metroscope - Stadt von Morgen

Von Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer von metroscope

Reallabore, literarisches Flanieren, Leserpost von Hans Kollhoff

#65・
74

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metroscope - Stadt von Morgen
Reallabore, literarisches Flanieren, Leserpost von Hans Kollhoff

Flaneur 2.0 – Antonio Muñoz Molina
Wir bei metroscope lieben Städte. Wir erkunden sie gern, wann immer möglich zu Fuß. Das eint uns mit dem spanischen Autor Antonio Muñoz Molina. Der ist ein Flaneur ganz alter Schule, im Geiste von Edgar Alan Poe, James Joyce oder Walter Benjamin. Darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben. „Gehen allein unter Menschen“, so der Titel. Es ist ein Werk über das Flanieren, in New York, Madrid oder Paris. Aufzeichnungen eines Stadterkunders. Die Metropole, ihre Eindrücke, visuelle, akustische, olfaktorische sind sein Sujet. Alles schwirrt umeinander, der Eindruck des Chaotischen wird durch Muñoz Molinas Schreibstil noch untermauert. Man kann sich in diesem Buch verlieren. Aber genau das macht Spaß.
„Gehen allein unter Menschen“ steht damit natürlich in der Tradition der großen Flaneurswerke, des Ulysses etwa oder der Stadtbücher und -essays von Walter Benjamin. Und die großen Flaneure tauchen als Geister immer wieder auf. Speziell Benjamin ist auf den Straßen von Paris als Schatten des heutigen Gehers immer präsent.
Überhaupt die Vergangenheit. Sie drängt sich geisterhaft stets von neuem ins Bewusstsein des Stadterkunders, etwas die Ureinwohner des heutigen Manhattan. Jede Stadt hat eben auch ihre eigene Geschichte von Verdrängung – und von einer spezifisch metropolitanen Gnadenlosigkeit. Stadt ist kein Kuschelort. Die alten Flaneure mussten das, oft in Form bitterer Armut, am eigenen Leib erfahren.
Und dann ist da noch die Digitalisierung. Sie unterscheidet das heutige Flanieren von dem aus der Zeit Benjamins. Früher war die Stadt selber Quelle permanenter Ablenkung. Heute lenken uns Mobiltelefone und andere Devices von der Stadt und ihren Eindrücken ab. Das Urbane ist nicht mehr das Artifizielle, sondern der Ort, wo wir der Künstlichkeit unserer Zeit entgehen können. Das macht das Flanieren nicht weniger erkenntnisträchtig, im Gegenteil. Flanieren wird dadurch jedoch schwieriger, eine richtige Konzentrationsleistung – aber eine, die mit reichen nondigitalen Eindrücken belohnt wird. guz
Personalie Kahlfeldt: Feedback von Hans Kollhoff
In unserem Neujahrs-Newsletter haben wir uns unter anderem kritisch mit der Neubesetzung von Berlins Senatsbaudirektion befasst. Zur Personalie Petra Kahlfeldt schreibt uns der Berliner Architekt Hans Kollhoff:
Lieber Herr Fabricius,
wollen wir uns das Leben im Neuen Jahr doch nicht allzu einfach machen. Das auch in die Vergangenheit und nicht nur in eine ebenso rosige wie spekulative Zukunft blickende Architekturverständnis ist ja einer schmerzhaften nachmodernen Erfahrung geschuldet, für die fatalerweise auch Frau Lüscher blind war: Im Stadtbau wie in der Architektur sollte sich über das bewährte Vorbild der Überlieferung nur hinwegsetzen, wer überzeugt ist, es besser zu machen. Das schließt Experimente nicht aus, aber die haben Ausnahmecharakter und müssen kritisch ausgewertet werden.
Und seien Sie bitte ehrlich, welche zukunftsträchtigen Projekte haben die „Bottom-up-Ansätze“ von Frau Lüscher zutage gefördert? 
Dort haben wir die erste Etappe besichtigen können in das Elend des monströsen Projektes nördlich vom Hauptbahnhof. Wollen wir uns das einmal, jetzt wo es seiner Vollendung entgegengeht, zusammen anschauen ? 
Oder nennen Sie mir andere „zukunftsgerechte“ Lüscher- Projekte, die meiner Aufmerksamkeit entgangen sind.
Mit den besten Wünschen für ein erfolgreiches 2022, für Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen von metroscope,
sehr herzlich, Ihr
Hans Kollhoff
Wie realitätsnah sind Reallabore?
Kunterbuntes Durcheinander: Diese hübsche Zeichnung entstand beim Kick-Off des Projekts "Stadtlabore für Deutschland – Leerstand und Ansiedlung" Quelle: Nadine Hoffstetter/IFH Köln
Kunterbuntes Durcheinander: Diese hübsche Zeichnung entstand beim Kick-Off des Projekts "Stadtlabore für Deutschland – Leerstand und Ansiedlung" Quelle: Nadine Hoffstetter/IFH Köln
Schlagwörter gehören zur Stadtentwicklung wie Schlagsahne zur Schwarzwälder Kirschtorte. Man denke an Nutzungsmischung, Bürgerbeteiligung, klimagerechte Stadt – oder auch, sehr beliebt seit Corona: Pop-Up-Radwege. Als aktueller Favorit fällt aber ein Begriff auf, der gleichermaßen wissenschaftsbasiert, wirklichkeitsnah und vage anmutet: Die Rede ist vom „Reallabor“.
Besonders fasziniert an dem Format, dass die Beteiligten aller Bereiche sich offenbar darauf einigen können; sei es aus den Verwaltungen, dem Städtebau oder der Wirtschaft. In der Nationalen imakomm-Studie „Zukunftsfeste Innenstädte“ nannten 71 Prozent der 747 befragten Standorte das „Reallabor“ als geeignetes Vorgehen, um neue Instrumente und Formen des Arbeitens und Wohnen für lebendige Citys auszuprobieren.
Die Bundesstiftung Baukultur wirbt für öffentliche Räume „als Reallabore für gesellschaftliche Entwicklungen (…), in denen Experimente möglich sein müssen“. Und im vergangenen Herbst hat das Bundeswirtschaftsministerium mit dem Institut für Handelsforschung (IFH) Köln ein Projekt in 14 Modellstädten gestartet, um ein „zukunftsorientiertes Ansiedlungsmanagement“ zu erproben. Der Name lautet, Sie ahnen es vermutlich schon: „Stadtlabore für Deutschland“.
Mehr Lebendigkeit, Vielfalt, Austausch, Teilhabe – und zwar nicht auf dem Papier, sondern in den Straßen. Das klingt, als könne die Laborisierung der Innenstädte gar nicht schnell genug vorangehen. Sollte etwa endlich die urbane Allzweckwaffe gefunden worden sein? Sind Reallabore das Format, mit dem sich tatsächlich bessere bis gute Städte planen lassen? Oder doch nur eine schicke Worthülse für „Probieren wir einfach irgendwas aus“?
Es lohnt sich, dieser Frage dorthin nachzugehen, wo der Begriff eigentlich herstammt: in die Wissenschaft. Denn Forscher aus stadtnahen Disziplinen schauen sich die Reallabore schon seit einiger Zeit an; mit durchaus gemischten Gefühlen. Das hat vor allem mit drei zentralen Kritikpunkten zu tun – aus denen laboraffine Stadtmacher für die Zukunft lernen können:
Erstens mögen Realexperimente zwar zum Repertoire der Planungspraxis gehören – aber welchen Nutzen sie bringen, ist im Grunde kaum belegt. Das konstatiert zum Beispiel die Geografin Charlotte Räuchle von der Freien Universität Berlin. Um herauszufinden, ob die Labore als innovatives Instrument für Stadtplanung taugen, forschte sie selbst 2018 beim „KoopLab“ in Hannover: Damals wurden beispielsweise ein mobiler Bauwagen aufgestellt, ein Balkonkonzert gegeben und eine „Lange Tafel“ im Stadtteilpark abgehalten – alles mit dem Ziel, den sozialen Zusammenhalt in dem benachteiligten Quartier zu stärken.
Räuchles Fazit: Ja, Reallabore können die herkömmliche Stadtplanung im Idealfall ergänzen – indem sie etwa „Akteure zusammenführen, die bisher wenig Kontakt miteinander hatten, oder flexible Formate der Zusammenarbeit einrichten, wozu die Stadtplanung im Rahmen ihrer formalen Planungsverfahren nicht zwangsläufig in der Lage ist“.
Auch würden durch sie Wahrnehmungen von Stadt sichtbar, die sonst verborgen blieben; etwa, was sonst wenig gehörte Gruppen wie Kinder, Senioren oder Migranten sich von ihrem Quartier erhoffen.
Das große Aber: Ob dieses Wissen dann auch genutzt wird, entscheiden die herrschende Planungskultur und konkrete Planungsvorhaben. Und da gibt es Hürden: vom Mangel an Zeit, Geld und Ressourcen über bestehende Vorgaben wie Flächennutzungspläne oder Eigentumsverhältnisse, die sich nicht mal eben über den Haufen werfen lassen, bis hin zum Zuständigkeits- und Kooperationschaos zwischen den Ämtern. Kurzum: Ob die Vision des Reallabors nach Ende des Experiments tatsächlich Realität wird, bleibt äußerst fraglich.
Zu einem ähnlich Schluss kommen Jens Libbe vom Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin und Oskar Marg vom Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main. Beide haben die „Leitinitiative Zukunftsstadt“ wissenschaftlich begleitet und in einem Übersichtsartikel ihre Erfahrungen, auch für die urbane Praxis, aufgeschrieben. Ihr Resümee: Nichts genaues weiß man nicht – die vorliegenden Daten seien noch zu dünn, um etwas über eine etwaige und ganz besondere Wirkung von Reallaboren sagen zu können.
Schwerpunkt Stadtteil: Von den 61 Reallaboren, die Jens Libbe und Oskar Marg untersuchten, fanden die meisten auf Quartiersebene statt. Quelle: Libbe/Marg
Schwerpunkt Stadtteil: Von den 61 Reallaboren, die Jens Libbe und Oskar Marg untersuchten, fanden die meisten auf Quartiersebene statt. Quelle: Libbe/Marg
Zweitens kritisieren die Autoren zurecht eine grundlegende Schwammigkeit des Formats. Dessen programmatische Offenheit sei eine Schwäche – „weil unter dem Label Reallabor sehr unterschiedliche Formate durchgeführt werden und Qualitätsstandards schwieriger zu errichten sind“. Zudem zeige sich immer wieder, dass dokumentierte Erfahrungen – etwa in Form von Gestaltungsempfehlungen – zur Durchführung von Reallaboren nicht rezipiert würden. Salopp formuliert: Es gibt kaum Austausch oder Lernprozesse zu gelungenen bzw. gescheiterten Formaten – meist wurschteln urbane Laboranten so vor sich hin.
Das Stichwort „scheitern“ verweist drittens auf den wichtigsten Kritikpunkt: Labore – und da bilden die städtischen keine Ausnahme – sind Orte, an denen Dinge schiefgehen dürfen, ja sogar sollen. Gerade in dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ liegt ja das innovative Potential, das sich Stadtplaner von den urbanen Experimenten erhoffen. Räuchle nennt das „learning by failing“:
„Realexperimente müssen (…) im Hinblick auf das Ergebnis offen angelegt sein.“
Die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus. Glaubt man den Heidelberger Geografinnen Ulrike Gerhard und Editha Marquardt, stehen Reallabore unter einem „hohen Erfolgs- und Rechtfertigungsdruck“. So lautet ihr Befund nach drei Jahren einschlägiger Projektarbeit in Baden-Württemberg. Die zahlreichen beteiligten Akteure wollten – zumal angesichts der investierten Ressourcen ­– Ergebnisse sehen:
„Sie alle haben jeweils besondere Erwartungen an das Projekt, die eben nicht nur wissenschaftlichen Mehrwert oder Erkenntnisfortschritt beinhalten, sondern auch konkret messbaren (praktischen, baulichen, sozialen) Nutzen.“
Wie präsent diese fehlgeleitete Erwartungshaltung in aktuellen Diskursen ist, zeigt ein Blick in die erwähnte imacomm-Studie. Im Vorwort dazu begrüßen die Vorstände eines großen City-Management-Verbands prinzipiell die Durchführung von Reallaboren – um gleich darauf zu betonen, dass „zum Wesen der Reallabore jedoch nicht das Misslingen gehören sollte“.
Was folgt aus dem Exkurs? Städte können in Reallaboren Neues testen, Akteure vernetzen und bestenfalls Dinge herausfinden, die sie noch nicht wussten. Um langfristig etwas von diesen Experimenten zu haben, braucht es aber umsichtige und fundierte Planung, den Willen und die Möglichkeiten zur dauerhaften Umsetzung ­– und vor allem: mehr Mut zum Misserfolg. cél
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