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Trump's Truth

Ausgabe #48 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
während in Berlin ein fast nahtloser Übergang zwischen Sondierungen und Koalitionsverhandlungen stattfindet und sich auch sonst in Deutschland und der Welt vieles ereignet, was in den Fokus der Öffentlichkeit gehört, gab es in dieser Woche einige Entwicklungen in großen deutschen Medienhäusern, mit denen keiner gerechnet hatte.
Dass der Bild-Chefredakteur seinen Hut nehmen musste, mag viele gefreut haben. In der Folge geriet aber auch Springer-Verlagschef Döpfner unter Druck – und zwar wegen einer SMS mit geradezu haarsträubendem Inhalt: Darin bezeichnet er den geschassten Chefredakteur als „halt wirklich den letzten und einzigen Journalisten in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeits-Staat aufbegehrt“. Pikanterweise ist Döpfner auch Vorsitzender des Bundes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) – und es wird interessant zu beobachten sein, ob es sich die Verleger gefallen lassen, wenn ihre Redakteurinnen und Redakteure vom Vorsitzenden des Zeitungsverlegerverbandes als willfährige Erfüllungsgehilfen der Politik bezeichnet werden.
Unterdessen wartete die Süddeutsche Zeitung mit einer interessanten amerikanischen Studie auf. Diese kommt zu dem Ergebnis, dass Umweltverschmutzung und Wirtschaftskriminalität steigen, wenn Lokalredaktionen schließen. Die Studie zeigt, wie Firmen vor Ort reagieren, wenn sie nicht mehr unter Beobachtung durch Journalistinnen und Journalisten stehen. Die Ergebnisse sind gruselig: Der Grad an krimineller Energie steigt, Betrug, Finanzvergehen, Wasser- und Luftverschmutzung sowie Verstöße gegen das Arbeitsschutzrecht nehmen zu. Wenn es keine Lokalzeitung mehr gibt, die der Wirtschaft vor Ort auf die Finger schaut, begreifen das viele Firmen ganz offensichtlich als Freifahrtschein für Betrug und Regelverletzungen, resümiert der Leiter der Studie.
In Gegenden, in denen Lokalredaktionen verschwanden, stieg der Ausstoß giftiger Gase um durchschnittlich 18,3 Prozent an. Ohne Lokalzeitung gibt es niemanden mehr, an den sich Mitarbeiter skrupelloser Unternehmen mit Informationen wenden können. Dabei sind die recherchierten Zahlen wohl nur die absolute Untergrenze dessen, was tatsächlich an Gesetzesverstößen passiert. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Lokale Medien stellen bei einem Verfahren die nötige Öffentlichkeit her. Gibt es keine Lokalzeitung, können Firmen oder „Einzeltäter“ die Strafe zahlen, ohne dass jemand darüber berichtet und ihre öffentliche Reputation dadurch Schaden nimmt. Die ernüchternde Kernaussage lautet: Sterben die lokalen Medien, fehlt die wichtigste Kontrollinstanz. Die Menschen vor Ort zahlen dafür einen hohen Preis.
Dass diese Studie in den USA entstand, ist kein Zufall, denn die Zahl der unabhängigen Zeitungen ist dort stark gesunken, die Medienkompetenz nimmt immer stärker ab – und Politiker wie Trump wissen das. Und deshalb ist es auch wiederum kein Zufall, dass der Ex-Präsident der USA in Kürze sein eigenes soziales Netzwerk eröffnen will. Bizarrer Name: Truth Social, was sich auf Wahrheit beruft. Dass ausgerechnet dieser Ex-Präsident während seiner Präsidentschaft zig-tausendfach der Lüge überführt wurde, macht die Angelegenheit noch absurder.
Kehren wir in den im Vergleich dazu (noch) beschaulichen Heidekreis zurück, wo die mediale und politische Welt noch halbwegs in Ordnung ist. In knapp zwei Wochen konstituiert sich der neue Kreistag, vier Tage vorher tritt der neue Landrat seinen Dienst an. Bevor das aber stattfindet, widmet die WZ den hochverdienten, langjährigen und jetzt ausscheidenden Kreispolitikern eine eigene Serie. Den Start macht der ehemalige Staatssekretär und amtierende Kreistagsvorsitzende Friedrich-Otto Ripke, der eine beeindruckende Karriere vorzuweisen hat – und zwar nicht nur als Berufspolitiker, sondern auch im Ehrenamt. Wie gesund klingen Sätze aus seinem Mund, wenn er sagt: „Politik, die nicht auf Fakten basiert, ist schlechte Politik.“

Vom Landwirt zum Berufspolitiker - und zurück - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Apropos neuer Landrat: Wenige Tage bevor er an seinem neuen Schreibtisch Platz nimmt, soll es nun doch eine Verabschiedung des alten Landrats Manfred Ostermann geben, der nicht wiedergewählt wurde. Doch wer nun glaubt, dass die Öffentlichkeit daran teilnehmen dürfe, sieht sich getäuscht. Auf der Gästeliste stehen demnach weder Kreistagspolitiker noch Pressevertreter. Lediglich Vereins- und Verbandsspitzen sind auf seinen Wunsch geladen worden.
Das ist schade. Als ob die Presse Schuld daran hätte, dass er nicht wiedergewählt wurde. Als Zeitung hätten wir ihm gerne noch einmal Raum gegeben, sich von den Bürgerinnen und Bürgern zu verabschieden, die ihm im Verbreitungsgebiet der WZ mehr Stimmen gaben als seinem Nachfolger. Und so findet nun am nächsten Donnerstag im Hof der Heidmark eine Abschiedsfeier hinter verschlossenen Türen statt. Für die Öffentlichkeit bleibt als letztes offizielles Bild von Manfred Ostermann, als er in der Wahlnacht gegen 22 Uhr aus dem Kreishaus gruß- und wortlos in der Dunkelheit verschwand.
Bevor ich Ihnen ein erholsames Wochenende bei hoffentlich ruhigerem Herbstwetter als in den letzten Tagen wünsche, lege ich Ihnen den Leitartikel meiner Kollegin Märit Heuer ans Herz, die sich mit der Situation des Ehrenamts befasst hat. Wer das liest, ahnt, wie eine ländliche Region aussehen könnte, in dem niemand mehr bereit ist, sich für andere einzusetzen.
Schönes Wochenende!
Rolf Hillmann
Wer stets nach dem eigenen Vorteil fragt, hat nichts verstanden - Meinung - Walsroder Zeitung
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