Wenn Politik versagt und Menschen müde sind

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Ausgabe #54 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter Faden-Leserinnen und Leser,
es ist schon eine seltsame Gefühlsmischung, die in diesen ersten Dezembertagen zwischen dem ersten und zweiten Advent bei den Menschen zu beobachten ist – und an der Stelle will ich mich selbst nicht ausschließen. Da gibt es sicherlich sehr viel persönliches und subjektives Befinden, was in diesen dunklen Spätherbst- und Winter-Wochen das Herz des Einzelnen beschwert. Viele mussten gerade in diesem November, der Monat des Volkstrauertags und Totensonntags, von nahestehenden Menschen Abschied nehmen, und man fragt sich schon, warum ausgerechnet in diesem düstersten Monat gefühlt mehr Menschen sterben als in anderen Monaten. Aber vielleicht liegt die Antwort in der Frage selbst – weil der Monat November eben sehr schwer aufs Gemüt drückt. Es ist aber nicht nur die subjektive Stimmung, die in diesem zweiten Corona-Winter die Menschen plagt, sondern auch die objektive Lage: Die Politik hat nach vielen Erfolgen in der Corona-Bekämpfung in der ersten und zweiten Welle in diesem Herbst völlig versagt. Fassungslos fragen sich andere Länder, die im vergangenen Jahr noch neidvoll zu uns geblickt haben, wie Deutschland plötzlich zu einem der Corona-Hotspots der ganzen Welt werden konnte?
Antworten darauf gibt es eine ganze Menge, und es wäre sicherlich nicht redlich, nur der Politik die Schuld zu geben. Natürlich trägt die unzureichende Impfquote auch ganz entscheidend dazu bei, dass wir nicht schon längst weiter sind. Aber genau dort setzt die Verantwortung der Entscheider und Regierenden in diesem Land ein: Als sie erkannten, schon im August und September, dass es beim Impfen nicht (schnell genug) voran ging, warum wurden keine entsprechenden Maßnahmen getroffen - und warum hat man (zum wiederholten Male) nicht auf die Mediziner, Epidemiologen und Virologen gehört, als diese schon bei noch sommerlichen Temperaturen davor warnten, dass es ein sehr schwieriger Herbst werden könnte? Mit diesem Thema befasse ich mich auch in meinen Leitartikel in dieser Woche, den Sie unten anklicken können. Ich würde mich freuen, wenn Sie ihn lesen – und wie immer freue ich mich ebenso, wenn Sie mir Ihre Meinung dazu mitteilen.
Ansonsten blicken wir in diesen Wochen wieder nach Lüneburg, wo erneut ein grausames Verbrechen, das in unserem Landkreis verübt wurde, verhandelt wird. Im vergangenen Jahr war es ein Rentnerehepaar aus Neuenkirchen, das von einem vergleichsweise jungen Mann zur Verdeckung eines Raubversuchs ermordet wurde. Der Täter erhielt seine gerechte Strafe. Derzeit geht es um ein Verbrechen, bei dem es unserem Berichterstatter, Jens Reinbold, oft nicht leicht fällt, die richtigen Worte zu finden – trotz eines großen Sprachtalents. Das liegt ganz einfach daran, dass es für manche Taten keine Worte gibt. Wenn Kinder und deren Mutter nicht nur getötet, sondern vergewaltigt und aus Lust am Quälen bestialisch umgebracht werden, kommt die Sprache bei der Berichterstattung an ihre Grenzen. Einerseits ist es unsere Aufgabe, der Öffentlichkeit die Wirklichkeit zu vermitteln, andererseits verbietet es sich vor den Opfern und ihren Angehörigen, über diese Gräueltaten auch nur ansatzweise im Detail zu berichten.

Dreifachmord von Bispingen: Videos auf Mobiltelefon belasten Maurice G. - Walsroder Zeitung
Dreifachmord in Bispingen: DNA-Spuren zeigen ein klares Bild - Walsroder Zeitung
Meine Kollegin Johanna Scheele bekam die Gelegenheit, ein Impfteam im Heidekreis bei seiner Arbeit zu begleiten. Ihre Beobachtungen lösten ebenfalls Irritationen aus. Da werden Menschen, die helfen, impfen und sehr bemüht sind, von Wartenden und Impfwilligen beschimpft – als wenn sie es zu verantworten hätten, dass die Warteschlangen lang sind und die formellen Voraussetzungen ebenfalls ihre Zeit beanspruchen. Die Unverschämtheit mancher Mitbürger endet dann dort, wo man erwartet, wenigstens Kaffee serviert zu bekommen oder wo den Mitarbeitenden der Impfteams Hassbotschaften aufs Auto geschmiert werden.
Was die mobilen Impfteams in diesen Tagen erleben - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Ich hatte einen Termin bei den Stadtwerken Böhmetal, die mitteilen mussten, dass sie ihre Kunden stärker zur Kasse bitten werden. Denn der Gaspreis steigt deutlich, letztlich auch deshalb, weil Weltpolitik eben nicht nur irgendwo in der Welt stattfindet, sondern deren Auswirkungen auch im Heidekreis zu spüren sind. Und wenn China einen enormen Bedarf an Gas hat, weil seine Wirtschaft boomt, verteuert das den Preis auf den Rechnungen, die die Stadtwerke an ihre Kunden verschicken. Hinzu kommt, dass die Verbraucher schon an den Tanksäulen höhere Treibstoffpreise zahlen müssen und die Inflationsrate die magische Grenze von fünf Prozent übersprungen hat. Das Geld ist weniger wert, was bedeutet, dass man weniger dafür bekommt.
Dramatische Entwicklung der Gaspreise - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Zum erfreulichen Schluss möchte ich Ihnen eine sehr gelungene Reportage von Johanna Scheele ans Herz legen – und zwar über eine 21-jährige Transfrau aus Walsrode, die gerade am Miss-Germany-Wettbewerb teilnimmt. Schon der Einstieg klingt spannend: „Ich hatte das innere Verlangen, mich aufzubrezeln“, sagt Gadou über ihren 20. Geburtstag, über den Tag, als sie zum ersten Mal als Transfrau zur Schule gegangen ist. Doch lesen Sie bitte gerne selbst:
Sie ist schwarz, Transfrau - und bald Miss Germany? - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Trotz Corona, 2G, Ein- und Beschränkungen wünsche ich Ihnen einen schönen und erholsamen zweiten Advent!
Rolf Hillmann
Geduldsfäden reißen, Nerven liegen blank - Meinung - Walsroder Zeitung
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