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Wer Schläger deckt, ist auch schuldig

Ausgabe #93 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leser und -Leserinnen,
es waren beunruhigende Nachrichten, die am vergangenen Wochenende von der Eickeloher Hansa-Kampfbahn in die Sportredaktion der WZ drangen. Auf dem Sportplatz dort sollen sich Fußballer, die sich eigentlich beim Hobby vergnügen wollten, eine regelrechte Massenschlägerei geliefert haben. Fußtritte auf am Boden liegende Menschen sind überliefert, es ist von Zuschauern die Rede, die kurzerhand aufs Spielfeld gestürmt sein sollen, um im brutalen Treiben mitzumischen. Zweifelsohne fürchterliche Szenen, die sich da in der Kreisklassenpartie zwischen dem gastgebenden MTV und Eintracht Munster II abgespielt haben müssen.
Ich selbst habe in gut und gerne 1000 Fußballspielen mitgewirkt. Ich habe Tätlichkeiten, Revanchefouls, Schiedsrichterbeleidigungen und Rudelbildungen erlebt, die jeweils entsprechend sanktioniert worden sind. Das ist nicht schön, passiert aber, wenn Emotionen – wovon dieser Sport auch lebt – im Spiel sind. Vor allem habe ich aber erlebt, dass es trotz dieser Vorkommnisse eine von allen respektierte rote Linie gab, die nicht überschritten worden ist.
Das hatte einen guten Grund. In den Teams gab es so etwas wie eine Selbstkontrolle. Wenn ein Mitspieler derart außer Kontrolle geraten wäre, dass er die Gesundheit eines sportlichen Rivalen bewusst attackiert hätte, wäre er abseits der Sportgerichtsbarkeit vom eigenen Team ausgeschlossen worden. Mit brutalen Prüglern in einer Mannschaft spielen, danach vielleicht noch ein Bierchen trinken und gemeinsam lachen? Da hätten die Mannschaftskollegen ganz klar nein gesagt.
Deshalb ist es nun fast schon abenteuerlich, was in der Folge der Prügelattacken in Eickeloh geschieht. Alle weisen die Schuld von sich, auch Vereinsverantwortliche drücken sich um klare Entscheidungen gegen einzelne Spieler und zeigen auf andere – frei nach dem Sandkastenmotto: Der hat aber angefangen. Ganz ehrlich: Es kann mir niemand erzählen, dass in den Mannschaften selbst nicht klar ist, wer der oder die Übeltäter im eigenen Team oder auch unter den Zuschauern sind. Nur bleiben sie – gewollt oder nicht – im Schutze des Vereins derzeit noch unbekannt. Um Schaden vom Klub abzuwenden, brutale Schläger decken? Wer solche Gewaltexzesse schulterzuckend wegzudrücken versucht, der hilft dabei, Grenzen zu verrücken – nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern in der gesamten Gesellschaft.
Dass die (ehrenamtliche) Sportgerichtsbarkeit nun quasi im Stil von Kripobeamten ermitteln muss, wer die Schuldigen sind, ist ein Armutszeugnis für die Verantwortlichen, in deren Mannschaft(en) sich offenbar skrupellose Gewalttäter verstecken können. Und dabei geht es eben nicht darum, wer angefangen hat, sondern wer am Ende offensiv gewalttätig geworden ist. Es ist nicht völlig abwegig, dass diese Aggressoren in beiden Teams zu finden sind.
Stattdessen kommt es zu fast schon unfreiwillig komischem Aktionismus, der eher wie ein billiges Alibi wirkt, um keine personellen Konsequenzen ziehen zu müssen: Ein Sicherheitskonzept der Eickeloher soll bei Heimspielen nun greifen. Entschuldigung: Sicherheitskonzept bei Spielen in der 1. Kreisklasse? Das kann nicht deren Ernst sein. Wenn der Fußball hier im Heidekreis so weit ist, dass zum fröhlichen Freizeitkick ein Sicherheitskonzept erstellt werden muss, sollte man lieber darauf verzichten, am Spielbetrieb teilzunehmen. Das hat mit Hobby, mit Breitensport gar nichts mehr zu tun.
Unabhängig von Schuldzuweisungen und unter Beachtung der Unschuldsvermutung: Ich kann die Teams verstehen, die derzeit nicht gegen eine Mannschaft antreten wollen, bei deren jüngsten drei Spielen es zweimal zu Spielabbrüchen kam. Ich würde mich auch weigern, weil es so viel Wichtigeres gibt, als zum Freizeitvergnügen auf einer grünen Wiese hinter dem Ball herzulaufen.

Mein Kollege Heiko Oetjen hat unter der Woche regelmäßig über das Thema berichtet. Die Rückmeldungen bestätigen, dass dies ein Vorfall war, der nicht nur in Fußballerkreisen heiß diskutiert wird.
Ich wünschen Ihnen allen für das Wochenende, das nicht im Zeichen des Fußballs, sondern des Stadtfestes stehen wird, nur das Beste. Und hoffentlich bleibt es dort friedlich!
Jens Reinbold
“Die wollen uns doch sowieso weghaben” - Heidekreis - Walsroder Zeitung
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