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Umbruch im Hotelsektor, infantile Stadtplanung

metroscope - Stadt von Morgen
Umbruch im Hotelsektor, infantile Stadtplanung
Liebe Leser,
steigen Sie gern in reinen Business-Hotels ab? Nein? Wir auch nicht. Insofern nicht so schlimm, dass die laut EY-Umfrage wohl keine rosige Zukunft haben.
Ein provokantes Buch über die Infantilisierung der Gesellschaft hat derweil der Journalist Alexander Kissler vorgelegt. Auch die Stadtplanung bekommt ihr Fett weg.
Frohe Lektüre wünschen wir!
Michael Fabricius & Alexander Gutzmer

Shopping-Center und Business-Hotels in der Krise
Das ist mal ne krasse Aussage: 36 Prozent aller Real Estate-Investoren sehen das Ende der Hotelkategorie „Business-Hotel“ am Horizont. An eine komplette Erholung dieses gebeutelten Hoteltyps nach Covid19 glaubt kaum jemand. Das zeigt das aktuelle Trendbarometer „Immobilien-Investmentmarkt“ von EY. Noch eindeutiger geht es den Shopping-Centern an den Kragen. Sie haben sogar laut 62 Prozent der Befragten keine blühende Zukunft mehr. Auch für die Innenstädte insgesamt sieht es erst mal düster aus. Knapp jeder zweite Investor glaubt, dass sich der Einzelhandel dauerhaft durch Covid19 geschädigt wurde (Chart 1).
Diese Ergebnisse sind deshalb so gravierend, weil hier ja Leute befragt wurden, die selbst Investitionsentscheidungen tätigen – und bezogen auf diese Assetklassen eben nicht mehr tätigen dürften. Sie können und werden also selber die Resultate schaffen, die sie hier prognostizieren. Zur Vergrößerung bitte manuell hineinzoomen:
Chart 1
Chart 1
Vergleichsweise gut sieht es dagegen für den Markt der Büroimmobilien aus. Hier erwarten die Experten eine recht schnelle Erholung. Auch ein Ende des Trends zum Coworking sehen sie nicht. 82 Prozent gehen davon aus, dass spätestens ab 2023 wieder genauso emsig gecoworked wird wie vor der Krise. Lediglich für Büros in der Peripherie sieht es etwas schlechter aus. Wobei man hier sicher genauer hinschauen muss, von welcher Art Architektur man spricht. Wir von metroscope glauben ja: B- und C-Lagen brauchen künftig mehr Investments in gute Baukultur, können damit aber auch eine eigene Attraktivität entwickeln.
Wo in Deutschland aber wollen die Geldgeber vor allem investieren (Chart 2)? In Sachen Büros scheint momentan Berlin die besten Chancen zu bieten. Im Einzelhandel sehen die Befragten hingegen in München das größte Potenzial. Interessant sind in diesen Segmenten die großen Schwankungen zwischen den einzelnen Standorten. Offenbar fokussieren die Unternehmen hier ihre Investments sehr viel stärker als im Wohnen, wo die unterschiedlichen Einzelmärkte vergleichsweise ähnlich stark ins Visier genommen werden (Chart 3).
Chart 2
Chart 2
Chart 3
Chart 3
Erfreulich: Der Klimawandel spielt als Investitionskriterium inzwischen für die meisten Entscheider eine Rolle (Chart 4). Das bedeutet, dass Geld künftig vor allem in Projekte fließt, die den nachhaltigen Umbau unserer Städte mitdenken. Auch die Architektur wird also künftig immer den Ausweis bringen müssen, klimatechnisch das Optimum aus einem Projekt herausgeholt zu haben. Dem Umbau der Mobilitätssysteme in den Städten scheinen die Financiers also positiv gegenüber zu stehen.
Chart 4
Chart 4
Feedback
Uns schrieb Dr. Hans-Michael Brey, Vorstandsvorsitzender der von der Gewobag gegründeten Stiftung Berliner Leben:
Was für ein launiger und fröhlicher Newsletter, der neueste Entwicklungen aufgreift und klug kommentiert. Schön geschrieben, informativ, einfach toll! Mehr davon. 
Lieber Dr. Brey, keine Sorge, wir bleiben dran!
Infantilisierung der Stadt(-Planung)
Als ich vor ein paar Tagen durch die Münchner Innenstadt spazierte, sprangen mir immer wieder Polizisten ins Auge, die die Menschen zum Masketragen anhielten. Sympathisch, entspannt. Fast väterlich. Und Passanten, die sich wie renitente Kids ertappt fühlten, teils schuldbewusst die Maske aufsetzten, sie teils an der nächsten Ecke mit Schelmenblick aber auch wieder abnahmen. Eine Szene, wie auf dem Schulhof gemacht. Corona, könnte man sagen, infantilisiert uns ein wenig. Ein Vorwurf an die Maßnahmen der Bundesregierung lautet ja auch, dass den Menschen zu wenig Eigenverantwortung zugetraut wird.
Die Pandemie-Maßnahmen stoßen aber auch auf fruchtbaren Boden. Denn schon vor Covid19 war eine gewisse Infantilisierung der Gesellschaft in Gange. Und gerade in der Diskussion über Stadt und unser Verständnis von urbanem Raum setzt sich der infantile Blick durch. „Stadt“ wird immer mehr als argloser Playground (für Kinder und Erwachsene) gesehen. Jegliche Gefahr, jegliche Unsicherheit muss dem öffentlichen Raum ausgetrieben werden.
Aber entspricht dieses Bild des urbanen Gebildes als kollektive Spielzone überhaupt dem, was man unter Stadt verstehen will? Stadt war für mich immer ein komplexes Gesamtkunstwerk, eines, das die Menschen auch fordert. Sicherheit ist ein wichtiger Planungsparameter, aber eben nur einer unter vielen. Erwachsene, so meine These, können mit dem Risiko umgehen, das das Leben in der Stadt auch mit sich bringt.
Das Schöne an Städten: Man kann an ihnen den State of Mind ganzer Gesellschaften ablesen. Der Publizist Alexander Kissler widmet denn auch im gerade erschienenen Buch „Die infantile Gesellschaft“ dem Prinzip Stadt ein ganzes Kapitel. Kissler liefert eine Kulturanalyse der um sich greifenden Kindlichkeit. Er zeigt, wie wir Infantilität und Unernst zunehmend zum politischen Gestaltungsprinzip erheben. In der Stadtplanung entdeckt Kissler dafür reichlich Belege.
Kapitale der von ihm kritisierten Unterkomplexität ist – wie sollte es anders sein – Berlin. Klar, an der Spree ignoriert man mitunter gesellschaftliche Zivilisierungsmomente zugunsten kindlicher Spontanaktivität. Zu beobachten war das bei den doch recht albernen „Corona-Demos“ vor einigen Wochen. In plötzlicher Hysterie kreischten da die Massen herum, sie seien in einer Diktatur gefangen und müssten ganz dringend aufbegehren. Wie infantile Frechdachse, denen man ihr Schokoeis vorenthält. Wobei es sich natürlich nicht nur um Berliner handelte. Die Spreemetropole zog vielmehr neojuveniles Volk aus ganz Deutschland an, gerne aus NRW oder Baden-Württemberg.
In Kisslers Polemik ist Berlin aber doch die Metropole des Infantilen. Und stellenweise sieht die Stadt ja auch so aus. Ziel von Kisslers Zorn waren vor allem die Kreuzberger Versuche, die Bergmannstraße so weit wie möglich vom Autoverkehr zu befreien. Die Parklets und Stonelets von Stadtrat Florian Schmidt boten dem süffisant formulierenden Kissler reichlich Futter. Vor allem an der kitahaft wirkenden Visualität vieler Maßnahmen, allen voran den grünen Punkten auf der Straße, stört sich der NZZ-Redakteur.
Was genau sei Schmidts Haltung? Kissler:
„Dass die Sichtbarmachung des öffentlichen Raumes „gut“ sei, dass also ein optisches Signal die guten Gründe der Maßnahme verbürge, die das Signal anzeigt, dass also eine politische Aktion sinnvoll sei, weil und wenn man sie sieht … Dass erhöhte Emotion auf erhöhte Relevanz deute, dass es also wichtig sei, was Gefühle auslöst, egal welcher Art. Dass Ästhetik der Ethik vorausgehe. Grüne Punkte sollen den Menschen bessern. Wer aus diesen Aussagen die Summer ziehen will, der landet bei einem unreifen Bild der Welt. Es folgt einem Kindervers. Ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist toll.“
Gegen überlegte Verkehrsberuhigung und eine radfreundliche Politik ist grundsätzlich wenig zu sagen. Aber für die Stadtplanung ist es schon ein Problem, wenn sie wie von Kissler vorgeführt insgesamt als kindlich wahrgenommen wird. Weil sie dann den Eindruck erweckt, das von ihr gestaltete System – die Stadt mit all ihren Härten und Widersprüchen – nicht mehr zu verstehen.
Tatsächlich greift die Infantilisierung im städtischen Verkehrsraum um sich – in ganz Deutschland. Verkehrsteilnehmer benehmen sich zunehmend wie Kinder. Das Gegenteil von „erwachsen“ ist wechselseitiges Sich-Anpöbeln. Hier war das Auto schon immer weit vorn, weil Hupen nun einmal eine eher primitive Ausdrucksform ist. Inzwischen aber haben Radler ein Äquivalent dazu entwickelt: Das Schreien. Immer wieder kommt es vor, dass Radfahrer sich in eigentlich harmlosen Lagen durch hysterisches Schreien prophylaktisch Aufmerksamkeit verschaffen. Die selbststilisierende Idee dahinter ist klar: Man sieht sich als furchtlosen Urban Warrior und den Stadtraum als Kampfzone. Auch hier wieder: infanfiler Antagonismus statt artikulierter Interaktion. (guz)
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Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer von metroscope

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Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer