwarten ist hier eine Absenkung auf zehn Prozent.
Im Wahlkampf hatten SPD und Grüne noch das große Regulierungsbesteck auf den Tisch gelegt und umfassende Mietpreisstopps, eine lückenlose Mietpreisbremse für Neuverträge sowie Änderungen bei Mietspiegel und Modernisierungsumlage gefordert. metroscope hatte über die Forderungen berichtet. Nach den Verhandlungen mit der FDP bleibt davon nun wenig übrig. fab
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Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer