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Reallabor (1): Eine Million Bäume für München?

metroscope - Stadt von Morgen
Reallabor (1): Eine Million Bäume für München?
Liebe Urbanistinnen und Urbanisten,
in München laufen die IAA und der Mobilitätskongress. Wir sind für Sie mittendrin – als Medienpartner der urbanen Intervention “Reallabor Maxtor” und deren Debattenreihe. Die Ergebnisse liefern wir jeweils in kurzen Spezialausgaben am Morgen danach. Hier Ausgabe 1.
Ihre Michael Fabricius, Alexander Gutzmer, Céline Lauer

Freiraumplanung für die Stadt der vielen Optionen
So geht Stadtdiskurs: von links Gisela Karsch-Frank, Andrea Gebhard, Regine Keller, Moderator Alexander Gutzmer
So geht Stadtdiskurs: von links Gisela Karsch-Frank, Andrea Gebhard, Regine Keller, Moderator Alexander Gutzmer
München im urbanen Debattiermodus. Auf den Plätzen der Innenstadt verwandeln als Teil der IAA die Autokonzerne den Stadtraum zur Reflexionsfläche über die Mobilität von morgen. Wobei ihr primärer Fokus naturgemäß auf neuer Autotechnologie liegt. Wenige 100 Meter entfernt von dieser “IAA Innenstadt” fand gestern Abend der Auftakt zur Diskursreihe “Reallabor Maxtor” statt, auf einer Fläche am Maxtor, die temporär dem Straßenverkehr abgerungen wurde. Mit Segnung der Stadtverwaltung, natürlich. 
Thema der Debatte, die metroscope als Medienpartner unterstützt, war die Freiraumplanung für die Stadt der vielen mobilen Möglichkeiten. Schnell wurde klar: Unter Multi-Mobilität verstehen die drei diskutierenden Landschaftsarchitektinnen vor allem: weniger Auto, mehr Grün, mehr Nutzungsvielfalt. So stellte Gisela Karsch-Frank, Teamleiterin der Grün- und Freiraumplanung im Planungsbezirk Mitte, die Pläne des Bezirks für eine radikal gemischte Innenstadt vor:
„Unser Thema ist natürlich die Dichte im Freiraum. Wir müssen die Dichte gestalten, also mehr Quantität und mehr Qualität zugleich zulassen.“ 
Es gehe um multifunktionale Nutzungen. Hierzu hat sie ein umfassendes „Freiraum-Quartierskonzept“ in Auftrag gegeben. Noch im Herbst solle eine digitale Freiraumbefragung für die Sonnenstraße starten. Die Frage für die Sonnenstraße, genauso wie für München insgesamt und für andere Städte: Wie viel und welcher Straßenraum kann dem Autoverkehr sinnvoll abgerungen werden – und wie sieht die Neuaufteilung des Freiraums aus? 
Dabei stellt die Neuverteilung der urbanen Flächen eigentlich keine Revolution dar, sondern knüpft an alte Vorstellungen von Stadt an. Darauf verwies Andrea Gebhard, Chefin des Planungsbüros Mahl Gebhard Konzepte und Präsidentin der Bundesarchitektenkammer: 
„Es ist eine Hybris, dass wir in unseren Städten alles neu gestalten müssten. Wir können hier im Bereich Maxtor an die Ideen von Friedrich Ludwig von Sckell anknüpfen. Es geht darum, Großstädtisches und Großartiges zu schaffen. Das Maxtor ist ein schöner Raum, der heute aber nicht erlebbar ist.“
Was also kann man sofort machen? Die urbane Intervention von Urban Standards schafft, wie Gebhard sagt, spannende „Nasenplätze“, also ausgeweitete Fußgängerbereiche. Sie empfiehlt den Blick nach Italien, wo Städte wie Florenz oder Neapel anders mit ihren öffentlichen Räumen umgingen. Das Potenzial dafür sei auch in deutschen Städten und konkret in München da.
Das sieht auch Regine Keller so, Inhaberin des Büros Keller Damm und Professorin für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum an der TU München. Ihre These, bündig und pointiert:
„Unter dem Pflaster liegt der Strand.“
Beispiel Prannerstraße vor dem Maxtor: Keller möchte den Straßenraum mit Bäumen neu gliedern. Außerdem müssten sich die Gebäude öffnen und andere Nutzungen in den Höfen zulassen, etwa temporäre Kunstinstallationen. "So können wir diesem Raum seine historische Bedeutung zurückgeben – als prominenten Eingang in die Altstadt oder ins Münchner Museumsviertel.”
Insgesamt liegt Veränderung in der Luft – nicht nur in München. Die Krise des Einzelhandels, durch Corona verschärft, könnte hier zur Chance werden. Andrea Gebhard hat als Kammerchefin gerade das Finanzministerium mit einem Vorschlag zur Rettung des Einzelhandels konfrontiert.
„Unsere Idee: Kleine Läden in Sanierungsgebieten müssen keine Mehrwertsteuer zahlen. Ähnliche Modelle gibt es etwa in Holland schon.“ 
Offenbar war der Minister interessiert. Und bekanntlich stehen dessen Chancen auf die Kanzlerschaft nicht schlecht, was derlei Ansätzen nach der Bundestagswahl Rückenwind verleihen könnte.
Hier wissen wir in ein paar Wochen mehr. Schon früher wird man wissen, wie gut das Konzept der neuen IAA mit Bespielung der Innenstadt funktioniert. Die Begeisterung der Landschaftsarchitektinnen auf dem gestrigen Podium hielt sich in Grenzen. Gisela Karsch-Frank hält die großflächigen Pavillons im Stadtzentrum nicht für zeitgemäß:
„Ich persönlich finde es schwierig, wie hier der öffentliche Raum für die Inszenierung von Unternehmen gestaltet wird.“
Auch Andrea Gebhard fand eher kritische Worte:
„Die Autoindustrie hat zehn bis 20 Jahre lang geschlafen. Immerhin denken sie jetzt aber um.“ 
In der Tat geht es ja auf den Ausstellungsflächen der Konzerne in der Stadt nicht um eine PS-Leistungsschau, sondern um neue Ideen für die urbane Mobilität – und für die Stadt von morgen.
Eine solche Idee lieferte Regine Keller zum Abschluss: Eine Million neue Bäume für München. Diese, ergänzte Andrea Gebhard, könnte man um den Altstadtring herum legen – und aus diesem einen “Parkring” machen.
Heute Abend geht es weiter mit dem Reallabor Maxtor an der Prannerstraße. Im “Vision Lab” diskutieren ab 19 Uhr Sabine Effner, stellvertretende Mobilitätsreferentin Münchens, und Peter Blösl, Geschäftsführer von Green Circle Logistics, mit Julius Streifeneder von Urban Standards. Anmeldung an sophie.stigliano@urban-standards.com – oder einfach vorbeikommen. 
Textinput: Stephanie Murr
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Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer