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Stirbt das Einfamilienhaus? Und wenn ja, wäre das so schlimm?

metroscope - Stadt von Morgen
Stirbt das Einfamilienhaus? Und wenn ja, wäre das so schlimm?
Haben Sie, verehrte Leserinnen und Leser, pubertierende Kinder? Dann werden Sie vielleicht schon mal etwas vom Bezieghungsstatus “it’s complicated” gehört haben. “It’s complicated” – das gilt auch für den Beziehungsstatus der Deutschen zu einem bestimmten Wohntypus: dem Einfamilienhaus. Aus Sicht von Stadtphilosophen sind die Kisten des Teufels. Und in der Metropolenplanung geht es ihnen jetzt an den Kragen. Da aber wird es kompliziert. Das momentan in Hamburg ausprobierte Verbot neuer EFH-Siedlungen macht nämlich einerseits in Zeiten knappen, zentrumsnahen Wohnraums Sinn. Und doch ginge mit einer kompletten Abkehr von diesem Bautypus auch etwas verloren.
Aber wissen Sie was? Entscheiden Sie selbst. Wir liefern beide Perspektiven.
Ihre Autoren Michael Fabricius & Alexander Gutzmer

Es droht Unbill im EFH-Paradies.
Es droht Unbill im EFH-Paradies.
Angefangen hat alles mit Michael Werner-Boelz. Der 54-Jährige ist Leiter des Bezirksamtes Hamburg-Nord, Mitglied bei Bündnis90/Die Grünen, vor allem aber engagierter und nach meiner Einschätzung hanseatisch-sachlich denkender und handelnder Bürgermeister. Er hat das gleiche Problem wie viele andere Bürgermeister der Republik: In Großstädten und urbanen Zentren gibt es Zuwanderung, und der Preisdruck auf den Wohnungsmarkt ist gewaltig – aus verschiedenen Gründen, die wir bereits an anderer Stelle behandelt haben. Mit Werner-Boelz und einem Artikel in der “Welt am Sonntag” am 3. Januar hat die ganze Diskussion um ein Verbot von Einfamilienhäusern angefangen. In dem Artikel bekräftigte Werner-Boelz sein ein Jahr altes Vorhaben, bei neuen Bebauungsplänen in seinem Stadtbezirk keine Einfamilienhäuser mehr zuzulassen.
In der “Welt” hat er jetzt noch einmal seine Beweggründe genauer geschildert. Wer möchte, kann das hier nochmal nachlesen. Mit diesem Auszug aus dem Gespräch ist aber das Meiste schon gesagt:
“Die Berichterstattung in den Medien hat teilweise den Eindruck erweckt, dass wir in Hamburg-Nord ein rigoroses Einfamilienhaus-Verbot aussprechen würden. Da gab es einigen Protest, empörte Anrufe und Briefe von Einfamilienhausbesitzern und auch von Bauherren. Es stimmt natürlich nicht – bestehende Häuser und bestehende Bebauungspläne, in denen Einfamilienhäuser vorgesehen sind, werden nicht angetastet. Nur in neuen Baugebieten, mit neuen Bebauungsplänen, wollen wir ausschließlich Geschosswohnungsbau zulassen. Das ist die beste Antwort auf die Herausforderung in Metropolen, und die heißt: bezahlbaren Wohnraum schaffen, im Zeitalter der Urbanisierung und der knappen Ressource Boden.”
Werner-Boelz will im Grunde genommen genau das machen, was Immobilienwirtschaft, Ökonomen, die CDU und Bundesbauminister Horst Seehofer von ihm fordern: möglichst viele Wohnungen bauen. Würde er auf den verbliebenen Bauplätzen in seinem Bezirk Einfamilienhäuser genehmigen, müsste er sich vorwerfen lassen, das Angebot nicht so auszuweiten, wie es möglich wäre.
“Das mit dem Senat vereinbarte Ziel für Hamburg-Nord heißt: 1.200 neue Wohneinheiten pro Jahr. Dieses Ziel haben wir in den vergangenen Jahren stets erreicht oder sogar übertroffen. Jetzt werden die Flächen knapp, und mit Einfamilienhäusern wäre das Ziel nicht zu schaffen.”
In der Stadtplanung geht es um Kompromisse, um nachhaltige, aber auch ästhetische Lösungen – und um einen fairen Marktzugang für möglichst viele Marktteilnehmer. Die Lösungen gibt es, auch in Form verdichteter Wohnsiedlungen mit hoher Aufenthaltsqualität und einer guten Nutzungsmischung – Gartenstädte, aufgelockerte Blockrandbebauung mit öffentlichen, halb-öffentlichen und privaten Räumen. Würden Städte rund um ihre Zentren lauter Einfamilienhaussiedlungen anlegen, würden sie damit die eigenen Wachstumsmöglichkeiten abschnüren.
Wer ein Häuschen mit Garten und Kugelgrill auf der Terrasse haben möchte, der kann es haben, muss aber eben weiter rausziehen. Es ist ganz banal, und keine Frage des Lebens oder Sterbens von Einfamilienhäusern. Wir können übrigens fest damit rechnen, dass das Angebot an leer stehenden Einfamilienhäusern in den nächsten Jahren deutlich zunehmen wird. Wer also diese Wohnform liebt, wird es in Zukunft einfacher haben – im Weserbergland, im Sauerland, in der Provinz Mecklenburg-Vorpommerns, im Bitburg Land oder im Bayrischen Wald. fab
Ein Letztes:
Wie ganze Städte aus Einfamilienhäusern aussehen, kann man vortrefflich mit der Google Maps-Satellitenansicht herausfinden, mit einem Blick auf die Gegend südöstlich von San Francisco, rund um Palo Alto. Schauen Sie mal:
Screenshot Copyright: Google / Terrametrics 2021
Screenshot Copyright: Google / Terrametrics 2021
Das Einfamilienhaus als urbanistischer Blitzableiter
In Prä-Corona-Zeiten galt der „Man müsste…verbieten“-Satz als Hymne der Kleingeister. Das hat sich geändert. Verbieten ist das neue sexy. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht eine neue „man könnte wirklich…verbieten“-Sau durchs mediale Dorf gehetzt wird. 
Letzte Woche war das gute alte Einfamilienhaus dran. Diese Bauform, die smarten Großstädtern schon immer als kulturelle und klimatische Todsünde galt. Anton Hofreiter sprach manchen aus der Seele, als er über ein Verbot nachdachte. Und die Argumente liegen ja auf der Hand, wie auch im Text oben zu lesen ist. „EFS“, wie Kritiker die Dinger leicht ekelerregt nennen, sind klimatechnisch problematisch und versiegeln je Einwohner mehr Fläche als Geschosswohnungsbau. 
Aber gleich verbieten? Das passt zwar in die Zeit des Durchregierens, erscheint mir aber doch etwas drakonisch. Lassen Sie mich daher mal eine kleine kulturelle Verteidigung des geschundenen Bautypus EFH versuchen.
Zunächst: Architektur ist schon auch die Kristallisation gesellschaftlicher und individueller Wunschvorstellungen. Und in denen ist das EFH immer noch populär. In ihm spiegelt sich der, ja, natürlich kleinbürgerliche Traum von räumlicher Autarkie, von Gestaltbarkeit des eigenen Daseins, geschützt vor den Blicken anderer. Das mag zwar gelegentlich zu kulturell oder ästhetisch fragwürdigen Lebensmustern führen. In der Entfaltbarkeit dieser Lebensmuster liegt aber zugleich auch etwas Tröstendes. Jeder darf mal ein wenig Sandburgenbauer im eigenen Leben spielen. Ist doch irgendwie auch sympathisch. 
Was nicht bedeutet, dass man sich mit der Art, wie die adretten Kisten genutzt werden, nicht auch grundsätzlich auseinandersetzen kann. Hier ist – natürlich – auch die Kritik an allzu normierten Lebensläufen sinnvoll. Die Krux liegt schon im Wording: Wir sprechen nicht von Villa oder Ähnlichem, sondern von „Ein – Familien – Haus“. Wer sagt eigentlich, dass in einem Haus immer genau eine Familie leben muss? Die Autorinnen Julia Lindenthal und Gabriele Mraz schlagen in einem Essay das offenere Alternativkonzept „Mehrpersonenhaus“ vor.
Interessant: Ihr Text wurde in der “Zeitschrift für Kulturwissenschaften” veröffentlicht. Die widmete den städtebaulichen Sauriern im Jahr 2017 ein ganzes Heft
Raumplanerisch bietet der flache Bau die Chance für mehr Rhythmus. Flach versus hoch – das ist eben nicht nur eine produktive Dualität, die einzelne Bürobaukomplexe treibt, etwa Oscar Niemeyers Kongressgebäude in Brasilia oder die New Yorker UNO-Zentrale. Es ist auch der Modus Co-Operandi, der die Interaktion von Stadt und Vorstadt auszeichnet. Höher gebaute Innenstädte schälen sich quasi aus den flacheren Gebieten um sie herum heraus. Ohne das flachere Gegenstück wäre Downtown nicht Downtown. 
Und dann ist da noch die Kritik. Für sie stellt das EFH ein Lieblingsobjekt dar. Es würde der kritischen Kulturbetrachtung etwas fehlen, lebten wir alle brav in Vier- bis Sechsgeschossern. Der Soziologe Felix Keller verwies kürzlich darauf, dass das Einfamilienhaus geradezu ein „Fetisch der Kritik“ sei:
„Es steht greifbar und sichtbar in der Landschaft und wirkt wie ein Monument einer bestimmten Lebensform.“
Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Lebensform wird durch deren räumliche Konkretisierung erst möglich.
Und dann sollten wir auch mal an “die jungen Leute” denken. Wie befreiend war doch für heutige urbane Propagandisten eines aufgeklärt woken Lebensstils das Gefühl, endlich aus dem abgelehnten EFH der spießigen Eltern raus zu können. Wollen wir nachfolgenden Generationen dieses Emanzipationsmoment wirklich nehmen?
Sie merken, meine Überlegungen sind von einer gewissen sympathisierenden Ambivalenz geprägt. Denn der Inbegriff urbaner Fortentwicklung ist das EFH natürlich nicht. Das behauptet aber auch keiner. Ich selbst saß als Baumeister-Chefredakteur in der Jury für den Wettbewerb „Häuser des Jahres“. Dort habe ich erlebt, wie gespalten die architektonische Intelligenzija in Sachen Einzelhaus war und ist. Auf begleitenden Podiumsdebatten ging es immer schnell um die Frage, ob man sowas überhaupt „bauen darf“. Zerknirschte Selbsthinterfragung als Prinzip der Branche. Der Award selbst aber ist unter den Architekten bis heute populär.
Und vergessen wir nicht: Auch Großmeister wie Ludwig Mies van der Rohe oder Philip Johnson haben mal mit singulären Familienbehausungen angefangen. Einige von denen sind heute Ikonen. guz
Dunkle Wolken über der Idylle
Dunkle Wolken über der Idylle
Feedback: Schrebergärten und ihre soziale Funktion
Vor zwei Ausgaben haben wir uns mit der Berliner Liebe zum Schrebergarten auseinandergesetzt. Und die Liebe ist nicht auf Berlin begrenzt. Schrebergärten gehören zum festen kulturellen Bestandteil vieler Städte mit einer besonderen Nachkriegsgeschichte oder einer besonderen Arbeiterkultur, siehe Ruhrgebiet. Die Wissenschaftsjournalistin Céline Lauer nahm das zum Anlass, einen anderen Blick auf die Laubenpieper zu werfen, um dieses schöne Wort auch einmal wieder zu verwenden. Sie schickte uns folgenden Beitrag:
Liebe Metroscope-Macher,
vielen Dank für die wöchentlichen Denkanstöße zur Zukunft der Städte. Ich möchte mit diesem Leserbrief Ihrer Kritik an den Schrebergärten widersprechen. Man muss diese Kolonien nicht mögen – sie aber als abgeschottete Mikro-Parzellen für Schreber-Hipster abzustempeln, erscheint mir ebenso bequem wie undifferenziert.
Die Berliner Ethnologin Estrid Sørensen vertritt zum Beispiel die Ansicht, dass städtische Gesellschaften Schrebergärten dringend brauchen – weil sie zu den letzten Orten gehören, an denen ganz unterschiedliche Milieus und Generationen aufeinandertreffen: “In Kleingartenanlagen lässt sich üben, wie man Unterschiede aushält und Konflikte löst.” Schrebergärten bilden demnach soziale Netze, leisten Integrationsarbeit, stärken demokratische Strukturen, helfen gegen Vereinsamung – gerade älterer Menschen – und bieten einen Ausgleich zum Stadtstress (übrigens nicht nur für the Happy Few; wenn Sie vielleicht doch mal eine Anlage besuchen sollten, werden Sie feststellen, wie viele Spaziergänger und Jogger es dort gibt). Falls Sie weiterlesen möchten: https://www.welt.de/wissenschaft/plus214872364/Soziotop-Schrebergarten-Auch-die-Heckenhoehe-von-1-25-Metern-hat-ihren-Sinn.html
Übrigens sieht das das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) die Sache genauso. Für die deutschlandweite Studie “Kleingärten im Wandel” von 2018 befragten Forscher eine Vielzahl an Ministerien, Verbänden und Kleingartenvereinen – und führten Fallstudien in Dortmund, Dresden, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Jena, Münster und Regensburg durch. Ihr Fazit: “Das Kleingartenwesen erfüllt nach wie vor eine zentrale soziale Funktion innerhalb des Stadtgefüges und für die Quartiersentwicklung.” Die Kolonien stärken demnach gerade in Großstädten nicht nur das nachbarschaftliche Miteinander, sondern auch die soziale Stabilität. https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/sonderveroeffentlichungen/2019/kleingaerten-im-wandel.html
All die anderen Beiträge, die Schrebergärten zum Beispiel in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit leisten – ich denke an Probleme wie Luftqualität, Flächenversiegelung und Stadtklima – sind damit noch gar nicht angesprochen.
Ich bin in der Sache bei Ihnen: Es braucht mehr bezahlbaren Wohnraum in den Städten. Aber als Menschen, die sich darüber Gedanken machen, wie Städte in Zukunft lebenswert(er) sein können, hielte ich es für wichtig, dass wir bei Fragen von Flächennutzungen und -umwidmungen umfassender denken und genauer hinschauen. Vielleicht könnten wir uns ja auch erst einmal darüber unterhalten, welche Areale in Städten möglicherweise viel weniger leisten als Schrebergärten – und sich daher viel mehr als künftige Wohnflächen anbieten würden: Brachen, Parkhäuser, Bürogebäude, eingeschossige Supermärkte…? (https://www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/verwaltung/aemter/stadtentwicklungsamt/stadtplanung/staedtebauliche-planung/artikel.208689.php) Das schreibe ich übrigens als Wissenschaftsjournalistin, Stadtanthropologin – und Nicht-Schrebergärtnerin.
Beste Grüße!
Céline Lauer
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