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Die Architekturbiennale und ungelöste Verteilungsprobleme in der Stadt

metroscope - Stadt von Morgen
Die Architekturbiennale und ungelöste Verteilungsprobleme in der Stadt
Liebe Stadt-Rückkehrer,
bevor es in die Biergärten geht, schnell noch einen Newsletter. Es gibt einige offene Fragen - beispielsweise die Frage nach der künftigen Form des Zusammenlebens in der Stadt: großes Thema auf der Biennale, allerdings wie stets eher abstrakt beantwortet. Dafür umso konkreter das Erlebnis eines weitgehend entleerten Venedigs, das bei vielen Biennale-Besuchern wohl das größere Erstaunen hervorbringt. Offen ist ebenfalls die Bodenfrage: Die Preise steigen, der Verteilungskampf dauert an, und beim “Studio Baukultur” der Bundesstiftung Baukultur gab es einige Antwortversuche - und breite Zustimmung für eine stärkere Rolle der Städte.
Viel Spaß bei der Lektüre - und nicht übertreiben bei den ersten Gehversuchen in der wiedereröffnenden Gastronomie ;-)
Michael Fabricius und Alexander Gutzmer

Viel Wissen, wenig Genaues auf der Biennale
Etwas wacklig, aber stabil: Das "Maison Fibre" des Stuttgarter Forschers Achim Menges
Etwas wacklig, aber stabil: Das "Maison Fibre" des Stuttgarter Forschers Achim Menges
Aus urbanistischer Sicht ist eine Architekturbiennale eigentlich ein Selbstläufer. Coole Projekte aus allen Metropolen der Welt, appetitlich präsentiert – und fertig ist die Ideenschau für die Stadt von morgen. So leicht aber macht es uns die diesjährige Architekturbiennale in Venedig nicht. Der Kurator Hashim Sarkis hat zwar einen globalen Blick. Aber er beschäftigt sich weniger mit der gebauten Welt als mit Überlegungen darüber, wie Bauen und Forschen, Biologie, Wissenschaft und Kunst zusammenhängt. Unter der Headline „How will we live together“ bietet er Denkanstöße für eine bessere, natürlich auch besser gebaute Welt. Einen Parcours der sozialen, ökologischen und technologischen Provokationen und Ideen hat Sarkis bauen lassen. Davon ist manches in seiner gewollten Didaktik etwas platt, vieles aber auch spannend und emotional.
Und mitunter auch nicht unarchitektonisch. Der deutsche Architekt Achim Menges zum Beispiel erforscht mit seiner Großinstallation „Maison Fibre“ die Möglichkeiten des radikalen Leichtbaus. Die begehbare Installation besteht ausschließlich aus robotisch gefertigten Bauelementen aus Fasern – offenbar die erste mehrgeschossige Struktur dieser Art. Menges erforscht diese Themen an der Universität Stuttgart – und präsentiert in Venedig einen alternativen Ansatz zum Entwerfen und Konstruieren von Gebäuden für Wohnen und Arbeiten der Zukunft.
Gar nichts „präsentieren“ zumindest auf den ersten Blick im deutschen Pavillon die Kuratoren Arno Brandlhuber, Olaf Grawert, Nikolaus Hirsch und Christopher Roth. Das gruselig ikonische Gebäude, das oft selber im Zentrum der deutschen Wettbewerbsbeiträge steht, ist dieses Mal komplett leer, aseptisch clean, nur mit kleinen Spiegeln auf dem Boden versehen, die den Besuchern die Mindestabstände vermitteln sollen. Die „Exponate“ werden nur per QR-Code angeteasert und stehen im Netz – durchaus substanzielle Filme, die diskutieren, was Architektur, Wissenschaft, Politik, Kunst und Immobilienbranche machen müssen, damit das Leben im Jahr 2038 ein Gutes, ein Besseres wird. Dass ist vielleicht nicht besonders „sinnlich“, aber in seiner leicht unterkühlten Contentfokussierung irgendwie in die Zeit passend.
Direkter architektonisch geht es im belgischen Pavillon zu. Dass die belgische Architektur gerade einen Lauf hat, ist unter Betrachtern der Szene Common Sense. Aus dieser Einsicht machen die Kuratoren nun ein Konzept – und liefern das Modell einer hyperdichten, fiktiven Idealstadt, zusammengesetzt aus Modellen der spannendsten belgischen Projekte der Gegenwart. Eine simple Idee, die aber durch die sehr schönen Modelle ihre eigenen urbanen Charme entfaltet.
Einen Ort ganz anderen urbanen Charmes zeigen uns die Kuratorinnen des britischen Pavillons, Manijeh Verghese und Madeleine Kessler vom Büro Unscene Architecture. Ihr Garden of Privatised Delights thematisiert das Entstehen von Öffentlichkeit anhand verschiedener öffentlicher Räume, unter anderem eines immersiv angedeuteten Pubs. Und es stimmt ja, der Pub war in UK immer ein Ort, an dem sich die Öffentlichkeit verhandelt wurde, aber auch auf ihre Grenzen stieß (gibt es Pubs für Migranten?). Der Pub ist auch der Ort gesellschaftlicher Widersprüche und Friktionen. Auf diese verweist der Pavillon, zum Beispiel durch eine halbleere Flasche „Strika“ auf dem Tresen. Der britische Kräuterschnaps ersetzte in der britischen Pubkette Wetherspoons nach dem Brexit den in Ungnade gefallenen, aber leider sehr populären deutschen Jägermeister. Große Außenpolitik, über die Mikrowelt des Konsums gespiegelt.
Derlei kleine, aber hochpolitische Symbolgeschichten gibt es viele zu entdecken auf der diesjährigen Biennale. Und noch etwas gibt es zu entdecken: Venedig. Die Stadt ist nämlich postpandemisch immer noch bemerkenswert leer. Das ist zwar etwas unheimlich, schließlich spürt man die Verstörung der Pandemie. Aber es hat auch seinen Reiz. Das erzählen sich auch erfreut alle Biennale-Besucher. Auch wenn bisher das snobistische Sich-Mokieren über die vulgären Normalo-Touris für die architekturdiskursive Haute Volée immer zum Venedig-Erlebnis gehörte.
Die Bodenfrage ist noch nicht beantwortet:
Aus einer Präsentation von Cord Soehlke, Bau- und Erster Bürgermeister Tübingen
Aus einer Präsentation von Cord Soehlke, Bau- und Erster Bürgermeister Tübingen
Gerade erst hat die große Koalition in Berlin ihre jahrelang vorbereitete und monatelang umkämpfte Reform des Baugesetzbuchs vorgelegt - betitelt als “Baulandmobilisierungsgesetz”. Nachverdichtung in den Städten soll einfacher und Außenflächen vorläufig noch ohne neue Umweltverträglichkeitsprüfung freigegeben werden. Städte und Gemeinden können etwas leichter als bisher Baugebote aussprechen und Vorkaufsrechte wahrnehmen. Alles prima, befand man in der GroKo in Berlin. Nur wenige Tage später stellt sich bei einem großen Symposium der Bundestiftung Baukultur allerdings heraus, dass man eigentlich gleich mit der nächsten Reform anfangen kann. Die große Frage der Verteilung von Grund und Boden, der Bebauung und der anschließenden Bewirtschaftung sind offenbar alles andere als beantwortet. Bauland verteuert sich weiter, und der Anteil der Grundstückskosten am Preis für einen neuen Stadtteil steigt. Die neue Regierung kann gleich da weitermachen wo die alte aufgehört hat.
Die Bundesstiftung Baukultur musste ihr lange geplantes Forum rein digital veranstalten - was allerdings gut geklappt hat: Hier gibt es die Videos der beiden Tage “Studio Baukultur” zum nachträglichen anschauen.
Großes Thema am ersten Veranstaltungstag: Der Boden, sein Preis und die Verteilungsfrage. Der Ökonom Ralph Henger vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln argumentierte wie gewohnt (unter Protest des Deutschen Städtetags), dass man vor allem das Angebot ausweiten müsste, dann werde alles schon wieder gut. Allerdings wunderte er sich dann doch, wie hoch inzwischen der Kostenanteil des Bodenpreises bei der Entstehung von Wohnraum ausfällt. Andere Experten wie Stephan Reiß-Schmidt von der “Münchner Initiative für ein soziales Bodenrecht” halten eine aktivere Rolle der Städte und Gemeinden für nötig, um die Preisentwicklung abzubremsen und die Stadt für alle Einkommensschichten zugänglich zu halten. Etliche Akteure plädierten während der Veranstaltung für eine Abschöpfung von Planwertgewinnen, sei es direkt bei der Eigentumsübertragung als Gewinnsteuer oder später im Betrieb über eine neue Grundsteuer. Es bildete sich im Laufe des Tages eine breite Koalition der Planwert-Abschöpfungs-Befürworter, sodass man fast davon ausgehen kann, dass in den nächsten Jahren so etwas ähnliches auch kommen wird. Reiß-Schmidt zitierte aus der bayerischen Verfassung:
“Steigerungen des Bodenwertes, die ohne besonderen Arbeits- oder Kapitalaufwand des Eigentümers entstehen, sind für die Allgemeinheit nutzbar zu machen”
Verfassung des Freistaats Bayern Art. 161 Abs. 2
Wo also privatisiert wird, sollte der Staat kräftig Steuern erheben - tatsächlich Auswirkung: unklar. Die bessere Alternative, und auch hier bildete sich eine breite Koalition im Laufe des “Studio Baukultur”, könnte sein: Städte und Gemeinden übernehmen die Kontrolle über das Bauland. Das dürfte in den kommenden Jahren angesichts pandemiebedingter leerer öffentlichen Kassen noch schwieriger werden als bisher. “Es gibt immer noch viele Kommunen, die verkaufen Bauland an private Nutzer, um ihre Haushalte zu sanieren. Sie schaffen Baurecht ohne besondere Verpflichtungen für private Eigentümer”, kritisierte Reiß-Schmidt. Was dann passiert, sehe so aus:
Aus einer Präsentation von Stephan Reiß-Schmidt, DASL
Aus einer Präsentation von Stephan Reiß-Schmidt, DASL
Besser hätten es die zehn bis 15 Prozent jener Städte gemacht, die eine aktive Bodenvorratspolitik betreiben. Als große Vorbilder (breite Zustimmung beim Studio Baukultur) gelten nunmehr Ulm und Wien mit ihren hohen Anteilen an städtisch bewirtschafteten Flächen (Ökonom Ralph Henger: “Kommunen, die eine aktive Bodenbevorratungspolitik betrieben haben, stehen besser da als andere.”) Da scheint eine neue Grundstimmung zu entstehen. Obacht: Sogar Daniel Föst, wohnungsbaupolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, konnte sich in einer Diskussionsrunde mit Kollegen der anderen Fraktionen durchaus mit Wien als Vorbild arrangieren, ebenso mit einer aktiven Bodenbevorratung durch die öffentliche Hand. War das eine Bewegung in Richtung Ampelkoalition? SPD und Grüne haben derlei längst in ihren Wahlprogrammen manifestiert. Dass Wien 45 Prozent dauerhaft preisgebundene Wohnungen hat, München dagegen 14 Prozent, scheint sich irgendwie am Markt bemerkbar zu machen.
Reiß-Schmit erinnerte an die neue Leipzig Charta. Die grüne, gerechte und produktive Stadt wird darin gefordert, ebenso aber eine aktive und strategische Bodenpolitik empfohlen. Einige Punkte aus der Charta:
  • Sozialpflichtigkeit des Eigentums wirksamer umsetzen
  • Immobilienmarkt muss transparenter werden
  • Planungs- und Bodenwertgewinne abschöpfen (ja, angekommen)
  • Immobilien von Bund, Ländern und Gemeinden dürfen nicht gegen Höchstgebot privatisiert werden, Vorrangig an gemeinwohlorientierte Akteure
Wäre das “Studio Baukultur” eine Veranstaltung mit Zuschauern vor Ort gewesen - Cord Soehlke, Bau- und Erster Bürgermeister Tübingens, hätte wohl den meisten Applaus bekommen. Die Stadt vergibt praktisch kein Bauland mehr an private Akteure, und wenn, dann nur mit äußerst strengen Vorgaben. Wo das Grundstück bereits privatisiert ist, macht Tübingen bis zum Äußersten Gebrauch von planungsrechtlichen Eingriffen:
Aus einer Präsentation von Cord Soehlke, Tübingen
Aus einer Präsentation von Cord Soehlke, Tübingen
Höchstpreisvergabe ist längst Vergangenheit, vergeben wird in der Universitätsstadt ausschließlich nach Konzept:
Aus einer Präsentation von Cord Soehlke, Tübingen
Aus einer Präsentation von Cord Soehlke, Tübingen
Die Bundesstiftung Baukultur sieht allerdings nicht nur in den Städten und Gemeinden die entscheidenden Akteure. Sie möchte auch die Immobilienwirtschaft selbst dazu ermutigen, verantwortungsvoll mit ihren Bauvorhaben und Beständen umzugehen. Reiner Nagel, Vorstand der Bundesstiftung präsentierte dafür einen neuen Kodex für Baukultur. Den kann man unterstützten, unterschreiben - und damit die Wahrscheinlichkeit für einen Zuschlag bei Bürgermeistern wie Cord Soehlke erheblich steigern (sagte er jedenfalls selbst so). Hier geht es zum Kodex - einem “Leitfaden für die Gestaltung unserer Lebensräume”.
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Erstellt mit Revue
ViSdP: Michael Fabricius, Alexander Gutzmer & Céline Lauer