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Demographie in der Stadt, eine Ausnahme-EM und Dauer-Drohnen

metroscope - Stadt von Morgen
Demographie in der Stadt, eine Ausnahme-EM und Dauer-Drohnen
Liebe Zugewanderte und Alteingesessene,
das vergangene Jahr war ein Besonderes – erstmals seit 2011 ging die Bevölkerung in Deutschland leicht zurück. Es gibt weniger Zuwanderung nach Deutschland, mehr Abwanderung aus den Städten ins Umland – und neuerdings besonders viele kleine, neu gebaute Wohnungen. In dieser Ausgabe erklären wir, wie das alles miteinander zusammenhängt, warum eine Fußball-EM unter Pandemiebedingungen keinen richtigen Spaß macht und warum bald jede Menge Drohnen über unsere Städte fliegen könnten.
Ihre Céline Lauer, Michael Fabricius und Alexander Gutzmer

Zuwanderung, Alterung – und die Wohnungsfrage
Zwei Ereignisse dieses Montags lohnen eine nähere Betrachtung. Das eine war eine Busfahrt mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller. Das zweite war die Veröffentlichung aktueller Daten zur Bevölkerungsentwicklung. Was haben beide miteinander zu tun?
Zunächst zur Demografie. Das Pandemie-Jahr 2020 hat gezeigt, wie sich Deutschlands Einwohnerstruktur entwickelt, wenn es weniger oder kaum noch Zuwanderung aus dem Ausland gibt. Erstmals seit 2011 ist die Bevölkerung letztes Jahr nicht mehr gewachsen, sondern leicht um 12.000 Personen geschrumpft. 83,2 Millionen Menschen leben in Deutschland. Hauptgrund ist der Rückgang der Zuwanderer aus dem Ausland von 294.000 im Jahr 2019 auf 209.000 im Jahr 2020.
Ohne den Zustrom von außen rückt die Alterung besonders ins Blickfeld. So stieg die Zahl der Hochbetagten ab 80 Jahren laut Statistischem Bundesamt um 4,5 Prozent auf 5,9 Millionen (trotz leichter Corona-bedingter Übersterblichkeit). Das wäre zwar auch mit ganz viel Zuwanderung so gekommen, doch weil aus dem Ausland meist jüngere Leute einwandern, fällt der Anteil der Älteren zunehmend ins Gewicht.
Auf dieser Karte des Statistischen Bundesamts sieht man, wo die Über-80-Jährigen wohnen:
Ganz offensichtlich überwiegt immer noch der Ost-Abwanderungseffekt: Jüngere Menschen ziehen aus strukturschwachen Gebieten in den östlichen Bundesländern weg (bzw. sind fast zwei Dekaden lang weggezogen). Die Familien mit Kindern unter 12 Jahren sind dagegen woanders zu finden:
Die Bevölkerungskarten gibt es übrigens für jede weitere Altersgruppe auf der Destatis-Website. Eine weitere Statistik zeigt, dass die Alterung auf lange Sicht nicht auf entwickelte Länder wie Deutschland beschränkt sein wird. Hier sieht man, dass die Geschwindigkeit des Bevölkerungswachstums global eigentlich schon seit Jahrzehnten nachlässt:
Quelle: statista.de
Quelle: statista.de
Gut möglich, dass die Menschheit die Zahl von acht Milliarden gar nicht erreichen wird. Doch das ist ein anderes Thema. Hier kommt nun aber die Verbindung zur Busfahrt mit dem scheidenden Bürgermeister Müller. Seit einigen Jahren veranstaltet der Berliner Senat gemeinsam mit den sechs landeseigenen Wohnungsgesellschaften kleine Rundfahrten mit Journalisten und stellt Neubauprojekte vor. Die sechs Gesellschaften sind inzwischen der mit Abstand größte Bauherr in Deutschland und haben ihre Bestände seit 2012 von 272.000 Wohneinheiten auf 340.000 bis Ende dieses Jahres vergrößert.
Der Geschäftsführer der städtischen Wohnbauten-Gesellschaft “Stadt und Land”, Ingo Malter, teilte eine interessante Beobachtung. In einem neuen Stadtquartier in Biesdorf baute Stadt und Land 515 Wohnungen, auf dem Areal des früheren Guts Biesdorf (Werner von Siemens war 1887 bis 1889 der zwischenzeitliche Eigentümer, einige Stallgebäude stehen noch). Die Wohneinheiten sind klein: 144 sind Einzimmerwohnungen, 151 haben zwei Zimmer, 182 drei Zimmer. Das bedeutet: Lediglich sieben Prozent der neuen Wohnungen sind für Familien mit zwei und mehr Kindern geeignet.
Malter zufolge allerdings entspricht genau das der Nachfrage:
“Viele ältere Bewohner aus Biesdorf wollen aus einem Einfamilienhaus wegziehen und in eine Wohnung in etwas zentralerer Lage wechseln”
Die demografische Entwicklung hat unübersehbare Folgen für den Bedarf an Wohnungsgrößen und -Layouts. Die Apartments sind modern geschnitten, barrierefrei, vernetzt und energetisch auf hohem Niveau. Während Familien aus Berlin wegziehen – das Wanderungssaldo lag 2020 bei 9000 –, kehren Ältere teilweise wieder zurück. fab
Michael Müller (SPD) und Sebastian Scheel (Linke) schauen auf ihre Stadt. Quelle: Michael Fabricius
Michael Müller (SPD) und Sebastian Scheel (Linke) schauen auf ihre Stadt. Quelle: Michael Fabricius
Großevents in Ausnahmezeiten: Wie viel Exzess kommt wieder?
Wissen Sie, wo ich am Samstagabend war? Und zwar ganz physisch? In einem Fußballstadion. In München. Nach dem Auftaktflop gegen Frankreich spielten die Deutchen recht ansehnlich. Mich trieben auf der Tribüne aber andere Fragen um: Wie viel eventbezogene Normalität haben wir (schon) wieder erreicht bei der gerade laufenden Fußball-Europameisterschaft? Und wie viel Normalität kehrt überhaupt wieder, auch nach dieser Ausnahme-EM – beziehungsweise was ist das „New Normal“ in Sachen Fußball-Großevents?
Fest steht zunächst einmal: Diese Fußball-EM in Zeiten anhaltender, wenn auch sich lockernder Pandemie-Maßnahmen ist eine andere als gewöhnlich. Weniger Zuschauer im Stadion bedeuten weniger Massenandrang, weniger Hektik – und weniger Umsatz im und um das Stadion.
Das Erlebnis Stadionbesuch ist ebenfalls ein anderes. Die geringere Dichte bedeutet weniger Lautstärke. Mangels Sitznachbarn hört jeder Besucher sich im Zweifel selber Schlachtenrufe skandieren. Will man das? Ich könnte mir vorstellen, dass hier eine atmosphärische Abwärtsspirale in Gang gesetzt wurde, die den Besuch von Großevents auch künftig weniger attraktiv erscheinen lässt. Nicht auszuschließen zumindest – und es wäre sehr bedauerlich –, dass den Menschen die Lust auf Großereignisse dauerhaft ein wenig ausgetrieben wurde.
Zumal sich die in metroscope schon beklagte pandemische Regulierungsfreude inzwischen auch im Stadionmanagement breit macht. Kontrollen und Verbote allenthalben, bis hin zur Zahlweise an Kiosken (no cash). Masken sollten getragen werden (was aber oft nicht geschah). Wobei man sagen muss, dass das Ticketing in München bemerkenswert gut funktionierte. Zumindest vor Ort. Im Vorfeld von Besuchen der EM-Stadien wirken die diversen Registrierungsschritte und die angebotenen Erklärvideos, wie man ins Stadion kommt, womöglich ein wenig abschreckend. Vor Ort im Arenabereich jedoch ging alles glatt, die vielen Servicekräfte waren freundlich und hilfsbereit.
Es ging gesittet zu am vergangenen Samstag in der Allianz-Arena. Quelle: Alexander Gutzmer
Es ging gesittet zu am vergangenen Samstag in der Allianz-Arena. Quelle: Alexander Gutzmer
Dennoch ist das Gefühl, in einen dutzendfach abgesicherten Sperrbezirk einzutreten, dem Erlebnis spontaner Gefühlsaufwallung abträglich. Insofern sollte die Event-Industrie postpandemisch darum ringen, möglichst viele Freiräume zurückzuerlangen. Sonst könnte das Ende der urbanen Veranstaltungskultur schneller kommen als selbst vom härtesten Eventhasser erhofft.
Und dann ist da noch die städtische Infrastruktur, die ja ebenfalls von Mega-Events beeinflusst wird. Bisher produzierten Welt- und Europameisterschaften ebenso wie Olympische Spiele ja immer infrastrukturelle Modernisierungsschübe. Man stieß nationale Konjunkturprogramme an, um die eigenen Städte fit fürs Event zu machen. Das gab es dieses Mal nicht. Zum einen geriet eben alles etwas kleiner und maßvoller. Darüber hinaus aber hatte die UEFA ja auch, und zwar zu Zeiten, als Corona noch ein Bier in mexikanischen Stadien war, die Verteilung auf diverse Städte in ganz Europa beschlossen. (Elf statt der geplanten zwölf sind es nach dem Aus von Dublin geworden.) Nationale Investitionsprogramme fielen also aus. tagesschau.de zitiert den Experten Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): 
„Da die Spiele in ganz Europa verstreut ausgetragen werden, musste nicht groß investiert werden.“
Bei früheren EMs war das anders: Im Jahr 2012 investierte die Ukraine elf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts, Polen sieben Prozent in den Ausbau der Stadien und der Infrastruktur.
Ob sich diese Investments „rechnen“, ist schwer zu sagen. Welche Effekte weist man einem Event selbst zu? Fest steht jedenfalls, dass sich weltweit eher eine Event-Müdigkeit breit zu machen scheint – auch das eine Entwicklung, die mit Corona wenig zu tun hat. Gerade in Deutschland haben Städte oder Stadtgesellschaften ja schon mal abgewunken, wenn etwa Olympische Spiele zu vergeben waren. Hier könnte es paradoxerweise sogar sein, dass Corona hilft. Wenn es allenthalben bei Events künftig ein wenig gesitteter (man könnte auch sagen: langweiliger) zugeht, könnte auch der besuchermüde Hamburger Städter wieder gewillt zu sein, ein wenig Großevent an der Elbe zu akzeptieren. guz
Drohnen als fliegende Stadtinspektoren
Leipzig aus der Sicht einer Drohne. Quelle: Lecos GmbH
Leipzig aus der Sicht einer Drohne. Quelle: Lecos GmbH
Manche mögen ein Unbehagen bei dem Gedanken empfinden, dass eines Tages ständig kleine Kameradrohnen über unsere Köpfe sausen und die Stadt vermessen. Doch eventuell werden wir uns mit dem Gedanken vertraut machen müssen. Denn ähnlich wie bei der Verkehrssteuerung können aus der Luft gesammelte Bilddaten einen großen Wert und jede Menge Erleichterung beim Management einer Stadt und ihrer Häuser bedeuten.
In Leipzig ist jetzt ein Experiment zu Ende gegangen, bei dem ein Startup im Auftrag der Stadtverwaltung Drohnen über die Stadt hat sausen lassen. Die Fluggeräte sollten beispielsweise den Zustand von Dächern überprüfen. Gerade an schwer zugänglichen Stellen kam man auf diesem Wege erstmals überhaupt an Informationen. “Auch verkürze sich die Einsatzdauer von Tagen auf einige Minuten und es werde das persönliche Risiko für Inspektoren eliminiert”, heißt es auf der Website “Kommunal21”.
Sollten eines Tages weite Teile der deutschen Dachlandschaften mit Solaranlagen ausgestattet sein, wird die Überwachungsaufgabe nur noch größer werden. Die Experte des IT-Dienstleisters Lecos testen mit den Drohnen-Fachleuten von Flynex aber nicht nur das. Auch prüfte man, ob man mit den Bilddaten den aktuellen Baumbestand und den Zustand von Grünanlagen feststellen kann. Die Erstellung von 3D-Modellen wurde ebenso probiert wie eine bildtechnische Erfassung von Verkehrsanlagen. Es ist die digitale Neuvermessung der Stadt, nur eben aus der Luft.
Werden eines Tages auch noch Vermessungsingenieure überflüssig? Zunächst müssten neben vielen technischen noch einige rechtliche Frage geklärt werden. Schließlich hat die EU gerade erst die Bilddatennutzungsrechte verschärft. Doch weil es hier um eine hoheitliche Aufgabenstellung gibt, war es den Versuchsdrohnen erlaubt, auch private Grundstücke zu überfliegen. Da ist der nächste Schritt nicht weit.
“Perspektivisch könnte die Drohnennutzung zum normalen Werkzeug für die Stadtverwaltung werden.” - Lecos
In Leipzig jedenfalls ist man zufrieden. Nun könne man erste eigene Schritte bei der Implementierung der Technik gehen. fab
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