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Knalltüten und Stöckelschuhe

Ausgabe #78 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
während wir uns in Deutschland mit den Folgen des Ukraine-Krieges, des Klimawandels und den Auswirkungen der Corona-Pandemie herumschlagen, vergessen wir allzu oft, dass der Krieg selbst wenige Flugstunden entfernt täglich unschuldige Menschenleben fordert. Als Medienarbeiter befassen wir uns ständig mit der Frage, was wichtig ist, was in die Medien gehört und was vernachlässigt werden kann. Und ich muss zugeben, dass sich das Koordinatenkreuz, auf dem man diese Entscheidungen eintragen könnte, seit dem 24. Februar gewaltig verändert hat. Allabendlich werden wir in den TV-Talkshows vollgedröhnt mit den unterschiedlichsten Denkansätzen und Meinungen zum Thema Krieg und dessen Auswirkungen auf die deutsche Politik. Die einen regen sich über eine Verteidigungsministerin auf, ihre Stöckelschuhe und lackierten Fingernägel, andere über den Bundeskanzler, der keine Farbe bekennt. Dritten geht es nicht schnell genug, schwere Waffen in die Ukraine zu liefern, Vierte möchten den ukrainischen Botschafter aus dem Land werfen, Fünfte diskutieren, ob Putin krank, irre oder nur der ist, der er immer schon war. In diesem Zusammenhang wird dem unvergesslichen Loriot ein Zitat zugeschrieben, das es besser nicht treffen könnte: „Intelligente suchen in Krisenzeiten nach Lösungen, während Idioten nach Schuldigen suchen.“ Wer diese Messlatte anlegt, sieht bei den Illners, Lanz´, Wills und Maischbergers dieser Welt viele Idioten rumsitzen.
Besonders spannend, philosophisch und intellektuell wird es stets dann, wenn es um pazifistische Fragen geht und den Streit darüber, ob Deutschland zu viel oder zu wenig tut, sich zu viel oder zu wenig einmischt, schon Kriegspartei ist oder es niemals werden darf. Auch in den WZ-Leserbriefspalten werden solche Auseinandersetzungen geführt. Und ich frage mich dann immer, ob ich zu dumm für die besondere Dialektik dieser Fragestellungen bin. Denn angesichts der widerwärtigsten Verbrechen, die in der Ukraine gegenüber Zivilisten begangen werden, kann man doch nur eine einzige Haltung haben – oder nicht? Dazu habe ich neulich in der Spiegel-Netzwelt einen Beitrag des Autors Sascha Lobo gesehen, der an das größte Vorbild der Pazifisten, an Mahatma Gandhi erinnerte – genauer: an dessen Haltung im Zweiten Weltkrieg, als er (mit einfacheren Worten ausgedrückt) auch von den Juden verlangte, gewaltfreien Widerstand gegen Hitler zu leisten. Sascha Lobo bezeichnete Gandhi daraufhin als „eine sagenhafte Knalltüte“. Zwar gebe es auch vernunftorientierte Pazifisten, denen er die Skepsis gegen Militarismus zugestand, die aber immerhin so weit wären, Angriffsopfern zuzugestehen, sich wehren zu dürfen. Als „Lumpen-Pazifisten“ wiederum bezeichnete Lobo jene, für die Pazifismus nur eine egozentrische Ideologie sei und „die den eigenen Befindlichkeitsstolz“ über das Leid anderer Menschen setzen.
Ich belass es lieber bei einer geringeren gedanklichen Kernspalterei. Es ist klar: Ich bin gegen Gewalt. Wenn aber jemand wie Putin ein anderes Land überfällt, seine Soldaten Gräueltaten begehen lässt, um Angst und Unterwerfung zu erzwingen, dann gibt es kein anderes Mittel, als sich dagegen zu wehren. Dass das dann auch Gewalt ist, ist mir klar. Das erinnert mich an meine Jugend, als die Bundeswehr rief. Damals gab es die Möglichkeit, durch eine Gewissensprüfung den Dienst an der Waffe durch Zivildienst zu umgehen. Man galt dann als Kriegsdienstverweigerer. Die Frage, die es zu beantworten galt, um ein echter Pazifist zu sein, lautete: Ihre Mutter, Schwester oder Freundin droht vergewaltigt zu werden, sie haben zufällig Zugriff auf eine Waffe, würden Sie schießen? An den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, aber wer diese Gewissensprüfung erfolgreich überstehen wollte, musste sich seinerzeit rhetorisch schulen lassen, um nicht in die verbale Falle zu tappen. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist so lange eine zulässige Forderung wie es noch keinen Krieg gibt. Aber angesichts des Überfalls Russlands auf die Ukraine ist es albern und weltfremd zu glauben, ohne Waffen und Gegenwehr zum Frieden zu kommen. Wer das allen Ernstes fordert, meint in Wirklichkeit Kapitulation.
Bleibt die Frage der Lieferung schwerer Waffen, die Rolle von Deutschland und das vermeintliche Zaudern des Bundeskanzlers. Auch da muss ich ehrlich gestehen, Lichtjahre entfernt von authentischen Informationsquellen zu sein. Ob Olaf Scholz ernste Hinweise darauf hat, dass Putin den Atomknopf drücken könnte, weiß ich nicht; ebenso nicht, was Putin als eine noch zulässige oder als eine schon rote Linien überschreitende Beteiligung definieren könnte. Auf jeden Fall befällt mich jedes Mal ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich höre, dass in deutschen Nachrichtensendungen darüber berichtet wird, wie viele Waffen und wie viel Munition gerade in die Ukraine geschickt werden soll. Am besten wäre es, Entscheidungen über Waffenlieferungen demnächst nicht mehr hinter verschlossenen Türen, sondern gleich in Pressekonferenzen zu treffen. Ironie aus. Dazu passt dann auch der Satz eines unbekannten Sprücheklopfers, gefunden im Netz: „Weil wir nicht wissen, was Russland alles an Kriegserklärung verstehen könnte, habe ich mich entschieden, die Spülmaschine heute nicht auszuräumen.“ 

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende, möchte ganz zum Schluss aber wieder Ihren Blick auf meinen Leitartikel lenken, bei dem ich versuche zu erklären, was zum Beispiel Shanghai mit den maroden Schulen in unserem Heidekreis zu tun haben könnte.
Rolf Hillmann
Shanghai und die Schulen im Heidekreis - Heidekreis - Walsroder Zeitung
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