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Wasserstoff-Startup, Strafen für Leerstand

metroscope - Stadt von Morgen
Wasserstoff-Startup, Strafen für Leerstand

Wasserstoffwirtschaft für zuhause
Eines der größten Probleme bei der Energiewende im Gebäudesektor ist das Speichern von Wind- und Sonnenstrom. In den kommenden Jahren werden viele neue Windräder aufgestellt und auf hunderttausenden von Hausdächern Photovoltaik-Panele geschraubt (ob das sinnvoll und effizient ist, ist eine andere Frage, um die es hier aber nicht geht). Doch ein großer Teil der elektrischen Energie wird im Sommerhalbjahr erzeugt und verpufft, während es im Winterhalbjahr oft dunkel und auch noch windstill ist. Woher soll also der erneuerbare Strom von Oktober bis März kommen, für Millionen von E-Autos und Wärmepumpen?
Zeyad Abul-Ella, Gründer und Geschäftsführer des Berliner Startups Home Power Solutions HPS, hat eine Idee: aus einer Kiste, nicht viel größer als ein Side-by-Side-Kühlschrank. Seit 2019 bastelt HPS an einem System mit dem Namen “Picea”. Dieses wandelt überschüssigen Sonnenstrom in Wasserstoff und bei Bedarf wieder zurück – aus H2 wird Strom. Noch ist die Wasserstoffkiste von HPS ein teurer Prototyp, gerade erst zur Marktreife gelangt (Preis bisher ca 70.000 Euro). Doch in wenigen Jahren könnte das anders sein. Untrügliches Zeichen dafür ist die Tatsache, dass HPS im Wahlkampf auch von der Politik entdeckt wurde. Berlins SPD-Spitzenkandidatin und Anwärterin für den Posten der Regierenden Bürgermeisterin, Franziska Giffey besuchte vor wenigen Tagen die Firma im Innovationsbezirk Adlershof. metroscope hat dabei zugeguckt:
Links Franziska Giffey (SPD), rechts HPS-Gründer Abul-Ella, in der Mitte das H2-Stromspeichersystem
Links Franziska Giffey (SPD), rechts HPS-Gründer Abul-Ella, in der Mitte das H2-Stromspeichersystem
Mit den technischen Details war die Bürgermeister-Kandidatin ein wenig überfordert, doch mindestens eines dieser Details im HPS-System verdient eine nähere Betrachtung: Bei der Elektrolyse von H2O in H2 und O2 entsteht eine ganze Menge Abwärme, was zunächst die Gesamtbilanz der Wasserstoffwirtschaft eher schlecht aussehen lässt. Der Thinktank Agora Energiewende führt das regelmäßig als Hauptkritikpunkt an. Abul-Ella und sein Team allerdings haben in den kleinen Elektrolyseur einen Wärmetauscher eingebaut. Der speist den Wassertank in der hauseigenen Heizungsanlage, und schon springt die Ausbeute des mit Photovoltaik erzeugten Stroms auf mehr als 90 Prozent. Ebenfalls bemerkenswert: Das eigentliche Modul aus Elektrolyseur und Wärmetauscher ist nicht größer als ein Stück Handgepäck.
HPS hat damit eine mögliche Lösung für das große Problem der saisonalen Asynchronität erneuerbarer Energien.
“Der Gedanke, dass das ganze Jahr über 100 Prozent Ökostrom aus dem Netz kommen werden, ist eine Illusion.”
Zeyad Abul-Ella
Das HPS-System leitet den im Sommer reichlich vorhandenen Sonnenstrom vom Dach zunächst in den direkten Verbrauch im Haus. Es bleibt jede Menge Strom übrig, der im Normalfall in die Netze gespeist und dort ungenutzt verklappt wird. Hier jedoch fließt die erste Überschussmenge in eine mittelgroße Batterie mit nicht mehr als sechs kWh Kapazität – das reicht für zwei, höchstens drei Tage. Ist die Batterie voll geladen, fließt die zweite Überschussmenge in den Handgepäck-Elektrolyseur, und der entstehende Wasserstoff wird in einen Speicher gepresst. Im Sommerhalbjahr reicht der Strom aus der Batterie für die Nacht und für sonnenarme Zeiten. Im Winterhalbjahr kommt dann der Wasserstoff zum Einsatz, wird in einer Brennstoffzelle verbrannt, und es entstehen: Strom und Wärme.
Es klingt kompliziert. Doch unter dem Strich bietet sich hier eine Lösung für eine komplett autarke Versorgung eines Hauses mit Strom. HPS will die H2-Speicher noch erweitern, sodass man in Zukunft auch die gesamte benötigte Wärme erzeugen könnte.
Von der Berliner SPD-Spitzenkandidatin Giffey wünschte sich Abul-Ella mehr öffentliche Förderung. Ob sie sich nach der Wahl noch daran erinnert? fab
Polis-Convention: Kommt die Strafe für Laden-Leerstand?
Handel als Leitmotiv – dieser Ansatz hat für die Stadt von morgen ausgedient, glaubt Christiane Marks.
Handel als Leitmotiv – dieser Ansatz hat für die Stadt von morgen ausgedient, glaubt Christiane Marks.
Der Widerspruch ist evident. Einerseits war die Stimmung gut auf der Polis-Convention vergangene Woche in Düsseldorf. Endlich mal wieder einander live treffen. Die Stände waren opulent ausgestattet und gut besucht. Andererseits ist ja nicht alles rosig in Sachen urbaner Ökonomie. Corona und der digitale Kahlschlag im Einzelhandel hinterlassen immer deutlichere Spuren. Und so war denn auch die Tonalität eher auf Wundenlecken und Krisenmanagement ausgelegt.
Das Gute aber natürlich, Sie werden die Binse kennen: Krisen bringen immer auch Chancen mit sich. Zum Beispiel für eine stärkere Temporalisierung und Flexibilisierung innerstädtischen Raums. Darauf wies zum Beispiel Michael Ehret hin, Projektentwickler mit Sitz in Starnberg (Ehret + Klein):
„Wir brauchen resiliente Flächen. Es wird künftig kurzfristigere Mietverhältnisse geben. Die Zukunft gehört auch den Popup-Stores. Hier ist wichtig, dass man die vor- und hinterher nicht umständlich umbauen muss.“
Eine neue konzeptionelle Robustheit in der städtischen Architektur ist also gefordert – und ja auch reizvoll.
 Dennoch mag diese aber mit manch anderen Vorstellungen davon kollidieren, was Städte attraktiv macht. Das Projekt Stadt wird vielschichtiger und kontroverser. Planung und Entwicklung unserer Innenstädte wird künftig komplizierter werden. Die Zukunft der Zentren ist kein Selbstläufer mehr.
„Und es braucht deshalb auch andere und intensivere Kommunikationsstrukturen.“
Darauf wies Christiane Marks hin, Geschäftsführerin der Projekt- und Kulturberatung Imorde. Sie verwies in diesem Kontext auf ihr eigenes „Netzwerk Innenstadt NRW“ lobte aber auch das Netzwerk Stadtretter, das nebenan mit einem Stand präsent war.
Doch alle Kommunikation nützt wenig, wenn sich die Eigentümer zentraler Immobilien quer stellen und zum Beispiel aus Spekulationsgründen Ladenflächen leer stehen lassen. Gerade anonyme Fondsgesellschaften sind hier oft gnadenlos und handeln ohne großes Interesse an der urbanen Kultur, so Andree Haack von der Stadt Duisburg. „Hier muss von den Inhabern mehr kommen.“
Haack setzt in diesem Zusammenhang auch auf den Gesetzgeber.
„Wir brauchen, analog zum Wohnraum-Stärkungsgesetz hier in NRW, ein City-Stärkungsgesetz“.
Dessen Essenz: Wer Leerstand herbeiführt, etwa aus Spekulationsmotiven, der zahlt. In Holland gebe es dergleichen schon.
Ob der regulatorische Hammer tatsächlich den einzigen Weg zu vitalen Innenstädten liefert, sei hier dahingestellt. Fest steht aber, dass wir alte, gelernte Grenzen überwinden müssen. Dass das geht, machte der Politiker Jan Heinisch vor. Der Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Bauministerium zeigte sich popkulturell überraschen bewandert, als er textsicher die (für das Panel titelgebende) Großstadt-Lyrik des Rappers Sido zitierte.
„Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein Block“, heißt es bei Sido.
Genau darum gehe es heute, so Heinisch. Man müsse den Städten, Straßen und Blöcken den Stempel der eigenen Zeit aufdrücken, aber auch Raum für Veränderung lassen. Städte brauchen Flexibilität und Nutzungsoffenheit. Und sie brauchen Stadtplaner und Architekten, die die spätere Transformation ihrer Entwürfe von vornherein mitdenken. Eine unbequeme Erkenntnis für die nach eigenem Verständnis für die Ewigkeit planenden Zünfte. guz
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