metroscope - Stadt von Morgen

Von Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer von metroscope

Venedig als Happening, Disney-Kommunen unter Druck

#71・
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Venedig als Happening, Disney-Kommunen unter Druck

Kunst ist überall. Zur Biennale in Venedig
Die Skulpturen Sandra Mujingas im Arsenale. Bild: guz
Die Skulpturen Sandra Mujingas im Arsenale. Bild: guz
 Ja, es ist schön, wieder in Venedig zu sein. Gerade beginnt die durch Corona verschobene Kunstbiennale in der Lagunenstadt. Und die Kunstwelt ist wieder da. Sie feiert, sie genießt das Sehen und Gesehen werden – fast wie vorher. In den Bars herrscht auch keine Maskenpflicht mehr. „Masken tragen nur noch die Deutschen“, sagt ein Kellner, während er den venedigtypischen Spritz am Fließband zusammenmixt.
Atmosphärisch also wirkt die diesjährige Schau wie ein kunsturbaner Befreiungsschlag. Inhaltlich kommt manches, was Kuratorin Cecilia Alemani da ins Arsenale geholt hat, ein wenig aus der Zeit gefallen daher. Es geht häufig um erweiterte, auch um verzauberte Körper. Das macht Spaß und inspiriert. Nur der den menschlichen Körper auf ganz andere, quasi steinzeitmäßige Weise bedrohende Angriffskrieg der Russen auf die Ukraine kommt in der Schau kaum vor.
Das nimmt ihr etwas ihre politische Dringlichkeit, macht sie aber nicht naiv. Viele der Kunstwerke vermitteln eine unheimliche, eine ambivalente Aura. Sandra Mujingas menschenähnliche Skulpturen, in fieses Grün getaucht, haben definitiv etwas Gruseliges. Sehen wir hier das Ende des rein Menschlichen angesichts der digitalen Herausforderung humaner Identität? Oder die Gefährdung des Körpers durch Corona?
Fragen wie diese kommen einem auch bei den eigentlich lustigen Großskulpturen des Argentiniers Gabriel Chaile. In seinen Tonwerken verschmelzen Objekte (riesige Töße, Kannen oder Öfen) mit menschlichen Visagen. Als würde die Objektwelt den humanen Körper einsaugen oder aufessen. Vielleicht meinen wir derlei, wenn wir vom „Internet of Things“ sprechen.
In vielen Länderpavillons in den Giardini wird Alemanis Verzauberungskonzept fortgeführt. Im Belgischen Pavillon erforscht Francis Alys die weltweite Kultur der Kinderspiele. Im sehenswerten Französischen Pavillon wird postkolonial angereichert getanzt. Diese Biennale ist sinnlich und – ja – schön. Nur der Deutsche Pavillon gibt sich mal wieder karg. Maria Eichhorn macht, wie schon manche ihrer Vorgänger, die problematische Geschichte des Baus selber zum Thema, indem sie seine Fundamente und unterschiedliche historische Schichten freilegt.
Das größte Happening aber ist zunehmend die Stadt Venedig selber. Kunst ist dort überall. Eines der originellsten Projekte war der „Gazzettino“ des Berliner Kurators Lukas Feireiss. Er hat einen ikonischen Zeitungskiosk übernommen und zum Ausstellungsort für unabhängige Kunstverlage umfunktioniert. Einen Nachmittag lang präsentierten die sich in kleinen Pitches dem kunstfreudigen Publikum. Das wirkte lässig, auf sympathische Weise improvisiert – und damit richtig urban. guz
Das Gazzettino-Projekt von Lukas Feireiss, urbane Installation und entspanntes Austauschformat zugleich. Bild: guz
Das Gazzettino-Projekt von Lukas Feireiss, urbane Installation und entspanntes Austauschformat zugleich. Bild: guz
Disney – ein Projektentwickler unter Beschuss
Feier im "Magic Kingdom" in Disney World, Florida. Momentan dürfte die Stimmung dort eher mäßig sein. Bild: https://www.flickr.com/photos/insidethemagic/6201085678
Feier im "Magic Kingdom" in Disney World, Florida. Momentan dürfte die Stimmung dort eher mäßig sein. Bild: https://www.flickr.com/photos/insidethemagic/6201085678
Sie waren immer ein Lieblingsthema bei kulturkritischen Geistern: die Aktivitäten des Disney-Konzerns im Florida. Disney war und ist dort nämlich nicht nur ein Betreiber von Themenparks. Das Unternehmen agiert letztlich wie ein Entwickler großformatiger Real Estate-Lösungen. Gut 113 Quadratkilometer umfasst der Grundbesitz des Unternehmens im Sunshine State, zusammengefasst unter der Marke „Walt Disney World Resort“. Kritisiert wurden nicht zuletzt stets die weitreichenden Rechte zur Selbstverwaltung, die dem Unternehmen bereits in den 1960er-Jahren zugestanden wurden. Genau damit könnte es nun aber vorbei sein. Es gibt nämlich Ärger zwischen Disney und Floridas Gouverneur Ron DeSantis. Der will das Thema sexuelle Identität in Grundschulen zum Tabu erklären. Dagegen hatten Disney-Mitarbeiter protestiert. Zur Strafe entzieht ein aktuelles Gesetz dem Unternehmen nun die Rechte zur Selbstverwaltung seiner Parks.
Sollte das neue Gesetz tatsächlich im Juni 2023 in Kraft treten, wären die Konsequenzen groß – und für Staat und Bürger teuer. Bislang hielt Disney nämlich etwa seine Straßen eigenständig in Schuss, beschäftigte Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste. Wenn all das bald die Landkreise Orange County und Osceola County übernehmen müssten, wären massive Steuererhöhungen die Folge.
Spannend wird, wie stark ein anderes Beispiel für die Raumaktivitäten Disneys von dem Gesetz betroffen ist: die ursprünglich ebenfalls von Disney geplante Musterstadt „Celebration“, eröffnet im Jahr 1996. Im Stil des New Urbanism war die entworfen worden, Stars der postmodernen Architektur wie Michael Graves, Philip Johnson oder Robert Stern hatten sich in ihr verwirklicht. Celebration war die Phantasmagorie einer US-amerikanischen Kleinstadtidylle, wie sich Walt Disney sie vorstellte. Das war natürlich immer etwas naiv und hatte mit der Realität des Landes nichts zu tun. Kritik kam folglich von links, populär war das Städtchen aber beim konservativeren Teil der amerikanischen Gesellschaft. Das neue Gesetz von rechts dürfte Celebration auch treffen, wenn auch nicht so direkt wie Disney World selbst. Der Konzern hatte Grund und Häuser dort bereits im Jahr 2004 verkauft, betreibt aber noch den Telekom- und Energiebetrieb. guz
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