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Urbane Best Practices für Berlin, Kultur am Strand in München

metroscope - Stadt von Morgen
Urbane Best Practices für Berlin, Kultur am Strand in München
Liebe Stadt-Aficionados,
haben Sie in den letzten Tagen auch bei Ihrem Lieblingsitaliener oder vor Ihrem Stamm-Café gesessen? All die Menschen, die Lichter, das Stimmengewirr – es ist, als wären die Städte aus einem kollektiven Koma erwacht. Während es in der Gastronomie schon wieder so läuft, als hätte Corona nie stattgefunden, haben es andere urbane Impulsgeber wie etwa Clubs allerdings noch sehr schwer. Wir schauen deshalb in der heutigen Ausgabe nach München, wo sich die Kultur langsam wieder in den Alltag – und das Nachtleben – tastet. Und nach Berlin, wo sich Stadtmacher zu Wochenbeginn viele Gedanken um die Metropole von morgen gemacht haben.
Wir wünschen eine zukunftsfreudige Lektüre!
Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer

Wie (schnell) kehrt die Kultur zurück in die Stadt?
Die Mikros sind aufgebaut – am Münchner Kulturstrand wie in allen Metropolen.
Die Mikros sind aufgebaut – am Münchner Kulturstrand wie in allen Metropolen.
Da sitzen sie wieder, die Hipster-Jungmenschen, beim Outdoor-Drink am Kulturstrand im Zentrum Münchens. Eigentlich kaum zu glauben, dass der Isarbalkon an der Corneliusbrücke direkt an der Isar wieder zu Live-Musik, DJ-Vibes und entspannten Getränken einlädt. Und doch konnte gestern der Initiator Benjamin David aufsperren. Um zwölf Uhr mittags ging es los, erst um 11.02 war die Genehmigung der Stadt eingetrudelt. Eine administrative Punktlandung also – allerdings eine, die David aus den vergangenen Jahren, in denen der Kulturstrand immer etwas unsicher war, schon gewohnt sein dürfte.
Umso schöner, dass es auch in Zeiten des Spät-Coronalismus klappt mit einer Initiative wie dem Kulturstrand. Unsere Städte brauchen jetzt genau solche Ansätze. Sie brauchen Zeichen dafür, dass das Stadtleben nicht all seine Spontaneität verloren hat in einer Zeit, in der durch die Pandemie alles über Regelungen nachdachte. Klarheit und Rigidität schienen zuletzt manchmal wichtiger zu sein als konkrete Sinnhaftigkeit. Man möchte den städtischen Verwaltungen anraten, nun zu verstehen, dass die Stadtkultur ein fragiles Gut ist, um das es momentan nicht zum Besten steht. Viele Künstler darben, mancher denkt womöglich darüber nach, es mit der Kunst ganz sein zu lassen. Und ein wenig fürchtet man auch, wir könnten genau jene kulturelle Experimentierfreude, die Urbanität ausmacht, jene Bereitschaft, uns auf Unvorhergesehenes einzulassen, verloren haben in den letzten Monaten der Angst.
Kommt die intensive Stadtkultur also in allen Facetten wieder? Werden die Clubs nach Corona wieder so voll wie zuvor? Ich habe meine Zweifel. Weil wir Städter durch die Pandemie beigebracht bekommen haben, erst auf Risiken zu schauen und erst dann auf eventuelle Produktiveffekte. Aber vielleicht bin ich auch zu skeptisch. Am Kulturstrand herrschte gestern jedenfalls Optimismus. „Ich glaube, das Clubleben kommt wieder – und zwar massiv und wild“, sagte DJ Alicea. Sie macht bei der Female-DJ-Reihe „Marry Klein“ in Münchens Clubikone Harry Klein mit. Und sie sagt: „Die Menschen sind heiß, sie wollen wieder feiern.“
Also, Dein Wort in Gottes Ohr, Alicea. 250 Menschen dürfen zeitgleich an den Kulturstrand kommen. Positiv: Die Registrierung per Corona-Warnapp funktioniert und wird von Besuchern entspannt angenommen. Urbanes New Normal eben. guz
Wie man das Berlin von morgen plant
Stadtforum Berlin: Zukunft zu planen, ist manchmal ein zähes Geschäft. Quelle: Stadtforum Berlin, Grafik: Tom Unverzagt
Stadtforum Berlin: Zukunft zu planen, ist manchmal ein zähes Geschäft. Quelle: Stadtforum Berlin, Grafik: Tom Unverzagt
Ein kleines Ratespiel: Was fällt Ihnen spontan zur „Stadt der Zukunft“ ein? Vielleicht solche Begriffe wie bezahlbares Wohnen, Nachhaltigkeit, klimagerechte Stadt, mehr Grünflächen, lebendige Zentren, Partizipation oder auch Popup-Radwege? Falls ja, hätten Sie sich beim „Stadtforum Zukunft“ vermutlich unbemerkt aufs Podium schmuggeln können. Die jüngste Veranstaltung der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen wirkte über weite Strecken, als schaue man Experten beim Buzzword-Bingo zu.
Senator Sebastian Scheel hatte am Montagabend zur digitalen Konferenz geladen. Anders als beim Vorgängerforum im Januar, das komplett pandemisch geprägt war, war die Devise dieses Mal „Das Berlin von morgen weiterdenken“. Gut ein Dutzend Stadtmacherinnen aus unterschiedlichsten Bereichen – von Ämtern und Planungsbüros bis zur gesellschaftlichen Initiative und Wohnungsbaugenossenschaft – präsentierten und diskutierten zweieinhalb Stunden lang ihre Ergebnisse und Visionen.
Ein vollgepacktes Programm also – das zudem spannende Perspektiven von Planern aus anderen europäischen Metropolen wie Barcelona oder Paris versprach. Möglicherweise etwas zu voll. Während gewisse Schlagworte (s.o.) mantraartig wiederkehrten, wurden die Besonderheiten oder Best-Practice-Beispiele einzelner Städte eher in Nebensätzen abgehandelt. Etwa, als der Wiener Gemeinderat Marcus Schober erklärte, wie die stadteigene Wald- und Wiesen-Charta für mehr Lebensqualität sorgt – etwa, indem sie einen Grünraumanteil in Wien von mehr als 50 Prozent sichert.
Grünraum Wiener Art: Eine Charta sichert die Natur- und Regenerationsflächen. Quelle: Präsentation Marcus Schober/Screenshot
Grünraum Wiener Art: Eine Charta sichert die Natur- und Regenerationsflächen. Quelle: Präsentation Marcus Schober/Screenshot
Oder als Mattijs van Ruijven, Leiter der Stadtentwicklungsplanung Rotterdam, in einer von zwei Gesprächsrunden per PowerPoint durch die zweitgrößte Stadt der Niederlande führte. Von der „Stadt auf Augenhöhe“ und dem „Menschen als Maßstab“ war da die Rede, und vom öffentlichen Raum als „City Lounge“. Mit bepflanzten Boulevards statt Betonflächen und mehr zentralen Einrichtungen für alle: Theater, Büchereien – aber eben zum Beispiel auch ein Ort, an denen Kinder und Studierende ihre Aufgaben machen können.
Da hätte man gerne mehr erfahren. Zum Beispiel von van Ruijven, wie dieser Teenie-Co-Working-Space koordiniert, angenommen und finanziert wird. Oder von Marcus Schober, wie Wohnungsbau und Nachverdichtung in Wien nicht zu Lasten des Grüns gehen. Oder von Stadtplanerin Susann Liepe vom Berliner Büro LOCATION:S, was dieser „Erlebniseinkauf“ sein soll, mit dem Handelsverbände nun die halbtoten Fußgängerzonen wiederbeleben wollen. Dazu sagte sie allerdings selbst: „Was das bedeutet, müssen wir schauen.“
Ein paar interessante Befunde gab es dann aber doch. Erstens: Veränderung geht auch in schnell. Beim Citymanagement, das plötzlich dazu in der Lage war, innerhalb weniger Tage Online-Plattformen und Pick-up-Services auf die Beine zu stellen – mit Liepes Worten: „Vor der Pandemie hätten wir sicher zwei Monate gebraucht, um zu diskutieren und abzuwägen, was gut ist.“ Aber auch in der vielbescholtenen Berliner Verwaltung, die temporäre Spielstraßen organisierte – und, natürlich, die Popup-Radwege.
Zweite Erkenntnis: Dabei dürfen Stadtmacherinnen sich ruhig auch was trauen. Felix Weisbrich vom Straßen- und Grünflächenamt Friedrichshain-Kreuzberg erzählte zwar, dass quasi jede kleine Fußgängerzone die Leute in Wallung bringe. Aber das sei kein Grund, sich an den Status Quo zu klammern: „Alle können wir nicht von bestimmten Lösungen überzeugen.“ Übersetzt heißt das wohl: Autofahrer werden sich immer über Sperrungen ärgern – davor sollte aber man nicht immer reflexartig zurückzucken. Oder, wie es die Moderatorin Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik in Richtung von Regula Lüscher formulierte: Stadtentwicklung ist „nicht das reine Friedensprojekt“.
Lüscher, Berliner Senatsbaudirektorin und Staatssekretärin für Stadtentwicklung, formulierte die dritte – und vielleicht wichtigste – Einsicht dann selbst: Stadt sollte nicht immer nur im großen Maßstab neu geplant werden. Von Rotterdam lasse sich lernen, dass man besser in viele einzelne Projekte investiere, die direkt vor Ort Dinge verändern: in der Straße, im Kiez oder auf einem Platz. „Am Ende des Tages geht es um die Frage, wie wir den Begriff der Qualität definieren“, resümierte sie. Folgt man den Befunden des Forums, dann fällt diese Qualitätsdefinition für eine gute Stadtentwicklung ziemlich klar aus: Sie sollte agiler, mutiger und kleinskalierter werden. Und damit lässt sich doch arbeiten. cél
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