Profil anzeigen

Wohnungsbau gegen Familien, Forschung durch Fashion

metroscope - Stadt von Morgen
Wohnungsbau gegen Familien, Forschung durch Fashion

Stadtvermessung mittels Mode
Hipster-Alarm? Quartiers-Indikator! Über Kleidungsstile lassen sich spezifische Stadtgebiete identifizieren. Quelle: pixabay
Hipster-Alarm? Quartiers-Indikator! Über Kleidungsstile lassen sich spezifische Stadtgebiete identifizieren. Quelle: pixabay
Wie kartiert man eine Stadt? Vermutlich denken Sie jetzt an die üblichen Mittel und Wege: Straßennetze, Bebauungs- und Flächennutzungspläne, vielleicht auch räumliche Darstellungen etwa von Sanierungsgebieten, Einwohnerdichten oder sogar Denkmälern (die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hält zum Beispiel einen entsprechenden Geodatenkatalog bereit, in den man nachmittageweise abtauchen kann). Die meisten dieser Kartierungen haben gemeinsam, dass sie sich der mal mehr, mal weniger bebauten Umwelt in all ihren Facetten widmen – selten aber den Menschen, die darin leben. 
Das ist ein Problem, wenn man wissen möchte, wie sich diese Menschen im Alltag so verhalten: wo sie entlanglaufen und wo nicht, wie groß ihr Bewegungsradius ist, welche Orte sie aufsuchen – Aspekte, die auch für die Um- und Neugestaltung von Citys sehr interessant sein können. Um diese sozialen Dimensionen zu erfassen, nutzen Humangeografen, Kultur- und Sozialanthropologen, Klimaforscher und andere Experten daher gerne alternative Kartierungsmethoden. Die wohl beliebteste: „mental mapping“.
 
Beispiel für eine "mental map", gezeichnet vom 17-jährigen Bewohner einer kanadischen Stadt. Quelle: Elen-Maarja Trell/Bettina van Hoven, Creative Commons Attribution 4.0 International (creativecommons.org/licenses/by/4.0/)
Beispiel für eine "mental map", gezeichnet vom 17-jährigen Bewohner einer kanadischen Stadt. Quelle: Elen-Maarja Trell/Bettina van Hoven, Creative Commons Attribution 4.0 International (creativecommons.org/licenses/by/4.0/)
Die Idee dahinter: Jeder Städter trägt sein eigenen Stadtplan mit sich herum, mit den für ihn wichtigsten Routen und Anlaufstellen – Büro und Joggingstrecke, Park und Supermarkt, Spielplatz und Späti. Also werden etwa die Bewohner eines Quartiers gebeten, diese individuellen „kognitiven Karten“ aufzumalen. Durch den Vergleich ihrer Zeichnungen lassen sich Rückschlüsse auf den Raum ziehen; zum Beispiel auf soziale Knotenpunkte oder Angsträume. Allerdings ist diese Art der Datenerhebung relativ aufwendig und die Stichprobe klein; größere Gebiete lassen sich so kaum erfassen.
Abhilfe könnte nun eine Künstliche Intelligenz schaffen, die von Computerwissenschaftlern der Ivy-League-Stätte Cornell University programmiert wurde – und die Städte anhand der getragenen Mode kartiert. Was zunächst schrägt klingt, hat einen plausiblen Hintergrund: Kleidung verrät nicht nur den individuellen Geschmack, sondern auch die Prägungen, Interessen, Vorhaben, Funktionen ihrer Träger; man denke nur an Business-Anzüge, Touri-Klamotten oder auch Party-Outfits. Das Team um Kavita Bala machte sich dies zunutze, um anhand der Kleidungsstile „underground maps“ von 37 Metropolen zu erstellen.
Dazu speisten die IT-Experten 7,7 Millionen frei zugängliche, geolokalisierte Bilder aus den sozialen Netzwerken in ihren Algorithmus ein. Anhand der Häufigkeiten und räumlichen Verteilung spürte ihre KI erst verschiedene Kleidungsstile auf, identifizierte dann typische Kombinationen dieser Stile und errechnete schließlich noch, welche Viertel verschiedener Städte sich aus modischer Sicht ähneln. Das Ergebnis sind Stadtkarten wie Flickenteppiche, mit vielen bunten Quartieren, deren Größen und Grenzen sich eben nicht mehr aus den planerischen Vorgaben, sondern aus den jeweiligen modischen Gepflogenheiten ergeben.
Modische Kartierung von New York City per KI: Links typische Kleidungsstile, rechts oben die administrative Sicht auf die Stadt – und unten die Einteilung nach Mode-Stil. Quelle: Kavita Bala et.al.
Modische Kartierung von New York City per KI: Links typische Kleidungsstile, rechts oben die administrative Sicht auf die Stadt – und unten die Einteilung nach Mode-Stil. Quelle: Kavita Bala et.al.
Man könnte das nun für eine nette Spielerei halten. Doch glaubt man den Programmierern, kann ihre KI für mindestens drei Zwecke genutzt werden – die sowohl Forscher als auch Stadtmacher aufhorchen lassen dürften: Erstens können anhand des Mode-Stils bestimmte Quartiere identifiziert werden, beispielsweise die progressivsten oder trendigsten Gegenden einer Stadt. Wie eine Art Trendbarometer, das Strömungen früher erfasst als herkömmliche Erhebungen – und damit etwa auch eine nahende Gentrifizierung. Zweitens können Kieze stadtübergreifend verglichen werden: Wo liegt der Prenzlauer Berg Münchens, das SoHo von Seattle? Und drittens lassen sich daraus Analogien urbaner Strukturen ablesen, über Kontinente, kulturelle und klimatische Differenzen hinweg.
Gut möglich, dass die modischen „underground maps“ erst der Anfang sind – und weitere Algorithmen folgen werden, die dann Muster aus anderen Distinktionsmarkern herauslesen. Denn, so resümieren die Autoren: „Unsere Karten erfassen das Wesen einer Nachbarschaft besser als aktuelle administrative Karten oder andere Bildgrundlagen.“ Das bestätigten übrigens ortkundige Bewohner in Befragungen. Ihre mentalen Kartierungen der Stadt stimmten mit den automatisch generierten Kiezen der KI überein. cél
Passen Familien nicht mehr in die Stadt?
Man hätte es kommen sehen können. Die vielen Unter-30-Jährigen, die über Jahre hinweg in die Städte gezogen sind, werden nicht immer Unter-30-Jährige bleiben. Sie werden älter, unterschreiben vielleicht doch mal einen regulären Arbeitsvertrag und gründen Familien. Bundesweit ist die Zahl der großen Haushalte mit drei und mehr Personen seit 2010 mit 6,6 Prozent stärker gestiegen ist als die Zahl kleinerer Haushalte (plus 3,1 Prozent), wie aus dem Anfang der Woche veröffentlichten Frühjahrsgutachten der Immobilienwirtschaft hervorgeht.
Während aber der Anstieg im Neubau sich ausschließlich auf kleinere Geschosswohnungen konzentrierte, blieb die Zahl der neuen familientauglichen Wohnungen überschaubar. Die Folgen in den Städten sind drastisch. Mehr als 40 Prozent aller einkommensschwachen Vier-Personen-Mieterhaushalte in Großstädten wohnen beengt auf unter 80 Quadratmeter, fast 20 Prozent sogar auf unter 65 Quadratmeter. Das Marktforschungsunternehmen Empirica beobachtet deshalb nach eigenen Angaben einen langen Familien-Treck, der sich aus den Städten davonmacht.
„Derart beengte Wohnverhältnisse sind – nicht nur in Zeiten von Homeoffice und Homeschooling – sozial- und wohnungspolitisch inakzeptabel. Den Städten ist dringend anzuraten, zumindest ihre wohnungspolitischen Strategien zu überprüfen und Familien einen sehr viel größeren Stellenwert einräumen. Weder können es die Städte hinnehmen, dass die Familien die Städte verlassen, noch, dass die verbleibenden Familien derart beengt wohnen.“
Harald Simons, Wohnungsmarkt- und Demografie-Experte bei Empricia
Beim diesjährigen Wohnungsbau-Tag der Immobilienbranche hörte man unter anderem deshalb ungewohnt selbstkritische Töne. "Es ist beschämend”, sagte beispielsweise Dietmar Walberg, Leiter des Kieler Wohnungs- und Bauforschungs-Instituts ARGE.
Dabei haben Projektentwickler jahrelang auf angeblich schrumpfende Flächenansprüche hingebaut: Bei Bonava etwa ist eine neu gebaute Wohnung heute im Durchschnitt 66 bis 68 Quadratmeter groß, vor wenigen Jahren waren es noch 75. Man begründete das mit der wachsenden Zahl an Singlehaushalten, hinter vorgehaltener Hand auch mit steigenden Material- und Baulandpreisen. Und nicht einmal hinter vorgehaltener Hand möchte man zugeben, dass kleinere Wohnungen natürlich auch mehr Marge bringen.
Wer den einen oder anderen Besichtigungstermin bei Neubauprojekten von kommunalen oder landeseigenen Gesellschaften in urbanen Lagen mitgemacht hat, weiß allerdings, dass auch die nicht-privatwirtschaftlich orientierten Anbieter größtenteils kleinteilig bauen. Wenn Bürgermeister und Stadträte nicht gegensteuern, sind Städte bald nur noch ein Ort für Singles. fab
BDA-Zeitschrift "Die Architekt"
Weitere Stadtlinks
(Alb)Traum von der autolosen Stadt
City Go Wild
Tagung zur Grünen Bauwende
Ausgabe verpasst? Hier entlang: 👇🏻
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer von metroscope

metroscope blickt in die Zukunft der Stadt. Wir liefern Analysen, Orientierung und Einordnung zur Entwicklung der Metropole als Zentrum von Wertschöpfung, Gesellschaft und kultureller Relevanz. All dies verändert sich schwindelerregend schnell.

Wir schreiben über Architektur, Mietendeckel, Gentrifizierung, Smart Cities, E-Autos, Co-Working, "PropTech" und Klimaschutz – und alles, was Entscheidern, Planern, Architekten und anderen Interessierten dabei helfen kann, den radikalen Wandel durch Technologie und soziale Trends zu verstehen und mitzugestalten.

Zum Abbestellen hier klicken.
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde, können Sie ihn hier abonnieren.
Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer