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Unser Ausblick – die großen Stadtthemen in 2022

metroscope - Stadt von Morgen
Unser Ausblick – die großen Stadtthemen in 2022
Liebe metroscope-Gemeinde,
rechtzeitig zum Neujahr melden wir uns nochmal – mit einem kleinen Ausblick auf Städte und Themen, die uns in den kommenden Monaten beschäftigen werden. Subjektiv und unvollständig wie immer, aber unter Einbeziehung vom vielen Feedback, das Sie uns in den vergangenen Monaten gegeben haben. Hierfür und für Ihr Interesse danken wir Ihnen sehr – und freuen uns auf ein urban vitales und vielleicht etwas weniger pandemisches 2022.
Ihre Metroskopen
Céline Lauer, Michael Fabricius, Alexander Gutzmer

Berlin
Unser Blick Richtung Hauptstadt überrascht sicher nicht. Er wurde aber kurz vor Weihnachten nochmal wichtiger. Die gerade inaugurierte Stadtregierung benannte eine neue Senatsbaudirektorin – und zwar mit Petra Kahlfeldt eine Persönlichkeit, die für eine traditionalistische, historisierende Architektur steht. Das sorgte in der Architektencommunity für böses Blut. Um die Zeitschrift Arch+ versammelte sich massiver Widerstand. Dabei ging es einerseits um den Auswahlprozess, der vielen Beobachtern als wenig transparent erschien. Es ging und geht aber auch um die Architektur- und Stadtauffassung von Petra Kahlfeldt. Das Büro, das sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt, steht für steinerne Retro-Villen. Vorvorgänger Hans “Kritische Rekonstruktion” Stimmann gilt als ihr Förderer. Die Frage ist, ob dieses eher in die Vergangenheit blickende Architekturverständnis auch ihre Arbeit als Baudirektorin prägen wird. Wäre dem so, würde das vermutlich nicht zu massenhaft zukunftsgerechten Projekten führen. Und die hat Berlin nötig – auch jenseits der vielen Bottom-Up-Ansätze, für die sich Kahlfeldts direkte Vorgängerin Regula Lüscher stark eingesetzt hatte.
Hannover
 Konzert mal draußen. Nice Idee, nicht nur wegen Corona. Foto: LHH / Krückeberg
Konzert mal draußen. Nice Idee, nicht nur wegen Corona. Foto: LHH / Krückeberg
Dass wir bei metroscope Städte als Experimentierfelder betrachten, dürfte Sie, liebe Leser, nicht überraschen. Interessant: In Corona-Zeiten haben viele Städte begonnen, temporäre Laborzonen auszuweisen und dort von den üblichen starren Richtlinien abzusehen. In Hannover beispielsweise startete eine Reihe so genannter Reallabore. Die Innenstadt wurde zum Raum, um neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Rund um die Oper gestaltete die Stadt gemeinsam mit ihren großen Kulturhäusern eine öffentliche Erlebniszone. An der zentralen Marktkirche wurden Autoverkehr und Parkmöglichkeiten eingeschränkt. Mehr Stadtgrün, neue Sitz- und Verweilmöglichkeiten und ein Pop-up-Jugendzentrum kamen. Der BDA Niedersachsen veranstaltete rund um den Köbelinger Markt die Ideenwerkstatt “BDA Werkbank”. In 2022 wird diese auf der Real Estate Arena fortgesetzt. (Hier ein Film zur Werkbank)
Die Stadt flankierte die Experimente mit Experten-Interviews und einer gutachterlichen Bestandsaufnahme. Im kommenden Mai sind der Beteiligungsprozess und die Reallabore abgeschlossen. Die spannende Frage dann: Was bleibt von der temporären Öffnung der Stadt – und wie kann diese auch die „reguläre“ Stadtplanung in Zukunft beeinflussen?
Brüssel
Visualisierung des neuen Bauhaus, geliehen von der EU-Kommissionswebsite
Visualisierung des neuen Bauhaus, geliehen von der EU-Kommissionswebsite
Bisher ist das „New European Bauhaus“, das EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen proklamiert hat, vor allem ein hübscher Gedanke. Doch jetzt wird es ernst. Erste Projekte wurden ausgewählt. Deren Realisierung beginnt im kommenden Jahr. Nun wird sich zeigen müssen, ob die Idee wirklich trägt. Oder anders gesagt: Europas urbane Stakeholder, ob Architekten, Kommunen oder Entwickler, sind gefragt. Mit wohlfeilen Statements zum klimapolitischen Handlungsbedarf sind sie schnell bei der Hand. Das reicht aber nicht. Die Idee des neuen Bauhauses ist, wie die seines Vorgängers, aus gesellschaftlich sinnhaften Modernisierungsprojekten etwas auch kulturell Relevantes und sinnlich Ansprechendes zu machen. Davon ist die Klima-Offensive der gegenwärtigen Planercommunity bei allem guten Willen noch weit entfernt. Das New European Bauhaus ist erfolgreich, wenn es dem Klimaschutz ein spannendes, architektonisch relevantes und stadtentwicklerisch mutiges Gesicht verleiht.
München
Die Isarmetropole soll ein Kunsthochhaus bekommen – wir berichteten. Das kommende Jahr wird für das Projekt entscheidend. Im März schließen die Initiatoren um den Architekten Benedict Esche eine Machbarkeitsstudie ab und gehen dann mit drei verschiedenen Varianten vor den Stadtrat. Für einen echten Hochpunkt bräuchte es eine Änderung des bestehenden Bebauungsplans. Aus urbanistischer Sicht kann man nur sagen: Good luck, München täte das Vorhaben gut!
Kiel
Kiel kann Kanal: Blick auf das "Holstenfleet". Quelle: Céline Lauer
Kiel kann Kanal: Blick auf das "Holstenfleet". Quelle: Céline Lauer
Sollten Sie Ihr Umfeld 2022 mal so richtig verblüffen wollen, dann planen Sie Ihren nächsten Städtetrip nach Kiel. Wir haben das für Sie getestet – und behaupten hiermit, dass keine andere deutsche Landesmetropole derart unterschätzt wird. Die nördlichste Hauptstadt der Republik hat sich als städtebauliches Vorbild erwiesen: So entstand dort nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Holstenstraße die erste Straße in Deutschland nur für Fußgänger. Und ihr Schöpfer, der Architekt und Stadtplaner Herbert Jensen, baute seinen zerbombten Geburtsort derart visionär wieder auf, dass er 1963 gebeten wurde, seine Typologie zu exportieren. Was er dann auch erfolgreich tat – nach München.
Tatsächlich ist Kiel für Stadtmacher heute mindestens noch genauso interessant. Unter Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) hat sich in den vergangenen Jahren viel getan; gerade im Zentrum wurde kräftig investiert und gebaut. Kernstück ist ein 170 Meter langer Kanal nahe dem Rathaus, der Wasser und Lebendigkeit in die City zurückholen soll – und dort verläuft, wo sich früher der Verkehr sechsspurig hindurchwälzte. Das „Holstenfleet“ getaufte Ensemble gilt unter Experten als derart gelungen, dass es 2021 mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis ausgezeichnet wurde.
Am bemerkenswerten ist indes die Genese des Kanals: Das Projekt entstammt einer Perspektivenwerkstatt von 2008 und kann als Musterbeispiel für Stadtentwicklung mit Bürgern und für Bürger gelten. Es gab von Beginn an Workshops, Spaziergänge, Diskussionsrunden – und mehr als 670 Beiträge und Hinweise aus der Bevölkerung, die in den Prozess einflossen. Sogar der Name „Holstenfleet“ wurde von den Kielern per Abstimmung auserkoren.
Da ist es nur konsequent, dass die Stadt mit ihrer bürgernahen, kooperativen Entwicklung weitermacht. Etwa mit der Initiative MITTE Kiel, die den Raum an der Hörn – die Hafenspitze – nicht nur zum geografischen, sondern auch zum öffentlichen Zentrum der Stadt machen will, mit viel Platz für Begegnung und Austausch. Oder mit dem Verein ALTE MU Impuls – Werk e.V., der die ehemalige Muthesius Kunsthochschule zum Kreativzentrum für Wohnen, Arbeiten und (Weiter-)Bildung umgestalten will. Man darf gespannt sein, wie die City sich in den kommenden zwölf Monaten wandeln wird – und ob ihr Beispiel im Land wieder Schule macht.
Paris
Zu den wenigen schönen Bildern, die diese Pandemie bisher zu bieten hatte, zählten Mini-Clips, die in den Sozialen Netzwerken kursierten. Darauf zu sehen: Massen von Radfahrern, die völlig entspannt durch die Prachtstraßen der französischen Hauptstadt rollen – gänzlich unbehelligt vom motorisierten Individualverkehr.
Boulevards für Drahtesel, Uferstraßen für Fußgänger, Kreisverkehre für Inline-Skater: Paris gilt seit längerem als europäische Vorzeige-City für klimagerechten Umbau des Verkehrswesen. Auch in anderen stadtplanerischen Belangen macht La Capitale vor, wie es gehen kann; etwa, indem kleine, feine Start-Ups dank Finanzhilfe leerstehende Ladenlokale temporär mieten können. Das ermöglicht Gründern, ihre Geschäftsidee in der Praxis zu testen, bringt Leben in die City und verhindert zugeklebte Schaufenster.
Als Urheberin des Wandels gilt Anne Hidalgo (Parti Socialiste), Bürgermeisterin seit 2014 und studierte Sozialrechtlerin, die bereits 2008 als Stellvertreterin die Zuständigkeit für Stadtentwicklung und Architektur übernahm. Unterstützt wird sie dabei vom französisch-kolumbianischen Stadtforscher Carlos Moreno, der aus Paris die ultimative “15-Minuten-Stadt” machen will – also eine Metropole, in der sich die sechs Grundbedürfnisse Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Gesundheitsversorgung, Ausbildung und Freizeit in einem Radius von gerade mal 15 Minuten zu Fuß oder per Rad befriedigen lassen.
Ob sein Bauplan für die Zukunft von Paris aufgeht, wird sich in den kommenden zwölf Monaten abzeichnen. Und nicht nur das: Als Hidalgo begann, die City umzukrempeln, prophezeite man ihr, dass sich das bei der nächsten Wahl rächen würde. Tatsächlich wurde sie mit deutlichem Vorsprung im Amt bestätigt; die Pariser scheinen sowohl ihre Visionen als auch deren konkrete Umsetzung zu schätzen. Es wird sehr interessant, ob sie damit auch über Paris hinaus die französische Stadtentwicklung prägen wird. Am 10. April 2022 tritt Anne Hidalgo wieder an – bei der Präsidentschaftswahl.
Weitere Stadtlinks
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