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Die Rettung Essens und ein urbaner Weckruf an die EU

metroscope - Stadt von Morgen
Die Rettung Essens und ein urbaner Weckruf an die EU
Liebe Stadt-Vermissende,
wie gerne würden wir zusammen und mit Ihnen am Wochenende in einem sonnigen Café in der Innenstadt sitzen und den beginnenden Frühling genießen. Doch es wird wohl noch etwas dauern, bis wir unsere urbanen Gasträume wieder nutzen dürfen. In Essen immerhin bereiten sie sich auf die Zeiten des Lock-up vor und planen generalstabsmäßig die Gastronomisierung der Innenstadt. Wir drücken die Daumen, denn so wie Essens City haben viele Innenstädte Hilfe bitter nötig.
Das übrigens sieht man in Brüssel offenbar nicht so dringlich – was unser Gastautor von Eurocities deutlich kritisiert. Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre und einen trotz allem angenehmen Frühlingsstart. Außerdem können wir uns als Zeitungsleute den Hinweis nicht verkneifen: Vergessen Sie nicht, die Uhren umzustellen ;-)
Ihre Michael Fabricius & Alexander Gutzmer

Doppelter Kraftakt: Die Rettung der Essener Innenstadt
In Rom ist es die Via Del Moro, in Paris die Rue de Mouffetard - und in Düsseldorf natürlich die längste Theke der Welt, also die Bolkerstraße: Straßen mit einer enormen Dichte an Gastronomie, wenig glamourös vielleicht, dafür aber mit einer besonderen Anziehungskraft. In Frankfurt/Main immerhin haben die Bürger dem Viertel um die Große Bockenheimer Straße den entsprechenden generischen Namen verpasst: Fressgass. Gastronomisch geprägte Stadtviertel haben – jedenfalls außerhalb von Pandemien und dergleichen – einen enormen Vorteil: Die Menschen kommen dorthin, sie beleben die Stadt und geben der Urbanisation damit einen Sinn. Nicht wenige Stadtplaner träumen von solchen Ansammlungen in Zeiten des beschleunigt sterbenden Handels und der leeren Lokale. Zum Beispiel in Essen.
Skyline von Essen, vorne links die Alte Synagoge. Foto: Peter Brendel / Stadt Essen
Skyline von Essen, vorne links die Alte Synagoge. Foto: Peter Brendel / Stadt Essen
Die Gegend rund um die Limbecker Straße leidet seit Jahren nicht nur unter der schwierigen wirtschaftlichen Transformation des Ruhrgebiets und dem zunehmenden Onlinehandel, sondern auch (wie viele deutsche Innenstädte) unter der strategischen Ausrichtung als Shoppingzone. Nach 18:30 Uhr war hier schon früher nicht viel los, jetzt ist schon vorher tote Hose. Die Lage ist so dramatisch, dass Stadtverwaltung und Essen Marketing GmbH (EMG) in Deutschland ein bisher einzigartiges Experiment starten. Es könnte sogar funktionieren, weil von vornherein die Wirtschaft mit eingebunden ist. Gemeinsam mit dem Gastro-Entwickler Progacon soll die Innenstadt quasi auf dem Reißbrett zum Szeneviertel umgebaut werden. Man überlegt sich “thematische Cluster”, also beispielsweise Restaurants, die zum Theater passen könnten, oder Cafélandschaften auf dem bislang eher zugigen Kennedyplatz.
“Die Ansiedlung von gastronomischen Betrieben ist aktuell nicht strategisch gesteuert. In der Regel suchen Makler nach potenziellen Bewerbern für Leerstände, das erfolgt aber immer im Einzelfall. Bei der Gastronomie ist allerdings die Nachbarschaft wichtig.” - Richard Röhrhoff, Geschäftsführer EMG
Schon wenige Tage nach der Ankündigung, berichtet Svenja Krämer, Leiterin des Citymanagements, hätten sich Interessenten gemeldet, Brauereien beispielsweise. Es gibt viele Ideen, wie man leere Ladenlokale beleben könnte. Auch ohne Ausschank, stattdessen mit Freizeitspaß – Lasertag für Kids, Veranstaltungsräume, Treffpunkte. Natürlich müsse man auch Handelsflächen wieder in Wohnflächen umwandeln: “Wir brauchen Menschen in der Stadt, rund um die Uhr”, sagt Krämer.
Der Wille von Stadtmarketing und Verwaltung allein reicht jedoch nicht. Es braucht einen weiteren wichtigen Akteur, nämlich die Immobilienwirtschaft. Und die, das sagt Krämer ganz offen, hat sich lange Zeit nicht dafür interessiert, dass in der Stadt nichts mehr passiert. Nun jedoch, glaubt sie, sei der Leidensdruck zu groß geworden.
“Es gibt zwei Gruppen von Immobilieneigentümern. Die eine will noch nicht so richtig einsehen, dass sich die hohen Einzelhandelsmieten der Vergangenheit nicht mehr erzielen lassen. Die andere hat es verstanden.” - Svenja Krämer
Die zweite Gruppe wird größer. Teilweise gezwungenermaßen, auch weil die Essen Marketing GmbH gezielt die betreffenden Großinvestoren in aller Welt angerufen und auf die Lage aufmerksam gemacht hat. In den gigantischen globalen Beständen mancher Investoren fällt es eben nicht besonders auf, wenn ein paar Lokale in der Limbecker Straße leer stehen. Der Griff zum Telefon könnte geholfen haben.
Aber auch der Griff in die Staatskasse ist ein Argument, dem Immobilienkaufleute naturgemäß offen gegenüber stehen. Denn gute Ideen helfen wenig, wenn sich die Ideenhaber, also die Mieter, die Mieten trotzdem nicht leisten können. In Essen setzen sie deshalb zusätzlich den Subventionshebel an – und hängen sich an ein bestehendes Förderprogramm an. Dessen Ansatz: Das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt springen selbst als Mieter ein. Sie (also letztlich der Steuerzahler) übernehmen für eine Dauer von bis zu zwei Jahren 80 Prozent der Gewerbemiete, wenn sich ein neuer experimentierfreudiger Nutzer findet, der die restlichen 20 Prozent zahlt. Voraussetzung ist lediglich, dass der Vermieter seinerseits die bisherige Miete um 30 Prozent reduziert. “Sofortprogramm Innenstadt” heißt die Aktion.
Bisher läuft, unabhängig der aktuellen Essener Initiative, das Programm noch recht schleppend. Außer zufriedenen Vermietern braucht man eben auch kreative und unternehmungslustige Bürger, die jede Menge Ideen für die leeren Ladenlokale haben. Die scheinen jedoch rar zu sein, auch wenn sie nur ein Fünftel der bisherigen “Marktmiete” zahlen müssten. Die Bewerbungsfrist für das Förderprogramm endet in wenigen Tagen: am 31. März. Man ist noch offen für Interessenten, heißt es.
Selbst ein gewaltiges Heruntersubventionieren der Mieten scheint also nicht wirklich zu helfen, jedenfalls wenn es nur vorübergehend ist. Ein dauerhaft niedrigeres Mietniveau könnte mehr Vertrauen schaffen. Doch unabhängig vom Preis zeichnet sich ab, dass vor allem gute Ideen gefragt sind.
Vielleicht ist der Essener Ansatz genau der inhaltliche Impuls, den es zusätzlich zu finanziellen Anreizen braucht. In wenigen Monaten soll das Konzept stehen. Andere Städte sollten sich genau anschauen, was in Essen passiert – und ob sich in zwei oder drei Jahren die Menschen zwischen Pizzeria und Café rund um den Kennedyplatz drängen. fab
 „Zu einer lebenswerten Stadt gehört attraktive Gastronomie. Um die Innenstädte zu beleben, brauchen wir einen besseren Mix aus Leben, Arbeiten, Einkaufserlebnis und Gastronomie. Dieses Gesamtpaket vor allem in Zeiten von Corona und den damit verbundenen Auswirkungen in der Form anzupacken, ist eine große Herausforderung und Essen ist hier ein Vorreiter in Deutschland.“ - Tomas Kolaric, Geschäftsführer des DEHOGA Nordrhein
Shoppingcenter und Warenhäuser im Rückzugsgefecht
Wer wissen will, wie es um die Shoppingcenter in Deutschland steht beziehungsweise um deren Zukunftsaussichten, muss sich nur den Fünf-Jahres-Chart der Euroshop-Aktie anschauen. Deutsche Euroshop ist der größte Shoppingcenter-Investor hierzulande und seit Jahren in einem Rückzugsgefecht. Der Verlust im vergangenen Jahr belief sich auf 251,7 Millionen Euro. Die Bewertung der Immobilien fiel noch drastischer. Das Minus lag 2019 bei 120 Millionen Euro, im vergangenen Jahr schon bei 428 Millionen Euro. Die harten Zahlen zeigen: Shoppingcenter, die jetzt zu einem guten Teil leer stehen, haben keine Zukunft mehr. Bürgermeister, Stadtplaner und Betreiber müssen dringend neue Konzepte suchen. Wir schauen uns in den nächsten Wochen und Monaten genau an, welche Best-Practice-Beispiele da entstehen.
Auch veraltete Warenhäuser gehören zum Immobilien-Prekariat. Dazu schnell noch dieses Beispiel: Die Stadt Lübeck plant den Kauf des leeren Karstadt-Gebäudes an der Königstraße und die Umwandlung in ein Zentrum für Bildung, Kultur und Dienstleistungen. Gegenwärtige Eigentümerin ist die RFR-Gruppe, die jedoch nur noch einen Teil des Ensembles nutzt. Lübeck möchte im Erd- und Untergeschoss neue Wissenschafts-, Kultur- und Dienstleistungsangebote unterbringen. In den drei Obergeschossen wäre Raum für bis zu 30 Klassen- und 15 Seminarräume. Lübeck hat nämlich “zunehmende Raumprobleme” mit den Innenstadtgymnasien. Auf dem Dach wären Außenflächen für Schüler denkbar. Das Konzept soll bis Jahresende stehen. fab
EU-Städte schlagen Alarm: „Ohne uns scheitert der Wiederaufbau“
Die Corona-Milliardenhilfen der EU müssen dort eingesetzt werden, wo sie am meisten gebraucht werden: in Städten. Darin sind sich EU-Politiker und Bürgermeister in ganz Europa einig. Das Problem: Die Regierungen der Mitgliedsstaaten spielen bisher nicht mit. Ein warnender Gastbeitrag von Ivo Banek, Kommunikationsdirektor des europäischen Städtenetzwerks Eurocities, das 200 Städte mit rund 130 Millionen Einwohnern vertritt.
Der Anspruch könnte größer kaum sein: “Next Generation EU”, Europa der kommenden Generation, heißt das EU-Förderprogramm zum Wiederaufbau nach der Corona-Krise. Die Rekordsumme von 750 Milliarden Euro steht bereit, um die Schäden der Pandemie zu reparieren und Europa zukunftssicher zu machen. Doch es besteht die Gefahr, dass diese einmalige Chance verspielt wird. Denn bei den Plänen zur Verwendung der Gelder bleibt eine zentrale Gruppe weitgehend außen vor: Städte.
Europas Zukunft entscheidet sich in den Städten. Hier leben 75 Prozent der Menschen, werden 85 Prozent der Wirtschaftsleistung erbracht – und 70 Prozent der Emissionen erzeugt. Städte sind von der Pandemie und ihren Folgen am stärksten betroffen und bis ans Äußerste gefordert, um die Versorgung Bedürftiger sicherzustellen und die Krise zu bewältigen. Testen, impfen, wieder aufbauen: all das geschieht in den Städten.
Und Städte haben klare Vorstellungen, was zu tun ist. Sie wollen in Digitalisierung und Klimaschutz investieren, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Sie wollen ihre Energieversorgung und die Verkehrssysteme auf Nachhaltigkeit umstellen, Luft- und Lebensqualität verbessern und so den europäischen “Green Deal”, das wichtigste Projekt der EU, Wirklichkeit werden lassen. Und sie wollen die soziale Spaltung, die durch die Pandemie deutlich geworden und vertieft worden ist, überwinden und sicherstellen, dass niemand auf der Strecke bleibt.
Die Pläne der Städte liegen auf dem Tisch. Aber sie werden häufig „vollkommen ignoriert“, wie es etwa der Bürgermeister von Warschau, Rafal Trzaskowski, der polnischen Regierung vorwirft. Und so ähnlich sieht es, mit Abstufungen, in der gesamten EU aus. 70 Prozent der Städte fühlen sich ungenügend beteiligt bei der Erstellung der nationalen Pläne zur Verwendung der Corona-Milliarden. In einer Umfrage des Städtenetzwerks Eurocities unter 45 Städten aus 18 EU-Staaten gaben nur die italienischen Städte an, sich gut beteiligt zu fühlen – das war allerdings, bevor ihre Regierung im Streit um die EU-Gelder zerbrach.
Neben Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern hat in den vergangenen Wochen auch die europäische Politik Alarm geschlagen. EU-Kommission, Europäisches Parlament, der portugiesische Ratspräsident: Sie alle haben die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten aufgefordert, Städte in ihre Planungen einzubeziehen.
Die nationalen Pläne zum Wiederaufbau sollen bis Ende April in Brüssel vorliegen. Die Kommission will die Vorlagen auch daraufhin überprüfen, ob Städte angemessen beteiligt und berücksichtigt wurden. Erst nach der Freigabe können die Fördergelder abgerufen werden. Es könnte also zu Verzögerungen kommen, wenn die Kommission Nachbesserungen verlangt.
Dabei „läuft uns die Zeit davon“, wie Dario Nardella, Bürgermeister von Florenz und Präsident von Eurocities, sagt. Er ruft dazu auf, die verbleibenden Wochen bis zum Ablauf der regulären Frist im April zu nutzen und Städtevertreter endlich an den Tisch zu holen. Nardella geht es dabei nicht um Zuständigkeiten, sondern um die Sache: „Ohne Städte scheitert das Vorhaben Next Generation EU.“
Eurocities-Präsident Dario Nardella
Eurocities-Präsident Dario Nardella
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