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Wie geht effizienter Klimaschutz? Was hinterlässt Regula Lüscher Berlin? Wie überleben Innenstädte?

metroscope - Stadt von Morgen
Wie geht effizienter Klimaschutz? Was hinterlässt Regula Lüscher Berlin? Wie überleben Innenstädte?
Liebe Freunde der klimafreundlichen Stadt,
wie erreicht man einen geringeren CO2-Austoßes im Gebäudesektor? Die Antworten auf diese Frage fallen immer unterschiedlicher aus, und das könnte zu einem Problem werden – nämlich wenn wir zu spät merken, dass wir einen falschen Weg eingeschlagen haben. In Berlin wird sich der oder die nächste Stadtbaudirektor/in um wesentlich mehr kümmern müssen als nur (was heißt eigentlich “nur”?) um Klimaschutz und das städtische Erscheinungsbild. Nämlich unter anderem um die Problemzonen in der Innenstadt, die immer größer werden.
Viel Spaß beim Lesen und ein nicht zu verregnetes Wochenende wünschen
Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer

Gläserner Effizienz-Deckel bei Gebäuden
Die Tage werden wieder kürzer und Frage, wie wir mit Sonnenenergie (oder auch Windenergie) die Klimawende im Gebäudesektor schaffen wollen, immer drängender. Die berühmten low-hanging fruits bei der Gebäudesanierung – sie sind zum größten Teil abgeerntet. Wird ein Gebäude heute energetisch saniert, dann steht der Kostenaufwand in einem immer schlechteren Verhältnis zum energetischen Nutzen. Beim selbst genutzten Eigenheim mag eine schlechte Effizienz-Bilanz nicht die entscheidende Rolle spielen. Bei der Bewirtschaftung der großen urbanen Wohngebiete hingegen schon.
Axel Gedaschko, Chef-Lobbyist der Wohnungswirtschaft, läutete in dieser Woche kräftig die Alarmglocke. Denn die 3.000 Mitgliedsunternehmen seines Verbands – städtische Wohnungsgesellschaften, Genossenschaften, etc. – schaffen es nur noch mit erheblichem Kostenaufwand, die geforderte Effizienz durch mehr Dämmung, dickere Fenster oder Photovoltaik auf den (oft falsch ausgerichteten) Dächern herzustellen. Einige Zitate des Präsidenten des GdW, dem Spitzenverband der Wohnungswirtschaft:
“Um die sehr ambitionierten Klimaziele beim Wohnen ohne enorme soziale Folgeschäden umzusetzen, brauchen wir in Deutschland einen echten Paradigmenwechsel: weg von immer höheren und teureren Effizienzvorgaben, die nicht ihre erhoffte Wirkung bringen – hin zu einer optimierten Effizienz mit grüner Energieerzeugung vor Ort, technologieoffenen Innovationen und einem Blick auf ganze Quartiere.“
„Der Teufelskreis von immer weiteren Verschärfungen der Effizienzvorgaben und steigenden Wohnkosten muss ein für alle Mal beendet werden.“ 
Um die fragwürdige Wirksamkeit von immer mehr Effizienz-Investitionen zu illustrieren, präsentiert Gedaschko schon seit einiger Zeit immer wieder diese Grafik:
384 Milliarden Euro wurden seit 2010 in Energieeffizienz investiert – doch der Verbrauch geht nicht wirklich zurück. Quelle: GdW
384 Milliarden Euro wurden seit 2010 in Energieeffizienz investiert – doch der Verbrauch geht nicht wirklich zurück. Quelle: GdW
Es wird investiert, doch der tatsächliche Energieverbrauch geht kaum noch zurück. Stoßen wir bei der Sanierung an einen gläsernen Verbrauchsdeckel? Zum Teil könnte man die Stagnation beim Wärmeverbrauch mit einem Rebound-Effekt erklären: In einem gedämmten Haus kann man bei gleichen Kosten die Heizung höher aufdrehen. Und der Anteil der erneuerbaren Energien bei der Wärmeerzeugung steigt. Das sorgt bei gleichem Verbrauch für sinkenden CO2-Ausstoß. Aber das allein reicht nicht, diese bemerkenswert anhaltende Stagnation zu erklären.
Die Vermutung liegt nahe, dass unsere Gebäude eine Art natürliche Effizienz-Obergrenze haben. Ja, man kann anstelle einer 10-Zentimeter-Dämmung eine 20-Zentimeter-Dämmung anbringen, erreicht damit aber nichts (abgesehen von hohen Kosten, bei 40 Prozent Preisanstieg allein seit Januar für Polystyrol-Produkte und den entstehenden Styropor-Abfall).
Nun sieht das neue Klimaschutz-Gesetz vor, dass die Effizienzvorgaben nach Sanierung und für Neubau noch weiter angehoben werden. Die Grünen und Umweltverbände fordern ein Absenken auf Effizienzhaus-55-Standard (Sanierung) bzw. 40-Standard (Neubau). Gleichzeitig will man die Elektrifizierung der Wärmeversorgung vorantreiben.
Wie das vor allem in städtischen Quartieren gelingen soll, wenn im Winter die Sonne nicht scheint und der Strom ausbleibt – unklar. Der GdW plädiert deshalb, wie auch eine wachsende Zahl von Ingenieuren und Architekten, für einen stärkeren Fokus auf die Energieerzeugung selbst. Elektrolyseure im Quartier etwa, deren Abwärme man nutzt und deren Gaserzeugnisse man für den Winter speichert. Eine neue Technikfrage, mit der wir uns weiter befassen werden. fab
(Naturgemäß) gemischte Bilanz – Regula Lüscher hört auf
Regula Lüscher. Bild: Rico Prauss
Regula Lüscher. Bild: Rico Prauss
Was genau macht eigentlich die Baudirektorin einer Metropole? Was ist ihr Stellenprofil, worin liegt im Kern das Gestaltungspotenzial ihrer Aufgabe? Natürlich, man hat viele Einzelentscheidungen zu fällen. Aber über all dem, könnte man sagen, steht die Verantwortung und die Möglichkeit, ein umfassendes Bild der Metropole zu entwickeln, an der man arbeitet. In diesem Sinn ist es interessant, was die nun scheidende Berliner Senatsbaudirektorin mir mal in einem Interview in die Feder diktierte:
Sie stelle, sagte vor ein paar Jahren Regula Lüscher, sich Berlin als „eine Stadt vor, die Diversität lebt und Unterschiede vereint.“ Eine Stadt, in der ein Hochhaus wie der damals am Alexanderplatz geplante Wohnturm von Frank Gehry „in sozial sehr gemischten Umfeldern entsteht – ohne dass das Hochpreisige komplett die Oberhand gewinnt. Subkultur neben Ikonenbauten – das macht diese Stadt aus und unterscheidet sie von London oder New York.“
So also das Bild Berlins, an dem Regula Lüscher arbeitete, seit sie das Amt im Jahr 2007 vom streitbaren, als Person auch irgendwie selber ikonischen Hans Stimmann übernahm. Stimmann war für das oft steinern öde Bild verantwortlich, das Berlin sich nach der Wende selber gab (Stichworte Traufhöhe und Kritische Rekonstruktion). Lüscher musste damit arbeiten.
Natürlich fällt ihre Bilanz gemischt aus, es entstand Gutes (etwa der Springer-Neubau) und Schreckliches (gucken Sie sich mal rund um die Friedrichwerdersche Kirche um). Das dürfte aber für jede Baudirektorin und jeden Baudirektor gelten. Deren Wirken misst man nun mal an der Summe der Dinge, die entstanden sind. Dabei können sie ja nur die Rahmenbedingungen setzen. Ausführen müssen es kreative Projektentwickler und Architekten. Die Europa-City etwa ist städtebaulich wichtig für die Stadt, muss aber erst noch zeigen, dass sie auch Stadtbild und Stadtleben signifikant bereichert. Dort eine Mischnutzung in zeitgenössischer Architektur zu setzen, war natürlich richtig. Bisher begeistert sie an der Spree aber so recht noch niemanden.
Schon eher das Potenzial zu begeistern hat die von Regula Lüscher durchgesetzte Idee, das neue Stadtquartier am ehemaligen Flughafen Tegel komplett in Holzbauweise zu realisieren. Hier könnte sich zeigen, ob der Holzbau neben real guten Ökobilanzen und positiven Imagefaktoren einzelner Gebäude auch wirklich ein umfassenderes städtebauliches Potenzial besitzt. Taugt Holz als stadtplanerische Leitidee? Für die Setzung dieser urbanen Versuchsanordnung dürfte nicht nur Berlin, sondern die urbanistische Welt insgesamt Lüscher dankbar sein.
Überhaupt die Sicht von außen. Mit der muss sich auseinandersetzen, wer auch immer die Bauaktivitäten einer Stadt verantwortet. So mögen manche externen Berlin-Interessenten sich fragen, weshalb Deutschlands Hauptstadt so wenige Hochhäuser hat. Andere mögen schon die beiden Türme am Breitscheidplatz, die unter Lüschers Ägide entstanden, für viel zu viel halten. Jedenfalls war sich die gebürtige Schweizerin immer der Tatsache bewusst, dass sie eine Stadt für die Berliner, aber auch für Deutschland, Europa und die Weltgesellschaft gestaltet. In dem zitierten Interview sagte sie mir, bezogen auf den damals geplanten, aber letztlich nicht realisierten Bau des Gehry-Turmes am Alex:
„Ein Entwickler wie Hines überlegt sich genau, für wen er ein Gebäude baut. In diesem Fall war schnell klar, dass das Gebäude international attraktiv wirken muss. Zielmieter und -käufer sitzen nicht zuletzt in Asien und den USA. Das implizierte eine gewisse Skulpturalität“.
Skulpturalität versus lokale Akzeptanz, Prozess versus strahlendes Ergebnis – dieses Zitat umreißt einige der Spannungsfelder, in denen eine Baudirektorin in der heutigen Zeit steht. Und diese werden in Zukunft nicht kleiner, denn die gesellschaftlichen Erwartungen an Architektur und Stadtentwicklung wachsen ja immer weiter. Es wird interessant sein zu sehen, wen der Senat als Lüschers Nachfolge aussucht. Der Blick über Stadt- und Landesgrenzen hinaus wäre dabei auf jeden Fall zu empfehlen. Sehr zu loben ist, dass der jetzige Senat die Suche seinem Nachfolger überantwortet und nicht kurz vor der Wahl noch schnell einen genehmen Kandidaten ins Amt hievt. guz
Städtische Problemzonen
Alles ziemlich leer hier: Fußgängerzone in Augsburg Quelle: bboellinger/pixabay
Alles ziemlich leer hier: Fußgängerzone in Augsburg Quelle: bboellinger/pixabay
Ein kleines Experiment: Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich die deprimierende Variante einer deutschen Fußgängerzone vor. Was sehen Sie vor sich? Gastro-Ketten und Schnelldreher, davor Waschbetonblumenkübel? Eine neonerleuchtete Ladenzeile aus Handy-Läden, Spielotheken und Ein-Euro-Shops? Oder zugeklebte Schaufenster, die den Weg vom Bahnhof bis zum Marktplatz säumen?
Egal, woran Sie denken: Es dürfte Ihnen nicht schwergefallen sein, diese Bilder heraufzubeschwören – zumal viele Städte genügend Anschauung bieten. Seit der Corona-Pandemie sieht es noch trostloser aus: Laut Handelsverbands Deutschland kommen fast 40 Prozent der Shopper im Vergleich zur Zeit vor Covid-19 seltener in die Cities; aktuell sind mehr als 100.000 Einzelhandelsgeschäfte in ihrer Existenz bedroht. Es erfordert also nicht viel Fantasie, die City als Problemzone zu imaginieren. Aber wie ist es mit dem Gegenteil? Wie darf man sich eine Fußgänzerzone in schön vorstellen?
 Genau hier, glaubt Reiner Nagel, liegt das Problem. Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur saß am Dienstagabend in einem Frankfurter Hotel hoch über dem Main und diskutierte mit drei weiteren Experten über die Zukunft der Fußgängerzone. Das Deutsche Institut für Stadtbaukunst hatte zur elften Ausgabe seiner zweitägigen „Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“ geladen, Thema: „Innenstadtleben“.
Podiumsdiskussion mit Reiner Nagel, Moderator Jörg Biesler, Elisabeth Merk und Christoph Mäckler. Nicht im Bild: Andrea Gebhard. Quelle: Stadtbaukunst.de
Podiumsdiskussion mit Reiner Nagel, Moderator Jörg Biesler, Elisabeth Merk und Christoph Mäckler. Nicht im Bild: Andrea Gebhard. Quelle: Stadtbaukunst.de
Die Podiumsdiskussion sollte Perspektiven aufzeigen: Wie können urbane Zentren aussehen, wenn die Pandemie nicht mehr den Alltag beherrscht? Soll die City wieder so werden, wie sie mal war? Oder müsste man vernünftigere Funktionen finden? Ein Planungsthema mit viel Platz für Ideen und Kreativität also – eigentlich. Doch meist, kritisierte Nagel, werde „dystopisch, aber nicht utopisch“ gedacht. Will heißen: Alle sehen die zugeklebten Scheiben vor sich, aber nicht die Alternativen dazu.
Dass es kein Universalrezept für vitale Zentren gibt, leuchtet ein; dazu sind die Ausgangslagen der Städte zu divers. Drei Schlüsselzutaten destillierten sich in der Diskussion dennoch heraus. Erstens: Das Hauptproblem der Fußgängerzonen sind – die Zonen. Denn Monostrukturen aus Einzelhandel, Dienstleistungen und Gastro tun Städten auf Dauer nicht gut. Christoph Mäckler, Direktor des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst, resümierte es so: „In vielen Städten fehlt nur das Glasdach drüber, dann hätten wir eine Shopping Mall.“
Der Fehler liegt im System: Innenstädte gelten als Kerngebiete, in denen Wohnen nur ausnahmsweise zulässig ist. Das folge dem amerikanischen Vorbild der Central Business Districts; nicht aber dem Profil der Europäischen Stadt, das traditionell Wohnen, Arbeiten und Freizeit im selben Block oder sogar Gebäude vereint. „Damit haben wir uns selbst ein Bein gestellt“, sagte Nagel. Wer durchmischte Cities haben wolle, müsse daher die Ausnahmemöglichkeiten nutzen – und auf lange Sicht das Planungsrecht grunderneuern.
Zweitens: Um Menschen in die Innenstadt zu locken, muss man ihnen mehr bieten als schicke Geschäfte. Das fängt bei den Freiflächen an, erläuterte Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer: Parks und Plätze für die Öffentlichkeit, aber ebenso grüne Höfe und Dachterrassen für die Anwohner – damit die es dort auch noch im Hochsommer aushalten.
Doch auch bei der Bausubstanz gibt es viel Verbesserungsbedarf. In Mäcklers Worten: Wer Nutzungsmischung will, benötigt Haustypen, die dazu fähig sind“. Vorbild sind für ihn etwa die großstädtischen Gewerbehöfe, die sich über Tore von der Straße aus betreten lassen und noch immer „perfekt funktionieren“ – zum Beispiel für die Ansiedlung von Gründerfirmen.
Bis hierhin konnte man sich die Fußgängerzonen-Utopie in bunten Farben ausmalen. Einen Stich erhielt das Ganze allerdings, als die Runde drittens darüber diskutierte, wie sich diese Vision sozialverträglich realisieren lässt. Die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk führte an, dass ein Zentrum immer „Angebote für alle“ brauche – von teuer bis günstig. Und Nagel zitierte aus einer Umfrage, wonach die Mehrheit der Befragten in der Post-Corona-City gemeinwohlorientierte Nutzungen am wichtigsten einschätzte: Kultur, Bildung und Soziales.
Man muss keine Ökonomin sein, um sich zu fragen, wie sich das alles finanziell tragen soll. Zumal der wahre „Frequenzbringer“ laut Nagel immer noch der Handel ist – und Verschönerungen Merk zufolge die Quadratmeterpreise rasant steigen lassen. Ihre Lösungsvorschläge lauteten: höhere Besteuerungen des Online-Handels und Umverteilung zugunsten Gewerbetreibender in den Citys; Kooperationen zwischen etablierten Häusern und kleineren Akteuren – und eine Bodenrechtsreform, um Spekulationen und exorbitanten Pachten Einhalt zu gebieten.
Die Grundsatzdiskussionen, die Deutschland gerade zum Thema Wohnen erlebt, dürften also bald genauso über innerstädtische Flächen geführt werden. Denn gerade auch in der Fußgängerzone geht es um bezahlbare Räume, Teilhabe – oder mit dem Soziologen Henri Lefebvre gesagt: um das „Recht auf Stadt“. cél
was sonst noch im Internet los ist:
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