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Gewinnt Vonovia doch noch? Brauchen Städte Scooter? Wie real ist die Stadtflucht?

metroscope - Stadt von Morgen
Gewinnt Vonovia doch noch? Brauchen Städte Scooter? Wie real ist die Stadtflucht?
Liebe metroscope-Freunde,
die Flutkatastrophe war ein schockierendes Ereignis. Wir haben gesehen, wie fragil das Hochleistungssystem Stadt ist – und dass die vermeintlichen Zivilisationszentren schnell zur Falle werden können. Manches davon haben wir Menschen selbst zu verantworten. Es gilt nun, die richtigen Lehren aus der Flut zu ziehen.
Wir fragen in dieser Ausgabe, wie viel Risiko Städtern zuzumuten ist und ob die omnipräsenten E-Scooter ein bisschen zu viel Mobilität darstellen. Wir gehen der durchaus komplizierten Frage nach, ob wir gerade eine Stadtflucht erleben, eine Landflucht – oder ein bisschen von beiden. Zunächst allerdings befassen wir uns mit einem Kauf im Wert von 18 Milliarden Euro, der nicht geklappt hat.
Urbane Grüße
Michael Fabricius, Alexander Gutzmer, Céline Lauer

Die Macht der Spekulation
Vor wenigen Tagen stand fest, dass die Übernahme des zweitgrößten deutschen Wohnungskonzerns Deutsche Wohnen durch den größten, Vonovia, gescheitert ist. Das klingt erst einmal nach einer simplen Nachricht vom Börsenparkett. Für Liebhaber und Spezialisten. Doch es steckt mehr dahinter. Erstens ging es immerhin darum, Europas größtes Wohnungsunternehmen zu bilden, mit insgesamt rund 550.000 Wohnungen. In etlichen deutschen Städten wäre Vonovia dann der größte private Vermieter. Vonovia-Chef Rolf Buch wollte die nach einer Fusion üblichen Synergien nutzen, natürlich um betriebswirtschaftlich besser dazustehen. Aber auch um die Immobilien energetisch aufzuwerten und die von ihm angestrebten Zusatzgeschäfte auszubauen.
Buch will ein Unternehmen schmieden, das nicht nur Wohnungen vermietet. Sondern auch Strom produziert, Wärme liefert und Mobilitätsdienste anbietet. Ein Rundum-Versorger für den urbanen Alltag. Es ist nicht damit zu rechnen, dass der ehemalige Bertelsmann-Manager sich von diesem Rückschlag beeindrucken lässt.
Der zweite Aspekt allerdings ist noch interessanter. Um diesen Aspekt zu illustrieren, präsentieren wir in dieser metroscope-Ausgabe ausnahmsweise mal ein Börsen-Chart:
Kursverlauf im indexierten Vergleich: Deutsche Wohnen (grün, oben), Dax-Index (schwarz, Mitte), Vonovia (blau, unten)
Kursverlauf im indexierten Vergleich: Deutsche Wohnen (grün, oben), Dax-Index (schwarz, Mitte), Vonovia (blau, unten)
Vonovia hat den Deutsche-Wohnen-Aktionären 52 Euro je Aktie geboten, deshalb der Kurssprung Ende Mai. In den darauffolgenden Wochen kauften vor allem Hedgefonds alle Aktien, die sie am freien Markt bekommen konnten. Am Ende hatten diese spekulativen Anleger rund 30 Prozent aller Anteile. Sie wetteten darauf, dass mehr als 50 Prozent der anderen Aktionäre ihre Papiere für die Übernahme anbieten, um sich hinterher ihre Rest-Aktien zu einem höheren Preis abkaufen zu lassen. Diese Wette ging schief, weil die 50-Prozent-Schwelle nicht erreicht wurde.
Haha, verzockt! Könnte man jetzt sagen. Mit einer Portion Schadenfreude. Diese Börsenbanditen. Doch der ganze Vorgang und das, was jetzt kommt, zeigt, wie mächtig die Aktionäre eines Wohnungsunternehmens eben doch sein können. Denn inzwischen gehen viele Marktteilnehmer davon aus, dass Buch ein weiteres Angebot macht – und zwar genau zu dem von den “Zockern” erhofften Preisniveau. Bitte werfen Sie einen Blick auf den letzten kleinen Haken im Deutsche-Wohnen Chart, oben rechts: Er geht nach oben. Die Hedgefonds haben den Markt auf ihr Niveau hochgezwungen. Längst haben Deutsche-Wohnen-Analysten ihre Bewertungen angehoben. Kommt es zu einer zweiten Offerte, dürfte es eine Etage nach oben gehen. Und Rolf Buch wird mehr Geld in die Hand nehmen müssen, um seinen Wunschkonzern zu schmieden. Er wird es bekommen. Vom Kapitalmarkt und von Banken. fab
Scooter-Verbot – muss das wirklich sein?
An ihnen scheiden sich die Geister. Doch die Moibilität in der Stadt haben sie bereichert - die E-Scooter, hier von der Firma Lime. Foto: MaxPixel
An ihnen scheiden sich die Geister. Doch die Moibilität in der Stadt haben sie bereichert - die E-Scooter, hier von der Firma Lime. Foto: MaxPixel
Wir alle kennen die Bilder: Haufen von E-Scootern, irgendwo im Stadtbild dramatisch hingeworfen. Dahinter vermutet man entweder eine johlende Truppe Rollerfahrer, vielleicht mit ein paar Bierchen zu viel intus – oder aber eine Kombo aufgebrachter Bürger, die die kleinen Dinger so sehr hassen, dass sie sie auf einen urban-symbolischen Scheiterhaufen verfrachten. Beides hässliche Vorstellungen, allerdings ist letztere Erklärung wahrscheinlicher – und wirft kein gutes Bild auf die Toleranzbereitschaft unserer Metropolen.
Die Verleih-Scooter regen jedenfalls das urbane Deutschland gerade ziemlich auf. So sehr, dass sich nun die Politik ihrer annimmt. Und wie immer, wenn Begriffe wie „Sicherheit“ oder „Unfälle“ im Spiel sind, wird es schnell restriktiv. Man ist ja momentan in Deutschland überhaupt schnell bei der Hand mit der Forderung nach neuen Verboten. So auch im Scooter-Country D. In Köln denkt die Bürgermeisterin über nächtliche „Betriebspausen“ ab 22 Uhr nach. Auch ein Komplettverbot ist im Gespräch. In Berlin könnte ebenfalls das Rollerverbot kommen oder zumindest eine härtere Haftbarmachung der Betreiber für weggeworfene Roller.
Nun muss man zu unserer Ehrenrettung sagen: Die neue Sicherheits-Hysterie haben wir in Deutschland nicht exklusiv. In Singapur müssen Rollerfahrer sich bald durch einen Theorietest qualifizieren. Und in Europas Scooter-Hauptstadt Oslo (826.000 Roller bei 700.000 Einwohnern) gilt ab September ein Nachtfahrverbot ab 23 Uhr.
Der Gedanke dahinter ist vordergründig immer der Schutz – für betrunkene Fahrer und die Gemeinschaft insgesamt. Und ja: Natürlich gibt es Unfälle, und natürlich werden die mit steigendem Alkoholspiegel wahrscheinlicher. Aber: Muss man deshalb sofort die ganz große Regulations- und Verbotsmaschine anwerfen? Wäre es nicht denkbar, erstmal auf die Lernfähigkeit der Gesellschaft zu setzen? In der Frühzeit der Straßenbahn gab es auch reichlich Unfälle. Und dennoch hat man diese nicht gleich verboten, sondern hat die Gesellschaft die Verwendung der neuen Mobilitätstechnik lernen lassen.
Warum geht das nicht mehr? Weil wir, bei aller Debattierfreude auf den sozialen Medien, zugleich die differenzierte Betrachtung kontroverser Themen verlernen. Sicherheit wird nicht mehr in Beziehung zu anderen Politikzielen gesehen, sondern absolut gesetzt. Wir erleben das auch, aber eben nicht nur im Corona-Zusammenhang. Es ist der Gesellschaft offenbar nicht mehr vermittelbar, dass Stadtleben immer auch Risiken mit sich bringt. Auch ein Abwägen des Nutzens neuer Formen der Mikro-Mobilität zu deren Risiken scheint nicht mehr möglich zu sein.
Außerdem muss man vermuten, dass nicht nur Sicherheitsgedanken bei der neuen urbanen Verbotsfreude eine Rolle spielen, sondern etwas weit getriebene Ideen von Ordnung, Entschleunigung und der Vermeidung eines befürchteten „Chaos“. Man kennt sie, die verbissen kritischen Blicke, die man als Scooter-Fahrer von Seiten temposensibler Fußgänger erntet. Der Roller gilt vielen Fundamentalisten als Vorhut einer urbanen Apokalypse, Ausdruck einer zu hektischen, hyperbeschleunigten Stadtmoderne. Dagegen wird das Bild einer radikal sicheren, komplett risikofreien Stadt in Anschlag gebracht, die jedes Stück Tempo, jede auch nur im mindesten technologische Innovation als Bedrohung betrachtet.
Doch Stadt hat etwas zu tun mit Innovation, auch mit Technologie. Und auch mit Mobilitätstechnologie. Neue Mobilitätsangebote werden hier getestet. Wo, wenn nicht aus der Stadt sollen sie denn herkommen, die Innovationen, die unser Leben anders mobil machen und damit bereichern? Und ja, ausleihbare E-Scooter sind eine solche Bereicherung. guz
Quo vadis, Stadt?
Es ist die große Streitfrage seit der Pandemie: Sind die Großstädte ein Auslaufmodell – oder kriegen sie wieder die Kurve? Quelle: pixabay
Es ist die große Streitfrage seit der Pandemie: Sind die Großstädte ein Auslaufmodell – oder kriegen sie wieder die Kurve? Quelle: pixabay
Wir bei metroscope haben uns letzte Woche ein bisschen gestritten. Der Grund dafür: „Corona zieht die Menschen aus den Großstädten“. So jedenfalls resümierte das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung der Universität München, kurz ifo-Institut, das Ergebnis seiner jüngsten Erhebung. Die Autoren hatten mehr als 18.000 Personen in Deutschland zu ihrer Wohnsituation und etwaigen Umzugsplänen befragt.
Von den Befragten aus Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern gab rund jeder Achte (13 Prozent) an, binnen der nächsten zwölf Monate einen Wohnortwechsel zu planen – und am liebsten in eine kleinere Großstadt mit 100.000 bis 500.000 Einwohnern oder in den Speckgürtel ziehen zu wollen; Umzüge in andere Großstädte wurden nicht mitgezählt. Fast die Hälfte aller Umzugswilligen gab außerdem an, in ihrem Entschluss von der Corona-Krise beeinflusst worden zu sein. 
Ist das nun also der Beleg für die große Stadtflucht, wie viele sie seit Beginn der Pandemie befürchten? Werden die Metropolen bald veröden und die Kleinstädte dafür aus allen Nähten platzen? Vermutlich ahnen Sie es schon: Die Antwort darauf ist kompliziert. Denn fast zeitgleich mit der ifo-Umfrage ploppten neue Immobilienmarktdaten auf, wonach der Boom beim Wohneigentum in den fünf größten deutschen Städten ungebremst blieb.
Laut Wohnbarometer des Portals Immoscout24 waren Bestandswohnungen bundesweit im ersten Halbjahr 2021 um 9 Prozent teurer als im zweiten Halbjahr 2020 (im Schnitt 2492 Euro pro Quadratmeter); der Angebotspreis für Bestandshäuser stieg im selben Zeitraum um 7,4 Prozent (auf durchschnittlich 2701 Euro pro Quadratmeter). Am stärksten zogen die Preise in Köln an, gefolgt von Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main. Allein in München stagnierten die Preise trotz starker Nachfrage – ein Indiz dafür, dass das Niveau am Limit ist.
Die Preisentwicklung von Kaufimmobilien steigen in Deutschland seit 2016 konstant. Quelle: Immoscout24
Die Preisentwicklung von Kaufimmobilien steigen in Deutschland seit 2016 konstant. Quelle: Immoscout24
Wie also lautet das Fazit dieser Woche? Feiert die Großstadt gerade ihr Comeback, war sie am Ende nie wirklich abgemeldet? Oder geht der Trend doch zum Suburbanen? Wie gesagt: In unserer kleinen Newsletter-Redaktion gehen die Meinungen auseinander. Kritisch kann man sehen, dass die ifo-Studie nur Absichten abfragt, und die packen keine Umzugskartons; seine Pläne kann man ja schließlich mal ändern. Andererseits erscheinen Immobilienkäufe als Indikator für die Stadtaffinität der Deutschen sowohl unscharf als auch exkludierend: Denn wer erwirbt, zieht nicht automatisch ein – und viele großstädtische Haushalte können kaum noch ihre Miete aufbringen, geschweige denn von einem Eigentumsobjekt träumen.
Zudem wurde die Abwanderung schon vor Corona dokumentiert: Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) zeichnete zum Beispiel vor zwei Jahren in einem Kurzbericht nach, dass seit 2014 mehr Inländer ins Umland zogen als umgekehrt in die Großstädte. „Der Hauptgrund hierfür ist, dass zwar die Großstädte weiterhin eine hohe Attraktivität ausstrahlen, jedoch die Wohnkosten mittlerweile so hoch sind und das Wohnungsangebot deutlich knapper ist, dass sich die Bevölkerung nach Alternativen im Umland umschaut“, resümierten damals die Autoren. Und weiter: 
„Familien scheinen heute immer weniger bereit, die hohen Wohnkosten in den Großstädten zu tragen […]. Eine weitere Interpretation ist, dass die suburbanen Räume neben geeigneten Wohnstandorten auch zunehmend Arbeitsplätze anbieten.“
Das wiederum passt zur ifo-Studie, wonach es vor allem Familien und „jüngere Altersgruppen in der Familiengründungsphase“ in die Kleinstadt oder aufs Land hinauszieht. Und zu einer weiteren, frisch veröffentlichen ifo-Analyse, derzufolge mehr als 57 Prozent aller Erwerbstätigen in den Ballungsräumen überwiegend oder vollständig von zuhause arbeiten könnten. „Sicherlich ist es zu früh, das Ende der Stadt auszurufen, wie wir sie kannten“, kommentiert Wirtschaftsgeograf Jürgen Oßenbrügge in einer vorläufigen Bilanz: „Aber der zuvor herrschende ,urban hype‘ ist während der Pandemie sicherlich verflogen.“
Dazu muss man sich vor Augen führen, dass das Städtewachstum vor der Pandemie laut IW-Kurzbericht von zwei Faktoren getragen wurde: dem Zuzug junger Bevölkerungsgruppen aus dem Inland – und der Zuwanderung aus dem Ausland. Insbesondere letztere wurde durch Covid-19 massiv ausgebremst. In einem jüngst publizierten Diskussionspaper des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung heißt es: „Tatsächlich wird es entscheidend sein, ob und wie die internationale Zuwanderung in die Großstädte wieder in Gang kommt. […]. Entscheidend wird außerdem sein, inwieweit die Großstädte ihre ,Wohnungsfragen‘ (Nachfrageüberhang, Bau- und Wohnkosten, Verdrängung) so managen können, dass Zuwanderung auch aus dieser Perspektive überhaupt weiter möglich ist.“ Wachstum, Wanderung, Wohnungsnot: Alles hängt eben irgendwie mit allem zusammen.
Die Bevölkerungsentwicklung der 15 größten deutschen Städten zeigte zwischen 2017 und 2020 eine sehr unterschiedliche Dynamik. Quelle: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
Die Bevölkerungsentwicklung der 15 größten deutschen Städten zeigte zwischen 2017 und 2020 eine sehr unterschiedliche Dynamik. Quelle: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung
Am Ende stehen deshalb zwei Erkenntnisse. Die erste, sehr banale: Was die Zukunft bringt, bleibt abzuwarten – noch ist die Entwicklung uneindeutig. Die zweite: Eine pauschale These zum Leben oder Sterben der Städte führt analytisch nicht wirklich weiter. Dazu ist der urbane Kosmos mit seinen Funktionen, Effekten und Interdependenzen zu komplex und divers; je nachdem, ob es etwa um die Stadt als Wertanlage, Begegnungsort, Handelsplatz oder Lebensraum geht. Vielleicht ist die richtige Antwort auf die Frage „Quo vadis, urbs?“ ja im Grunde eine Gegenfrage: Von welcher Stadt reden wir – und für wen? cél
 
Was sonst noch geschah:
Wie sich Städte gegen Extremwetter wappnen
Wie der großartigste/merkwürdigste Wohnturm der Welt gerettet werden soll
300.000 Euro Fördergeld für grüne Innenstadtprojekte
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Erstellt mit Revue
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