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Traumatisiert Corona die Städte? Sind Smart Cities undemokratisch?

metroscope - Stadt von Morgen
Traumatisiert Corona die Städte? Sind Smart Cities undemokratisch?
Guten Morgen liebe Urbanisten,
kommen Sie gut durch den Lockdown? Wir unsererseits können uns nicht beklagen. Anders als die Städte – dachten wir zumindest. Doch wie nachhaltig wird unsere Stadtkultur durch Corona geschädigt? Die Psychologin Cornelia Ehmayer-Rosinak zeigt sich in unserem Interview jedenfalls optimistisch. Das ist doch mal ne gute Nachricht!
Eine optimistische Lektüre wünschen wir
Michael Fabricius & Alexander Gutzmer

Die Smart City killt die Demokratie nicht, aber sie fordert sie heraus
Es ist ein provokativer Text, den Adrian Lobe jetzt in der NZZ publiziert hat. Der Politikwissenschaftler betrachtet die Smart City aus demokratietheoretischer Perspektive. Und was er entdeckt, ist wenig schmeichelhaft für unserer Vision einer digital erweiterten Stadt:
„Eine kleine Clique von Programmierern definiert Probleme und Sollwerte: Tempolimit, Grenzwerte und anderes mehr. Was in den Modellen nicht als Problem auftaucht, ist schon gar nicht problemlösungsfähig, geschweige denn politisierungsfähig.“
Lobes Grundthese: Die Smart City nimmt uns so viele Entscheidungen ab, dass wir am Ende überhaupt nicht mehr darüber nachdenken, wie unsere Städte funktionieren sollen.
Nun wirkt der Text auf den ersten Blick mitunter etwas bemüht. Vor allem sind die Beispiele, die Lobe anführt, alle verführerisch überzeugend. Er schreibt zum Beispiel:
„Wenn das intelligente System aus den Alltagsroutinen … der Bürger lernt, dass an Sonntagabenden im Durchschnitt eine bestimmte Zahl an Zugreisenden am Bahnhof ankommt, werden entsprechend viele Robotertaxis zur Verfügung gestellt.“
Das ist doch eine gute Sache oder? Es gibt in dem Text viele Beispiele für Smart City-Mechaniken, die für sich genommen total sinnvoll wirken.
Und zugleich ist dieser Mechanismus der vielen „guten Sachen“ tatsächlich ein Problem für Städte. Weil er die Stadt auf die Summe effizienter Problemlösungen reduziert. Urbanität ist nicht nur die Organisation von Problemlösungen. Städte sind keine Computer. Oder vielmehr: Sie sind Computer, aber eben auch mehr als das.
Genau um dieses Mehr geht es in der Stadtplanung. Und darum geht es auch in Architektur und Projektentwicklung. Wir werden, anders als Lobe glaubt, die Smart City-Bewegung nicht stoppen können – und ich würde das auch nicht wollen. Ich erwarte aber von allen am Projekt Stadt Beteiligten, dass sie bewusst neue Entscheidungsräume für die Stadtbürger schaffen. Ja, die digitale Stadt nimmt den Bürgern viele kleine Entscheidungen ab. Lobe sieht das kritisch, ich nicht so sehr. Aber ich empfinde es als große Gestaltungsaufgabe für uns alle, auch immer wieder Zonen zu schaffen, in denen ganz bewusst menschliche Willkür herrscht und humaner Gestaltungsgeist. Weil dieser mitunter eben doch mehr kann als ein Algorithmus.
Buch: Speichern und Strafen
„Die Stadt zeigt genau jetzt ihr Potenzial“
Berlin bei Nacht. So leer sind die Straßen "normalerweise" nicht. Aber ist das auch das Bild einer traumatisierten Stadt?
Berlin bei Nacht. So leer sind die Straßen "normalerweise" nicht. Aber ist das auch das Bild einer traumatisierten Stadt?
Clubs und Cafés sind zu, die Menschen laufen mit FFP2-Masken verloren durch die Innenstädte. Corona beutelt Downtown. Was bedeuten die Dauerlockdowns für die Psychologie der Stadt? Wir sprachen mit Dr. Cornelia Ehmayer-Rosinak die in Wien das Beratungsunternehmen „STADTpsychologie“ betreibt.
Frau Ehmayer-Rosinak, Sie sitzen in Wien. Wie stark ist die Stadt Wien von Corona gebeutelt?
Nicht stärker als andere Städte. Man hat hier aber den Eindruck, die Bundesregierung würde gegen das „rote Wien“ ankämpfen. Als wenn die Stadt per se ein Treiber von Corona wäre. 
Eine Wahrnehmung, die womöglich daher rührt, dass Städte immer auch etwas „Widerständiges“ haben. Und dies ist auch in ihrer kollektiven Psychologie verankert. Genau deshalb sprechen wir. Gibt es denn überhaupt so etwas wie eine „Psychologie der Stadt“?
Definitiv. Ich empfehle zur Lektüre das Buch „Stadtpsychologie“, herausgegeben von Andreas Jüttemann. In der Psychologie der Stadt kommen die Disziplinen Architekturpsychologie, Umweltpsychologie und Gemeindepsychologie zusammen. Man kann Städte eben nicht nur über Bauwerke verstehen, sondern muss die Menschen als Stadtwesen mit einbeziehen. Und es gibt auch eine eigene wissenschaftliche Methodik: die „Aktivierende Stadtdiagnose“. Diese erforscht, was Städte resilient und gegen Krisen gerüstet macht. Diese Diagnose legt Städte quasi auf die Couch.
Dann legen wir mal. Was bedeutet der fortgesetzte Lockdown für die Psychologie unserer Städte?
Die Stadt als rein architektonisches Wesen ist von Corona ja erst mal nicht betroffen. Die Gebäude stehen herum wie vorher. Plätze in Berlin oder Wien sind leer, die klassischen Konsumtempel geschlossen. Das Potenzial der architektonischen Schönheit unserer Städte kann sich, wenn man so will, sogar ungehinderter entfalten. Immens sind hingegen natürlich die psychologischen Auswirkungen von Lockdowns für die Menschen. Sie können ihren normalen Handlungen im Stadtraum nicht nachkommen. Das bedeutet eine starke psychologische Irritation.
Die Wissenschaftsjournalistin Céline Lauer hat in der Welt darauf hingewiesen, wie wichtig die soziale Interaktion auch mit fremden Menschen für unser seelisches Wohlergehen ist. Traumatisiert Corona also den Stadtmenschen?
Einerseits. Andererseits aber ist die Stadt auch die Lösung. Menschen bewegen sich in Zeiten des Lockdowns im konsumbefreiten öffentlichen Raum, um Trost und Halt zu suchen. Die Stadt zeigt genau jetzt ihr Potenzial. Hier hilft es, wenn eine Stadt, wie Wien, über viel Grünflächen und funktionierende öffentliche Räume verfügt. Wir beobachten momentan, wie intensiv Menschen sich auf Stadtwanderwegen im öffentlichen Raum bewegen. Dieses Verhalten bietet wertvolle Anhaltspunkte auch für die künftige Stadtplanung. Die Stadtplanung ist ja schon in den vergangenen Jahren immer demokratischer geworden. Der Lockdown unterstützt dies und wertet den öffentlicher Raum auf.
Vieles von dem, was für uns normalerweise die Stadt ausmacht, dürfen wir momentan nicht. Glauben Sie, dass diese veränderte, man könnte auch sagen weniger intensive Nutzung der Stadt dauerhaft sein wird?
Nein. In der Psychologie unterscheiden wir zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation zu einem bestimmten Verhalten. Unser momentanes Verhalten ist extrinsisch, also durch äußeren Zwang motiviert. Wir wissen aus der Verhaltenswissenschaft, dass Menschen ein nur extrinsisch erzeugtes Verhalten aufgeben, sobald der Zwang wegfällt. Also: Wir werden wieder so leben wie bisher, vielleicht sogar intensiver.
Wie verändert Corona unsere Städte längerfristig? Gibt es etwa Learnings für die Stadtplanung?
Politiker, aber auch Investoren erfahren momentan, wie wichtig öffentliche Räume sind. Ich selbst war in Wien am Masterplan für die Nutzung des Donaukanals beteiligt. Hier haben wir vieles richtig gemacht, was heute zum Common Sense wird. Es geht darum, nicht jeden flecken Stadt für den Konsum freizugeben. So entstehen egalitäre Zonen, zu denen alle gleichermaßen Zugang haben.
Verstehen auch Projektentwickler diese Denkweise?
Zunehmend. Sie sehen auch, dass es wirtschaftlich nicht nachhaltig ist, wenn Städte die Menschen krank machen. Und übrigens entwickeln die Menschen selber auch gerade ein klareres Verständnis für das, was ihnen in der Stadt gut tut. Die Menschen bewegen sich heute viel mehr als vor der Krise. Sie spüren, dass sie sich bewegen müssen. Außerdem haben wir heute ein distanziertes Verhältnis zu Innenräumen, weil diese eben auch die Räume sind, die potenziell krank machen.
Sie selbst sehen ja die Konsumzentrierung der Stadt kritisch. Wird diese dauerhaft zurückgehen?
Ach da bin ich skeptisch. Die Menschen konsumieren nun mal gern. Ich erwarte sogar einen Rebound-Effekt mit Hyperaktivität in Sachen Konsum.
Eine These lautet ja, Corona führe zu einem Run raus aus der Stadt. Sehen Sie diesen Trend?
Nein. Richtig ist, dass 44 Prozent alles Deutschen laut einer aktuellen Studie vom Landleben träumen, obwohl 77 Prozent heute in der Stadt leben. Es gibt diese Sehnsucht nach grün. Aber ich halte das eher für einen Flirt.
Das Versprechen des Stadtraumes als Freiheitsraum funktioniert also noch?
Ja, „Stadtluft macht frei“ gilt weiterhin.
Feedback
Zum Text aus der letzten Ausgabe über infantile Tendenzen in Stadtplanung und Gesellschaft erreichten uns Leserreaktionen. Dilek Ruf, Gründerin des Architekturbüros BBU und Vorsitzende des BDA Hannover, schreibt:
Euer Beitrag zur infantilen Stadtplanung gefällt mir sehr. Und tatsächlich ist das Maß an Schutzgewährung inflationär gewachsen, und Eigenverantwortung wie auch gesunder Menschenverstand haben gefühlt ein negatives Image. Das ist ein wesentliches Übel – und ein Grund dafür, warum Bauen zwar immer teurer, aber nicht zwangsläufig intelligenter wird.
Zum selben Text äußert sich auch Susanne Peick, Chefredakteurin der Zeitschrift polis:
Ihr schreibt: “Man sieht sich als furchtlosen Urban Warrior und den Stadtraum als Kampfzone. Auch hier wieder: infanfiler Antagonismus statt artikulierter Interaktion.” DAS IST SOOOO WAHR! „Artikulierte Interaktion“ ist nicht nur im Straßenverkehr ein Fremdwort. Man hat irgendwie schon das Gefühl, dass uns die „Kultur der Kommunikation“ abhanden gekommen ist. Zuhören. Verarbeiten. Antworten. Viele kommen nur an den Punkt “Zu….rück schlagen, weil das was du mir sagst, will ich mir als freier Mensch nicht bieten lassen!“ Freiheit ist das nicht. Es ist Gefangen-Sein in ewiger Selbstrechtfertigung des eigenen Seins. Eine Portion Egoismus. Aber noch nen Ticken schlimmer: Unreflektierter, dummer Egoismus - der im Straßenverkehr sich auch in Form von aufs-Autodach schlagen zeugt, obwohl man als Autofahrer alle Regeln beachtet und niemanden gefährdet hat. Wann nur wurde aus dem Rad-fahren das am Rad-drehen? ;-)
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Irgendwie lässt sie uns nicht los, die Berliner Friedrichstraße. Das Architektur- und Designbüro 3deluxe schickt uns diese Vision der umgestalteten Renommiermeile. Man wolle eine Vorstellung davon liefern, wie die autobefreite Friedrichstraße jenseits des momentanen Provisoriums einmal aussehen könnte, so die Architekten. Was uns von metroscope gefällt, sind weniger die gewöhnungsbedürftigen Farben als vielmehr die Einsicht, dass die momentane linear geführte Radschneise in der Straßenmitte nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.
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