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Infektiöse Stadtteile, umkämpfte Mietendeckel – und die große Büro-Frage

metroscope - Stadt von Morgen
Infektiöse Stadtteile, umkämpfte Mietendeckel – und die große Büro-Frage
Liebe Urbanistinnen und Urbanisten,
einen ganz großen Einfluss auf die Stadtplanung hat Corona bisher nicht. Das aber könnte sich ändern – zumindest wenn Stadtplaner sich mit neuen Erkenntnissen befassen, die zeigen, wie unterschiedlich stark verschiedene Stadtteile etwa in Berlin von der Pandemie betroffen sind.
Dass letztere die Bürowelt verändert, gilt hingegen als ausgemacht. Aber die beliebte “Home Office wird bleiben”-These ist ganz so eindeutig entschieden offenbar nicht. Zumindest aus Sicht der Innovationsforschung spricht nämlich vieles gegen das ewige Arbeiten am heimischen Esstisch.
Aber zugegeben, dies schreiben wir Ihnen – noch – aus dem Home Office. Wo auch immer Sie uns lesen, wir wünschen viel Freude dabei.
Ihre Michael Fabricius & Alexander Gutzmer

Verdichtung und Segregation: Ab wann ist eine Stadt gesundheitsschädlich?
Die Pandemie wirft ein Schlaglicht auf Problemlagen, die teilweise jahrelang verschleppt, teils aber auch stillschweigend akzeptiert wurden. Die nicht vorhandene Digitalisierung in Schulen und Behörden gehört ebenso dazu wie eine mangelnde Agilität im Personalwesen deutscher Unternehmen.
Auch unsere Städte zeigen nun ihre Problemzonen verstärkt. Offensichtlich gibt es einen Zusammenhang zwischen sozialer Segregation, Verdichtung und Infektionsgeschehen. Ein Blick auf die Covid-19-Inzidenz in einzelnen Stadtteilen zeigt zunächst, wenig überraschend: Wo die Bevölkerungsdichte hoch ist, ist auch die Wahrscheinlichkeit einer Infektion höher. Logisch – auch wer in der U-Bahn sitzt, infiziert sich leichter als jemand, der alleine Auto fährt. Doch hohe Dichte allein reicht nicht aus, um hohe Inzidenzen zu erklären, sondern bildet lediglich eine Art Grundsockel für das Geschehen.
Berliner Inzidenzen: Screenshot aus dem aktuellen Corona-Lagebericht des Senats
Berliner Inzidenzen: Screenshot aus dem aktuellen Corona-Lagebericht des Senats
In Berlin sind jene Stadtteile besonders betroffen, in denen zusätzlich ein hoher Anteil an Bürgern mit Migrationshintergrund lebt, eine hohe Arbeitslosigkeit herrscht oder viele Haushalte finanziell schwach aufgestellt sind. Oder alles zusammen, wie beispielsweise in Neukölln. In einem eindrucksvollen Bericht schildert der Spiegel, was eine junge Frau türkischer Abstammung in den vergangenen Monaten dort erlebt hat – wie viele ihrer Bekannten gestorben sind und wie sie sich immer weiter aus dem öffentlichen Leben zurückzieht.
Im Stadtteil Neukölln leben 7.343 Menschen auf einem Quadratkilometer. In München (gesamte Stadtgemeinde) sind es nur rund 4.700. Allerdings: In direkter Nachbarschaft Neuköllns, im Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg, leben viel mehr, nämlich 14.277 Menschen auf einem Quadratkilometer. In Hamburg-Eimsbüttel sind es sogar 18.126. In beiden Stadtgebieten sind die Infektionszahlen aber deutlich geringer. In Neukölln dagegen ist zusätzlich die Arbeitslosigkeit mit 16 Prozent besonders hoch, außerdem hat fast die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.
Bekannt ist, das Arbeitslosigkeit oft mit einem schlechteren Gesundheitszustand zusammenfällt. In Milieus mit hoher Migration verhalten sich die Menschen zudem häufig anders als in bürgerlichen Wohngebieten – die Zahl der täglichen Kontakte ist insgesamt höher. Ähnlich ist das Bild übrigens in manchen Gebieten in Reinickendorf und Berlin-Mitte (Wedding gehört dazu).
Es entsteht also ein weiteres Argument für eine bessere Durchmischung der Städte und weniger soziale Segregation: Nicht nur Bildung- und Aufstiegschancen sind im Durchschnitt höher sowie die Kriminalität niedriger, wenn sich wohlhabende und weniger wohlhabende Haushalte im gleichen Gebiet aufhalten. Auch die urbane Resilienz in einer Pandemie steigt. In diesem Zusammenhang könnte man über die Grenzen der Genrifizierungs-Vermeidung nachdenken: Ist es wirklich sinnvoll, eine “Aufwertung” eines Stadtgebiets um jeden Preis zu verhindern?
Wie in vergangenen metroscope-Ausgaben angedacht, könnte es helfen, wenn Bürgermeister und Stadträte mehr Flexibilität und Eingriffsmöglichkeiten hätten. Eine bundesweite Reform des Baugesetzbuchs würde vor allem dann helfen, wenn die Regierenden vor Ort dadurch mehr Möglichkeiten bekämen und entscheiden könnten, ob in einem so genannten Milieuschutzgebiet nicht doch ein Mietshaus modernisiert oder gar in Einzel-Eigentum umgewandelt werden kann, sofern das zu einer sinnvollen Durchmischung führt. Was “sinnvoll” ist, sollten ebenfalls idealerweise die Stadtmanager vor Ort entscheiden können. Schön wäre es allerdings, wenn sie dabei weniger im Sinne einer Ideologie, sondern eher im Sinne der Stadtgesundheit agierten.
Allerdings scheitert die Bundesregierung aktuell schon an der jahrelang vorbereiteten Mini-Reform des Baugesetzbuchs, in dem die entsprechenden Rahmenbedingungen zum Milieuschutz stehen. Das hat politische Gründe – und ist bedauerlich. Die Zukunft eines Quartiers sollte nicht entlang politischer Linien im Bundestag entschieden werden. fab
Mietendeckel – doch nicht verfassungswidrig?
Der Berliner Mietendeckel steht bundesweit unter Beobachtung. Schließlich überlegen auch andere Städte (und zwar nicht nur in Deutschland), ob eine strengere Preisbegrenzung für Mietwohnungen in der ein oder anderen Form nötig sein könnte. Deshalb an dieser Stelle ein kurzer Hinweis auf ein Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts (VG 8 L 201/20), das vor einigen Tagen ergangen ist, aber in der öffentlichen Wahrnehmung kein großes Aufsehen erregte. Die Kurzversion: Per Klage wollte eine Vermieterin durchsetzen, dass sie eine höhere Miete verlangen darf als es der Preisdeckel erlaubt. Begründung unter anderem: Der Mietendeckel sei verfassungswidrig. Genau das sah das Verwaltungsgericht nicht so.
Ist das ein Vorgeschmack auf ein möglicherweise salomonisches Urteil aus Karlsruhe, das in diesem Quartal erwartet wird? Hier ein Zitat aus dem ausführlichen Bericht der Senats-Website:
“Der Mietenstopp sei zwar in der Rechtsprechung der Zivilgerichte und der juristischen Literatur umstritten, aber nicht evident verfassungswidrig. Dem Land Berlin stehe die Gesetzgebungskompetenz für eine mietpreisrechtliche Regelung zu. Der Mietenstopp sei als politisch gesetzte Preisgrenze eine Ausnahmeregelung, die zeitweilig die Vorschriften des bürgerlichen Rechts überlagere. Angesichts steigender Mieten befürchte der Gesetzgeber eine Verdrängung einkommensschwacher Bevölkerungsschichten aus ihrem sozialen Umfeld.” 
Gegen das Urteil kann noch Berufung eingelegt werden. Da aber das Verwaltungsgericht ebenso wie andere Gerichte als unabhängig gelten darf, kann man vermuten: Besonders klar dürfte auch in höheren Instanzen die Entscheidung für oder gegen Preisdeckel NICHT ausfallen. fab
Paradise forever? Home Office hat (wohl doch) seine Grenzen
Ein Durchschnittsbüro. Was, wenn es hier leer bleibt? Quelle: Dean_Calma / Flickr
Ein Durchschnittsbüro. Was, wenn es hier leer bleibt? Quelle: Dean_Calma / Flickr
Kommen sie zurück? Oder kommen sie nicht? Das ist die geradezu epische Frage, die sich Arbeitgeber und der Bürogebäude-Sektor momentan stellen. Gemeint sind natürlich die Massen an Büroangestellten (14,8 Millionen Office Worker gibt es laut IW in Deutschland), die großenteils in ihren zunehmend professioneller ausgestatteten Home Offices dem Ende der Pandemie entgegenzoomen. Aber wie lange noch? Für immer? 
Klar ist: Ein Umdenken hat stattgefunden. Home Office ist nicht länger das arbeitskulturelle Tabu aus vorpandemischen Zeiten. Doch zunehmend werden auch die Nachteile der Massenkasernisierung am heimischen Herd deutlich. Aus Unternehmen hört man von der Schwierigkeit, die Ideenproduktion am Laufen zu halten (hier ein Statement dazu). Zu viel Home Office macht Firmen schlicht unkreativ. 
So argumentiert auch der Forscher Enrico Moretti in einem aktuellen Interview. Er sagt: 
For the innovation sector broadly defined, I think they’re going to see quantifiable losses in productivity as measured by…the amount of innovation these types of workers will be able to create. A lot of the existing research points to the fact that by clustering geographically, inventors, before Covid, were significantly more productive in quantifiable ways. So we’re talking about quantifiable causal effect on productivity and creativity; the moment you start losing that creativity and productivity, that’s when both the employer and employee have something to lose from this decentralized application. 
Als Forscher bekannt geworden ist Moretti mit Arbeiten über die Logik ökonomischer Clusterung in US-Metropolen. Nachzulesen ist das in seinem Erfolgsbuch „The New Geography of Jobs”. Darin geht es darum, weshalb Unternehmen die Nähe zu anderen Unternehmen suchen – oder erfolgreiche Unternehmen neue Unternehmen um sich herum generieren. So ballen sich um den Microsoft-Sitz in Seattle viele kleine Innovationsfirmen, gegründet von früheren Microsoft-Angestellten. Die Ausgründungen kreisen quasi weiter ums Mutterschiff.
Was Moretti in dem Interview im Grunde macht, ist Folgendes: Er überträgt die Logik des Clusters von der Makro- auf die Mikroebene. Auch einzelne Unternehmen sind in ihrer physischen Ausprägung Innovationscluster. Um aber als Innovationscluster zu funktionieren, braucht es bis die physische Nähe der Innovationsträger zueinander. Das heißt: Nur über Zoom entsteht nicht jene produktive Reibung, die am Ende zu guten Ideen führt.
Was noch auf eine andere Schlagseite der momentanen Debatten hinweist: Häufig wird ausschließlich aus der Perspektive der Angestellten argumentiert und diskutiert, wo es diesen wohl am besten gefällt. Das ist zwar eine nette Haltung, ignoriert aber, dass Unternehmen ihrerseits (böse böse) sich mitunter fragen, welche Angestellten sie überhaupt unbedingt behalten möchten. Nicht auszuschließen, dass sie irgendwann zum Ergebnis kommen, dass, wer sich dem firmeninternen Innovationsprozess komplett entziehen zu können glaubt, für diesen vielleicht auch nicht ganz so wichtig ist. Das gemütliche Home-Office-Elysium könnte dann schnell ein wenig von seinem Charme verlieren. guz
Fläche schafft Gemeinschaft
Yoga über den Dächern von Schwäbisch Hall. Foto: Schlosser Holzbau
Yoga über den Dächern von Schwäbisch Hall. Foto: Schlosser Holzbau
Auch außerhalb pandemischer Phasen stellt sich die Frage, welche öffentlichen oder halb-öffentlichen Räume ein Wohngebäude bieten sollte. In dieser Woche ist uns ein kleines aber feines Projekt mit einer konsequenten Antwort dazu aufgefallen: Das Unternehmen Schlosser Holzbau stellt in den nächsten Wochen zwei „Co-Living“ Mehrfamilienhäuser im Stadtquartier Sonnenrain in Schwäbisch Hall fertig. „Bruder und Schwester“ sollen die Gebäude heißen – zwei flache Bauten in Holzbauweise und mit Effizienhaus-55-Standard. Hier werden die oft vergessenen Dachflächen für Gemeinschaftsräume genutzt: 135 Quadratmeter für gemeinsames Arbeiten, Yoga-Aktivitäten, Koch-Partys oder sonstige Feiern. Im Garten hinter den Gebäuden wächst eine Obstwiese neben Hochbeeten, es gibt es und eine Pergola mit Sitzgelegenheiten. Nur wärmer muss es jetzt noch werden. 
Noch nicht genug urbanen Input? Na dann...
Stadt ohne Müll
Ikonische Architekturfotos
Die Natur als Vorbild
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Metroscope blickt in die Zukunft der Stadt. Wir liefern Analysen, Orientierung und Einordnung zur Entwicklung der Metropole als Zentrum von Wertschöpfung, Gesellschaft und kultureller Relevanz. All dies verändert sich schwindelerregend schnell.

Wir schreiben über Mietendeckel, Gentrifizierung, Smart Cities, E-Autos, Co-Working, "PropTech" und Klimaschutz – und alles, was Entscheidern, Planern, Architekten und anderen Interessierten dabei helfen kann, den radikalen Wandel durch Technologie und soziale Trends zu verstehen und mitzugestalten.

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Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer