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Widerspruch und Wahnsinn

Ausgabe #79 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands in der Ukraine produziert an schrecklichen Meldungen über Tod und Unglück schon mehr als genug, und doch hat mich persönlich diese Woche eine andere Geschichte mindestens genauso bewegt: Es geht um das Massaker, um den Amoklauf, um diese Wahnsinnstat in Texas.
Man könnte sich an dieser Stelle viel mit der Psyche des Täters befassen, hinterfragen, warum ein Mensch, ein 18-jähriger Mann, zu einer solch furchtbaren Tat fähig ist. Aber mir geht es um andere Dinge. Erstens die Opfer: 19 Kinder sind brutal ermordet worden, ihre Eltern und Geschwister tragen tiefe Trauer; ihnen ist mit der Tat die Chance auf ein unbeschwertes Leben mal eben so entrissen worden. Denn nichts, wirklich nichts kann Eltern trösten, die ihr Kind verlieren.
Der zweite Punkt bewegt mich innerlich mindestens genauso, weil er mich unglaublich wütend macht: Es ist die Verlogenheit eines Teils der US-amerikanischen Gesellschaft und ihre grenzenlose Arroganz im Umgang mit fremden Leben. Sie manifestiert sich in Überzeugungen der republikanischen Partei, deren Unterstützer nahezu ungebremst eine fast schon beängstigende Bigotterie ausleben.
Die Todesstrafe ist für diese vermeintlich besonders gottesfürchtigen Amerikaner in Ordnung, aber Abtreibungen sind Sünde. Mit ihren rigorosen Abtreibungsgesetzen wollen sie ungeborenes Leben schützen, was dann – wenn es erst einmal geboren ist – jedoch offenbar nicht mehr so wichtig zu sein scheint angesichts eines ziemlich zügellosen Waffengesetzes, das indirekt dazu führt, dass manche Kinder, wie nun in Texas, bereits im Grundschulalter getötet werden können. Der Täter hat die Gewehre mal eben so wie einen Satz Kochtöpfe im Internet bestellt. Man schüttelt verständnislos den Kopf und fragt sich, warum die Menschen in Übersee diesen doch frappierenden Widerspruch so nicht wahrnehmen.
Denn die Fakten liegen auf der Hand: Im Jahr 2020 waren Feuerwaffen erstmals die führende Todesursache bei Kindern und Heranwachsenden in den USA. Noch vor Verkehrsunfällen. In Deutschland landen Tötungsdelikte mit Waffen gegenüber Kindern und Jugendlichen dagegen unter ferner liefen. In den USA sind pro 100 Einwohnern 121 Schusswaffen in zivilem Besitz, in Deutschland sind es 20. In Deutschland gibt es jährlich etwa 70 Tote durch Schusswaffen, in den USA gibt es ebenfalls 70 Tote durch diese Tatwaffe– allerdings täglich. Wem will irgendjemand glauben machen, dass diese Unterschiede nicht an die Verfügbarkeit von Waffen geknüpft sind?
Die Waffenlobbyisten von der NRA machen genau dies seit Jahrzehnten sehr erfolgreich. Deren Jahreskonferenz findet nun ausgerechnet an diesem Wochenende statt, tausende Waffennarren können dort die neuesten Pistolen- und Gewehrmodelle bewundern, Ex-Präsident Donald Trump tritt als Gastredner auf. Dass dieses Treffen der Waffenverrückten nun ausgerechnet in Texas stattfindet, ist Zufall. Dass Kinder freien Eintritt haben, dürfte dagegen kühle Berechnung sein: Die Jüngsten einer Gesellschaft für Waffen zu begeistern, das füllt später die Kassen. Oder wie nun die Leichenhäuser.

Ein anderes Thema hat in diesen Tagen die Menschen ebenfalls bewegt – und dabei geht es auch um Bewegung, nämlich mit „Öffis“. In unserer Region ist das Netz im Öffentlichen Personennahverkehr ohnehin eher grobmaschig, warum es im Heidekreis andere Probleme als das Neun-Euro-Ticket gibt, erklärt WZ-Redaktionsleiter Rolf Hillmann in seinem Leitartikel.
Ich wünsche Ihnen ein ruhiges Wochenende.
Jens Reinbold
Warum in die Ferne schweifen, wenn das Schlechte liegt so nah? - Meinung - Walsroder Zeitung
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