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Teure Energiewende, Co-Working als Genossenschaft

metroscope - Stadt von Morgen
Teure Energiewende, Co-Working als Genossenschaft
Liebe Stadtschwärmer,
wir denken jeden Tag über die Zukunft des urbanen Raums nach, natürlich auch am Wochenende. Und so erscheint metroscope ausnahmsweise mal am Montag – nach einem Wochenende mit sehr kühlen Temperaturen im Land. Passend dazu ist heute die Energie- und Wärmeversorgung unser Hauptthema. Und weil das Thema groß ist, fällt auch diese Ausgabe etwas länger aus.
Die wohlige Wärme, in der Sie sich gerade aufhalten, stammt höchstwahrscheinlich aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Das soll sich innerhalb weniger Jahre ändern. Doch wie? Es gibt berechtigte Zweifel an der Strategie der Bundesregierung. Zumindest für unsere urbanen Siedlungen fehlt ein schlüssiges Konzept. Ein Blick nach Großbritannien zeigt: Nicht nur beim Impfen sind uns die Briten voraus.
Eine wohlige Woche (soll ja auch wieder wärmer werden) wünschen
Michael Fabricius und Alexander Gutzmer

Wie wärmen wir in 20 Jahren unsere Städte?
Deutschland ist zugefroren. Die vergangenen Winter haben uns fast vergessen lassen, dass es auch bei uns richtig kalt werden kann. Nun tritt die archaische Schutzfunktion unserer Behausungen in den Vordergrund. Drinnen warm, draußen eiskalt. Um mehr geht es manchmal nicht. 
Wenn die Heizungen auf Hochtouren laufen, ist das eine gute Gelegenheit, mal über die Tatsache nachzudenken, dass wir uns mitten in einer Energiewende befinden. Rund die Hälfte aller Haushalte in Deutschland heizt aktuell mit Gas, ein Viertel mit Öl, 14 Prozent mit Erdwärme (größtenteils aus Verbrennungsvorgängen), knapp fünf Prozent mit Strom. 
Das soll nicht mehr lange so bleiben. Das Klimaschutzgesetz schreibt dem Gebäudesektor vor, den CO2-Ausstoß von derzeit 118 Millionen Tonnen um gut 40 Prozent auf 70 Millionen Tonnen im Jahr 2030 zu reduzieren. Es bleiben also noch knapp neun Jahre, in denen fast jede zweite Wohnung eine neue Heizungsart bekommen muss. Seien wir ehrlich: Das werden wir nicht schaffen. Die Sanierungsquote in den vergangenen Jahren lag im Schnitt bei nicht einmal einem Prozent des Gebäudebestands. Und was bei vielen Sanierungen herauskam, ist längst nicht klimaneutral. Den Rest kann man sich ausrechnen.
Anfang vergangener Woche veranstaltete das Bundeswirtschaftsministerium eine virtuelle Konferenz mit dem bescheidenen Titel „Building The Future“.  Ich war dabei, als einer von wenigen Journalisten. Wirtschaftsminister Peter Altmaier lobte das einheitliche Gebäude Energie Gesetz (GEG) und die neue Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG). Die griffigen Abkürzungen führen in die Irre, denn einfach und übersichtlich sind die deutschen Energie-Vorschriften immer noch nicht. Immerhin sagte Altmaier etwas Konkretes zum Thema Strompreis:
„Ich kann mir vorstellen, die EEG-Umlage zunächst einzufrieren, dann schrittweise zu senken und schließlich ganz abzuschaffen.“
Darüber hinaus präsentierten sich die ans Wirtschaftsministerium angedockten Förderinstitute KfW und BAFA (Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle) und lobten die eigenen Programme für die energetische Gebäudesanierung. Die sind zwar noch genauso kompliziert und anspruchsvoll wie eh und je. Doch immerhin gab es im vergangenen Jahr doppelt so viele Anträge für die Gebäudeeffizienzprogramme wie 2019 – wahrscheinlich einfach deshalb, weil es mehr Geld gibt. Die Anträge stellen vor allem die Besitzer von Einfamilienhäusern. Sie tauschen alte Ölheizungen gegen Wärmepumpen oder Gashybridheizungen.
In den Städten dagegen passiert wenig bis gar nichts. Die energetische Sanierung in verdichteten Siedlungen wird sogar immer schwieriger, die Kosten-Nutzen-Relation immer ungünstiger. 
Das liegt daran, dass das Wirtschaftsministerium und zentrale Interessenverbände wie Agora Energiewende nach wie vor auf die „Sektorenkopplung“ setzen, sprich: Heizen mit Strom, idealerweise natürlich mit Ökostrom. Agora glaubt, dass wir die Zahl der Wärmepumpen bis 2030 auf sechs Millionen versechsfachen können. Luft-Wärme-Pumpen funktionieren so wie umgekehrte Klimaanlagen. Durch Kompression und Dekompression entsteht Wärme. Angetrieben werden die Geräte in dem Agora-Szenario von Sonnen- und Windenergie, und zwar auch im Winter.
Im Einfamilienhaus mag das gerade noch  funktionieren. Nicht aber in einem Blockrand-Objekt mit 40 Wohnungen. Wo die dafür notwendigen riesigen Aggregate und Wärmetauscher hinsollen – unklar. Woher der Strom an einem windstillen Januartag herkommen soll – ebenfalls unklar. Ein weiteres Problem ist, dass Wärmepumpen-/ vulgo Stromheizungen nur auf Niedertemperaturniveau wirklich effizient arbeiten. Das heißt: Man muss vorher die Gebäudehülle komplett isolieren und auf Fast-Passivhaus-Niveau herunterbringen. Erst dann kann eine Wärmepumpe so funktionieren, wie es in den Prospekten der Hersteller versprochen wird. 
Es gibt Studien von interessierter Seite, die das Gegenteil vorrechnen, die zum Beispiel aussagen, dass auch im Winter genug Ökostrom da sei, um eine wachsende Anzahl an Wärmepumpen und E-Autos zu beliefern. Ich halte das für unrealistisch, zumal Speicher fehlen. Ich gehe fest davon aus, dass wir spätestens in fünf Jahren den Weg zur Stromheizung verlassen und das Gasnetz neu entdecken, als Transportweg für Wasserstoff oder grünes synthetisches Methangas.
In der Immobilienwirtschaft wächst die Unruhe. Die Mitgliedsunternehmen des Spitzenverbands der Wohnungswirtschaft GdW vermieten rund sechs Millionen Wohnungen in Deutschland, größtenteils im urbanen Raum. Dort weiß man, wo die physikalischen Grenzen städtischer Baukörper liegen – und was es kostet, diese Baukörper auf Wärmepumpen-Niveau zu bringen: Rund zehn Milliarden Euro sind es, und zwar jedes Jahr.
Der GdW legte deshalb pünktlich zur Altmaier-Selbstlob-Runde einen langen Forderungskatalog vor. Unter anderem sollen Einnahmen aus der CO2-Abgabe künftig in die Gebäudesanierung fließen. Eine schöne Idee, die in den Tiefen des Bundeshaushalts absaufen wird.
Beim GdW weiß man aber ohnehin, dass das mit dem Wärmepumpen im Stadtquartier nicht funktioniert. Deshalb fordert der Verband eine KWK (Kraft-Wärme-Kopplung)-Strategie: Mit kleinen Minikraftwerken in Quartieren kann man tatsächlich genügend Wärme und im Winter sogar den fehlenden Strom herstellen. Womit werden die KWK-Anlagen künftig befeuert? Mit grünem Gas aus der Elektrolyse: Überschüssiger Ökostrom im Sommer wird umgewandelt in Wasserstoff oder andere transportablere Varianten, etwa Methan. Dieses Gas kann man prima bis zum Winter speichern (anders als den Strom selbst).
Der Energiekonzern E.on hat vergangene Woche eine erstaunliche Rechnung vorgelegt. Das Unternehmen hat die gesamte Stadt Essen durchgerechnet und jedes einzelne Haus einer Simulation unterzogen: Was würde es kosten, alle Häuser in der Ruhrgebietsstadt auf Wärmepumpen-taugliches Niveau zu sanieren? Und was würden im Vergleich dazu Anlagen kosten, die grünes Gas auf Wasserstoffbasis zunächst produzieren und dann verbrennen, vor Ort? Das ganze berechnete E.on nicht aus Sicht eines Betreibers oder einer Regierung, sondern aus Sicht derjenigen, die es bezahlen müssen: der Verbraucher. Das Ergebnis war eindeutig. Weil die Gebäude aufwendig eingepackt werden müssten, würden die Bewohner bei der Wärmpumpenstrategie künftig 4,6 Prozent ihres Einkommens für die Wärmeversorgung zahlen, genau doppelt so viel wie heute (2,3 Prozent). Die Wasserstoffstrategie kostet die Bewohner dagegen laut Simulation 3,5 Prozent ihres Einkommens. 
E.on-Szenario: Essen wird 2050 mit grünem Gas versorgt
E.on-Szenario: Essen wird 2050 mit grünem Gas versorgt
Das E.on-Fazit: „Die bestehenden Gasnetze zu nutzen, ist nicht nur am sozialverträglichsten, sondern auch am wirtschaftlichsten.“ Mit der Wasserstoffstrategie könne man bei der aktuellen Gebäude-Sanierungsquote von einem Prozent einfach weitermachen und müsste nicht an jede Wand 15 Zentimeter Styropor (mit fragwürdiger CO2-Bilanz) kleben. Denn grünes Gas ist klimaneutral. Ob man davon nun 3.000 oder 5.000 Kilowattstunden benötigt, spielt nicht die entscheidende Rolle.
In Großbritannien ist man übrigens schon weiter. Nicht nur beim Impfen, sondern auch beim Thema Wasserstoff. In der Großstadt Leeds werden in den kommenden Jahren kompakte Elektrolyseure verteilt. Die sollen eine kleine Wasserstoff-Produktion in jedes Haus bringen. Der Tank und die Brennstoffzelle stehen gleich daneben. Die im Sommer erzeugte Gasmenge könnte für den Winter reichen. Landesweit ist geplant, die bestehenden Gasnetze künftig für mit Öko-Elektrolyse hergestelltes Gas zu nutzen. Auf der Insel scheint man für überraschende Kältephasen wie jetzt besser vorbereitet. (fab)
Hier übrigens ein beeindruckendes Video zum britischen Natural Gas-Konzept:
Genosse Coworker
Tritt ein, Genosse: So könnte das Neue Amt einmal aussehen
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Kennen Sie „Clubhouse“? Für Medienschaffende ist das momentan das neue Ding: Eine App, die Dialoge initiiert. Auf dieser sprachbasierten Plattform finden massenhaft Diskussionen statt, die Themen reichen von Lebenshilfe bis zu politischem Aktivismus. Und manchmal geht’s auch um Architektur. Der junge Architekt Julian Meisen berichtete dort vor einigen Tagen über ein spannendes Projekt, das sein Büro Common Agency gerade in Hamburg realisiert. Das „Neue Amt Altona“ ist ein ambitioniertes Bau- und Immobilienprojekt mitten im Alternativzentrum Altona. Es handelt sich letztlich um einen Coworking Space – mit der Besonderheit aber, dass er im Neubau als Genossenschaft organisiert ist. Das soll bezahlbaren, hochwertigen und nachhaltigen Raum für Altonas Kreative schaffen, diese aber auch zu Besitzern machen. Build your own coworking space – womöglich ein Gedanke mit Zukunft. Denn nicht nur entstehen so neue Finanzierungsformen, sondern es wird auch ein hohes Maß an Involvement der Nutzer geschaffen. Die Nachfrage scheint jedenfalls da zu sein. Meisen berichtete, dass schon die Hälfte der zu erstehenden Arbeitsplätze verkauft wurden. Ein „Modellprojekt für gemeinschaftliche Stadtentwicklung mit Strahlkraft über Altona und Hamburg hinaus“ sieht er darin. Gut, das mit der gesamtdeutschen Strahlkraft muss man abwarten. Aber Potenzial ist da.
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