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Ökonomen und der Wohnungsmarkt, das Stadtschloss und die Stadt

metroscope - Stadt von Morgen
Ökonomen und der Wohnungsmarkt, das Stadtschloss und die Stadt
Ist die Stadt in Wahrheit nichts anderes als ein Markt, und man muss nur das Angebot an Stadt erhöhen, damit sie schöner und günstiger wird? Dünnes Eis. Natürlich ist hier niemand gegen Neubau und eine qualifizierte Erweiterung unseres urbanen Lebensraums. Doch darum geht es hier nicht. Es geht eher um Erklärungsmuster der Ökonomen. Denn sie finden ganz einfach: Je mehr, desto billig. Wenn man es doch nur beweisen könnte.
Das Berliner Schloss war alles andere als billig. Heute wird virtuell eröffnet. Doch macht das die Hauptstadt schöner? Einer von uns beiden hat da Zweifel.
Wir wünschen eine weiterhin schöne Woche, so ganz ohne innerstädtischen Shoppingwahnsinn.
Ihre Michael Fabricius und Alexander Gutzmer

Wenn Ökonomen den Wohnungsmarkt erklären
Aus dem DIW-Beitrag zum OECD-Seminar "Was treibt die Hauspreise"
Aus dem DIW-Beitrag zum OECD-Seminar "Was treibt die Hauspreise"
Ein bisschen Hybris gehört zu jedem Fachbereich. Architekten, und niemand anderes, retten unsere Städte. Journalisten (also ich) meinen, zu allem etwas zu sagen zu haben. Und Ökonomen können alle Bereiche des Lebens in Angebots- und Nachfragekurven erklären. Wenn der Ehepartner unzufrieden ist, ist das Angebot an Liebe zu gering. Wenn die Kinder enttäuscht unterm Weihnachtsbaum sitzen, gab es kein Matching aus Geschenke-Angebot und Geschenke-Nachfrage. Wenn Mieten und Hauspreise steigen, gibt es zu wenig Angebot. Ganz einfach, oder?
Die OECD und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) haben am Dienstag einen gemeinsamen Versuch unternommen, um die Vorgänge am Wohnungsmarkt zu erklären. Die Frage lautete: Können sich Normalverdiener im Jahr 205o noch das Wohnen in den Städten leisten? Welche Faktoren sorgen dafür, dass die Hauspreise steigen?
Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dank Wirtschafts- und Einkommenswachstum vieles erschwinglicher wurde. Zwischen 2005 und 2015 ging der Anteil am Haushaltseinkommen, den die Menschen in OECD-Staaten für Kleidung und Essen ausgeben, zurück. Fürs Wohnen stieg der Kostenanteil dagegen um über fünf Prozent. Statt 25 Prozent zahlen die Bürger also 30 Prozent für Mieten oder Kaufpreise (siehe Grafik oben). Bis 2050, so die OECD-Erwartung, dürfte dieser Kostenblock noch weiter zulegen.
Dieser kleine Newsletter-Text kann keine Grundsatzkritik an der Kunst der Wirtschaftswissenschaften darstellen, bitte nicht falsch verstehen. Doch auf eine kleine Ungereimtheit kann man ja mal hinweisen. Für die OECD-Ökonomen steht also fest: Wenn Wohnen in der Stadt in Zukunft bezahlbar sein soll, muss alles dafür getan werden, um das Angebot zu erhöhen. Als passende Maßnahmen nennen die Experten:
  • höhere Häuser und neue Stadtteile bauen
  • Mietregulierung möglichst abschaffen
  • steuerliche Absetzbarkeit von Hypothekenzinsen abschaffen
Kurz zu Punkt 1. In Deutschland gibt es zum Beispiel die Mietpreisbremse, die die Höhe der Angebotsmieten abbremsen soll. Das Instrument ist viel zu kompliziert. Aber unabhängig davon: Vor fünfeinhalb Jahren, als die Bremse eingeführt wurde, habe ich mehrmals in den Zeitungen der WELT-Gruppe geschrieben: Die Mietpreisbremse ist eine Neubaubremse. Achtung, jetzt kommt’s: Ein Journalist gibt zu, dass er sich geirrt hat: Ich habe mich geirrt. Tatsächlich ist seit 2015 genau in denen Gebieten extrem viel gebaut worden, in denen die Mietpreisbremse gilt. Es gab deutschlandweit sogar einen regelrechten Bauboom, der für massiv steigende Baupreise sorgt (Grafik unten, Mietpreisbremse kam ab 2015). In Berlin gilt seit Anfang des Jahres auch der Mietendeckel. Und in den ersten drei Quartalen nahm die Zahl der Baugenehmigungen trotzdem um 0,6 Prozent zu. In Köln dagegen, ohne Mietendeckel, ging die Zahl der Baugenehmigungen binnen vier Jahren um 30 Prozent zurück.
Realität wird von der Ökonomie gerne auf einer x- und einer y-Achse dargestellt. Würde man diese Mechanik auf meine kleine Mietendeckel-Beobachtung anwenden, hieße das: Je mehr Preisregulierung, desto mehr wird gebaut. Prima.
Das ist natürlich Unsinn. Denn in der komplexen Realität unserer Städte reichen x und y nicht aus, um die Vorgänge zu erklären. Das zeigt übrigens auch eine lustige Feststellung in einem OECD-Papier, zum Thema public transport: Wird in einer Stadt der öffentliche Nahverkehr ausgebaut, so die Ökonomen-Beobachtung, sinkt die Erschwinglichkeit von Wohnraum. Wo hingegen viele Autos fahren, ist Wohnen billig. Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Autoverkehr in der Stadt sollte auf keinen Fall reduziert werden.
Das Dumme an der Ökonomie ist mitunter die Schwierigkeit, das Henne-Ei-Prinzip auszuschalten. Was war zuerst da: die Bahn, dann die Zuwanderung, dann die steigenden Preise? Oder war es vielleicht so: erst die Bürger, dann die Stadt, dann die Bahn, dann die Wohnungs-Investoren? Oder ist es ganz schlicht: Da wo Autos unterwegs sind, ist die Bebauung dezentral und deshalb günstig?
Immerhin, es wurde noch bunt in der Ökonomen-Runde. DIW-Wohnungsmarktexperte Claus Michelsen sorgte für hochgezogene Augenbrauen, als er sagte: “Es ist kein Widerspruch, zu regulieren und gleichzeitig das Bauen anzuschieben. Ein Haushalt mit niedrigem Einkommen hat eben nur eingeschränkten Marktzugang.” Gunther Schnabel von der Universität Leipzig ergänzte: „Immobilien werden nicht produziert wie Streichhölzer, man kann nicht einfach eine Maschine einschalten und mehr herstellen.“
Zum Henne-Ei-Problem kommt also auch noch ein Zeitfaktor. Vielleicht schafft es die Ökonomie eines Tages, den Wohnungsmarkt umfassend zu erklären, wenn sie sich mal mit Quantenphysikern und Astronomen zusammensetzt. (fab)
Der weite Weg vom Schloss zur Stadt
Schloss und Fernsehturm. Lässt sich das irgendwie zusammendenken? SHF / Foto: Christoph Musiol
Schloss und Fernsehturm. Lässt sich das irgendwie zusammendenken? SHF / Foto: Christoph Musiol
Jetzt ist es also da, unser aller Schloss. Heute Abend eröffnet virtuell das Berliner Stadtschloss. Dass der reale Staatsakt der Berliner Politszene wegen Corona verwehrt bleibt, passt irgendwie zu dem aus meiner Sicht vielfältig verkorksten Projekt. Die einschlägigen Debatten werden Sie mitbekommen haben, auch selber eine Haltung dazu haben. Ich persönlich, Sie merken es, kann dem Stück Rekonstruktionsarchitektur nichts abgewinnen. Mein Kollege Michael Fabricius schon mehr. Aus architekturkritischer Sicht hat Friederike Meyer gestern nochmal aufgedröselt, was alles nicht stimmt mit dieser pompösen Chimäre. Doch es hilft nichts: 18 Jahre nachdem der Bundestag mit 380 zu 133 Stimmen für den Wiederaufbau des 1950 gesprengten Vorgängers stimmte und zwölf Jahre nach dem Votum der Wettbewerbsjury für den Entwurf des Italieners Franco Stella eröffnet nun Deutschlands teuerster Kulturneubau.
Mal ganz unabhängig von der Architektur gilt: Im räumlichen Gefüge des historischen Zentrums Berlins spielt der Bau natürlich eine zentrale Rolle. Die gesamte Gegend westlich des Alexanderplatzes muss sich quasi neu sortieren.
In der Berliner Stadtgesellschaft muss das Humboldt Forum sich seine Position erst noch erkämpfen. Leicht wird das nicht. Im Jahr 2008 hatte Stella das Schloss als eine Folge von Stadtplätzen entworfen und mit diesem Ansatz den Wettbewerb gewonnen. Wenn wir mal bei dem Spirit bleiben, stellt sich künftig die Frage, welches Stadtleben dieses Schloss denn ermöglicht. Wenn also, wie Friederike Meyer schreibt, bisher das „glasüberdachte, viergeschossige Foyer… an ein leeres Luxuskaufhaus erinnert“, so muss es unser aller Ziel sein, dass dieser Eindruck sich möglichst schnell überlebt. Dazu reichen ein paar Touristen aus Wanne-Eickel nicht aus, die sich an der Entwicklung postroyaler Beeindrucktheit versuchen. Dafür braucht es die Akzeptanz des Kolosses durch das Berlin von heute.
Die städtebauliche Einbettung ist eigentlich so unspannend nicht. Mit dem Marx-Engels-Forum, dem Roten Rathaus und natürlich dem Fernsehturm stehen genügend Nachbarn drum herum, die eine Tendenz zu naiver Preußenseligkeit unterminieren. Das urbane Umfeld ist also interessant, trotz der dort auch grassierenden Tendenz zu pseudoklassischen Wohnkisten.
Wichtig ist nun, dass die Betreiber sich von vornherein entspannen und nicht der politisch getriebenen Sehnsucht erliegen, hier die ganz große Show irgendeiner neuen Berliner Geistesrepublik hinzulegen. Es gilt, sich locker zu machen und sich einzugestehen, dass dieses Ding kein Ausweis teutonischer Kulturdominanz ist, sondern ein so ambitionierter wie kruder Bau einer Gesellschaft mit Widersprüchen und Problemen. Daraus lässt sich etwas machen. Genauso wie die Berliner Kunstszene auch mit dem damaligen Palast der Republik kreativ umzugehen wusste. Also, liebe Berliner Kulturschaffende: Lehnt diesen Klotz nicht ab, sondern nehmt ihn als Herausforderung. Und liebe Stiftung Humboldt Forum, bitte keine reinen Repräsentationsprojekte starten, sondern innovative, gern auch kleinteilige Ansätze, die in die Ambivalenz unserer Zeit passen.
Ach ja, und liebe Städte: Es reicht dann jetzt mal in Sachen Historismus. (guz)
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