metroscope - Stadt von Morgen

Von Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer von metroscope

Quantum City, Home Office und Klima, Biotope in der Stadt

#45・
57

Ausgaben

metroscope - Stadt von Morgen
Quantum City, Home Office und Klima, Biotope in der Stadt
Liebe metroscope-Community,
Deutschland diskutiert über Plagiate. Von uns bekommen Sie ausschließlich Original-Content. Wir haben Miriam Meckel zugehört und dem BUND. Und wir haben rausgefunden, was das Home-Office für das Klima in der Stadt bedeutet. Viel Freude bei der Lektüre wünschen wir!
Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer

Stadt der Quanten
Miriam Meckel Quelle: Alexander Gutzmer
Miriam Meckel Quelle: Alexander Gutzmer
Das war mal ein ungewöhnlicher Auftakt des diesjährigen ULI Summer Summits, der gestern in Frankfurt am Main stattfand (mit Masken und Testungen, aber physisch). Zum einen war die Bühne in der industrial chicen Union-Halle frauendominiert: Die neue Geschäftsführerin des Urban Land Institute weiblich, die Moderatorin weiblich, die Auftaktrednerin weiblich. Ungewöhnlich für die recht maskuline Branche. Und dann ging es auch noch alles andere als direkt real-estate-mäßig los. Den Opener machte nämlich die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. Und die wollte den Immobilienentscheidern keine Investitionsstrategien vorschlagen, sondern einen Einblick in die technologische Zukunft unserer Welt geben. Die ist, für Meckel, quantencomputerisiert.
Die frühere Wirtschaftswoche-Chefredakteurin erläuterte, „wie der Quantencomputer unsere Wirtschaft und Gesellschaft verändern wird – und zwar fundamental“. Zum einen bedeuteten die neuen Quantencomputer natürlich schlicht eine nochmals ganz neue Effizienz der Datenverarbeitung. Zum anderen aber brächten sie eine neue Art mit sich, wirtschaftliche Prozesse zu verstehen. Denn anders als herkömmliche Computersysteme funktioniert die Quantenlehre nicht binär, also auf null und eins basierend, sondern, nun ja, eben in Quantenform.
Meckel stellte zwei Eigenschaften der Quantenökonomie heraus, die, so meine These, auch für unsere Städte von Bedeutung sind oder sein können: Mehrdeutigkeiten und Überlagerungen. Beide Eigenschaften bringen, aufs Urbane gewendet, Mechanismen hervor, die mit der funktional geordneten Stadt nur noch wenig zu tun haben. Sie könnten die zweite digitale Revolution in der Stadt einläuten. Die erste beschrieb der Theoretiker William Mitchell in seinem Buch „City of Bits“. Könnte sein, dass diese demnächst abgelöst wird durch die City of Qubits, die Stadt der Quanten.
So können Mehrdeutigkeiten im Stadtraum beispielsweise bedeuten, dass ein und derselbe Ort in der Stadt unterschiedliche Funktionen parallel einnehmen kann – und dass diese Parallelität auch nicht immer klar lesbar sein muss. Das ständige Bemühen darum, zu definieren, was ein Ort „ist“ (also zum Beispiel „Einzelhandel“ oder „Wohngebiet“) ist aus dieser Perspektive zu einfach.
In ähnlicher Weise lässt sich auch Meckels zweites Quanten-Spezifikum auf die Stadt anwenden, die Verschränkung. Prozesse und Verhaltensweisen ganz unterschiedlicher Akteure und Interessensgruppen verschränken sich im urbanen Raum von morgen permanent ineinander. Jeder Akteur muss seine Verschränktheit mit anderen Akteuren anerkennen – und dazu in der Lage sein, auch zu agieren, ohne dass die Verschränkung sich löst. Ganz einfach? Na ja. Erzählen Sie das mal einem klassischen Retailer oder einem Produzenten von SUVs. Oder einem Immobilienentwickler alter Schule.
Neben dieser eher metaphorischen Relevanz der Quantencomputerei für unsere Städte werden diese aber natürlich auch durch die schiere Effizienz der Datenverarbeitung beeinflusst. Meckel nannte als Beispiel die Verkehrsplanung. Klar: Wenn Daten in real time auf Quantenbasis verarbeitet werden können, stellt sich die Frage, wie viel räumliche Separation unterschiedlicher Fahrzeuge man den Menschen künftig überhaupt noch anbieten muss. Andersherum wäre auch zu untersuchen, wie viel datenbasierte Steuerung der Verkehr verträgt und wie die Schnittstelle zwischen der Generierung von Daten und deren Applikation im realen Straßenverkehr aussieht. Viel Forschung also ist nötig. Aber das datenverarbeitende Potenzial dazu haben unsere Städte in Zukunft ja.
Mehr zum Verhältnis von Quantencomputern und Stadtentwicklung findet sich übrigens in diesem etwas nerdigen, aber auch interessanten Blogbeitrag. guz
Wann wird's denn endlich grün?
In vielen urbanen Räumen fällt die "Stadtnatur" eher kümmerlich aus. Quelle: pixabay
In vielen urbanen Räumen fällt die "Stadtnatur" eher kümmerlich aus. Quelle: pixabay
Lassen Sie uns über Architektenpetersilie reden. Im Stadtmacherjargon firmiert darunter alles, was zwischen Neubauten gepflanzt wird und irgendwie dekorativ wirken soll: ein paar Kugelbäumchen hier, ein Beet mit Zwergmispeln da, fertig ist die Stadtnatur. In der Theorie jedenfalls. In der Praxis entpuppt sich das Ganze als, nun ja, Feigenblatt einer stadtplanerischen Haltung, die urbane Räume in erster Linie immer noch vom Beton her denkt. Es ist schon seltsam: Prinzipiell hat niemand was gegen Grün (zumindest, wenn es um Vegetation geht). Aber so richtig was dafür tun will irgendwie auch keiner.
 So zumindest lautete ein zentraler Befund der Online-Konferenz “Städte sind zum Leben da!? Eine Zukunftsagenda für die Stadt in Zeiten von Klimawandel und Artensterben“. Am Mittwoch hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) zu dieser Abschlussveranstaltung des Projekts „Fit für Stadtnatur“ geladen. Letzteres wiederum wird vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums gefördert und soll – der Name verrät es – mehr Bäume, Büsche und Beete in die Städte bringen, damit diese umweltgerecht und klimaresilient werden.
In Teil 1 der Online-Runde kamen Akteurinnen und Akteure zu Wort, die sich ohnehin schon für grüne Städte einsetzen – ob beim BUND oder anderswo. Eine sehr homogene Gruppe also, die aber in ihren Vorträgen über Biodiversität oder Bienenhaltung durchaus auch stadtplanerische Belange streifte. Etwa, als Gabriele Falk vom BUND Köln erklärte, dass es mit ein paar Baumscheiben oder Beeten nicht getan ist: Städte brauchen Biotop-Verbunde, also zusammenhängende Grüngürtel – denn das sind die Kaltluftschneisen, dank denen kühle Winde in die Straßen gelangen und gerade tropische Nächte erträglich werden. Ein Punkt, der angesichts von Hitzesommern wichtiger sein dürfte denn je.
Der BUND Köln kartiert die Biotop-Verbunde der Stadt. Quelle: Gabriele Falk
Der BUND Köln kartiert die Biotop-Verbunde der Stadt. Quelle: Gabriele Falk
Abgesehen vom Kühleffekt bringen großzügige Grünflächen in urbanen Räumen natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Vorzüge mit sich – gesundheitliche, soziale und nicht zuletzt auch ästhetische. Soll heißen: Der berühmte „Blick ins Grüne“ ist auch dem Geschäft selten abträglich. Woran also hängt es denn nur bei der Stadtnatur? Teil 2 der Konferenz betrieb Ursachenforschung – mit den Bundestagsabgeordneten dreier Oppositionsparteien (die SPD hatte sich entschuldigen lassen, die CDU erst gar keinen Vertreter geschickt). Ihr Konsens: Das Problem liegt im System.
So schilderte Ralph Lenkert (Die Linke) aus Jena, dass Städte und Kommunen der Bebauung und Versiegelung oft nur wenig entgegensetzen könnten: Weil sich Flächen oder verbliebene Brachen oft in privater Hand befänden, der Staat kein Vorkaufsrecht genieße – und sich mit Investoren, die meist weit weg vom Schauplatz angesiedelt seien, kaum über Vegetation verhandeln lasse. Zudem würden die zahlreichen Förderprogramme des Bundes nur wenig helfen, denn die seien überkomplex und unbezahlbar; für die erforderliche Eigenbeteiligung fehle vielen Gemeinden schlicht das nötige Geld.
Ausgerechnet Daniel Föst (FDP) aus München pflichtete ihm bei: Der bürokratische Aufwand, um an die Fördermittel zu kommen, schrecke Städte nachhaltig ab. Zudem sei eine nachhaltige Planung kaum machbar, wenn Kommunen von den schwankenden Gewinnen ansässiger Unternehmen abhängig blieben – langfristig sei eine Finanzierungsreform fällig. Vor allem aber machte Föst drei konkrete Vorschläge, wie der Zielkonflikt „Wohnungsbau versus Grünerhalt“ aus seiner Sicht aufgelöst werden solle:
Dach- und Fassadenbegrünungen könnten auf Ausgleichsflächen angerechnet werden, statt diese vor den Toren der Stadt aufzukaufen – „damit auch da, wo neu gebaut wird, neues Grün entsteht“. Auch solle Biomasse, die an und auf den Häusern wächst, in den Verwertungskreislauf eingespeist werden und beispielsweise auf CO2-Zertifikate angerechnet werden, um so finanzielle Anreize zu schaffen. Und drittens will Föst die zweidimensionale Verkehrsinfrastruktur künftig in 3D nutzen – zum Beispiel, in dem Bahntrassen eingehaust werden, damit auf ihnen „grüne Lungen“ entstehen. Gerne hätte man einer Diskussion darüber zugehört; doch die ließ das Format leider nicht mehr zu.
So blieb es bei einer Reihe interessanter Denkanstöße – von denen einer auch auf die planerische Zunft abzielte: Bettina Hoffmann von den Grünen gab zu bedenken, wie wenig interdisziplinäre Teams noch immer in der Stadtentwicklung tätig seien. Wenn Architekten, Landschaftsgärtner, Investoren und städtische Partner in Zukunft von Beginn an Grün-Strategien für größere Räume entwerfen würden, statt kleinteilig vorzugehen, ließen sich die Biotop-Verbunde viel besser planen. Man darf das als Appell zur Kooperation verstehen – nicht nur an die Petersilien-Fraktion. cél
Homeoffice schützt das Klima
Hier noch eine interessante grafische Darstellung aus dem Hause Catella. Die Experten haben ausgerechnet, wie viel CO2 dadurch eingespart wird, dass die Büroarbeiter weniger pendeln. Zunächst die Homeoffice-Quoten 2020 im Vergleich zu 2019:
Anteil der Erwerbstätigen im Homeoffice an allen Beschäftigten. Quelle: Catella
Anteil der Erwerbstätigen im Homeoffice an allen Beschäftigten. Quelle: Catella
Sodann berechneten die Experten, was die nicht stattgefundenen Autofahrten bringen. Catella erläutert das so:
“Pendlerströme in Deutschland sind hauptsächlich von Fahrten mit dem privaten Pkw geprägt. Im Pandemie-Jahr 2020 verringerten sich gezwungenermaßen die zurückgelegten Pendelstrecken und rund 13 % der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiteten im Homeoffice. Homeoffice geht mit positiven Auswirkungen auf die Umwelt, Verkehrsinfrastrukturen und Gesundheit einher und bietet vielseitige Einsparpotenziale insbesondere in Hinblick auf Treib- hausgasemissionen. Die exemplarische Berechnung im Szenario zeigt, dass wenn 15 % der Erwerbstätigen, die normalerweise ihren Arbeitsweg mit dem Pkw bestreiten, stattdessen einen Tag in der Woche im Homeoffice arbeiten, rund 973.529 Tonnen CO2-Emissionen im Jahr vermieden werden könnten.”
Das sieht dann so aus:
Ein Tag pro Woche im Homeoffice - und die Auswirkung aufs Klima. Quelle: Catella
Ein Tag pro Woche im Homeoffice - und die Auswirkung aufs Klima. Quelle: Catella
fab
Was sonst noch geschah:
Umfrage: Digitales für mehr Nachhaltigkeit und Lebensqualität
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Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer