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Afrika als Labor

metroscope - Stadt von Morgen
Architekturbiennale: Lernen von Afrika – und hoffentlich von Kassel
Doe Spontaneität von Märkten faszinierte Rem Koolhaas in Lagos. Auch in Accra kann man diese beobachten. Quelle: Biennale
Doe Spontaneität von Märkten faszinierte Rem Koolhaas in Lagos. Auch in Accra kann man diese beobachten. Quelle: Biennale
 Ganz neu ist der Dreh nicht, den Lesley Lokko ihrer Architekturbiennale im kommenden Jahr geben möchte: Afrika als Labor, Lernen vom schwarzen Kontinent. Schon Rem Koolhaas verfolgte diese Idee, als er sich in seinem Harvard-Studio mit Nigeria befasste.
Koolhaas wollte vor allem von Nigerias Hauptstadt Lagos lernen. Biennale-Chefkuratorin Lokko hat nun den Kontinent als Ganzen im Auge, nicht zuletzt aber wohl die Kapitale Ghanas, Accra. Jedenfalls hat die Biennale Accra-Bilder in ihrer Presseveröffentlichung mitgeschickt.
„The Laboratory of the Future“ also ist der Titel der 18. Internationalen Architekturausstellung ab 20. Mai 2023 in Venedig. Wie alle zwei Jahre wird es auch dieses Mal spannend sein, nachzuverfolgen, ob neben dem zentral kuratierten Arsenale auch die Länderpavillons auf Lokkos Thema eingehen. Wer den Deutschen Pavillon bespielt, weiß man ja noch nicht. Klar ist, dass Lokkos Thema eine andere kuratorische Richtung nahelegt als eine weitere künstlerische Teilzerlegung des viel geschundenen Pavillons.
Lokko will die Globalisierung selbst hinterfragen. Das ist gut – und wird speziell angesichts der sich gerade im Antisemitismus selbst dekonstruierenden Documenta nochmal wichtiger. Die Kasseler Kunstschau Documenta hatte ja Ähnliches vor, wollte dem “Globalen Süden” eine Stimme geben und scheitert damit gerade furios. Die Frage wird sein, ob die Biennale auch intellektuell substanzvoller agiert als die nicht nur teils antisemitische, sondern auch inhaltlich dünne Kasseler Veranstaltung. Werden also, auch jenseits routinierter Selbstkasteiungen der „Ersten Welt“, in Venedig Lösungen entwickelt, die global tatsächlich konstruktiv wirken? Was kann die Welt wirklich von Afrika “lernen”?
Bei der Pressevorstellung ihres Konzeptes betonte Lokko: Ein Labor sei Afrika schon, weil die Menschen dort im Durchschnitt jünger sind als etwa in Old Europe, es sich also einfach um den jüngsten Kontinent handelt. Aber dies verweist auch auf die Ambivalenz des Laborcharakters: Prägen die jungen Menschen in Afrika die Zukunft ihres Kontinents – oder primär ihre eigene Zukunft, indem sie nämlich auswandern? Das muss man sich bei aller Flüchtlingsoffenheit hierzulande auch immer vor Augen führen: dass junge Migranten womöglich ihrem Land als Köpfe fehlen.
Andererseits liegt in dieser Migrationsroutine selbst etwas gesellschaftlich Produktives, glaubt Lokko:
“The long and traumatic history of forced migration through the trans-Atlantic slave trade is ground on which successive struggles for civil rights and a more civil society are being fought all over the world today.”
 Nimmt man dies ernst, so lässt sich aus der Realität einer dauermobilen Welt ein neues Level an Zivilität ableiten. Die migrationsgetriebene Welt wäre danach eine, die auf die Konfrontation mit Fremdem selbstsicher reagiert und davon nicht permanent in ihrer „Identität“ herausgefordert wird. Daraus folgt auch ein anderes Paradigma für die Stadtplanung. Man müsste danach Städte denken, die ihrerseits nicht primär für jene geplant sind, die dort 70 Jahre lang leben, sondern für eine migrantische, mobile, quasi rastlose Gesellschaft. So gedacht, ließe sich „von Afrika“ tatsächlich etwas für die Städte unserer Welt insgesamt lernen.
Vielleicht produziert die Biennale hier ja konkrete Lösungsansätze. Lokko möchte jedenfalls, dass die Ausstellung auch ein Workshop ist. Sie will Praktiker zum kreativen Austausch zusammenbringen. Auch Biennale-Präsident Roberto Cicutto betonte die Bedeutung der aktiven Einbindung der Besucher und des Dialogs mit dem Publikum. Nach Venedig käme man dann nicht zum Gesehen-Werden, zum Sehen und zum Schauen, sondern zum Machen. Das wäre wirklich toll – wenn es mehr Gehalt produziert als die Kasseler Mitmachofferten à la Skateboard-Halfpipe. guz
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