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Vitale Kleinstädte, Downtown-Biedermeier und Klimapolitik in Mexiko Stadt

metroscope - Stadt von Morgen
Vitale Kleinstädte, Downtown-Biedermeier und Klimapolitik in Mexiko Stadt

Bürger von Welt, schaut auf die Kleinstadt!
Die Neue Leipzig-Charta will sich stärker den kleinen und mittleren Städten widmen. Quelle: Präsentation Cities Fit for Future/Screenshot
Die Neue Leipzig-Charta will sich stärker den kleinen und mittleren Städten widmen. Quelle: Präsentation Cities Fit for Future/Screenshot
Vielleicht kennen Sie Wittenberge? Nein, nicht die Lutherstadt Wittenberg ohne E, sondern die brandenburgische ICE-Haltestelle auf halber Strecke zwischen Hamburg und Berlin. Und wie steht es mit der ehemaligen Freien Reichstadt Weil der Stadt bei Stuttgart? Oder mit dem Kurort Malente im Naturpark Holsteinische Schweiz?
Wer über die Zukunft der Städte in Deutschland nachdenkt, schaut meist reflexartig in die Metropolen – nach München, Dresden, Frankfurt am Main. Und übersieht dabei, dass 60 Prozent der urbanen Siedlungen tatsächlich Mittel- und Kleinstädte sind, in denen jeweils knapp 30 Prozent der Bevölkerung wohnen. Also in solchen Orten wie eben Wittenberge (17.000 Einwohner), Weil der Stadt (19.200 Einwohner) oder Malente (11.650 Einwohner)
Dieses Aufmerksamkeitsdefizit macht sich nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch in der Stadtplanung bemerkbar. Helfen soll nun die (in metroscope ja bereits verschiedentlich diskutierte) Neue Leipzig-Charta: ein Leitdokument zur Stadtentwicklung in Europa, das von der deutschen Ratspräsidentschaft erarbeitet wurde und besonders die kleinformatige Urbanität in den Fokus rücken will:
„Der Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen der Bürgerinnen und Bürger in kleinen und mittleren Städten sowie in Kommunen in schrumpfenden Regionen ist besondere Aufmerksamkeit zu widmen.“
Am Mittwoch wurde die „Neue Leipzig Charta in der kommunalen Praxis“ vorgestellt und diskutiert – so der Veranstaltungstitel in der Webreihe „Cities Fit for Future“, einem Format des Deutschen Verbands für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung sowie des Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat. Das ließ mehr salbungsvolle Worte als Substanz fürchten, doch es kam anders; auch dank Wittenberge, Weil der Stadt und Malente. Denn deren Oberhäupter berichteten nachmittags von ihren alltäglichen Baustellen – und sorgten dabei für für so manches Déjà-Vu.
Großstädter neigen gerne dazu, auf „die Provinz“ hinabzublicken. Tatsächlich aber werden dort viele derselben Probleme verhandelt wie in den deutschen Metropolen. Und das, so scheint es, zum Teil sogar pragmatischer und erfolgreicher. Etwa in Wittenberge, wo Bürgermeister Oliver Hermann den Leerstand nicht nur verwaltet, sondern aktiv mit Leben füllt: die ehemalige Bonbonfabrik wurde zum SOS-Kinderdorf, in das alte Jugendstil-Kaufhaus zog die Bibliothek – soziale Vielfalt, mitten im Zentrum.
Für eine lebendige Stadtmitte: Das Sozialquartier Jahnschulviertel in Wittenberge Quelle: Präsentation Oliver Hermann/Screenshot
Für eine lebendige Stadtmitte: Das Sozialquartier Jahnschulviertel in Wittenberge Quelle: Präsentation Oliver Hermann/Screenshot
Ein Riesenthema eint alle drei Städte: bedarfsgerechtes Wohnen. In Wittenberge sorgt sich Hermann trotz des passablen Platzangebots um bezahlbaren Wohnraum: „Wir haben Listen, gerade für mittlere Gehälter.“ Gleiches gilt für seine Kollegin Tanja Rönck, die sich zudem über die älteren Generationen Gedanken macht: „Entweder allein oder ab ins Heim – wer mag das schon.“ Die Bürgermeisterin von Malente baut daher gerade einen Campus mit „sämtlichen Wohnformen“, wo Azubis wie Senioren heimisch werden sollen.
 Verschärft wird das Wohnproblem natürlich durch den endlichen Boden – Siedlungsdruck kennt man nicht nur in Berlin. In Weil der Stadt entfällt von 4300 Hektarn Fläche die Hälfte auf Landschafts- oder Naturschutzgebiete; dort kann der Stuttgarter Speckgürtel also nur sehr begrenzt wachsen. Pro Quadratmeter Bauland liegen die Preise derzeit jenseits der 600 Euro. Jürgen Katz, Erster Beigeordneter der Stadt, resümiert es so: „Bezahlbaren Wohnraum herzustellen und jeden Lurch zu retten – das ist total schwierig.“
Wo die Neue Leipzig-Charta erwartungsgemäß wolkig bleibt, formulierte die Runde eine ganze Reihe an konkreten Empfehlungen und Wünschen – die sich durchaus ins Großformat übertragen lassen: Widerstände ernstnehmen, insbesondere die Ängste vor Verdichtung und ihren Folgen. Sich um breite Beteiligung kümmern, nicht nur über die üblichen Verfahren und Workshops. Weniger abwägen, mehr ausprobieren. Von Best-, aber auch Worst-Practice-Beispielen lernen. Und vor allem: mehr Kommunikation und Erfahrungstransfer zwischen den kleinen und großen Städten wagen – so, wie es auch Annett Steinführer vom Thünen-Institut für Ländliche Räume in ihrem Fazit forderte. Weniger Lagermentalität, mehr Miteinander – warum nicht? Gut möglich, dass München von Malente noch etwas lernen kann. cél
Mexiko: Klimapolitik auf Stadtlevel
So sieht es Mexiko Stadt häufig aus.
So sieht es Mexiko Stadt häufig aus.
Wer ist eigentlich für den Kampf gegen den Klimawandel zuständig – Städte oder Zentralregierungen? In Europa gehen wesentliche Initiativen meist von der Bundesebene aus. Die aktuelle Debatte zur Beschleunigung der deutschen CO2-Neutralität zeigt das. In Ländern wie Mexiko oder Brasilien ist das anders. Entweder die Zentralregierungen sind zu schwach oder sie haben kein Interesse an der Klimapolitik. Daher ist eine Allianz interessant, die sich in Mexiko gerade formiert: Die beiden größten Städte des Landes, Mexiko Stadt und Guadalajara, betreiben Klimapolitik jetzt auf eigene Faust und vorbei am diesbezüglich ambitionslosen Staatschef Andrés Manuel Lopez Obrador.
Konkret verpflichten sich die Metropolen darauf, bis 2050 ihrerseits CO2-neutral zu sein. Das Ziel ist bemerkenswert, wenn man sich etwa den Autoverkehr in „DF“ wie die Hauptstädter ihre Metropole nennen, vor Augen führt. Weit über fünf Millionen Autos sind in dem Moloch registriert. Mexiko Stadt hat zwar auch ein grundsätzlich funktionables U-Bahn-System. Doch die Metro gilt zwar als fahrtüchtig, aber nicht gerade als sicher. Immer wieder kommt es zu Kleinkriminalität. Und der kürzliche Einsturz einer U-Bahn-Brücke das Vertrauen in den ÖPNV nicht gerade gesteigert. Autoverzicht ist für viele Hauptstädter eine abwegige Idee.
Der Zusammenbruch einer Brücke der Metrolinie 12 hat zugleich auch zwei Politiker unangenehm ins Rampenlicht gezogen, die Ambitionen haben, Staatspräsident Lopez Obrador zu beerben: Außenminister Marcelo Ebrard und Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum. Ebrard hatte als Bürgermeister den Bau der Linie 12 verantwortet. Ebenso wie Sheinbaum machte er jetzt keine Anstalten, das Unglück etwa kleinzureden. Er twitterte:
„Was mit der Metro passiert ist, ist eine schreckliche Tragödie. Natürlich müssen die Ursachen untersucht und die Verantwortlichkeiten geklärt werden.“
Die Umweltinitiative von Mexiko Stadt kann als Versuch Sheinbaums gewertet werden, im Rennen ums Präsidentenamt ihrerseits in die Pole Position zu kommen – mit einem Thema, das von nationaler Relevanz ist, bei dem sie aber als Lokalpolitikerin auch direkt Handlungsstärke beweisen kann. Die formulierten Ziele sind konkret und ambitioniert. Investitionen in den ÖPNV werden verstärkt, der Umgang mit Abwasser modernisiert, erneuerbare Energien ausgebaut. 100 Einsatzteams sollen Wasserschäden im System der Stadt beheben. Außerdem will Sheinbaum 30 neue Metrozüge anschaffen lassen. Um das Neutralitätsziel in 2050 zu erreichen, muss die Stadt schon bis 2024 etwa ein Drittel ihrer CO2-Emissionen einsparen.
Interessanterweise ist das klimabezogene Problembewusstsein in Mexiko überdurchschnittlich ausgeprägt. In einer aktuellen Untersuchung zeigen sich vier von fünf Mexikanern diesbezüglich besorgt (mehr als beispielsweise in Deutschland). Wohl auch deshalb sehen die Bürgermeister der großen Metropolen in der Klimapolitik ein gutes Positionierungsthema. Ihre Aktivität zeigt aber auch, dass in Ländern, deren zentrale Regierungen die CO2-Problematik nicht entschlossen angehen wollen oder können, den urbanen Entscheidern eine höhere Verantwortung zufällt. Gut, wenn sie diese annehmen.
Benehmt Euch, Städter!
Eine Befürchtung, die von liberaler Seite zuletzt immer wieder zu hören war, galt der Verlängerung restriktiver Maßnahmen über Corona hinaus. Die Angst bestand und besteht, dass gerade Lokalpolitiker die pandemische Freude an Kontrolle zum New Normal deklarieren und auch künftig mit leichter Hand bestehende Freiräume kassieren. Genau diesen Eindruck hat man nun, wenn man sich anschaut, wie diverse Städte den Konsum von Alkohol in Stadtraum reglementieren wollen. Münchens Stadtrat hat gerade beschlossen, das bestehende Verbot auf Wedekindplatz und Gärtnerplatz fortzusetzen. In Bamberg verfügten die Verantwortlichen ein No für alkoholische To-Go-Getränke in der Innenstadt.
Aussagekräftig ist das Statement des Bürgermeisters Andreas Starke dazu: Man wolle „Zustände wie am Ballermann“ verhindern. Ein urban-ästhetisches Argument also bringt der offenbar zart besaitete OB vor, kein pandemisches. Genau hier muss man aber sagen, dass Pandemiepolitik kein Programm zur Biedermeierisierung von Innenstädten ist. Es ist gar nicht interessant, ob die Verhaltensweisen der Bürger das ästhetische Placet eines Oberbürgermeisters bekommen. Mag sein, dass sich Menschen in Innenstädten ab und an danebenbenehmen. Mag auch sein, dass dies Ihnen oder mir nicht behagt. Und dennoch gehört auch das zum Stadtleben dazu. guz
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