Profil anzeigen

Energiewende-Irrtümer und Büroflächen für Anspruchsvolle

metroscope - Stadt von Morgen
Energiewende-Irrtümer und Büroflächen für Anspruchsvolle
Liebe Stadtfreundinnen und -freunde,
im Nachdenken über die Smart City geht es immer auch um die Ambivalenz von Technologie. Diese hat leider auch uns heimgesucht – in Form eines ziemlich ärgerlichen Adressenverlustes. Kurzum: Viele unserer Abonnenten sind verschwunden. Dies muss Sie eigentlich nicht stören, denn wenn Sie dies lesen, ist Ihre Mailadresse ja noch im System: Aber: Vielleicht hören Sie ja von der einen oder dem anderen, die/der metroscope nicht mehr erhalten. Dann wäre es wunderbar, wenn Sie Ihre Kontaktperson bitten könnten, uns noch einmal zu abonnieren.
So viel zur Vorrede, eine gehaltvolle Lektüre wünschen
Céline Lauer, Michael Fabricius, Alexander Gutzmer

Konstruktionsfehler der Energiewende
Ungedämmtes Wohnhaus im Zentrum von Warschau, Baujahr 1976. Quelle: fab
Ungedämmtes Wohnhaus im Zentrum von Warschau, Baujahr 1976. Quelle: fab
Selten hat die oft bemühte Phrase des “heilsamen Schocks” so gut gepasst wie beim plötzlichen Stopp der KfW-Förderprogramme für Neubau und energetische Sanierung. Allein schon der politische Nebeneffekt ist interessant: Ausgerechnet der Grünen-Klimaschutz- und Wirtschaftsminister Robert Habeck sah sich dazu gezwungen, die Milliarden-Subventionen zu canceln, die in Form von Tilgungszuschüssen über die staatliche Förderbank für mehr Gebäudeeffizienz und weniger CO2-Emissionen gezahlt werden. “Das Programm ist völlig aus dem Ruder gelaufen”, sagte ein zerknirschter Robert Habeck beim Parteitag der Grünen vor einer Woche. Das Prinzip “Whatever it Takes” beim Klimaschutz können also nicht einmal die Grünen durchhalten, wenn sie an der Regierung sind.
Soweit zur Politik. Für unsere Städte und Gebäude sind die Lehren aus dem Förderstopp interessanter. Jahrelang ging es darum, die singuläre Effizienz jedes einzelnen Gebäudes zu steigern. Das endete nicht nur in einem ausufernden KfW-Förderprogramm, sondern in einer gewaltigen Materialschlacht am Bau, in der mit immer mehr Technik der Wärmeverlust eines Gebäudes reduziert werden sollte – Dämmung, Fenster, Lüftung mit Wärmerückgewinnung. Ausgeblendet wurde die Herkunft der Energie (Strom für Wärmepumpen gilt immer noch als ökologisch, auch wenn er im Winter größtenteils aus Kohle- und Gaskraftwerken stammt) sowie die Frage nach der Ressourceneffizienz selbst. Dazu eine interessante Darstellung aus einer wenig beachteten Untersuchung des Karlsruher Instituts für Technologie vom November vergangenen Jahres, hier präsentiert vom Immobilien-Branchenverband ZIA:
CO2-Einsparungsziel bis 2050: -51 Prozent. Zusätzlicher CO2-Ausstoß durch Material und Produktion bis 2030: +45 Prozent. Quelle: KIT
CO2-Einsparungsziel bis 2050: -51 Prozent. Zusätzlicher CO2-Ausstoß durch Material und Produktion bis 2030: +45 Prozent. Quelle: KIT
Trotz der schwachen Auflösung sieht man: Die vorgegebene CO2-Reduktion im Gebäudesektor droht durch den dafür notwendigen zusätzlichen Materialeinsatz fast kompensiert zu werden. In der Studie, an der auch das Steinbeis Innovations Zentrum beteiligt war, schreiben die Autoren:
“Der Ressourcenverbrauch im Bauwesen ist erheblich. Die Errichtung von Gebäuden verursacht rund 20 Prozent der nationalen, gebäudebezogenen THG-Emissionen, bilanziert nach dem Verursacherprinzip. Ebenso ist der Gebäudebereich mit rund 63 Prozent des bundesweiten Netto-Müllaufkommens verantwortlich für wenig nachhaltige Prozesse.”
Die Hauptursache für die zu erwartende miserable Ressourcen-Bilanz sehen die Autoren in der Dämmung:
“Der bauliche Wärmeschutz steht in der öffentlichen Diskussion häufig im Mittelpunkt, wenn es darum geht, die Energieeffizienz von Gebäuden zu steigern. Dabei sind die Potentiale durch die kontinuierliche Anhebung der Anforderungsniveaus in den letzten Jahrzehnten weitgehend erschöpft und i.d.R. nur noch rechnerisch zu erzielen. Ganzheitlich betrachtet steigen die THG-Emissionen sogar aufgrund des erhöhten Ressourcenaufwands. Eine weitere Verschärfung bei Neubauten, sowohl bei Wohn- wie bei Nichtwohngebäuden, über das aktuell gültige Niveau des GEG hinaus ist daher weder energetisch noch wirtschaftlich bzw. ökologisch zielführend.”
Unterscheiden muss man allerdings noch zwischen Neubau und Sanierung. Im Neubau ist der KfW-Effizienzhausstandard 55 inzwischen wirklich Standard und bedarf keiner weiteren Förderung – da hat Robert Habeck wohl recht. Eine weitere Absenkung auf KfW-40 in Zusammenhang mit einer Wärmepumpe werde die Treibhausgasemissionen auch nur noch um wenige Prozentpunkte reduzieren, so die Forscher.
Es ist der Bestand, in dem die großen Einsparpotenziale liegen: “Durch die Sanierung der Gebäudebestände und die Sicherung einer weiteren Nutzung lassen sich gegenüber dem Neubau etwa 80 Prozent der THG Emissionen vermeiden.” Stattdessen flossen die Mittel der KfW vor allem in den Neubau:
Grau: Neubau-Förderung der KfW. Blau und grau: der Rest. Quelle: KIT
Grau: Neubau-Förderung der KfW. Blau und grau: der Rest. Quelle: KIT
Aus diesen Zahlen lässt sich schließen, dass die bisherigen Klimaschutzanreize genau falsch herum gelagert waren: Viel Geld für Neubau – wenig CO2-Einsparpotenzial, wenig Geld für Bestand – viel CO2-Einsparpotenzial.
Betrachtet man die Bausubstanz in den urbanen Beständen, wird allerdings schnell klar, dass die Sanierungsmöglichkeiten in erschwinglicher Größenordnung begrenzt sind. Wie soll man einen 70er-Jahre-Bau mit niedrigen Mieten jemals wirtschaftlich vollsanieren?
Die Autoren lenken deshalb zurecht den Blick auf die Energiequellen selbst. Denn würde es gelingen, nachhaltige Fernwärme, Ökofuels, Wasserstoff, Abwärme und grünen Strom in die Quartiere zu lenken, wäre mehr gewonnen. So werde “deutlich, dass die Dekarbonisierung des Netzstroms der entscheidende Faktor für die Erreichung der Klimaschutzziele ist und nicht eine Verschärfung der Vorgaben zum baulichen Wärmeschutz”.
Überhaupt sind Alternativen bei der Wärme- und Stromerzeugung vor Ort gefragt. Dabei müssen wir die Grundstücks- und Gebäudegrenzen überwinden. Praxisbeispiel: Das Stadtquartier “Neue Weststadt Esslingen“. Es ist ein Neubau, ja, aber die technische Innovation ist auch für den Bestand nutzbar. In dem Esslinger Quartier wird Wasserstoff per Elektrolyse mit Solarstrom hergestellt. Die dabei entstehende Abwärme nutzen die Betreiber zum Heizen. "Durch die Abwärmenutzung steigt die Effizienz bei der Wasserstofferzeugung von 55 Prozent auf 85 Prozent und der Wärmebedarf im Quartier wird zu 50 Prozent aus der erneuerbaren Abwärme gedeckt”, haben die KIT-Forscher ausgerechnet. fab
Fraunhofer-Studie: New Office statt Home Office
So könnte sie aussehen, die Alternative zum Home Office. Impression vom Münchner Büroprojekt "Hammerschmidt". Architekten Muck Petzet, Arno Brandlhuber
So könnte sie aussehen, die Alternative zum Home Office. Impression vom Münchner Büroprojekt "Hammerschmidt". Architekten Muck Petzet, Arno Brandlhuber
Geben Sie es zu – so allmählich beginnt das Home Office zu nerven. Mich jedenfalls nervt es sehr. Und offenbar bin ich da nicht allein. In einer aktuellen Umfrage des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, die mein Haupt-Arbeitgeber Euroboden unterstützt hat, sieht man: Menschen wollen einen anderen Ort zum Arbeiten haben als (nur) den eigenen Küchentisch. Aber sie sind anspruchsvoll. Neben harten Standortfaktoren zeigt sich zunehmend die Bedeutung weicher Faktoren für die Wahl der Büroimmobilie.
24 Prozent der Befragten wünschen sich explizit ein kreatives Umfeld. Faktoren wie eine digitale Infrastruktur und ein inspirierendes Umfeld haben in der jungen Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen einen hohen Stellenwert. Der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit bleibt unumstritten. Die Symbiose zwischen Natur und Gebäude ist gefragter denn je. Begrünte Dach- und Fassadenflächen sowie die Nutzung von Flächen zur Lebensmittelproduktion („Urban Farming“), als Beitrag zu einer essbaren und biodiversen Stadt, befürworten 25 Prozent der Befragten. Dieses Umdenken zeigt sich auch in der Zustimmung, Büroflächen zukünftig mit öffentlich unzugänglichen Arbeitsorten im Grünen auszustatten und diese auch außerhalb der Arbeitszeit als Naherholungsorte zu nutzen. Klimaschutz und nachhaltiges, ökologisches Handeln stehen im Rahmen der Arbeitsplatzgestaltung vor allem bei jüngeren Generationen (unter 30 Jahren) im Fokus.
Und das Nutzungskonzept von Büroflächen wandelt sich. 26 Prozent der Befragten befürworten Büroflächen zukünftig als Kommunikations- und Begegnungszonen. Still- und Fokusarbeiten verlagern sich ins Home-Office. Auch die Möglichkeit sogenannter „Third Places“ als Alternative zu zentralen Unternehmensstandorten findet Anklang. 22 Prozent begrüßen die Bereitstellung eines „Working-in-the-City-Pass“, der es ermöglicht, für einen festgelegten Zeitraum in Cafés oder Bibliotheken zu arbeiten. Dennoch ist davon auszugehen, dass der physische Austausch und die Interaktion wichtige Bestandteile in der Büro- und Arbeitswelt bleiben. Der Rahmen dafür aber muss sich neu erfinden. Aissatou Frisch-Baldé, Leitung Büroflächen bei Engel & Völkers Commercial Berlin, kommentiert:
„Wir sehen, wie die Attraktivität von B- und C-Lagen zunimmt. Hier zeichnet sich in der Nachfrage eine echte Trendwende ab. Viele namhafte Konzerne siedeln sich in den Randlagen an und schaffen damit Zukunftsorte der Arbeit, die auch einen prägenden Einfluss auf die Stadtentwicklung haben. Weiterhin beobachten wir einen Wandel in den Flächennutzungskonzepten. Zu den großen innerstädtischen Bürokomplexen könnten zukünftig vermehrt kleinere Satellitenbüros im Größenbereich von unter 600 Quadratmeter angemietet werden.“
Für Euroboden als Projektentwickler sind die Studienergebnisse deshalb spannend, weil das Unternehmen mit dem aktuellen Projekt „Hammerschmidt“ gerade einen Bürobau fertigstellt, der in seiner Architektur auf die Studie zu reagieren scheint (obwohl natürlich vorher begonnen): Begegnungsflächen, die den kreativen Austausch fördern und damit ein inspirierendes Umfeld für das Arbeiten in Teams schaffen. Angebote wie ein Sport- und Rekreationsdeck, um den Menschen einen Mehrwert jenseits der klassischen Bürofläche zu bieten. Und eine Einbeziehung der Natur durch großzügige Außenräume an einem naturnahen Standort mit Blick bis zu den Alpen.
Weitere Stadtlinks:
Petition für neue Köhlbrandbrücke
Die Stadt und der Nachhalt
Begrünung ist kein Allheilmittel
Ausgabe verpasst? Hier entlang: 👇🏻
Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Michael Fabricius, Alexander Gutzmer und Céline Lauer von metroscope

metroscope blickt in die Zukunft der Stadt. Wir liefern Analysen, Orientierung und Einordnung zur Entwicklung der Metropole als Zentrum von Wertschöpfung, Gesellschaft und kultureller Relevanz. All dies verändert sich schwindelerregend schnell.

Wir schreiben über Architektur, Mietendeckel, Gentrifizierung, Smart Cities, E-Autos, Co-Working, "PropTech" und Klimaschutz – und alles, was Entscheidern, Planern, Architekten und anderen Interessierten dabei helfen kann, den radikalen Wandel durch Technologie und soziale Trends zu verstehen und mitzugestalten.

Zum Abbestellen hier klicken.
Wenn Ihnen dieser Newsletter weitergeleitet wurde, können Sie ihn hier abonnieren.
Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer