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App erforscht Städter, kriselnde Europacity

metroscope - Stadt von Morgen
App erforscht Städter, kriselnde Europacity

Die Großstädter und ihr Gefühlsleben
Per App soll eine "Emotions-Stadtkarte" von Berlin entstehen. Quelle: Futurium
Per App soll eine "Emotions-Stadtkarte" von Berlin entstehen. Quelle: Futurium
Wenn es um das Seelenleben von Metropolenbewohnern geht, wird als Kronzeuge gerne der Soziologe Georg Simmel aufgerufen. Spätestens mit seinem Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ von 1903 hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht nur der Mensch die Stadt, sondern umgekehrt auch die Stadt den Menschen beeinflusst – und das oft nicht zum Besseren.
Zitat Simmel: „Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt vorbehalten wäre, wie die Blasiertheit.“
Doch wie genau dieses Wechselspiel zwischen urbaner Umwelt und Psyche funktioniert, weiß man noch immer nicht im Detail.
Abhilfe soll nun eine neue App schaffen, die am vergangenen Montag im Berliner Forum „Futurium“ von dessen wissenschaftlicher Mitarbeiterin Rosalina Babourkova und dem Psychiater Mazda Adli, Chefarzt der Berliner Fliedner Klinik, vorgestellt wurde. „Deine emotionale Stadt“ – so der Name des Ganzen – ist ein Citizen-Science-Projekt, beruht also auf der Idee, dass die Berlinerinnen und Berliner selbst ihre Stadt erforschen sollen; nämlich, indem sie in ihrem Alltag Daten erheben und diese der Wissenschaft zur Verfügung stellen.
Wer die App auf seinem Smartphone startet, wird eine Woche lang dreimal täglich zum aktuellen Befinden befragt – und zu der Umgebung, in der man sich gerade aufhält. Eine Befragung dauert rund zwei Minuten. In dieser Zeit sollen die Nutzer nicht nur Fragen nach ihren gegenwärtigen Gefühlen und deren Ursachen beantworten, sondern auch Fotos von ihrer Umgebung aufnehmen. Die Datensätze sollen dann Adli zufolge ausgewertet und zu einer „Emotions-Stadtkarte von Berlin“ verdichtet werden – einer Karte also, die sowohl die negativen Einflüsse bzw. Stressoren wie auch die Ressourcen für die Stadtpsyche aufzeigt.
Dreimal täglich fragt die App den aktuellen Gefühlstatus ab. Quelle: Futurium
Dreimal täglich fragt die App den aktuellen Gefühlstatus ab. Quelle: Futurium
Den Psychiater treibt dieses Thema schon länger um. In seinem populärwissenschaftlichen Buch „Stress and the City“ legte Adli vor fünf Jahren dar, warum Menschen in Großstädten einem größeren Risiko ausgesetzt sind, psychisch zu erkranken – und verschaffte sich damit nicht nur in der medialen Öffentlichkeit, sondern auch bei Stadtmachern Gehör. Im von ihm gegründeten Interdisziplinären Forum Neurourbanistik arbeiten Psychiater, Psychologinnen und Neurowissenschaftler, aber auch Architektur, Philosophinnen und Anthropologen daran, Städte gesünder und somit lebenswerter zu gestalten. Da erscheint es nur konsequent, nun den nächsten Schritt zu gehen – und nicht nur über, sondern auch mit Bürgern zu forschen; zumal Adli zufolge ein sehr ähnliches Projekt in London interessante Befunde geliefert habe.
Ein paar Fragezeichen hinterließ die Vorstellung von „Deine emotionale Stadt“ im Futurium dann aber doch. Gerne würde man mehr über Funktion und Verwendung der App und ihrer Daten erfahren; das zeigten auch die vielen Nachfragen aus dem Publikum – zu Datenschutz, Auswertungsmethoden sowie Verknüpfungen mit anderen Datensätzen wie etwa Wetter oder Verkehr. Doch Adli antwortete darauf erstaunlich allgemein. Was mit einer fertigen „Emotions-Stadtkarte“ genau passieren soll, ist den Machern offenbar selbst noch nicht klar. 
Vor allem aber wurde die womöglich größte Schwäche der App deutlich: ihre Selektivität. Im Publikum saßen Menschen, die mit Begriffen wie „Veränderungsstress“ hantierten und über SUV- und FDP-Witze lachten. Es braucht kein Soziologie-Studium, um festzustellen, dass hier ein spezifisches gesellschaftliches Milieu stark vertreten war – und dass fraglich ist, ob und wie die breite Bevölkerung Berlins bei „Deine emotionale Stadt“ mitmachen wird.
Genauso bleibt offen, welchen Einfluss die App mit ihren Ergebnissen überhaupt auf die Praxis von Stadtmachern nehmen könnte – oder, anders formuliert: ob diese sich dafür interessieren. Als das Publikum zu Beginn der Veranstaltung nach seinen Tätigkeitsbereichen gefragt wurde, meldete sich beim Stichwort „Gesundheitswesen“ geschätzt die Hälfte der Anwesenden. Bei „Stadtplanung/-entwicklung“ hoben sich nur wenige Hände. cél
Vom Vorzeigemodell zur Failed City?
Banner an einem Baucontainer der Europacity. Quelle: Sabrina Radeck
Banner an einem Baucontainer der Europacity. Quelle: Sabrina Radeck
Bleiben wir beim Thema „Berliner Befindlichkeiten“: Wenige hundert Meter Luftlinie vom „Futurium“ entfernt entsteht heuer die Europacity. Das Quartier, sieben Mal so groß wie der Potsdamer Platz und die größte innerstädtische Entwicklungsfläche der Metropole, soll in den kommenden Jahren fertiggestellt werden – für 6000 Bewohner und 10.000 Beschäftigte. Noch weitläufiger als die räumlichen Dimensionen war der Erwartungshorizont: Städtische Akteure schwärmten seit Jahrzehnten von dem „attraktiven und lebendigen Ort“ im „Herzen Berlins“, von einem „kompakten, nachhaltigen und klimagerechten ,Quartier der Zukunft‘“.
Solange, bis sich unlängst der Berliner Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) im „Tagesspiegel“ zum Thema klimafreundliches Bauen und Flächenfraß äußerte – und dabei das einstige Vorzeigeprojekt kurzerhand zum Negativbeispiel erklärte:
„Städtebaulich, aber auch klimatisch würden wir die Europacity heute nicht mehr so bauen.“
Man kann vieles daran bemerkenswert finden; etwa, dass das Quartier quasi schon beerdigt wird, obwohl man dort noch baggert und baut; oder dass Geisel seit Dezember 2021 im Amt ist, aber bereits von 2014 bis 2016 Senator für Stadtentwicklung und Umwelt war; oder dass die Arbeit eines Vierteljahrhunderts in den Papierkorb der Planungsbehörden gewischt wird. Der „Tagesspiegel“ kommentierte denn auch, dass die Europacity „seit vielen Jahren Berlins eklatantestes Beispiel für planerisches Versagen“ sei – unter der Überschrift: „Späte Reue“.
Das mag stimmen – massive Kritik begleitet das Bauvorhaben seit dem ersten Spatenstich; vor allem der Vorwurf der Renditenmaximierung, die auf Kosten eines lebenswerten Kiezes gehe. Wenn man die Entstehung des Quartiers eine Weile begleitet und mit verantwortlichen Stadtmachern gesprochen hat, stellt man allerdings fest: Nicht nur die Verfügbarkeit und Verteilung von Geld ist ein zentrales Problem – sondern auch von Wissen.
Besonders deutlich tritt das zutage, wenn es um die städtebaulichen Visionen der Europacity geht. Von jeher wurde das Viertel beinahe beschwörend als „lebendiges Quartier“ imaginiert – und diese Lebendigkeit, so hieß es, stehe und falle mit der Gestaltung der Erdgeschosse: Sie müssten mit Gastronomie, Dienstleistungen und sehr viel Einzelhandel bestückt werden.
Wie Gutachten vorab feststellten, entstanden auf diese Weise weit mehr Ladenflächen, als je gebraucht werden; doch diese wurden geflissentlich ignoriert. Der Rest ist Geschichte – beziehungsweise Leerstand, den es fortan wohl mit viel Aufwand und Zwischennutzungen zu verwalten gilt. Selbst im Quartiersmagazin der Standortgemeinschaft wurde mittlerweile festgestellt, dass „der Ladenverkauf und die damit zusammenhängende Belebung des Straßenbildes perspektivisch weiter geschwächt wird“. Renditeträchtig ist das nicht eben – und unvorhersehbar war diese Entwicklung angesichts siechender Innenstädte auch nicht.
Die Erdgeschossflächen sind nur ein Beispiel von vielen, an denen klar wird, dass sich Wissen und Gewissheiten bei der Planung der Europacity gehörig in die Quere gekommen sind – von der Annahme, dass sich urbane „Lebendigkeit“ mit Konsumräumen installieren lässt, bis hin zur Entscheidung, alle Expertisen auszublenden, die nicht zu den eigenen Plänen passen.
Stadtmacher (und ihre Kritiker) sollten daher nicht nur auf die Finanzen, sondern auch auf die Fakten schauen, die bei der Gestaltung gebauter Umwelt einfließen oder fehlen. Was lässt sich aus früheren Projekten lernen? Was sagt die Forschung? Und ist allen Beteiligten nicht nur bewusst, welche urbanen Räume sie da planen – sondern auch, welche Alternativen sie buchstäblich verbauen? Zugegeben: Das ist letztlich ein wissenschaftlicher Blick. Aber der täte der planerischen Praxis ab und an nicht schlecht. cél
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