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Helmut Jahn, Stadt und Literatur

metroscope - Stadt von Morgen
Helmut Jahn, Stadt und Literatur

Die Wahrheit der Türme: zum Tod Helmut Jahns
Helmut Jahns Highlight Towers in München. Quelle: Wikimedia / sMike
Helmut Jahns Highlight Towers in München. Quelle: Wikimedia / sMike
Es war ein Ende, so tragisch wie symbolträchtig: Der deutsche Architekt Helmut Jahn starb jetzt in der Nähe von Chicago nach einem Unfall, den er auf dem Fahrrad durch Zusammenstoß mit zwei Autos erlitt. Das Auto und das Fahrrad – zwei Logiken, zwei Welten, die so recht nicht zusammenpassen wollen. Und die doch die Achsen unserer Welt kennzeichnen, zwischen ökologischem Bewusstsein und Entschleunigung einerseits und Tempowahn und Wachstumsoptimismus andererseits. Zwei Welten, die, etwas verkürzt formuliert, auch im Verhältnis der USA und Europa gespiegelt sind. Und die damit auch jene beiden Welten repräsentieren, in denen der ursprünglich fränkische Architekt Helmut Jahn mit primärem Bürositz in Chicago seit langem beheimatet war.
Jahn baute viel in den USA, er liebte dieses Land. Doch er hat auch den deutschen Städten dezidiert fortschrittsfreudige Großbauten geschenkt, das Berliner Sony Center etwa, den Messeturm in Frankfurt, aber auch die Highlight Towers in München. Diese vertikale Architektur leugnet nicht das Metropolitane, auch nicht die gläsernen Härten des Kapitalismus. Jahn wurde deshalb im eher an Bändigung und Kontrolle interessierten Deutschland viel kritisiert, gerade auch im hiesigen Architekturdiskurs. Dabei spielte immer auch eine Rolle, dass er medial früh als „Stararchitekt“ galt. Und die Binse, dass das Stararchitektentum over sei und überwunden werden müsse, gehört hierzulande zum Standardrepertoire jedes heute über Architektur Schreibenden.
Aus Sicht der Stadtentwicklung bleibt festzuhalten, dass Helmut Jahn eine klare Vision der Städte hatte, in denen er baute. Diese Visionen werden vielleicht nicht immer geteilt, gerade auch von den Bewohnern einer Stadt nicht unbedingt. Schwer zu entscheiden, wer „Recht hat“. Aber bezogen auf München lässt sich sagen: Diese Stadt, die so gerne weiterhin in der Handwerkerstube des Meister Eder wohnen würde, ist eine Metropole der ökonomischen Globalisierung. Acht Dax-Konzerne haben an der Isar ihren Sitz. Von daher haben die Highlight Towers, die gemeinsam mit Jahns (wie ich finde architektonisch gelungenerem) Skyline Tower den Besucher an der A9 mit selbstbewusster bis selbstgerechter Geste begrüßen, viel mit dieser Stadt zu tun. Mehr, als so mancher Urmünchner das vielleicht wahrnehmen möchte. guz
Stadt will erzählt werden
"Les Halles" in Paris heute, nach einer architektonischen Intervention von Patrick Berger und Jacques Anziutti. Mit Zola im Hinterkopf sieht man den heutigen Komplex anders. Quelle: Wikimedia / Guilhem Vellut
"Les Halles" in Paris heute, nach einer architektonischen Intervention von Patrick Berger und Jacques Anziutti. Mit Zola im Hinterkopf sieht man den heutigen Komplex anders. Quelle: Wikimedia / Guilhem Vellut
Vor einigen Monaten war ich in Paris. Nicht als Tourist, sondern im Rahmen eines Uni-Seminars mit dem Literaturwissenschaftler Mark-Georg Dehrmann. Unsere Idee: Die Stadt Paris über literarische Texte neu kennenlernen. Wir lasen uns also gemeinsam mit den Studierenden durchs Paris der letzten zwei Jahrhunderte, von Zola über Walter Benjamin bis hin zu Virginie Despentes. Und wir merkten dabei, wie eng die Wahrnehmung eines urbanen Kosmos mit dessen Spiegelung in Erzählungen verwoben ist. Paris ist ohne Zola und seine detailreiche literarische Wiederentdeckung der alten Markthallen, jenes “Bauchs von Paris”, eben gar nicht mehr denkbar. Wäre das, was wir unter der Chiffre „Berlin“ verstehen, nicht ohne Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz etwas ganz anderes? Und was verbände man mit „New York“ ohne die Romane von Paul Auster?
Stadt ist nicht nur Architektur und Mensch, Stadt ist auch Narration. Genau diese These exemplifiziert ein gerade erschienenes akademisches Buch des Wissenschaftlers Jens Martin Gurr. Er ist Professor für britische Kultur- und Literaturwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und Sprecher des dortigen Profilschwerpunktes „Urbane Systeme“. In „Charting Literary Urban Studies“ geht er der Frage nach, wie erst durch Literatur die Einzigartigkeit konkreter städtischer Kosmen erzeugt wird. Es ist eben etwas anderes, ob ich Manhattan anhand von Statistiken über ineffektive Stadtplanung und das tägliche Verkehrschaos reflektiere. Oder ob ich nachverfolge, wie Paul Auster in „City of Glass“ seinen Protagonisten Quinn sich im Netzwerk chaotischer Straßen und Handlungsstränge regelrecht verlieren lässt.
Gurrs Buch ist klar mit akademischer Intention geschrieben, steckt aber auch voller Beispiele, die als Lesetipp dienen können. Etwa wenn man versteht, wie TS Eliots „The Waste Land“ die Übereinanderlagerung zahlloser städtischer Stimmen und Emotionen Londons erzählerisch umsetzt. Oder wenn deutlich wird, wie der US-Autor Norman Klein in seinem teils fiktiven, teils faktenbasierten Multimedia-Kunstwerk „Bleeding Through: Layers of Los Angeles 1920-1986“ die Widersprüchlichkeiten der Metropole LA transmedial inszeniert und dokumentiert.
Das alles ist für das Verständnis von Metropolen spannend, wenngleich für die konkrete Stadtplanung auf den ersten Blick vielleicht nicht zentral. Aus stadtplanerischer Sicht bringt Gurrs Buch aber auch echte Erkenntnisse mit. Zum einen widmet er ein ganzes Kapitel der spezifischen Narrativität existierender Planungsdokumente, ein weiteres Kapitel aktivistischen Stadtpamphleten. Vor allem aber gibt er der Stadttheorie eine Denkaufgabe mit. Denn die Frage der Disziplin ist ja: Woran orientieren wir uns in der Analyse urbaner Systeme? In diesem Kontext kommt schnell die Forderung nach einer größeren Offenheit auf. Dass der Blick auf Städte interdisziplinär sein muss, ist im Planungsdiskurs heute akzeptiert und wird auch praktiziert. Doch der Blick richtet sich, wie Gurr erläutert, bisher schwerpunktmäßig auf naturwissenschaftliche Studien (etwa zum Verhältnis von Stadtentwicklung und Hirnforschung). Dass es derlei Verkomplizierungen gibt, ist gut. Aber der gesamte Bereich der Kultur, des künstlerischen oder literarischen Erzählens fehlt beim komplexitätstheoretischen Neudenken von Stadt. Das sollte so nicht bleiben, findet Gurr. Recht hat er. guz
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Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer