Sagen, was ist

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Ausgabe #86 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
in unserer heutigen Ausgabe der WZ von Sonnabend, 16. Juli, berichte ich über die „Zustände“ in der Zentralen Notaufnahme des Heidekreis-Klinikums. Ich habe mich mit den Verantwortlichen dort getroffen und mir angehört, wo sie der Schuh drückt. Quintessenz: Die Notaufnahme wird überlaufen, weil immer mehr „Fälle“ dort vorstellig werden, die in Facharzt- oder Hausarztpraxen gehörten, aber nicht in die Notaufnahme.
Nach einiger Recherche kam heraus, dass das kein Einzelfall aus dem Heidekreis ist, sondern ein bundesweites Phänomen. Das liegt sicherlich daran, dass es deutlich schwerer geworden ist, einen Termin beim Fach- oder Hausarzt zu bekommen. Doch die Beobachtungen der Verantwortlichen in der Notaufnahme gehen weit darüber hinaus. Sie sprechen von Anspruchsdenken, einer völlig anderen Realitätswahrnehmung, von einer „Ich-Jetzt-Sofort“-Mentalität, von Verständnislosigkeit – und von einem Problem, das häufig aus politischer Korrektheit nicht angesprochen wird. Denn Schwierigkeiten bereiteten besonders oft Mitglieder von Großfamilien mit Migrationshintergrund. Bevor hier ein falscher Verdacht aufkommt: Niemand möchte Bevölkerungsgruppen oder Vertreter bestimmter Ethnien pauschal stigmatisieren. Doch wenn bestimmte Personengruppen bei der beklagten Problematik immer wieder auftreten, dann sollte das auch gesagt/geschrieben werden dürfen. Das würde ganz selbstverständlich auch geschehen, wenn es sich um Angehörige eines bestimmten Milieus oder einer bestimmten sozialen Schicht handeln würde.
Neben dem objektiven Konflikt in der Notaufnahme, den der Leiter und seine Kollegen beschrieben, gab es auch ein subjektiven – nämlich meinen. Ich fragte mich, ob ich diesen Aspekt thematisieren – oder ihn einfach weglassen sollte? Ich habe mich dafür entschieden, ihn zu behandeln, denn er gehört zum Thema. Ich bin kein Arzt in der Notaufnahme, ich bin auch kein Politiker, ich entscheide nichts. Meine Aufgabe ist es, zu berichten. Aber die Aufgabe ist schon groß genug, denn selbst die Realitätswahrnehmung derjenigen, die an diesem Thema beteiligt sind, ist unterschiedlich. Beim Thema Flüchtlinge, Migration, Ausländer merke ich aber deutlich, dass bei uns Journalist/innen oft das Koordinatensystem fehlt. Was erwarten die Mediennutzer? Politische Korrektheit, authentische Berichterstattung?
Ich merke, dass ich in dieser Verunsicherung nicht alleine bin. Doch erinnern wir uns einfach an den Satz, den jede:r von uns Journalist:innen schon oft gehört hat: „Sagen, was ist“, das berühmte Zitat von Rudolf Augstein. Das klingt richtig und einfach. Aber in der Praxis ist es oft schwierig genug. In diesem Fall habe ich gesagt/geschrieben, was ist – nämlich dass die Verantwortlichen in der Notaufnahme oft mit Menschen zu tun haben, die ihnen Schwierigkeiten machen. Die genauere Beschreibung dieser einen Gruppe stammt nicht von mir, sondern von ihnen. 

Da ich in der vergangenen Woche an dieser Stelle auf die bevorstehende Entscheidung des Kreistages zum Neubau des Heidekreis-Klinikums hingewiesen habe, darf das Thema heute nicht fehlen: Es ist entschieden. Stand heute wird es einen Neubau bei Bad Fallingbostel geben. Leider konnte diese relativ deutliche Mehrheitsentscheidung nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch viele Multiplikatoren im nördlichen Heidekreis gibt, die den Neubau ablehnen. Selbst die Kreistagsvorsitzende stimmte dagegen. Ein bedenkliches Zeichen, wenn man davon ausgeht, dass das Klinikum für alle Bewohnerinnen und Bewohner des Heidekreises gebaut wird. 
Lesen Sie dazu auch gerne meinen aktuellen Leitartikel.
Am ersten Wochenende in den Sommerferien wünsche ich Ihnen, wenn Sie sich denn auf dem Weg in oder im Urlaub befinden, eine schöne Zeit – uns anderen ein schönes Wochenende.
Rolf Hillmann
Von Sitzungsschwänzern und Realitätsverweigerern - Meinung - Walsroder Zeitung
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