metroscope - Stadt von Morgen

Von Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer von metroscope

Hochhäuser für den Frieden und Prognosen für die Post-Corona-City

#62・
77

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Hochhäuser für den Frieden und Prognosen für die Post-Corona-City

Völkerverständigung im Hochhaus
Der Komplex Ramat Hanasi. Liegt hier die Lösung des Nahostkonflikts? Quelle: Orrling / Wikimedia Commons
Der Komplex Ramat Hanasi. Liegt hier die Lösung des Nahostkonflikts? Quelle: Orrling / Wikimedia Commons
Liest man wissenschaftliche Literatur zu urbanistischen Fragen, macht sich schnell eine gewisse Müdigkeit breit. Themen und Thesen wiederholen sich: Nutzungsmischung, fahrradgerechte Stadt, soziale Gerechtigkeit, immer gewürzt mit einem Schuss Kapitalismuskritik. Alles richtig, aber nicht überraschend.
Manchmal indes entdeckt man eine Perle, die dann doch überrascht. So ging es mir, als ich auf einen Text aus der Zeitschrift „Urban Studies“ stieß. Unter dem Titel „Residential coexistence: Anonymity, etiquette and proximity in high-rise living“ legen die Autoren Tamir Arviv und Efrat Eizenberg ein Paper vor, das eines der drängenden Probleme der Welt auf unkonventionelle Weise behandelt. Es geht um den Konflikt zwischen Israel und der arabischen Welt. Dessen Aufgeladenheit könnte sich entspannen, so die Autoren, wenn – nun, wenn die Menschen der Region häufiger in Hochhäusern zusammenlebten. So zumindest die etwas vereinfachte These des Textes.
Ausgangspunkt der beiden Wissenschaftler ist eine empirische Untersuchung eines konkreten Gebäudekomplexes in Haifa, der Hochhaussiedlung Ramat Hanasi. Dort leben in insgesamt 1063 Wohneinheiten auf 18 Hochhäuser verteilt Menschen aus Mittelklasse-Haushalten zusammen. Und zwar Juden, Moslems und Christen – und das ohne größere Schwierigkeiten. Der Nahost-Konflikt bleibt einigermaßen draußen, schreiben die Autoren, die beide am Technion Israel Institute of Technology lehren.
Warum ist das so? Offenbar hat das Prinzip Hochhaus zähmende Einflüsse auf eventuelle religiöse Gefühlsaufwallungen. Das Gebäude „managt“ in gewisser Hinsicht den Austausch zwischen den Wohnparteien und führt zu einer Haltung von Leben und Leben Lassen. Der Kontakt zu den Nachbarn findet statt, aber oft auf eine eher oberflächliche Weise. Das hat auch mit der Gestaltung der Gebäude zu tun, so die Autoren. Die kurze Plauderei lässt die Architektur über Gemeinschaftsflächen zu, mehr aber eben auch nicht. Diese bauliche Beschränkung auf oberflächliches Geplauder ist Sozialtheoretikern normalerweise natürlich ein Dorn im Auge. Hier hat sie aber mäßigende Effekte.
Wichtig ist neben der Architektur auch das kommunizierte Selbstverständnis des Komplexes. Es gibt eine klare Etikette, an die sich alle halten und die den Bewohnern wichtiger ist als die Vorschriften ihres jeweiligen religiösen Überbaus. Und: Die Projektentwickler positionieren das Projekt als Pioniervorhaben in Haifa. Das zieht bei den Bewohnern. Einer wird wie folgt zitiert:
„It’s starting something new here. Nothing was here yet, we bought the apartment on paper, we came in first – we were the pioneers.”
Dieser Pioniergeist stiftet Identifikation. Es entsteht eine Form der Gemeinsamkeit, die die religiösen Unterschiede in den Hintergrund treten lässt. Womit das kommerzielle Großprojekt Ramat Hanasi quasi unfreiwillig zu einem politreligiösen Modellprojekt wurde. Investorengetriebene Völkerverständigung wider Willen, gewissermaßen. guz
Schadensbericht aus den Innenstädten
Besser wär's, wenn's voller wär: Blick in die Altstadt von Frankfurt. Quelle: pixabay
Besser wär's, wenn's voller wär: Blick in die Altstadt von Frankfurt. Quelle: pixabay
Abgesagte Weihnachtsmärkte, Einlasskontrollen vor den Läden, Restaurantbesuche nur mit Negativ-Test: Beim Bummel durch die Innenstadt kommt man auch in diesem Jahr schlecht in Adventsstimmung und Shoppinglaune. So wenig man sich die geschlossenen Geschäfte von Dezember 2020 zurückwünscht, so sehr steht zu befürchten, dass Einzelhandel und Gastronomie erneut kaum über die Runden kommen werden. Corona bereitet den Inhabern, Kommunen und Stadtentwicklern nach wie vor große Sorgen – auch auf lange Sicht gesehen. 
Eine unlängst veröffentlichte Studie des Instituts imakomm hat die düsteren Szenarien nun mit Zahlen untermauert. Zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag, vielen Industrie- und Handelskammern und weiteren Verbänden wurde untersucht, welche Folgen die Pandemie bislang für die Zentren hierzulande hatte – und noch haben wird. Dabei liefern die Macher nicht nur einen Schadensbericht, sondern versuchten auch, aus ihren Daten Vorschläge zu erarbeiten, wie die Entwicklung zur „Post-Corona-City“ gelingen kann.
Zukunftsszenario in einem Satz: Ein knappes Drittel der Befragten sieht die Zentren als "multifunktionale Lebensmittelpunkte". Quelle: imakomm
Zukunftsszenario in einem Satz: Ein knappes Drittel der Befragten sieht die Zentren als "multifunktionale Lebensmittelpunkte". Quelle: imakomm
Vertreter von 747 Standorten haben an der Befragung teilgenommen – aus Verwaltungen, Tourismusämtern, Gewerbevereinen. Das Gros davon stammte aus Klein- und Mittelstädten mit einer Einwohnerzahl zwischen 5000 und 100.000 Einwohnern; allerdings sind auch 118 Großstädte vertreten. Trotz der teils erheblichen Unterschiede in soziodemografischer und geografischer Hinsicht lassen sich aus ihren Antworten zwei gemeinsame Nenner ableiten.
So gehen die Autoren zum einen davon aus, dass sich die Passantenzahlen von der Pandemie nicht erholen werden: „Nach Corona“ werde sich die voraussichtliche, dauerhafte Besucher-/Kundenfrequenz im Zeitraum zwischen 9 und 18 Uhr bei minus 9 Prozent einpendeln. Zum anderen geben die Verfasser auch in puncto Leerstand wenig Anlass zur Hoffnung: Laut ihrer Diagnose wird es noch mehr leere Schaufenster geben, gerade in schlechteren Lagen. Dort wird ein Anstieg von 10 auf 15 Prozent (B-Lagen) bzw. sogar von 13 auf 21 Prozent erwartet. Das wiederum habe räumliche Auswirkungen auf die Citys:
 „Die Handelslage wird „schrumpfen“ – vermutlich um 11 bis 12 %. Plakativ formuliert: Eine 400 Meter lange Innenstadtlage mit Handelsbesatz wird künftig nur noch auf gut 350 Metern Länge ein Handelsangebot vorhalten können. Diese Erkenntnis dürfte nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf eine strategische Flächenplanung innerhalb einer Innenstadt haben. Beispiel: Abstände von Handelsmagneten (…) müssen räumlich enger gedacht und geplant werden.
Leerstand wird vor allem für B- und C-Lagen zum Problem. Quelle: imakomm
Leerstand wird vor allem für B- und C-Lagen zum Problem. Quelle: imakomm
Die Prognosen sind aufgrund der großen Datenbasis eindrücklich, aber nicht unbedingt neu. Auch die Schlagwörter, mit denen der künftige Idealzustand der City skizziert wird – nachhaltig, entschleunigt, resilient – erscheinen ebenso wolkig wie vertraut. Wirklich interessant wird es allerdings immer dann, wenn es um das konkrete Vorgehen, Wünsche oder Handlungsempfehlungen geht; sowohl auf kurze als auch auf lange Distanz. 
Zu den Sofortmaßnahmen, die von Einzelhandel und Gastronomie bereits oft umgesetzt werden, zählen etwa die vereinfachte Nutzung öffentlicher Außenflächen und Gehwege, gerne mit Zelten und temporären Überdachungen. Erforderlich wären laut den Befragten aber ebenfalls die Befreiung verkaufsoffener Sonntage vom Anlassbezug, verlängerte Konzessionen für den Außenverkauf sowie die temporäre Nutzung von Verkehrsflächen zur Mittagszeit. Aufschlussreich sind in dem Zusammenhang vor allem die Befunde zur Mobilität: „Eine wesentliche Vereinfachung der Pkw-Erreichbarkeit wird nicht als prioritär angesehen.“
Gleichwohl schreiben die Autoren der Studie in ihrem Fazit, dass dogmatische Ansätze wie „völlig autofrei“ oder „Pkw-Erreichbarkeit rettet den Handel“ nicht zielführend seien. Zu den Paradigmen der „Post-Corona-Innenstadt“ zählten die „teilräumliche Betrachtung und Entwicklung der Erreichbarkeit und Mobilität“. Man darf das als Aufforderung an Individualverkehr-Verfechter wie an Öffi-Aficionados verstehen, ihren Kleinkrieg zu beenden – und als Appell, nicht in jedem Parklet den Untergang zu sehen.
Ein Überblick über die vorhandenen und erwünschten Sofortmaßnahmen zur Stärkung der Innenstädte. Quelle: imakomm
Ein Überblick über die vorhandenen und erwünschten Sofortmaßnahmen zur Stärkung der Innenstädte. Quelle: imakomm
Die vielleicht größten Schwierigkeiten könnten indes die innerstädtischen Eigentumsverhältnisse bereiten – ein Punkt, der auch in Podiumsdiskussionen immer wieder zur Sprache kommt. Ganze 84 Prozent der Studienteilnehmer glauben, dass Immobilieneigentümer in den kommenden Jahren zu Schlüsselakteuren werden, um Bestand zu sichern und Leerstände zu vermeiden. Dabei schweben ihnen vor allem der Verzicht auf Mieterhöhungen und eine dauerhafte Reduktion des Mietzinses, aber auch die Ermöglichung alternativer Nutzungen vor.
 Man muss keine Expertin sein, um sich auszurechnen, dass solche Vorschläge vielleicht bei alteingesessenen Privateigentümern, kaum aber bei internationalen Investoren verfangen dürften. Die Autoren resümieren:
„Tendenziell ,im Vorteil‘ sind (…) kleinere Städte, in denen Eigentümer*innen oftmals persönlich vor Ort sind und angesprochen werden können. Mit zunehmender Stadtgröße und der damit verbundenen Anonymität steigt hingegen das Risiko, diese gar nicht erst erreichen, geschweige denn für Fragen der Innenstadtentwicklung sensibilisieren zu können.“
Es wird eine der drängendsten Fragen sein, wie viel Eigentum sich die “Post-Corona-Citys” und ihre Ortsansässigen künftig noch leisten können oder wollen – und ob sie der Ausverkauf vergangener Jahre nicht noch teuer zu stehen kommen wird. cél
Weitere Stadtlinks:
Highway from Hell
Heimatstadt aus dem Lidl-Angebot
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