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Kriselnde Clubs, kritische Parkräume und ein Wohngipfel

metroscope - Stadt von Morgen
Kriselnde Clubs, kritische Parkräume und ein Wohngipfel
Liebe Stadtfreunde,
heute haben wir ein längeres Intro, denn es gibt eine wichtige Neuigkeit. Seit Ende Oktober probieren wir jetzt aus, wie ein regelmäßiges E-Mail-Produkt zur Stadt von Morgen aussehen könnte. Nach ziemlich genau fünf Monaten sind wir soweit, dass wir sagen: Wir haben die passende Themenwelt, die richtige Frequenz und einen angemessen Ton gefunden. 
Deshalb wollen wir unsere Beta-Phase, bei der viele von Ihnen aktiv mitgemacht und uns durch Feedback sehr geholfen haben, jetzt beenden. Ohne sie hätten wir das nicht hinbekommen, und dafür wollen wir uns erkenntlich zeigen (dazu gleich mehr).
Was das auch heißt: Ab nächster Woche wird metroscope nicht mehr kostenfrei sein. Wie bisher werden wir jede Woche ein bis zwei Updates, Analysen, Essays oder andere Artikel herumschicken. Aber abgesehen von Ausnahmen werden sie Mitgliedern vorbehalten sein.
Neben Zugriff auf alle aktuellen und vergangenen Ausgaben werden wir für Mitglieder auch Events und Diskussionen auf Clubhouse, Zoom oder anderen Plattformen veranstalten, die für möglichst viele User funktionieren. Wir wollen auch ein Forum sein, über das Sie sich mit uns, anderen Experten, Autoren sowie untereinander austauschen können. Einen ersten Termin planen wir für Mitte März – es soll um die künftige Wohnungspolitik gehen.
Bei Ihnen wollen wir uns, wie erwähnt, vor allem bedanken. Sie haben unsere Gehversuche mit Geduld und Rat begleitet, und wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns und unserer kleinen Gemeinde hier gewogen blieben.
Mit folgendem Link bekommen Sie metroscope deshalb weiterhin gratis (bis zum Sommer; bitte nicht so oft weitersagen…). Die Gratis-Info steht in dem gelb gefärbten Feld über Ihrem Namen. “Revue” ist eine etablierte und viel genutzte Newsletter-Plattform. 
Ach ja, und ein paar spannende Inhalte haben wir auch noch für Sie. Es geht um eine aktuelle Parkraum-Studie, um den Wohngipfel beim Bauminister – und um Clubkultur. Ein beschwingte Lektüre wünschen wir.
Michael Fabricius & Alexander Gutzmer

Studie: mehr Parkraum führt zu mehr Autos
Autos in der Stadt sind ein Faktor, den es zu reduzieren gilt – darin sind sich Stadtplaner, Politiker und Klimaschützer einig. Was aber führt dazu, dass die Menschen scheinbar gegen alle Vernunft massenhaft Autos in unsere engen Metropolen karren? Eine Antwort, die man intuitiv nachvollziehen kann: Parkplätze. Je mehr Parkplätze, desto mehr Autos, vermutet man.
Aber stimmt das? Autolobbyisten argumentieren dagegen. Sie sagen: Die Menschen wollen einfach ihre Autos, unabhängig vom Parkraum. Bisher konnten das noch keine Studien widerlegen, weil Ursache und Wirkung unklar waren. Also: Wenn in Stadtvierteln mit vielen Parkplätzen auch mehr Autos je Einwohner stehen, kann das ja auch daran liegen, dass die Autofreaks eben bewusst genau diese Stadteile auswählen. Eine aktuelle Untersuchung aus San Francisco konnte diesen Faktor nun ausschließen – indem sie nur jene Menschen befragt hat, die sozial geförderte Wohnungen über die so genannte „Housing Lottery“ zugewiesen bekommen haben, sich ihre Wohnung also nicht aussuchen konnten. Man hat damit ein randomisiertes Sample. Und die Ergebnisse zeigen, dass auch unter diesen Einwohnern die Präferenz fürs eigene Auto mit zunehmendem Parkplatzangebot steigt (siehe Chart). In Gebäuden ohne eigenen Parkraum besaß nur etwa jeder Dritte der Befragten ein Auto; in Gebäuden, die jeder Wohnung einen eigenen Parkplatz zuwiesen, waren es 81 Prozent. Beweis erbracht.
Quelle: Sidewalk Labs / Adam Millard-Ball et al.
Quelle: Sidewalk Labs / Adam Millard-Ball et al.
Nun könnte man einschränken, dass mehr Autos in der Stadt zwar keine effiziente Raumnutzung darstellen, dass aber der Besitz eines Autos nicht sofort bedeutet, dass man auch damit fährt. Auch hier aber schlechte News für die Lobbyisten: Die Untersuchung konnte zeigen, dass Autobesitzer mit mehr Parkplätzen ihre Autos auch häufiger bewegen. Ist ja auch logisch. Jeder Autobesitzer, der mal in einer Innenstadtgegend ohne eigenen festen Parkplatz bewohnt hat, kennt die Angst, das eigene Auto vom „schönen Parkplatz“ wegzubewegen. Aus Sorge um den Parkplatz radelt man dann lieber.
Auch interessant: Die Forscher konnten auch die Vermutung widerlegen, Parkplätze seien nötig, um Leuten jene Mobilität zu ermöglichen, die sie ihre Arbeitsplätze behalten lässt. Zwischen Parkplatzdichte und Jobsicherheit gab es keine Korrelation. Wer also seinen Job verliert, tut dies nicht aus Mangel an verfügbarem Parkraum und einer damit einher gehenden mangelnden Mobilität.
Für Stadtplaner und Entwickler sind dies eigentlich gute Nachrichten. Es liefert bei Neubauten mehr Futter in der Argumentation gegen eine zu üppige Ausstattung mit Parkraum. Und klimapolitisch wird klar, dass die Schaffung von Parkraum kein CO2-Neutrum darstellt, sondern reale Negativeffekte hat.
Adam Millard-Ball, Jeremy West, Nazanin Rezaei, Garima Desai: What Do Residential Lotteries Show Us About Transportation Choices? In: Urban Studies, forthcoming
Real Estate sollte die Clubkultur lieben
Der Kultclub Berghain in Berlin. Leicht rein kommt man hier nie – momentan wegen dem Lockdown aber gar nicht. Quelle: Michael Mayer / Flickr
Der Kultclub Berghain in Berlin. Leicht rein kommt man hier nie – momentan wegen dem Lockdown aber gar nicht. Quelle: Michael Mayer / Flickr
Eigentlich scheint die Interessenlage klar: Entwickler wollen flexibel nutzbare Flächen in Innenstädten – und ein Umfeld, in dem nicht laute Musik oder jugendliche Feierbiester Unruhe stiften. So gesehen scheinen lärmende Musikclubs ihr natürlicher Gegner zu sein. Man kann das aber auch ganz anders sehen. Gegenthese: Eine vitale Stadtkultur ist in all ihren Ausprägungen, also inklusive Clubwesen, wichtig für die Dynamik des urbanen Raumes. Für Entwickler mit Phantasie bieten Clubs konzeptionelle Anknüpfungspunkte und narratives Potenzial.
Es ist von daher aus Entwicklersicht nicht gut, wenn, wie seit Jahren zu beobachten, ein Clubsterben die Städte monotoner macht. Zumal dieses Sterben durch Corona und zähe Lockdowns massiv beschleunigt wird und sich zunehmend Verzweiflung in Clubland breit macht. Gut daher, wenn sich eine Gegenbewegung formiert. Im Ländle hat sich jetzt die „Interessengemeinschaft Clubkultur Baden-Württemberg“ gegründet. Sie will der Szene einen höheren Stellenwert in Politik, Öffentlichkeit und Wirtschaft verschaffen. “Viele Kommunen im Land haben schon vor Corona ein Clubsterben erlebt, das verschiedenste Gründe hatte: Verdrängungen zu Gunsten von Wohnbebauung, ein verändertes Ausgehverhalten oder Lärmkonflikte mit den Nachbarn”, sagt ein Interessenvertreter. Mehr als 90 Akteure aus 17 Städten haben sich der Initiative inzwischen angeschlossen.
Natürlich ist es ein wenig widersprüchlich, wenn die Vertreter einer Avantgardekultur sich der Sprache von Selbsthilfegruppen bedienen. Doch dass sich die Clubs als politische Akteure verstehen, ist sinnvoll. Genauso wie sie sich auch als ökonomische Entitäten verstehen müssen.
Von dort ist es dann nur noch ein Schritt zum Status als Immobilienentwickler. Beispiele dafür finden sich in der Clubmetropole Berlin. Das prominenteste: das Projekt „Holzmarkt“. Hervorgegangen ist das Projekt aus der legendären „Bar25“, einer selbst gebauten Holzhütte auf einem Restgrundstück nahe Ostbahnhof. 2010 kam die Schließung. Die Barchefs übernahmen darauf das Gelände und starteten das Projekt Holzmarkt. 2017 eröffnete der Komplex mit Club, Restaurant, Bar, Hotel, Fitnessstudios, Musikstudios und Wohnungen. In der Musikwelt wie in der sich kritisch wähnenden Architekturszene wird das Ganze natürlich skeptisch gesehen. Aber eine interessante Entwicklung stellt es dennoch dar. Hoffen wir, dass das Projekt den momentanen Lockdown überlebt.
Die Initiatoren des Holzmarktes hatten sogar noch eine Erweiterung geplant. Nördlich der Bahntrasse schlugen sie das Projekt „Eckwerk“ vor, eine Art Kreativ- und Technologiezentrum. Die Architekturbüros Graft und Kleihues+Kleihues waren beauftragt. Letztlich wurde aus dem Projekt nichts.
Dennoch möchte man den Clubs Mut für solche Gehversuche in Sachen Real Estate zusprechen. Und der Immobilienbranche ist eine große Offenheit für eine Zusammenarbeit mit der Clubwelt zu empfehlen. Viele Clubbetreiber scheinen mittlerweile ihrerseits kooperationswillig zu sein.
Zumindest politisch einen Schritt weiter als in Deutschland zu sein scheint man in London. Die Stadt zählt wie Berlin seit den 1990ern zur den wichtigen Club-Metropolen. Auch dort aber sterben die Clubs; der ikonische Schwulenclub XXL wurde etwa einem Projekt des Entwicklers Native Land geopfert. Jedoch: Die Politik scheint das Problem erkannt zu haben. Im britischen Parlament gibt es die so genannte „All Party Parliamentary Group for the Night Time Economy“. Die Parlamentarier kämpfen um die Clubs, weil sie deren wirtschaftliche und stadtkulturelle Bedeutung sehen.
Die Paliamentary Group veröffentlichte kürzlich eine Umfrage zu den Folgen von Corona für die Clubkultur (siehe Grafik unten). Die vielleicht dramatischste Zahl daraus: 85 Prozent aller Angestellten der Szene wollen raus. Schlimm, aber nicht undenkbar, dass sich hier das Ende einer inhärent urbanen Kultur abzeichnet. Diese ist natürlich immer etwas kapitalismusskeptisch. Aber ein kulturell wie wirtschaftlich vitales Stadtleben hängt auch von ihr ab. Hoffen wir also, dass der ganz große Covid-Kahlschlag in Sachen Clubkultur ausbleibt – in London wie in Berlin oder Stuttgart.
Warum der Bund keine Wohngipfel veranstalten sollte
Die mit Abstand größte Veranstaltung (sofern man unter den gegenwärtigen Bedingungen überhaupt davon reden kann) der Bundesregierung in dieser Woche war die große Bilanz der Wohnraumoffensive. Im September 2018 hatte es den Wohngipfel bei Bundeskanzlerin Angela Merkel gegeben, zusammen mit dem halben Bundeskabinett, mit Landesministern, Fachleuten, Verbänden und Vertretern von Städten und Gemeinden. Es folgten viele einzelne Gesetzesvorhaben, die Einrichtung der Baulandkommission und einer Website extra zum Thema. Wir wollen hier nicht jeden der einzelnen Punkte bewerten. Denn das hat die Bundesregierung schon selbst getan und eine Checkliste vorgelegt, in der sie alle Dinge, die umgesetzt worden sind, mit grünen Häkchen versehen hat. Angela Merkel verkündete hinterher laut: „Die Bilanz kann sich aus meiner Sicht wirklich sehen lassen.“ Hier musste wohl der PR-Holzhammer ran, ansonsten wäre der Tätigkeitsnachweis des amtierenden Bundesbauministers Horst Seehofer für viele Bürger möglicherweise schwer erkennbar gewesen. Die Seehofer-Bau-Checkliste gibt es auch zum Download.
Einige Stichpunkte daraus:
  • Wohngeld wurde erhöht und dynamisiert
  • Mehr Geld vom Bund an die Länder für neue Sozialwohnungen
  • Sonderabschreibung 4 Prozent für Mietwohnungsbau
  • Baukindergeld
  • CO2-Bepreisung von Wärme und Energie (ja, das steht mit grünem Haken in der Wohnraum-Liste)
  • Städtebauförderung wird fortgesetzt
  • Mietpreisbremse verlängert und leicht nachgebessert
  • Verbilligte Abgabe von Bima-Grundstücken
  • Grundsteuerreform (auch hier bleibt Seehofers Geheimnis, was das mit Wohnraumoffensive zu tun hat).
Das wichtigste Vorhaben, eine Novellierung des Baugesetzbuches, das den Kommunen mehr Möglichkeiten für das Bau- und Grundstücksmanagement vor Ort ermöglichen soll, ist indes noch nicht fertig. Im Gegenteil, die Koalitionspartner streiten seit Monaten so heftig darüber, dass man fast schon ein Scheitern befürchten muss. In der Novelle sind einige der Vorschläge der Baulandkommission eingearbeitet. Mehr darüber berichten wir, wenn dieses für die Städte und für die urbane Zukunft wichtige Gesetz verabschiedet ist.
Mit dieser offenen Frage im Rücken und mit einem Blick auf die obige Liste kann man zumindest festhalten: Der Bund hat mangels juristischer oder vielleicht auch inhaltlicher Kompetenz (Bauministerium?) kaum Möglichkeiten, das Wachstum unserer urbanen Zentren, dieser zentralen Zukunftsorte, zu gestalten. Der Wohnungsbau ist Länder-Kompetenz, ist dort aber nicht das zentrale Thema. Schließlich schlagen sich die Landesregierungen auch mit Gebieten mit Bevölkerungsrückgang und Leerstand herum. Daraus können wir schließen: Die tatsächliche Kompetenz liegt bei den Städten. Dort sollte sie auch juristisch und administrativ viel stärker verankert werden.
Bei der Schunkel-Bilanz der Bundesregierung durfte auch Ralph Spiegler kurz etwas sagen, Vorsitzender der Bundesvereinigung kommunaler Spitzenverbände und Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes:
„Der Flaschenhals für die Schaffung bezahlbarer Wohnungen bleibt die Baulandmobilisierung. Hier müssen die Kommunen stärkere Steuerungsmöglichkeiten erhalten, etwa durch erweiterte Vorkaufsrechte.”
Stärkere Steuerungsmöglichkeiten forderte auch der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) mit Blick auf ein in seiner Stadt drängendes Thema, die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen.
“So schnell kann man gar nicht neue Mietwohnungen bauen, wie auf der anderen Seite Mietwohnungen verschwinden.”
Das mit der Umwandlung ist nicht nur in Berlin ein Thema, der Deutsche Städtetag fordert ebenfalls mehr Möglichkeiten, die wirtschaftliche Verwertung von Wohnraum mitzusteuern. Längst schließen sich die Städte bei Themen wie diesen zusammen. Ein Bündnis von EU-Städten fordert von EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager strengere Kontrollmöglichkeiten für Ferienwohnungsplattformen wie Airbnb.
Den Städten mehr Zugriff auf den Bauland- und Wohnungsmarkt vor Ort zu ermöglichen, erscheint pragmatisch. Idealerweise könnten Bürgermeister wachsender Städte sogar die Möglichkeit haben, Entscheidungen etwa über den Ausbau von Infrastruktur in Umlandgemeinden mit zu fällen. Nur so können sie das Wachstum über die formalen – meist zu engen – Grenzen ihrer Metropolen hinaus gestalten. Und warum sollten sie nicht Bauformen, Nachhaltigkeitsregeln und Energieversorgung selbst regulieren können?
Alle Macht den Bürgermeistern? “Spiegel Online” berichtete im vergangenen Sommer über das “Globale Parlament der Bürgermeister” und interviewte den Mitgründer Peter Kurz, Oberbürgermeister von Mannheim. Und der verstorbene US-Politologe Benjamin Barber veröffentlichte bereits vor sechs Jahren das Buch „If Mayors Ruled the World“. (hier ein Interview mit ihm bei kommunal.de) Die Thesen könnten ein Leitbild für die nächste deutsche Bundesregierung sein. Es wäre schmerzhaft, denn Macht geben Politiker nicht gerne ab.
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