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Sagen, was ist

Ausgabe #51 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter Faden-Leserinnen und -Leser,
in der Nacht vom vergangenen Dienstag auf Mittwoch jährte sich die so genannte Reichskristall- oder Pogromnacht zum 83. Mal. Und so wie es für die frühere Walsroder Felix-Nussbaum-Haupt- und heutige -Oberschule seit Jahrzehnten eine selbstverständliche Pflicht ist, am Vormittag eines jeden 9. November am Walsroder Jüdischen Friedhof an die Gräueltaten der Nazi-Schergen in dieser Nacht zu erinnern, so ist es für uns als Zeitung vor Ort ebenso selbstverständlich, davon zu berichten.
Ich selbst, obwohl profitierend von der „Gnade der späten Geburt“, wie es Helmut Kohl 1983 formulierte, bin in meinen Jugend- und frühen Erwachsenen-Jahren von der Geschichte des Dritten Reiches und besonders des Massenmordes an den Juden geprägt worden. Häufigere Besuche der ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen und Dachau haben eine Sensibilität für diesen Abschnitt Deutscher Geschichte in mir angelegt, die bis in die jeweilige Gegenwart reicht. Berichte von Pegida-Aufmärschen und anderen Veranstaltungen der wieder erstarkten neuen Rechten erfüllen mich mit Abscheu und Angst. Dass nur acht Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg wieder Antisemitismus in unserer Gesellschaft um sich greift, dass 20 Jahre lang der Kern der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) in unserem Land morden konnte, dass wieder Anschläge auf Synagogen begangen werden, das alles macht mich sehr betroffen und löst zunehmend ein Gefühl von Hilfslosigkeit aus.
Weshalb schreibe ich das hier und heute? Meine Kollegin Märit Heuer ist mit einer Geschichte, die wir am vergangenen Wochenende in unserer Zeitung hatten, in einen Shitstorm geraten. Sie hatte von Eltern berichtet, die sich nicht impfen lassen wollen und die sich deshalb von der Anwendung der 2G-Regel bei der Elternversammlung des Kindergartens ihrer Tochter diskriminiert fühlten. Der Vater formulierte in der Reportage den schon oft gehörten, sicherlich absolut unzulässigen Vergleich mit der Stigmatisierung der Juden im Dritten Reich durch den Davidstern.
Dazu muss man wissen, dass meine Kollegin selbst an Covid 19 erkrankt war und bei dem Termin mit den Eltern, die durch einen anderen Namen in der Berichterstattung anonymisiert wurden, besonders durch den „Nazivergleich“ in einen Konflikt gestürzt wurde: Einerseits der Anspruch, vorurteilsfrei, sachlich und authentisch zu berichten, auf der anderen Seite aber von diesem geschichtsvergessenen Vergleich im Inneren tief empört zu sein. Sie entschied sich, die Geschichte mit allen Zitaten so aufzuschreiben, wie sie sie erlebt hatte. Kaum lief der Artikel online, meldeten sich die ersten Kritiker und warfen der Kollegin und uns als Zeitung Verantwortungslosigkeit und „Mittäterschaft“ vor.
Meine persönliche Meinung: Das ist Unsinn. Wir sagen und berichten, was war, was ist. Wie relativieren nicht und versuchen nicht, durch „Einordnung“ eines jeden unliebsamen Satzes und Zitates die Erwartungen der Öffentlichkeit auf „politische Korrektheit“ zu erfüllen. Das ist nicht Aufgabe von Presse und Journalismus. Je stärker wir „einordnen“ oder geraderücken, umso stärker verändern wir die Realität, die es zu vermitteln gilt – ob sie uns passt oder nicht. Und wie wenig manche Realität mir selbst derzeit „passt“, konnten Sie oben lesen. Wir wollen, sollen und müssen dabei helfen, dass unsere Leser verstehen, was in der Welt passiert – ohne dass sie dafür Verständnis aufbringen sollen.
Lesen sie deshalb (oder trotzdem) die Reportage meiner Kollegin und machen Sie sich ein eigenes Bild – und schreiben Sie mir gerne Ihre Meinung dazu.

Aus dem Leben einer ungeimpften Familie - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Mein Kollege Jens Reinbold hat sich in seinem Leitartikel mit dem „Wunder“ Stadt Walsrode auseinandergesetzt. Denn wenn man nur zehn Jahre zurückblickt, war die seinerzeit schon größte Stadt des Landkreises noch weit von dem entfernt, was sie heute verkörpert: Die Verbindung aus strategischer Größe und wirtschaftlicher Gesundung. Wie das kam und wie Walsrode heute dasteht, lesen Sie weiter unten.
Ich wünsche Ihnen in dieser ruhigen und milden November-Wetterlage ein erholsames Wochenende mit einem hoffentlich gesunden Spaziergang in schöner Natur.
Rolf Hillmann
Walsrodes neuer “Reichtum” ist kein Zufall - Meinung - Walsroder Zeitung
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