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Theoretikerin will Braunschweig regieren, die DGNB über Quartiere nachdenken

metroscope - Stadt von Morgen
Theoretikerin will Braunschweig regieren, die DGNB über Quartiere nachdenken
Liebe Stadtkreativen,
wir wissen natürlich nicht, ob Ostern Ihnen viel bedeutet. Für die Christen unter uns ist das Fest natürlich wichtig. In Sachen Stadt aber ist Jesus in jedem Fall eine interessante Figur. Er kommt vom Land, predigt aber in der Stadt. Dass ein Prediger namens Jesus in Jerusalem aktiv war und dort auch starb, so viel ist historisch belegt. Für diesen Jesus ist die Stadt Bühne und Objekt zugleich. Ein Anschauungsobjekt für alles, was schlecht läuft in der Welt, aber zugleich ein Ort, an er seine Konzepte einer anderen Gesellschaft öffentlich machen kann. Ein Möglichkeitsraum. Eigentlich nicht viel anders als unsere Städte heute – idealerweise.
Wir befassen uns dieses Mal mit der seltenen Ambition einer Architekturtheoretikerin, politisch Verantwortung zu übernehmen. Und in einem Gastbeitrag plädiert Stephan Anders von der DGNB dafür, in Sachen Nachhaltigkeit nicht nur über einzelne Häuser nachzudenken, sondern über Quartiere.
In diesem Sinne, geruhsame Osterfeiertage wünschen wir!
Ihre Michael Fabricius & Alexander Gutzmer

Braunschweig: Wird eine Architekturtheoretikerin Bürgermeisterin?
Die Fahrradkultur ist für die Grüne Schneider natürlich programmatisch. Foto: Leonore Köhler
Die Fahrradkultur ist für die Grüne Schneider natürlich programmatisch. Foto: Leonore Köhler
„Mehr Architekten in die Politik“ – diese Forderung ist auf einschlägigen Kongressen häufig zu hören. Bezogen auf Architekturtheoretiker könnte man sie nochmals verschärfen, im Sinne von „überhaupt mal“. Insofern Erfreuliches gibt es nun aus Braunschweig zu vermelden. Dort tritt die Professorin für Architekturtheorie, Tatjana Schneider, im Rennen ums Oberbürgermeisterbüro an. Für die Grünen. 
Ihre Programmatik überrascht zunächst wenig: klima- und sozial gerechte Stadt, autoarme Innenstädte. Bereitschaft zum Experiment. Ihr Programm klingt mutig, sozial bewegt, aber eben auch nach konkreten Vorstellungen für die Stadt. Tatjana Schneider: 
„Es geht um sozial-ökologisch gerechtes Wohnen und Arbeiten, die Stärkung von öffentlichen, kommunalen und nicht-profit-orientierten Infrastrukturen und um Kultur als wesentlichem und notwendigem Bestandteil unser aller Leben.“ 
Das Reizvolle an der Vorstellung einer grün denkenden Professorin als Bürgermeisterin: Sie könnte (und müsste) täglich genau jene Widersprüche ausverhandeln, die sich für Grüne, aber auch für Stadtdenker ergeben, wenn Programmatik auf Pragmatik trifft. Ab wann schreckt aktive Wohnpolitik Investoren ab? Wie vermeiden, dass soziokulturelle Umgestaltung zu Lasten einer funktionierenden Wirtschaft gehen? Was tun, wenn nicht alle Bürger eine autofreie Innenstadt wollen? An den Ergebnissen dieser Ausverhandlung würde sich eine Bürgermeisterin Schneider messen lassen müssen.
Uns gefällt der Gedanke einer Stadttheoretikerin als Bürgermeisterin noch aus einem anderen Grund. Sie bringt eine Sensibilität für jene stadtkulturellen Mechaniken mit, die urbane Räume kreativ und lebenswert machen. Sie weiß und hat das in einem Buch von mir auch vor kurzem formuliert, dass Städte das Chaotische, das Ungeordnete, das unkontrolliert Vitale brauchen. Genau mit dieser Vitalität befasste sich die von ihr mitkonzipierte Berliner Ausstellung „Living the City“
Ein Verständnis von Stadtkultur also würde Tatjana Schneider als Stadtforscherin in den Politjob einbringen. Das ist aus unserer Sicht gerade jetzt wichtig. Weil man den Eindruck hat, dass die Politentscheider nicht verstehen, wie viel Stadtkultur kaputt gemacht wird durch immer neue Lockdowns. Die Politik agiert zwar in der Metropole Berlin, aber irgendwie dennoch im luftleeren, abstrakten, unstädtischen Raum.
Stadt ist mehr als Gebäude und Verkehrswege, auch mehr als Einzelhandel. Stadt ist ein vitales, aber auch zartes Kreativpflänzchen, das es immer wieder zu hegen und zu pflegen gilt. Jemand wie Tatjana Schneider weiß das. guz
Nachhaltiges Quartier: mehr als die Summe optimierter Gebäude
Der geplante "grüne Loop" in Hamburgs neuem Stadtteil Oberbillwerder
Der geplante "grüne Loop" in Hamburgs neuem Stadtteil Oberbillwerder
Der Wandel der Baubranche zu mehr Nachhaltigkeit lässt sich allein im Bereich der Einzelgebäude nicht lösen. Stattdessen rückt die Handlungsebene des Quartiers stärker in den Fokus. Stephan Anders, Abteilungsleiter Zertifizierung bei der DGNB, erklärt in diesem Gastbeitrag, warum das so ist.
In den kommenden Jahrzehnten hat es die Weltbevölkerung mit zwei grundlegenden Veränderungsprozessen zu tun, die ungefähr zeitgleich ablaufen werden. Da wäre zum einen der Zuzug in die Städte, deren Wachstum sowie jegliche Formen der Urbanisierung. Und zum anderen der Klimawandel, die Welt wird immer wärmer.
Dazu kommt: Beide Vorgänge stehen in Wechselwirkungen zueinander, denn in Großstädten sind die Folgen des Klimawandels häufig besonders deutlich spürbar. Städte müssen sich also in Zukunft noch stärker auf die beiden Aufgaben konzentrieren, den eigenen Beitrag zur Erderwärmung so gering wie möglich zu halten und ihrer wachsenden Bevölkerung ein hohes Maß an Lebensqualität zu bieten. Diese Herausforderung ist freilich nicht allein auf Gebäudeebene zu bewältigen.
Fünf Themenfelder und sieben Nutzungen für nachhaltigere Städte
Eine Grundlage für die (Um-)Gestaltung nachhaltiger Städte ist die Planung nachhaltiger Quartiere. Das System für Quartiere der DGNB wurde im Jahr 2020 neu aufgelegt, zudem haben wir es auch in englischer Sprache veröffentlicht. Grund genug, noch einmal Konzept und Aufbau des Systems zu rekapitulieren.
Für das Quartierssystem haben wir auf einer übergeordneten Ebene die Herausforderungen betrachtet, denen ein nachhaltiges Quartier begegnen muss. Das sind elementare Handlungsfelder wie Klimaschutz und nachhaltige Energieversorgung, clevere Flächenplanung, Nutzungsmischung, sinnvolle Verkehrskonzeption, Durchlüftung und Luftqualität sowie Themen rund um die Biodiversität.
Um komplexen Herausforderungen wie diesen in Kriterien zu begegnen, haben wir auf das DGNB-Konzept der Themenfelder zurückgegriffen. Im Quartierssystem gibt es fünf Themenfelder: ökologische, ökonomische, soziokulturelle und funktionale, technische und prozessbezogene. Standortbezogenen Kriterien sind integral im System eingearbeitet. Jedes Themenfeld wird mit 20 Prozent gewertet. Um den unterschiedlichen Ansprüchen verschiedener Quartierstypen gerecht zu werden, können Bauherren in sieben verschiedenen Profilen zertifizieren: Stadtquartiere, Businessquartiere, Gewerbegebiete, Industriestandorte, Event Areale, Resorts und Vertical Cities, also stark verdichtete Hochhausensembles.
Am Anfang war die Planung
Die Qualität des Planungs- und Beteiligungsprozesses ist bei Quartiersentwicklungen besonders wichtig, denn nur durch die frühzeitige Beteiligung von lokalen Stakeholdern und Fachplanern können alle Belange ganzheitlich berücksichtigt und in ein integrales Planungskonzept überführt werden. Ein Beispiel: die Orientierung und Ausrichtung der Gebäude zueinander. Flächensparende Bauweisen fördern, dabei die Versorgung mit Frischluft gewährleisten, Freiräume für Begegnung einplanen und gleichzeitig ästhetisch ansprechend gestalten, damit die Menschen sich auch wohlfühlen – gar nicht so einfach! Deswegen sind im Quartierssystem die Prozessqualitäten doppelt so hoch gewichtet wie im System für den Neubau von Gebäuden.
Quartiere und SDGs
Übrigens: Bei der DGNB gleichen wir unser System immer wieder mit den sogenannten SDGs ab – den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, einer Art Zielekatalog der UN, auf die sich die Weltgemeinschaft zubewegen will. Die Baubranche gilt als Schlüsselbranche, um zum Beispiel den weltweiten CO2-Ausstoß zu reduzieren. Unsere Analyse hat ergeben, dass das DGNB-System für Quartiere, wie angestrebt, einen großen Beitrag zum SDG Nr.11, nachhaltige Städte und Gemeinden, leistet. Doch auch SDG Nr. 13, Maßnahmen zum Klimaschutz, sowie SDG Nr. 3, Gesundheit und Wohlbefinden, werden abgedeckt.
Von Mut und Mehrwert
Doch was bringt das konkrete Zertifikat den Bauherren? In erster Linie möchte ich allen, die sich für eine Zertifizierung entscheiden, gratulieren: Sie haben den Mut bewiesen, Teil der nachhaltigen Bewegung zu sein, die die Baubranche konstruktiv weiterentwickelt und nachhaltige Lebenswelten für unsere Mitmenschen schafft! Ein mitunter etwas abstrakter Wert, das gebe ich gern zu. Daneben hält die Zertifizierung aber auch eine Reihe von Vorteilen parat, die Ihnen im Alltag weiterhelfen: der Zertifizierungsprozess als Instrument, Qualitäten zu definieren und in der Praxis umzusetzen (eine Art „roter Faden“), hohe Zukunftssicherheit durch die Reduktion von kostenintensiven Risiken, der Einsatz der Ökobilanz als Planungsinstrument, ein Zertifikat als Kommunikationsinstrument und zur Positionierung sowie eine vereinfachte Gebäudezertifizierung, die weitere Vorteile nach sich zieht.
Ein Beispiel für die Strahlkraft eines nachhaltigen Quartiers auf eine Stadt ist das Stadtquartier Neckarbogen in Heilbronn. Im Jahr 2005 kaufte die Stadt das 25 Hektar große, überwiegend brach liegende Areal von der Deutschen Bahn. Anschließend wurde zunächst die BUGA mit der Stadtausstellung Neckarbogen auf dem Gelände konzipiert.
Der erste Bauabschnitt war Teil der Bundesgartenschau 2019. Die 22 neuen Gebäude fungierten als architektonische Attraktion auf der BUGA. Sie enthielten Eigentums- und Mietwohnungen unterschiedlicher Größe, Wohnkonzepte für Studenten, junge Leute und Ältere sowie Inklusionsprojekte. 
Ende 2021 werden im Stadtquartier Neckarbogen im Rahmen des zweiten Bauabschnitts die nächsten Projekte realisiert. Auf drei Baufeldern entstehen 28 weitere Gebäude. 22 Investoren sind involviert, darunter drei private Baugruppen, je eine pro Baufeld. 27 Architekten haben für den zweiten Bauabschnitt entworfen. Insgesamt entstehen 379 Wohneinheiten.
Wasser als Chance
Das Quartier hat das DGNB-Vorzertifikat in Platin erhalten, die finale Zertifizierung erfolgt nach Fertigstellung. Es ist somit ein Best-Practice-Beispiel der Umwandlung einer ehemaligen Industriebrache in ein urbanes, lebendiges Stadtquartier. Im Herzen der Stadt gelegen, wertet es die gesamte Innenstadt von Heilbronn auf. Diese Effekte sind vielgestaltig. Da wären zum einen die Wasserflächen des Neckars. Ihre Reaktivierung verbessert das lokale Klima und stärkt die Erholungsfunktion. Dabei sind die innerstädtischen Wasserflächen in ein ganzheitliches Wassernutzungskonzept der Stadt integriert.
Auch die CO2-Bilanz des Quartiers ist hervorragend. Der Ausbau einer CO2-reduzierten Energieversorgung ist in vollem Gange, eine gute solare Ausrichtung der Baukörper und direkte Nutzung solarer Energie im Quartier garantieren dabei Zukunftsfähigkeit.
Ein Fokus, der bereits in der Entwurfsphase der Gebäude gesetzt wurde, ist die Materialwahl. Recyclingfähige Materialien stehen im Vordergrund, ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Material Holz. Für den zweiten Bauabschnitt wird sogar Stampflehm mit Holzhybrid kombiniert.
In sozialen Aspekten punkten
Der Neckarbogen ist ein Quartier der kurzen Wege: Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Erholen versammeln sich als städtische Sphären in hoher Dichte um die Wohngebäude. Überdies existieren gute Anbindungen an öffentliche Verkehrssysteme und Sharing-Angebote (PKW und Rad). Ein wichtiges Prinzip des DGNB-Systems für Quartiere ist Durchmischung. Mischung als zentrales Prinzip in Bezug auf Wohnen, Arbeiten, Freizeit sowie Wohnungsgrößen, Wohn- und Eigentumsformen wurde auch im Falle des Heilbronner Quartiers exemplarisch realisiert.
Ein weiteres Leuchtturmprojekt ist der neu entstehende Stadtteil Oberbillwerder in Hamburg. Das Stadtquartier der IBA Hamburg GmbH erhielt mit einem Gesamterfüllungsgrad von 81,9 Prozent das DGNB-Vorzertifikat in Platin. Laut Plan des dänischen Büros ADEPT und von Karres + Brands aus den Niederlanden sollen im 105. Stadtteil der Hansestadt 7.000 Wohnungen entstehen, außerdem etwa 5.000 Arbeitsplätze, Schulen und Kitas. Eine Art grüne Ringstraße, punktuelle Parkhäuser statt flächenintensiver Parkplätze sowie eine vielfältige Architektur sollen Nachhaltigkeit und Menschenfreundlichkeit garantieren.
Ebenfalls erst vorzertifiziert, aber bereits jetzt von nationaler Bedeutung, ist der Deutzer Hafen von Cobe Architects in Zusammenarbeit mit RMP Landschaftsarchitekten – Kölns neues Stadtviertel. Die städtebauliche Weiterentwicklung des Areals wird bereits seit zehn Jahren diskutiert. Das Plangebiet von Bauherr moderne stadt umfasst über 37 Hektar (über acht Hektar davon sind Wasserfläche). Es sollen etwa 3.000 Wohnungen und Lebensraum für 6.900 Einwohner entstehen. 2020 wurde das Projekt mit einem Gesamterfüllungsgrad von 83,3 Prozent vorzertifiziert.
Weitere interessante Projekte sind beispielsweise das Berlin TXL – UTR – Campus West in Berlin, Les Corts Campus des Fußballvereins FC Barcelona in Barcelona oder der chinesische Sino-German Ecopark Qingdao.
Jetzt handeln!
Die Version 2020 des DGNB-Systems für Quartiere ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen und marktspezifischen Anforderungen. Es hält Antworten auf aktuelle Umwälzungsprozesse parat. Packen wir die Aufwertung und Anpassung unserer Städte jetzt an! Als Abteilungsleiter Zertifizierung freue ich mich schon heute auf die Quartiersprojekte der kommenden Jahre.
...und noch ein paar metropolitane Stories
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Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer