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Immer schneller, immer blöder: „Wir amüsieren uns zu Tode“

Ausgabe #90 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
als regionale Tageszeitung hatten wir vor rund 15 Jahren noch eine Art Alleinstellungsmerkmal; es gab den Rundfunk und das Fernsehen, aber Twitter, Instagram und Facebook waren noch nicht erfunden – jedenfalls gehörten sie noch nicht zum täglichen Medienkonsum, weil es das mobile Internet auch noch nicht gab. Seit etwa 2008 und der rasanten Ausbreitung des Internets über Smartphones hat sich der Medienmarkt verzigfacht – und mit dieser Entwicklung auch die ständig sinkende Aufmerksamkeit für das Einzelereignis.
Warum schreibe ich Ihnen das? Ganz einfach; als professionelles Medienunternehmen im lokalen Raum vertreiben wir die Ware „regionale Nachrichten“. Um wirtschaftlich existieren zu können, müssen wir unsere Produkte verkaufen – und zwar auf einem digitalen Markt, der immer größer wird und auf dem sich immer mehr Unternehmen tummeln. Was das bedeutet, kann sich jeder und jede denken: Die Konkurrenz wächst, das Geschäft wird härter.
Im Internet konkurrieren wir, die regionale Tageszeitung, mit Streaming Diensten wie Netflix, mit allen digitalen Plattformen der Radio- und Fernsehsender, der überregionalen Tageszeitungen und Magazine, aber eben auch mit den sozialen Medien wie Twitter, Instagram und Facebook. Um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu erhaschen, muss jeder Anbieter möglichst interessante Inhalte anbieten. Aber das reicht nicht. Er muss auch ständig präsent sein, immer neu „nachlegen“, um mit der „sozialen Beschleunigung“, wie es Wissenschaftler nennen, mithalten zu können. Das wird irgendwann zu einem Lauf im Hamsterrad, immer mehr, immer schneller, immer schriller, immer bunter, immer reißerischer, immer blöder?
Den Eindruck gewinnt man schnell. Ein Beispiel: Auf meiner Facebook-Timeline wurde mir neulich ein Spruch eines Medienunternehmens angezeigt, das eine Website, mehrere Facebook-Seiten, You-Tube-Kanäle und Instagram-Accounts mit Unterhaltungsformaten bespielt. Dort war zu lesen: „Wenn ich zu Hause ein Eis oder einen Joghurt esse, brauche ich einen bestimmten Löffel. Die meisten anderen mag ich nicht, und ich bin sauer, wenn er gerade in der Spülmaschine ist. Bitte meldet euch. Ich kann nicht der Einzige sein.“ So weit, so unwichtig. Wenn dort nicht zu erkennen gewesen wäre, dass sage und schreibe über 6000 Leute diesen Spruch gelikt und fast 1300 weitere sogar einen Kommentar abgesetzt hatten.
Da der Mensch aber nur eine begrenzte Zeit für Medienkonsum am Tag hat und auch nur einen begrenzten Speicher, um etwas aufzunehmen und zu verarbeiten, findet auf dem digitalen Medienmarkt eine geradezu dramatische Verwässerung dessen statt, was eigentlich wichtig wäre. Das beweisen übrigens auch wissenschaftliche Untersuchungen. Während vor neun Jahren ein Hashtag (der Begriff Hashtag kombiniert die beiden englischen Wörter „hash“, das sich auf das Doppelkreuz bezieht, und „tag“, das für Schlagwort steht) durchschnittlich 17,5 Stunden in der Top-50-Liste war, blieb er dort 2016 nur noch durchschnittlich 11,9 Stunden. Die Zeitspanne, die ein Begriff besonders oft gesucht oder ein Post stark diskutiert wird, wird folglich immer kürzer. Daten zeigen, dass die Dauer, in der die Öffentlichkeit Interesse an einzelnen Themen und Inhalten hat, also immer kürzer wird. Gleichzeitig springt das Interesse immer schneller von einem Thema zum nächsten.
Schon vor rund 30 Jahren habe ich ein Buch gelesen, das die Älteren von uns vielleicht auch kennen: „Wir amüsieren uns zu Tode“ vom Amerikaner Neil Postman. Es geht darin grob gesagt um Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Je älter das Buch wird, umso öfter muss ich daran denken – und zwar aus dem einfachen Grunde: Weil es immer aktueller wird. Was heißt es, wenn in Medien und Politik die Logik des Entertainment Einzug hält? Wenn unser Bild von der Welt davon bestimmt wird, welche Bilder uns die Medien zeigen? Und wenn das Zerstreuungsgeschäft an die Stelle von Erkenntnisstreben und Wahrnehmungsanstrengungen tritt? Wer den Klappentext liest, erhält schon einen ersten Eindruck von der Aktualität. Längst wird das Buch als „wegweisender Klassiker“ über die zersetzenden Auswirkungen der Medien auf die Politik betrachtet. Obwohl Postman längst nicht wissen konnte, dass es 25 Jahre später ein mobiles Internet und „Soziale Medien“ geben wird, sind die Auswirkungen, die er beschreibt, geradezu prophetisch. Allerdings mit dem einen Unterschied: Dass die Realität die damaligen „Visionen“ längst, längst überholt hat.
Wenn ich mir anschaue, wie viel unsinniges Zeug im Internet und in den Sozialen Medien verbreitet wird, von Manipulationen und Propaganda, von Hass, Lügen und Fake-News ganz zu schweigen, dann wundere ich mich allmählich nicht mehr, dass uns seriösen Medien die Zuschauer, User, Leser weglaufen. Denn die haben keine Zeit für ernste Nachrichten, für Hintergründe, für Analysen und für Realitätsbeschreibungen aus der Feder und den Händen derer, die es gelernt haben, Wichtiges von Unwichtigem zu unterschieden. Der moderne Medienkonsument hat alle Hände voll damit zu tun, sich zu Tode zu amüsieren.
Angesichts dieses Themas wünsche ich Ihnen heute nur mit einem gequälten Lächeln ein schönes Wochenende – möchte Sie aber auf meinen aktuellen Leitartikel hinweisen, in dem es darum geht, dass das Verhältnis Arbeitnehmer/Arbeitgeber gerade revolutioniert wird. Nicht der Arbeitnehmer bewirbt sich beim Unternehmen, sondern der Unternehmer bewirbt sich bei denen, die er dringend als Arbeitnehmer benötigt.
Rolf Hillmann

If you pay peanuts, you get monkeys - Heidekreis - Walsroder Zeitung
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