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Gepäppelter Einzelhandel und umstrittene Parklets

metroscope - Stadt von Morgen
Gepäppelter Einzelhandel und umstrittene Parklets

Innenstädte auf Intensivstation
Hübsch und leer: Marktplatz in Tübingen an einem Donnerstagnachmittag. Quelle: M. Fabricius
Hübsch und leer: Marktplatz in Tübingen an einem Donnerstagnachmittag. Quelle: M. Fabricius
Schlechtes Wetter kann man niemandem zum Vorwurf machen. Wenn der Herbst durch deutsche Fußgängerzonen stürmt, war es schon immer wüst und leer zwischen Ladenzeilen und Blumenkübeln, ganz gleich, wie sehr sich die Stadtverwaltung um Aufenthaltsqualität bemüht. In diesem Jahr jedoch scheint die Trostlosigkeit ein neues Level zu erreichen. Geschäftsaufgaben in Essen, verklebte Schaufenster in Osnabrück, und selbst in Nürnberg eilen die Menschen eher durch die City hindurch, als dass sie verweilen mögen. Die Pandemie ist die fünfte dunkle Jahreszeit der deutschen Innenstadt.
Nicht, dass das unbemerkt geblieben wäre. Seit gut einem Jahr fließen Ideen und Millionen in lebenserhaltende Maßnahmen. Hunderte von Spezialisten stehen rund um die Patientin.
Alles läuft zunehmend auf eine Frage hinaus: Wird es gelingen, die zentralen Lagen von der funktionellen Abhängigkeit vom Einzelhandel zu lösen und multifunktional zu machen? Bei der zweiten Ausgabe des “Handelsdialog Baukultur” am vergangenen Dienstag präsentierte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, Stefan Genth, die neue Ausgangslage:
Dauerhaft im roten Bereich: Passantenfrequenzen jeweils im Vorjahresvergleich. Quelle: HDE
Dauerhaft im roten Bereich: Passantenfrequenzen jeweils im Vorjahresvergleich. Quelle: HDE
Man kann unschwer erkennen: Die Innenstadt hat ihre Anziehungskraft als Shoppingcenter verloren, und das auf Dauer. In sehr guten Lagen stehen laut HDE 15 Prozent der Geschäfte leer, in 1B-Lagen sind es bis zu 25 Prozent. Die Städte und Gemeinden reagieren. Allerdings, und das ist das Problem, dreht es sich bei den meisten Projekten eher um Rettungsmaßnahmen und um eine Beibehaltung des Status quo.
Bei der Handelsdialog-Veranstaltung im HDE-Verbandsgebäude in Berlin präsentierten Michael Reink, Vorstand des Vereins Urbanicom und Roland Wölfel vom Beratungsdienstleister CIMA den Best-Practice-Datenpool “Stadtimpulse”. Wer sich auf die Website begibt und die durchaus interessanten Beispiele durchklickt, erkennt viel guten Willen und teilweise wirklich gute Ideen für eine neue Nutzung leerer Flächen. Aber eben auch viele Gutschein- und Rabattaktionen, bei denen es darum geht, bestehende Geschäfte zu päppeln und irgendwie am Leben zu erhalten. Eine veraltete Nutzungsstruktur hängt am Tropf.
Der HDE als Branchenverband fordert konsequenterweise eine steuerliche Sonderabschreibung für Einzelhändler, die es noch einmal wissen wollen und in ihre Geschäfte investieren möchten.
Bei den drei Parlamentariern, die am Ende der Veranstaltung diesen und viele weitere Wünsche entgegennahmen, wurde der Ruf nach mehr Geld für Händler und Städte nicht gerade jubelnd in Empfang genommen. Die Bundestagsabgeordneten Bernhard Daldrup (SPD), Christian Kühn (Grüne) und Daniel Föst (FDP) hielten sich mit Versprechungen sehr zurück, angesichts von Milliarden-Investitionen, die sich die Ampel-Koalitionäre noch so vorgenommen haben. Ein eigenständiges Bauministerium, auch das ein Fazit der Veranstaltung, ist ebenfalls nicht in Sicht.
Reiner Nagel von der Bundesstiftung Baukultur rät eher zur Flucht nach vorne. Gemeinsam mit der HDE und dem Deutschen Verband für Wohnungswesen und Städtebau präsentierte er einen neuen Ideenkatalog (der wievielte eigentlich?), der eine echte Umwandlung der Innenstadt thematisiert:
  • Planungsrecht und Lärmschutzvorschriften ändern und damit Wohnen neben Gewerbe leichter ermöglichen
  • Handel digitalisieren
  • Förderprogramme verstetigen, Plätze und Wege umbauen
Nicht immer kommt dabei etwas heraus, was auch funktioniert, siehe nächster Beitrag. Aber man sollte es zumindest probieren. Hier das vollständige Papier als PDF. fab
Stadtlabor in München
Nicht schön, aber autofrei: ein Parklet in München. Quelle: Initiative FreiRaum-Viertel
Nicht schön, aber autofrei: ein Parklet in München. Quelle: Initiative FreiRaum-Viertel
Konferenzen zu Architektur und Stadtentwicklung tendieren ja oft zum gepflegten „Man müsste mal“. Schon insofern hob sich das „RISE City Lab“, das die BMW Foundation Herbert Quandt diese Woche in München veranstaltete, positiv ab von dem gerade wieder anlaufenden Reigen stadtbezogener Diskursevents. Denn die Veranstalter hatten etwas Konkretes zu präsentieren: das Projekt „FreiraumViertel München“. Im Fokus dieser temporären Initiative zur Stadtverbesserung stand das südliche Bahnhofsviertel rund um die Landwehr-, Schiller- und Goethestraße. Dort, in der Ludwigsvorstadt, hat eine Gruppe urbaner Aktivisten mit Unterstützung der Quandt-Stiftung Parkflächen zu Aktionsarenen für Musik und Theater umgestaltet – oder als Orte genutzt, an denen sich die Stadtteilgesellschaft niederlässt, an denen gelebt und sich ausgetauscht wird und auch mal Ideen zur Verkehrswende präsentiert werden. Das passt zum RISE-Konzept. Letzteres steht für „resilient“, „intelligent“, „sustainable“ und „equitable“.
Für Nichtmünchner sei erläutert: Die Gegend südlich des Hauptbahnhofes ist auf geradezu unmünchnerische Weise heterogen und ungemütlich. Drogen werden gehandelt, Sprachen werden viele gesprochen, Grünflächen sind hingegen Mangelware. Daher sind die Akzente, die die Initiative setzen konnte, sehr wichtig. Und sie wurden den Anwohnern auch mit offenen Armen empfangen.
“Die Akzeptanz war von Beginn an da. Aber natürlich gab es auch Konflikte”, räumt die Initiatorin Michaela Wiese ein.
Ein bespieltes Parklet mehr ist eben auch ein Parkplatz weniger. Und die velotechnische Verkehrswende ist in der Gegend definitiv noch nicht universell angekommen.
Angelegt war die Initiative FreiraumViertel bisher nur temporär. Sie lief Ende September aus. Doch über eine Verlängerung sprechen die Treiber bereits mit der Stadt. Sie konnten das auch auf der zweitägigen Konferenz im Münchner Mini-Pavillon tun. Denn Vertreter der Stadt München waren auch vor Ort und konnten sich die Erfahrungsberichte der Initiatoren anhören.
Die fielen logischerweise positiv aus. Doch klar wurde auch: Wer neue Flächen für die Aneignung der Menschen schafft, kreiert damit auch Räume für Nutzungen, die nicht dem Bilderbuch der sauberen Stadt entsprechen. So machten sich auch Drogensüchtige die Parklets zu eigen. Auch das gehört nun mal zur Stadt dazu.
Das bestätigte übrigens auch Klaus Hipp aus dem Vorstand der BMW-Stiftung.
“Projekte wie dieses können den Bürgern real etwas zurückgeben. Sie können aber auch durch urbane Interventionen unser Bild städtischer Normalität verändern.”
“Stadt” ist eben auch ein Projekt kollektiver Wahrnehmung. Stadt ist das, was wir für städtisch halten. Und städtische Lebenswertheit auch.
Hier setzte die Konferenz sinnhafte Akzente. Es wird spannend sein zu beobachten, welche Projekte das RISE-Programm auch jenseits der eigenen Haustür initiieren kann. Denn klar ist: Die größten Herausforderungen für die Metropolen von morgen liegen nicht in München, sondern eher in Bogota, Mexiko Stadt, Hanoi oder Lagos. guz
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Veranstaltungshinweise: GO.DIGITAL am 9. & 10. November in Leipzig
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