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Partizipation und Placemaking

metroscope - Stadt von Morgen
Partizipation und Placemaking
Liebe Freunde des gepflegten Stadtlebens,
diese Zeilen entstehen in einem Berliner Hotelzimmer. Auf einer Dienstreise. Inzwischen ein seltsames Gefühl, in Lockdown-Zeiten zu reisen. Reisen Sie noch?
Der Vorteil: Wer weniger reist, hat mehr Zeit zum Lesen und zum Reflektieren. Zum Beispiel über neue Wege der Stadtplanung. Einen solchen hat zur Zeit der Berliner Senat im Angebot: Partizipation per Sprachnachricht. Wir mögen die Idee. Und Sie? Schreiben Sie uns, ob Sie diese Art Bürgerbeteiligung für einen Schritt nach vorn halten oder für eine pseudodemokratische Simulation.
Ihre Michael Fabricius und Alexander Gutzmer

Mitreden wörtlich genommen: Partizipation per Sprachnachricht
Bürgerbeteiligung old school. Hierzu bietet das neue Projekt Alternativen. Quelle: Teleinternetcafe und Treibhaus
Bürgerbeteiligung old school. Hierzu bietet das neue Projekt Alternativen. Quelle: Teleinternetcafe und Treibhaus
Es ist ein paar Jahre her, da schrieb der Autor Markus Miessen ein Buch über den „Albtraum Partizipation“. Das war damals natürlich provokativ gemeint, sprach aber vielen Entscheidern aus der Seele. Bis heute ist es nicht einfach mit der Bürgerbeteiligung. Irgendwie, so hat man den Eindruck, macht immer derselbe Menschenschlag mit. Vielleicht sind die Hürden zu hoch. Und außerdem: Wer wollte momentan in einem engen Raum mit lauter Fremden über Architektur diskutieren, Maske hin oder her?
Die Schwellen senken will jetzt ein durchaus bemerkenswertes neues Partizipationsverfahren, das die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen gerade im Bezirk Mitte startet. Die Idee: Beteiligung per Sprachnachricht. Es geht um das Areal des Modellprojektes Haus der Statistik, wo bis 2031 ein neues „Rathaus der Zukunft“ entstehen soll. Auf www.stimmenaufknopfdruck.de können die Bürger ab Montag direkt per Sprachnachricht klarstellen, welches Rathaus sie wollen. Alle Nachrichten werden mit sozialwissenschaftlicher Methodik ausgewertet und visuell aufbereitet sowie in kurzen Podcasts vertont.
Ein spannender Ansatz – und ein breiter. Die Bürger sollen sich mit eigenen Ideen zu Architektur, der Interaktion mit einer modernen Verwaltung und den “Werten” des neuen Gebäudes beteiligen. Na dann mal los. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher glaubt, das Projekt generiere „vielfältige Impulse aus der Stadtgesellschaft“, die die Politik dann aufnehmen kann. Genau da liegt natürlich die Krux. Wie gelingt es, aus einem emotionalen Rant von Opa Kasuppke gegen die moderne Architektur einen konstruktiven Beitrag rauszufiltern? Hieran wird sich das Projekt messen lassen müssen. Wir finden aber: Es ist richtig, mit neuen Partizipationsformen zu experimentieren.
Aber wir sehen schon, Sie sind noch skeptisch. Ok, nachvollziehbar. Vielleicht lohnt es, am Montag in die digitale Kick-off-Veranstaltung reinzuschauen. Wir jedenfalls werden das tun. Die Anmeldung finden Sie hier.
Wie geht eigentlich dieses Placemaking?
Die Placemaking-Formel von Matthias Hollwich (oben rechts im Bild)
Die Placemaking-Formel von Matthias Hollwich (oben rechts im Bild)
Kleider machen Leute, sagt man. Begriffe machen Handlung, könnte man ergänzen. Manchmal braucht es einen fancy Titel, um einer Idee zum Durchbruch zu verhelfen. Wir haben so einen Begriff für Sie: „Placemaking“. Seit dieser Terminus kursiert, schön aktiv und cool, mit der Aura von Gestaltungsmacht, denkt die Immobilienwelt konstruktiver über die soziale Funktion von Gebäuden nach.  
Sie tat das kürzlich auch auf einem Digital-Event vom Urban Land Institute (ULI). „Placemaking 2.0“, so der Titel. Und es war spannend, auch wenn der Zusatz „2.0“ nicht wirklich aufgegriffen wurde. Wir sind noch bei Placemaking 1.0. Und das macht auch nichts. Das müssen wir nämlich erstmal gut hinbekommen. Der Referent, der Architekt Matthias Hollwich, hatte jedenfalls ein paar spannende Cases dabei (hier übrigens der Vortrag im Video). 
Wichtig für Hollwich: Die Frage, wer genau den „place macht“. Der Architekt, dessen Büro HWKN gerade in München mit Art Invest die Macherei realisiert, legt viel Wert auf einen intensiven Abstimmungsprozess mit allen Beteiligten, speziell auf Klientenseite. Er berichtet von einem interaktiven Workshop mit der University of Pennsylvania für das Projekt „Pennovation Center“.
„Wir haben anfangs einfach sechs unterschiedliche Vorschläge vorgelegt und gemeinsam mit dem Klienten diskutiert. Auch das Baudepartment der Uni war da schnell engagiert dabei.“
Also: Nicht sofort alles auf eine gestalterische Karte setzen, sondern in architektonischen Alternativen denken, heißt es für Architekten. Für die Entwickler bedeutet dieser Ansatz, bei der Auswahl von Architekten auf genau diese Dialogfähigkeit zu achten. Sie brauchen Architekten, die einen solchen Dialogprozess mit vielen unterschiedlichen Beteiligten, die auch unterschiedlich kommunizieren, im Griff behalten können.
Drei Elemente machen für Hollwich einen „place“ aus: Familiarität, Emotionalität, Neuheit. Emotionalität ist selbsterklärend, letztlich schlicht ein Plädoyer für mutige Architektur, die nicht duckmäuserisch daherkommt und nicht rein funktionalistisch. Interessanter ist der vermeintliche Gegensatz der anderen Elemente: Gute Placemaking-Strategien setzen einerseits bei Bekanntem an und aktivieren die Erinnerung der Bewohner / Benutzer, etwa durch lokal gesetzte Baumaterialien. Sie brechen andererseits aber auch Erwartungen und konfrontieren die Menschen mit Neuem.
Letzteres funktioniert häufig über das, was wir in Deutschland „Kunst am Bau“ nennen. Wer Hollwich folgt, versteht: Neuheit kann über Kunst entstehen, muss aber nicht. Auch die Architektur selbst kann Bekanntes mit Neuem brechen. Und wenn Entwickler auf Kunst setzen, dann geht es darum, diese nicht ex post an ein fertiges Bauprojekt anzuflanschen, sondern von vornherein mitzudenken. 
Um das zu können, gilt es, neue Großprojekte ganzheitlich zu denken. Heterogenes Klein-Klein mit vielen Architekten und Entwicklern mag demokratisch erscheinen, läuft aber Gefahr, zu unstimmigen Gesamtplanungen zu führen und so gerade in Sachen Placemaking zu versagen. Für Hollwich ein gelungenes Exempel ist das Hafenprojekt „The Wharf“ in Washington DC. Hier haben die Entwickler Hoffman & Associates und Madison Marquette von vornherein den Komplex mit den ersten sieben einzelnen Gebäuden entwickelt und danach zentral vermarktet. Hollwich:
„Wenn man vor Vermarktungsbeginn zwei, drei Gebäude weggelassen hätte, wäre das Projekt nicht angesprungen.“
Die Nutzungsmischung hätte dann nicht gestimmt, die nun von Beginn an klar war, inklusive einem integrierten Theater.
Wichtig: Placemaking ist eine Daueraufgabe und endet nicht mit der initialen Vermarktung. Man könnte auch von Placekeeping sprechen. Die Corona-Krise forciert dies, weil sie unser aller Bereitschaft verstärkt, umzuziehen. Hollwich:
„Die Menschen haben heute brutale Freiheiten. Aus New York ziehen gerade viele nach Pittsburgh. Aber sie sind auch bereit, zurückzukommen, weil sie Teil eines echten Ortes sein wollen.“
Womit man beim Thema Communities wäre. Zeitgemäße Real Estate-Entwicklung denkt in Communities und kreiert diese. Dies mag für klassische Entwickler noch ungewohnt sein, ist aber ein lohnendes Unterfangen. Und: Als Unternehmen kann man die Fähigkeit zum Community Building lernen. Hier treffen sich Immobilienwirtschaft und Wissensmanagement.
Man sieht: Placemaking ist nicht nur ein fancy Begriff, sondern auch ein komplexer. Wir werden bei metroscope immer mal wieder drauf zurückkommen. (guz)
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