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Urbane Ampelpläne, schwierige Zwischennutzungen, David Chipperfield

metroscope - Stadt von Morgen
Urbane Ampelpläne, schwierige Zwischennutzungen, David Chipperfield

Die Ampel-Pläne für unsere Städte
Innenentwicklung soll einfacher werden, findet die Ampel-Koalition. Foto: Fabricius
Innenentwicklung soll einfacher werden, findet die Ampel-Koalition. Foto: Fabricius
Habemus Koalitionsvertrag. Und bei aller Kritik gibt es vieles, was uns Urbanisten Hoffnung machen kann. Eine künftige Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP jedenfalls sieht im städtischen Raum viel Entwicklungspotenzial und will offenbar einiges dafür tun, um Planung, Bau und Umbau zu vereinfachen. Was dann an städtebaulicher Qualität dabei herauskommt, ist eine andere Frage, die von Architekten, Planern und Unternehmen beantwortet werden muss. Der Wille in der Politik nach mehr Entwicklung jedenfalls scheint ausgeprägter als bei der Großen Koalition. Wir von metroscope haben die wichtigsten Punkte aus dem Koalitionsvertrag herausgesucht, die mit Stadtentwicklung zu tun haben – und erlauben uns eine kurze Kommentierung:
  • “Unser Ziel sind leistungsfähige Kommunen mit einem hohen Maß an Entscheidungsfreiheit vor Ort.” – Auch wenn das nur eine Grundsatzforderung ist – die Denkrichtung ist gut. “Alle Macht den Bürgermeistern” ist eine alte metroscope-Forderung. Die Regierenden und Planenden vor Ort wissen am besten, wo Infrastruktur entstehen kann und wie der Markt reguliert werden muss.
  • “Das Bundesprogramm Smart Cities wird fortgeschrieben und erweitert auf Smart Regions, dabei soll es agiler gestaltet und mit städtebaulichen Fragen verknüpft werden.” – Auch auf dem Land lässt es sich smart leben, das ist in Zeiten von Homeoffice und Mobile Work klar. Viele Smart-City-Programme waren allerdings bisher eher etwas fürs Fotoalbum. Echte digitale Vernetzung von Verwaltung, Verkehr und Immobilien sucht man in Deutschland vergebens.
  • “Die vorhandenen Fördermaßnahmen im Bereich des Städtebaus wollen wir flexibilisieren und entbürokratisieren sowie die Einrichtungen der Baukultur stärken. Wir entwickeln den Smart-City-Stufenplan weiter, stärken BIM Deutschland und richten ein Smart-City-Kompetenzzentrum ein. Wir wollen die nutzungsgemischte Stadt.” – Smart City: siehe oben. Die “nutzungsgemischte Stadt” ist ein hehres Ziel, aber schwer zu erreichen, weil nach der bisherigen Funktionsweise von Städten zentrale Lagen teuer sind und deshalb beispielsweise im Einzelhandel von Filialisten dominiert werden. Erfolgsaussicht: eher düster.
  • “Unser Ziel ist der Bau von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr, davon 100.000 öffentlich geförderte Wohnungen.” - metroscope meint: Ein nicht erreichbares Ziel. In den vergangenen Jahren reichte die Bau-Kapazität gerade mal für 300.000 bis 310.000 Einheiten pro Jahr.
  • “Wir werden zeitnah eine neue Wohngemeinnützigkeit mit steuerlicher Förderung und Investitionszulagen auf den Weg bringen und so eine neue Dynamik in den Bau und die dauerhafte Sozialbindung bezahlbaren Wohnraums erzeugen.” – Das ist keine Wiederauferstehung der “Neuen Heimat”, sondern ein neuer Ansatz für eine nicht-gewinnorientierte Wohnungswirtschaft. Einen Versuch ist es wert.
  • “Wir werden durch serielles Bauen, Digitalisierung, Entbürokratisierung und Standardisierung die Kosten für den Wohnungsbau senken. Wir wollen modulares und serielles Bauen und Sanieren durch Typengenehmigungen beschleunigen.  Wir wollen die Prozesse der Normung und Standardisierung so anpassen, dass Bauen günstiger wird.” – Eine Entkomplizierung des Bauens und Ressourceneffizienz werden schon lange gefordert. Wenn Standards gesenkt werden, gut. Planer und Architekten müssen dann aber unter Beweis stellen, dass daraus keine Platte 2.0 wird.
  • “Wir werden das Baugesetzbuch (BauGB) mit dem Ziel novellieren, seine Instrumente noch effektiver und unkomplizierter anwenden zu können, Klimaschutz und -anpassung, Gemeinwohlorientierung und die Innenentwicklung zu stärken sowie zusätzliche Bauflächen zu mobilisieren und weitere Beschleunigungen der Planungs- und Genehmigungsverfahren vorzunehmen. Wir werden die entsprechenden Regelungen im Baulandmobilisierungsgesetz entfristen und die rechtlichen Grundlagen für eine vollständige Digitalisierung der Bauleitplanverfahren schaffen.” – Schon das “Baulandmobilisierungsgesetz” der GroKo hat hier einige Änderungen gebracht, etwa mit dem sektoralen Bebauungsplan, der die Erlaubnis neuer Wohnungen neben bereits vorhandenen Wohnungen leichter machen soll. Was fehlt, sind Personal und Kompetenz in den Behörden. Und, nun ja, an vielen Stellen einfach auch die Flächen für eine weitere Innenentwicklung der Städte.
  • “Wir werden die Grundlagen schaffen, den Einsatz grauer Energie sowie die Lebenszykluskosten verstärkt betrachten zu können. Dazu führen wir u. a. einen digitalen Gebäuderessourcenpass ein.”Mehr Bürokratie wagen: An Energieausweisen und Öko-Zertifikaten mangelt es nicht. Jetzt noch zusätzlich zu berechnen, welche Ressourcen beim Bau wie viel CO2 emittiert haben, dürfte die Sache nicht einfacher machen.
  • “Der Bund schafft die Voraussetzungen, dass das OZG (Anm.: "Onlinezugangsgesetz”) in den Kommunen erfolgreich und praktikabel umgesetzt werden kann.“ – Ein Angstthema in viele Städten: Das Gesetz verpflichtet die Behörden dazu, Verwaltungsleistungen grundsätzlich auch elektronisch anzubieten. Angesichts der Tatsache, dass viele Behörden weiterhin das Fax bevorzugen, ist das Ziel zwar richtig, aber unrealistisch.
  • "Wir werden das Nachhaltigkeitsziel der Bundesrepublik beim Flächenverbrauch mit konkreten Maßnahmen hinterlegen. Die Regelung des § 13b BauGB wird nicht verlängert.” – Der Flächenfraßparagraph kommt wieder weg. Doch wodurch wird er ersetzt? Wenn Städte weiter wachsen sollen, müssen am Rand auch neue Baugebiete entstehen können, ohne dass man immer wieder fünf Jahre auf den neue Bebauungsplan warten muss. fab
Viel Stress um die Straßenmöbel
Hinguckler hinter Zaun: die Intervention in Starnberg. Foto: guz
Hinguckler hinter Zaun: die Intervention in Starnberg. Foto: guz
Nach so viel Berliner Parkett werfen wir jetzt mal einen Blick in Regionen jenseits der klassischen Metropolen: nach Starnberg. Ein beschauliches Städtchen südlich von München, ökonomisch recht potent, aber städtebaulich verhunzt. In Starnberg spielt sich seit einigen Monaten ein Schauspiel ab, das ein Thema illustriert, das für Immobilienentwickler, aber auch die öffentliche Hand zunehmend zentral wird: Der Umgang mit frisch erworbenen Grundstücken in Form von Zwischennutzungen. In diesem Fall geht es um ein Grundstück nahe dem Bahnhof, nicht weit vom See entfernt. Der Entwickler Ehret + Klein möchte dort ein Wohn- und Geschäftshaus errichten. Bis dahin hat man den Künstler Andreas Sarow ein grell magentafarbenes Provisorium da hinstellen lassen, die „Wiege von Starnberg“, halb Kunstwerk, halb Tribüne für die Starnberger, um einen Blick auf den See zu erhaschen.
Das Problem aber: Die Wiege wiegt niemanden. Sie ist abgesperrt. Es fehlen Genehmigungen. Der Entwickler wartet schon lange auf eine Entscheidung des Landratsamtes. Vor Januar ist mit einem Go aber nicht zu rechnen, wie man hört. Ich liege wohl nicht ganz falsch damit, in der verwaltungstechnischen Bockigkeit auch einen Ausdruck eines gewissen Unwillens vor Ort zu sehen. Manchen Bürgern ist der rosafarbene Koloss nämlich ein Dorn im seesensiblen Auge.
Nur: Die Absperrung der Installation macht natürlich nichts besser. Klar ist eine solche Intervention kontrovers. Aber so sollte man sie auch betrachten: als temporäres Statement, das man, selbst wenn es einem nicht gefällt, zumindest so auf sich wirken lassen sollte – wie es von den Initiatoren ja auch gedacht ist. Hier fehlt offenbar eine realistische Einschätzung, was derlei temporäre Eingriffe können und was nicht.
Scheinbar stehen sich viele Beteiligten hier gegenseitig im Weg. Es herrscht kein einheitliches Verständnis dafür, was die temporäre Bespielung eines in der Beplanung befindlichen Grundstückes kann und soll. Und damit ist das Thema Zwischennutzung insgesamt angesprochen. Viele innovative Immobilienentwickler sind ja heute bereit, mit erworbenen Grundstücken unkonventionell umzugehen und etwa mit lokalen Kunstinitiativen zu kooperieren. Aber unsere städtischen Strukturen (auch, aber nicht nur Verwaltungen) stehen dem entgegen. Man behandelt das Thema stiefmütterlich, weil es ja nicht um die Ewigkeit geht. Und an der ist der ist die Verwaltung scheint’s meist orientiert.
Aber genau diese Offenheit für Temporäres, für Hybrides würde unseren Städten gut tun. Denn wir werden sie künftig in noch viel stärkerem Maße brauchen. Städte sind (und waren eigentlich ja auch schon immer) in permanentem Wandel begriffen. Zwischennutzungen tragen dem Rechnung. Sie sind in diesem Sinne geradezu Ausdruck des Prinzips Urbanität. Und sie stellen, für Künstler oder andere Kreative, eine Chance dar. Aber die Art, wie wir Stadt verhandeln, hat dafür noch keinen rechten Sinn. guz
"Thoughtfulness, love for detail" – Award für Chipperfield
Preisträger David Chipperfield. Links Laudator Caspar Schmitz-Morkramer. Foto: Stefan Wieland
Preisträger David Chipperfield. Links Laudator Caspar Schmitz-Morkramer. Foto: Stefan Wieland
Vor einigen Tagen erhielt der britische Architekt David Chipperfield den ULI Germany Leadership Award für sein Lebenswerk. Die Laudatio hielt der Architekt Caspar Schmitz-Morkramer. Hier exklusiv Ausschnitte daraus. 
After working for Richard Rogers and Norman Foster, David Chipperfield started his own studio in 1985, operating out of London and Japan. I was very impressed by a lecture that he gave in 1987 at the Royal Institute of British Architects. It was a remarkably diversified piece; in it, he managed to explain not only how difficult it was to get bigger commissions, but also how working on different kitchen designs taught him about detailing and material.
There is a part I remember vividly: On one particular commission, where he was adding a kitchen to a freshly renovated house in a style which he described as quite chincy, he did not want his kitchen design ending up being something like a “shock” to the rest of the house. It shows the respect that he had for what was already there.
Indeed, looking at his oeuvre, it seems plausible that working on the small scale has probably prepared him for his bigger-scale work in a way that is truly unique for its outstanding quality, thoughtfulness and love for detail. Another very interesting thing about him is that the tasks he chose have always been a mix between works for residential, commercial and other types of buildings all over the world: fashion shops, interiors or, most importantly, cultural buildings.
With his design for the Neues Museum here in Berlin, he set standards in how to treat a historical building with respect, creating a new composition at the same time. It is a very calm and unagitated approach. I remember visiting the building once during construction and then again after completion. I was equally struck by the concept and the perfect execution. In 1998, he founded his Berlin-based studio, where 130 architects work with him and his partners. The studio has shown its immense potential ever since, with buildings like the Literaturmuseum der Moderne in Marbach, the Folkwang Museum in Essen, the James Simon Gallery and, most recently, with the very respectful refurbishment of Mies van der Rohe’s Neue Nationalgalerie.
While it may be true that he, as the German newspaper DIE ZEIT once wrote, “builds the new temples of our nation”, we must not forget the multitude of other works that have left their indelible mark on German architecture, such as the Empire Riverside Hotel in Hamburg or the recently finished Jacoby Studios in Paderborn, to name but two. Most of you will also be familiar with his designs for the Elbtower in Hamburg or the Carsch House in Düsseldorf.
Once asked about the international style, our awardee answered that he has no understanding for such a style. He firmly believes that architecture is always supposed to be a reaction to the cultural surrounding in which you are planning. Two beautiful examples of this stance are the Americas Cup Building “Veles e Vents” in Valencia, Spain, and the Inagawa Cemetery Chapel and Visitor Centre in Hyogo, Japan. While the first is an astonishing and expressive gesture for the greatest sailing event in the world, encapsulating the pride Europe had to be able to host the event, the latter is a deeply empathic answer to feelings of sorrow. Both belong right where they are, because their design is based on a strong conceptual dialogue about their respective cultural background.
As the political person that he is, he publicly spoke out against the Brexit. He was one of seventeen Stirling Prize Winners to start a movement that would soon become widely known as “Architects Declare”. In 2017, he founded the Fundación RIA. It is a private, non-profit, cultural entity, and its main objective is to support the development and protection of the local economy, as well as the architectural, urban, natural and cultural values of the Atlantic estuaries of Galicia in north-west Spain.
That is precisely in keeping with the goals of the ULI, the oldest and largest network of cross-disciplinary real estate and land use experts in the world. ULI strives towards promoting or enabling progressive development of the built environment, sharing and spreading knowledge worldwide, while the ULI Foundation financially supports and sustains ULI’s education and research programs. Common Ground, indeed. The Lifetime Award…exists to celebrate a person that exemplifies the spirit and the mission of the ULI like few other. In that sense, this year’s recipient could not have been better chosen.
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