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Von Metropolen für Senioren, Pritzer-Preisträgern und Bauakademie-Chefs

metroscope - Stadt von Morgen
Von Metropolen für Senioren, Pritzer-Preisträgern und Bauakademie-Chefs
Liebe Städterinnen und Städter,
im ganzen metropolitanem Corona-Trübsinn haben wir dieses Mal etwas Positives für Sie: ein Interview mit einem, wie wir finden, spannenden urbanen Startup, das die Lebensqualität in unseren Städten für Ältere, aber auch uns alle erhöhen möchte. Außerdem befassen wir uns mit den aktuellen Pritzker-Preisträgern und dem (nun womöglich das Amt auch antretenden) Chef der neuen Bauakademie in Berlin.
Wir tun dies noch einmal für alle frei verfügbar. Demnächst schalten wir auf den Bezahlmnodus um. Wir erwähnten ja schon: Als Beta-User sind die ersten Monate für Sie kostenfrei. Registrieren müssten Sie sich aber bitte trotzdem schon mal. Und zwar hier.
Übrigens: Herzlichen Glückwunsch. Wenn Sie diesen Newsletter lesen, gehören Sie zur Elite derer, die den neuen Trend zum personenbasierten Publizieren schon verstanden haben. So argumentiert zumindest der Journalist und Berater Markus Albers. Er glaubt: Newsletter wie metroscope gehören zur neuen Kommunikationsform der “Passion Economy”. Kleine, elitäre Expertenzirkel, die über ein Medium und dessen Autoren (wie eben metroscope) verbunden werden, ohne dass eine große Publikumsmarke involviert wäre. Hier können Sie die Gedanken von Markus Albers nachlesen.
Viel Freude mit unserem urbanen Input!
Ihre Michael Fabricius & Alexander Gutzmer

Soho House für Best Agers
Wenn wir momentan die Transformation der Innenstädte debattieren, dann meist leicht übelgelaunt. Wir sehen, was alles nicht mehr geht, und spekulieren darüber, welche Geschäftsmodelle künftig noch vor die Wand fahren könnten. Aber es gibt auch urbane Innovationen, die das Zusammenleben in der Stadt künftig auf neue Beine stellen könnten. Eine solche ist das Startup „The Embassies“. Das Schweizer Unternehmen entwickelt eine digitale Plattform sowie bewohnbare Räumlichkeiten, die flexibel gestaltbares Wohnen im Ruhestand bieten sollen. Ziel ist der Aufbau eines weltweiten Netzwerks von rund 30 sogenannten „Botschaften“ in spannenden Metropolen – San Francisco etwa, New York, London, Zürich, Kopenhagen oder Berlin. Die Mitglieder sollen die „Botschaften“ in allen Städten nutzen können, ähnlich wie beim Soho House. Der erste Standort soll schon nächstes Jahr in Europa öffnen.
Spannend finden nicht nur wir das Konzept, sondern auch „Forward31“, eine Unit von Porsche Digital. Die investiert in Geschäftsfelder, die spannend erscheinen und das Unternehmen Porsche an die digitale Zukunft anschließen. The Embassies hält man offenbar dafür geeignet, und hat deshalb jetzt die Company gekauft.
Wir interviewten einen der drei Gründer, Jan Garde.
Die Gründer von The Embassies: Henning Weiss, Jan Garde und James Bryan Graves (von links)
Die Gründer von The Embassies: Henning Weiss, Jan Garde und James Bryan Graves (von links)
 Jan, wo steht Ihr in Sachen Eröffnung erster Häuser?
Wir haben bisher noch keine Immobilie eröffnet, verhandeln gerade in einigen der Top-Städte im DACH-Raum. Wir planen damit, 2022 oder 2023 das erste Haus zu eröffnen. Zielsetzung ist es, bis 2030 insgesamt 30 Immobilien in Europa und Nordamerika zu eröffnen.
Das klingt ambitioniert. Aber Euer Geschäftsmodell basiert ja auch auf dem Netzwerkgedanken in dem Sinne, dass die Kunden in unterschiedlichen Embassies Anlaufpunkte haben. Das würde ja eine ganz neue Mobilität in fortgeschrittenem Alter bedeuten. 
Exakt, getreu dem mentalen Model, „founded in Switzerland – globally at home“. Die Zielsetzung ist, dass wir auch im Alter noch reisen können und auch dann vor Ort auf ein Netzwerk an Dienstleistungen zurückgreifen können, die uns im Alter unterstützen. Der junggebliebene Mensch möchte auch im Alter noch reisen, und wir schaffen ein Ambiente, das anschlussfähig ist an die Lebensrealität unserer Kunden
Wichtig ist in Eurem Konzept der Aspekt der Qualität. Wieso?
Es geht vor allen Dingen darum, eine Welt zu erschaffen, die es heute noch nicht gibt. Wir wollen den mehrgenerativen Austausch fördern und dabei eine Anlaufstelle schaffen für Nachbarn, Gäste und Bewohner. Einen durchlässigen Ort, der ansprechend gestaltet ist, qualitativ hochstehende Programmierung auf kultureller als auch unterhaltender Natur bringt und neben dem physischen Wohlbefinden vor allen Dingen auch das mentale Wohlbefinden steigert. Einen Ort, der einlädt zum Verweilen.
Wie schafft Ihr es, dass Eure älteren Kunden auch etwas geben (Lebenserfahrung et cetera) anstatt nur zu nehmen?
Wir haben ein Produkt entwickelt, das aus der „WANT-Perspektive“, nicht aus der „NEED-Perspektive“ gestaltet ist. The Embassies steht für eher für einen Mindset als für eine reine Wohnform. Für Menschen, die, wie wir selber auch, Angst haben vor dem Altenheim. Davor, zu vereinsamen. Unsichtbar zu werden und an den Rand der Gesellschaft geschoben werden. Unsere Ambassadors, also Bewohner, werden sorgfältig ausgewählt.
Damit sie mehr sind als bloße Adressaten von Service-Angeboten.
Wir verstehen The Embassies als Plattform, und die Ambassadors spielen hier eine zentrale Rolle. Wir glauben fest daran, dass Jung von Alt lernen kann und umgekehrt. So steigern wir die Relevanz des Produktes und ganz nebenbei auch die Lebensqualität unserer Ambassadors.
Welche Optionen gibt es für Kooperationspartner, mit Euch zusammenzuarbeiten, etwa aus dem Real-Estate-Sektor?
Wir sind eine klassische Operating Company. Das bedeutet, dass wir langfristige Mietverträge abschließen und als Single-tenant ein Haus bespielen. Wir trennen bewusst die OpCo von der PropCo, da für uns die Experience und Skalierung des Geschäftsmodells im Vordergrund steht. Dies bietet natürlich für Immobilienbesitzer, Developer, Asset Manager eine spannende Perspektive. Schlussendlich schließen wir langfristige Mietverhältnisse (20 Jahre plus) in einem Premium-Umfeld ab. Aufgrund der allgemeinen Situation im Markt aktuell bekommen wir viele Deals auf den Tisch und wägen sorgfältig ab, welche Partnerschaften für uns sinnvoll sind.
Die aktuell fragile Marktlage ist gut für Euer Konzept.
Ja. Die Situation aktuell bietet unter anderem natürlich Möglichkeiten, bestehende Immobilien, die vormals als Büro, Retail oder gar Hotel genutzt oder geplant waren, zu einer Embassy zu machen.
Verändern Konzepte wie das Eure womöglich auch die Stadt von morgen insgesamt? 
Wir sprechen mit einigen Stadtplanern und Behörden, die vor dem Hintergrund der vereinsamten Innenstadt mit spannenden Projekten auf uns zukommen. Da wir The Embassies als Orte der Begegnung verstehen, liegt hier natürlich eine gewisse Chance.
Pritzker-Gewinner: Luftigkeit als Raumprogramm
Das Transformationsprojekt in Bordeaux, insgesamt 530 Einheiten (Kooperation mit Frédéric Druot und Christophe Hutin). Foto: Philippe Ruault
Das Transformationsprojekt in Bordeaux, insgesamt 530 Einheiten (Kooperation mit Frédéric Druot und Christophe Hutin). Foto: Philippe Ruault
Meine architektonische Filterblase ist sich einig: Die Jury des Pritzker-Preises hat richtig entschieden. Anne Lacaton und Jean-Pierre Vassal erhalten den wichtigsten Architekturpreis der Welt in diesem Jahr. Die beiden sind schon lange Darlings der Architekturzeitschriften und einschlägigen Digitalplattformen. „Wurde auch Zeit“ war folglich der Tenor, als die Jury vorgestern ihre Entscheidung erklärte.
Es ist aber auch wirklich ein spannendes Büro. Die beiden Franzosen sind vor allem mit Umbauten in Problemvierteln in Paris und Bordeaux bekannt geworden. Vorzeigeprojekte sind etwa die Umgestaltungen des Tour Bois le Prêtre (Paris 2011) und dreier Gebäude im Grand Parc in Bordeaux (2017). Eine Kernidee dabei jeweils: Vorgehängte Wintergärten, die den Wohneinheiten eine neue Großzügigkeit verschaffen und als eine Art klimatische Pufferzone dienen.
An der Grundhaltung der beiden interessant ist die Freude an vermeintlichen Problembauten der 1960er und 1970er Jahre. Abreißen geht im Prinzip gar nicht. Stattdessen gilt es, aus jedem Betonturm das Maximum rauszuholen. Das ist ökologisch nachvollziehbar, gewinnt bei Lacaton & Vassal aber auch eine ästhetische Note. Sie zeigen, dass das Leben in den vermeintlichen Betonburgen angenehm und, ja, erstrebenswert sein kann. Diese Kombination aus Nachhaltigkeit und Ästhetik ist es ja auch, was momentan etwa die EU-Bewegung des Neuen Bauhauses anstrebt. In Brüssel dürfte man daher angetan sein vom Preis für die Pariser Architekten.
Eines muss man aber auch sagen: Teil der architektonischen Haltung von Lataton & Vassal ist die Überzeugung, dass es manchmal besser ist, mehr Raum auch ohne präzise definiertes Programm zu schaffen. Mit günstigen Materialen erstellt, bieten diese Zusatzflächen Experimentierfelder. Zu sehen ist dies etwa in der Architekturschule in Nantes. (Hierzu hörenswert ein Interview mit Peter Cachola Schmal, dem Chef des Architekturmuseums Frankfurt.)
Diese Position ist interessant, widerspricht aber einer anderen Grundhaltung, die in der Architekturwelt populär ist: Dass man Quadratmeter sparen könne und müsse, indem man Raumprogramme bis ins Kleinste austüftelt und Räume so determiniert. Der japanische Architekturansatz etwa, der sich unter Architekturbeobachtern großer Beliebtheit erfreut, funktioniert so. Lacaton & Vassal sagen letztlich: Hört auf zu tüfteln, baut lieber etwas preiswerter. Den Rest erledigen die Nutzer. guz
Anne Lacaton, Jean-Philippe Vassal. Foto: Laurent Chalet
Anne Lacaton, Jean-Philippe Vassal. Foto: Laurent Chalet
Spars wird Mister Bauakademie
Geht doch: Habemus Direktorum, verkündete jetzt das Bundesinnenministerium für die neue Bundesstiftung Bauakademie. Der Wuppertaler Stadtökonom Guido Spars wird Gründungsdirektor der Berliner Akademie. Die Stiftung Bauakademie, die beim für Bauen zuständigen Innenministerium angesiedelt ist, wurde gegründet, nachdem der Bundestag im Jahr 2016 62 Millionen für den Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie bewilligt hatte.
Um die Besetzung des Postens gab es reichlich Querelen. Eigentlich war der Plan, den Job dem SPD-Bundestagsabgeordneten Florian Pronold zuzuschustern. Der aber passte nicht zum formulierten Jobprofil. Es gab massive Proteste und einen offenen Brief der Architekturwelt. Ich hatte auch unterschrieben, weil der Kontrast zwischen Profil und der Person Pronold einfach zu offensichtlich war.
Nun also Spars. Einem Teil der eingefleischten Architekturszene wird das immer noch nicht passen. Das hat aber damit zu tun, dass sich hier eine mitunter arg im eigenen Saft schmorende Community formiert hat, die Einfluss von außen prinzipiell skeptisch sieht. „kennwa nich“ ist dort gelegentlich gleichbedeutend mit „interessiert uns nicht“. Intellektuelle Neugier sieht anders aus. 
Es wird also an Spars sein, mit einem spannenden Programm zu zeigen, dass sein akademischer Hintergrund – er lehrt Ökonomie des Planens und Bauens in Wuppertal – zu neuen Ergebnissen führt und neue Player miteinander vernetzt. Wichtig dabei wird auch die Abgrenzung zur bestehenden und gut arbeitenden Bundesstiftung Baukultur sein. Für metroscope als urbanistisches Projekt bietet das durchaus Potenzial. Und der Diskurs über Stadt und Gesellschaft liefert, zumal international gedacht, auch jenseits der Perspektiven, die der oben erwähnte tradierte Diskurscluster besetzt, reichlich Themen. Von gesellschaftlichem Wandel, der digitalen Kultur und der Startup-Szene bis hin zu planerischen Impulsen jenseits der europäischen Stadt. guz
So äußerte sich auf Twitter der Architekturkritiker Falk Jaeger zur Benennung Spars'.
So äußerte sich auf Twitter der Architekturkritiker Falk Jaeger zur Benennung Spars'.
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