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Mauern des Schweigens

Ausgabe #91 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen- und Leser,
vor rund zehn Tagen wurde in Bad Fallingbostel eine Frau getötet – ob es sich um Mord handelte oder um Totschlag, werden die Ermittlungen und Untersuchungen ergeben. Was wir wissen, sind wenige Fakten: Eine 24-jährige Frau erlag einer Reihe von Messerstichen, sie war zunächst schwer verletzt auf dem Bürgersteig vor einem Mehrfamilienhaus in einem Bad Fallingbosteler Wohngebiet gefunden worden, in dem hauptsächlich Menschen aus Osteuropa, aus Bulgarien und Rumänien leben. Einen Tag später wurde der mutmaßliche Täter, ein zehn Jahre älterer Mann, als dringend Tatverdächtiger festgenommen. Es handelt sich dem Vernehmen nach um den ehemaligen Lebensgefährten der Frau.
Wir erfuhren an jenem Mittwochnachmittag durch einen Hinweis aus der Bevölkerung von dem Geschehen – zwei Stunden, nachdem Polizei und Rettungskräfte in dem Wohngebiet eingetroffen waren und die Frau gefunden hatten. Ein Rückruf bei der Polizei bestätigte den Hinweis unseres Anrufers. Mein Kollege Manfred Eickholt, ein erfahrener Reporter und sehr ortskundig in Bad Fallingbostel, machte sich sofort auf den Weg. Der Fundort war weiträumig abgeriegelt, Fotos waren nur aus einiger Entfernung möglich. Parallel dazu versuchten wir in der Redaktion, Informationen zu erhalten, denn vor Ort gab es niemand, der Auskünfte geben durfte.
Ein Anruf bei der Polizeiinspektion in Soltau bestätigte die Erwartungen: Keine Presseauskünfte, die habe sich die Staatsanwaltschaft vorbehalten. Anruf bei der Staatsanwaltschaft: Auskünfte nur per E-Mail. Also schickte ich eine E-Mail mit der Hoffnung, dass wenigstens die ausführlich beantwortet wird. Die Fragen richteten sich auf das Opfer, den mutmaßlichen Täter, das Tatgeschehen, die Umstände – und, ganz wichtig, wenn der Täter flüchtig sei, bestehe dann Gefahr für die Bevölkerung?
Einige Minuten später die Antwort des zuständigen Staatsanwalts: Über die bereits veröffentlichten Fakten hinaus würden keine Auskünfte gegeben. Mit den bereits veröffentlichten Fakten waren jene gemeint, die wir aus inoffizieller Quelle gesammelt hatten und die kaum über das hinaus gingen, was ich oben beschrieben habe. Nächster Versuch: Ich schrieb eine E-Mail, in der ich nochmals nach dem flüchtigen Täter und nach diesbezüglichen Hinweisen für die Bevölkerung fragte. Auf eine Antwort dieser E-Mail warte ich noch bis heute.

Ich möchte Sie, liebe Roter-Faden-Leserinnen und Leser, mit dieser Beschreibung einmal hinter die Kulissen unserer täglichen Arbeit führen und Ihnen zeigen, wie Pressearbeit funktioniert. Hinter jeder Nachricht, hinter jedem Artikel, hinter jeder Neuigkeit stecken Nachforschungen, Recherchen, mühevolle Kleinarbeit, Telefonate und Termine. Dabei haben wir es bei „Blaulicht-Themen“ immer öfter mit einer Mauer des Schweigens auf Seiten der Ermittlungsbehörden zu tun. Jeder von uns kennt die lapidare Formulierung „… um die Ermittlungen nicht zu gefährden, werden keine Auskünfte gegeben“.
Es ist völlig überflüssig, auf das Informationsrecht der Presse hinzuweisen, wenn man es auf der anderen Seite mit einem Staatsanwalt zu tun hat, der scheinbar ein Schweigegelübde ablegt hat. Und dabei ist es auch müßig zu betonen, dass wir für die regionalen Medien arbeiten, dass wir nicht vom Boulevard sind und es uns nur darum geht, die Bevölkerung, die verängstigt ist, aufzuklären und hinreichend zu informieren.
Das war nicht immer so. Ich kann mich noch gut an Zeiten erinnern, als Polizei und Staatsanwaltschaft sehr wohl Auskünfte gaben und ein vertrauliches Einvernehmen mit uns pflegten. Das hat sich grundlegend geändert – und zwar nicht ausschließlich uns gegenüber, sondern gegenüber Presse, Medien und Journalisten insgesamt. Ohne die Gründe genau zu kennen, hängt das sicherlich mit der Entwicklung der Medien zusammen. Neben Fernsehen, Radio und Zeitungen sind Internetmedien entstanden – und viele von ihnen setzen auf so genannte Reichweite. Das heißt, ihre Werbeerträge werden danach bemessen, wie viele Nutzer sie erreichen. Früher gab es unter uns Journalisten den Ellbogenwettkampf mit dem Boulevard, heute gibt es so viele Medien, dass man schon gar nicht mehr weiß, mit wem man konkurriert.
Fakt ist aber: Viele Medienvertreter haben ungeschriebene Gesetze der Zusammenarbeit zwischen Ermittlungsbehörden und Journalisten schlicht und einfach mit Füßen getreten. Für die schnelle Nachricht und ein Storytelling wurden Absprachen nicht mehr eingehalten, Details ausgeplaudert und Wissen verbreitet, das ausdrücklich nur informell gegeben worden war. Das Ergebnis spüren wir jetzt alle. Wir erfahren buchstäblich nichts – oder nur das, was sich nicht zurückhalten lässt. Das ist sehr schade, und als Medienvertreter bedauere ich das ausdrücklich. Aber ich kann Polizei und Staatsanwaltschaft auch ein Stück weit verstehen. Vielleicht würde ich mich genauso verhalten.
Mit diesem Blick hinter die Kulissen verabschiede ich mich ins Wochenende und wünsche Ihnen gute Erholung.
Rolf Hillmann
Was machen ein Hagestolz und ein Eidam beim Elevator-Pitch? - Meinung - Walsroder Zeitung
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