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Hitzewellen und kalte Hintern

Ausgabe #87 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
nun ist sie also (erstmal) vorbei, die große Hitze mit Temperaturen, die knapp an die 40 Grad heranreichten. Wer mittags und nachmittags durch die Walsroder Innenstadt fuhr, der hielt schon fast vergeblich Ausschau nach Passanten. Es wird zwar von Klimawandel-Leugnern immer wieder behauptet, früher sei es auch heiß gewesen, aber ich kann mich ehrlich gesagt an derartige Temperaturen nur aus Urlauben in Mittelmeerländern oder Nord-Afrika erinnern. Und auch wenn es stimmt, dass es auch früher Tage mit Temperaturen um die 35 Grad gegeben hat, dann hilft doch eine kurze Recherche, um herauszufinden, dass sich die Zahl der Hitzetage (über 30 Grad) in den vergangenen Jahren durchschnittlich mehr als verdoppelt hat. Zufall? Wohl genauso wenig wie die Tatsache, dass Starkregenereignisse stark zugenommen haben und dass es auch deutlich mehr starke Stürme und Orkane in unseren Breiten gibt als früher. Man sollte sich sicherlich nicht von subjektiven Eindrücken und Erinnerungen leiten lassen, aber manchmal stimmen die auch mit den objektiven Daten überein. Denn wenn ich mich allein in dem Dorf umschaue, in dem ich seit über 30 Jahren lebe, dann sind dort in den vergangenen rund sechs bis acht Jahren mehr riesige Eichen entwurzelt, als in all den Jahren zuvor. Genauer gesagt: Fast 25 Jahre passierte nichts, seit einigen Jahren umso mehr.
In meinem aktuellen Leitartikel habe ich mich an einen Vortrag des bekannten Klimaforschers und Meteorologen Mojib Latif erinnert, den viele aus dem Fernsehen kennen. Ihn erlebte ich vor über 30 Jahren auf der Luisenhöhe in Walsrode. Damals zeichnete er ein beängstigendes Szenario und sprach von einem Klimawandel, der schon bald die Meeresspiegel steigen ließe und zu einer Verschiebung der Klimazonen führe. Er war nicht der einzige, der schon seit Jahrzehnten voraussagte, was uns jetzt sozusagen „auf die Füße fällt“. Internationale Klimakonferenzen verlaufen unterdessen mit den gleichen Mechanismen, es werden Zustandsbeschreibungen abgegeben, Warnungen ausgesprochen, Ziele formuliert und am Ende Kommuniques unterschrieben, die bislang noch nicht annähernd in der Lage waren, den Hebel umzulegen. In Zeiten von Krieg und Energiekrise erst recht nicht.
Wenn man sich die großen Problematiken und Krisen dieser Welt anschaut, fällt es schwer, noch weiter dem Verstand und dem guten Willen von Regierungen zu vertrauen. Während der südasiatische Staat Bangladesch langsam „absäuft“ – entschuldigen Sie das harte Wort –, kann in der Kornkammer Europas das Getreide nicht geerntet werden, weil Autokrat Putin weiter das Nachbarland bombardiert. Aber wir brauchen gar nicht in die Ferne schweifen, wenn das Schlechte liegt so nah. Auch deutsche Regierungen waren in den vergangenen Jahrzehnten nicht in der Lage, den nationalen Großherausforderungen ihrer Zeit zu begegnen. Bildungspolitisch sind wir so weit von einer Chancengleichheit entfernt wie in den 70er Jahren; verkehrspolitisch verstopfen Lastwagen die Autobahnen, und die Deutsche Bahn übertrifft sich mit Versagen. Energiepolitisch ist eine echte Energiewende in weiter Ferne; und in diesem Winter droht uns allen sogar ein kalter Hintern, weil man in Sachen Heizungs- und Prozesswärme ganz auf russisches Gas gesetzt hat – ohne Netz und doppelten Boden. Da fällt mir ein alter Slogan aus der Anti-AKW-Bewegung ein: „Atomkraftgegner überwintern im Dunkeln und mit kaltem Hintern“, hieß es damals von denen, die voll auf Atomkraft setzten. Seit Tschernobyl und Fukushima sind die zwar auch ruhiger geworden, aber das, was so voller Hohn dahergeätzt wurde, wird uns bald vielleicht schon alle treffen. 

Am Ende möchte ich den gewohnten Blick im Heidekreis schweifen lassen: Der dümpelt gerade in den Sommerferien vor sich hin; Schulen sind geschlossen, und das öffentliche Leben kommt – auch angesichts der Hitzewelle – zum Erliegen. Überall wird stattdessen gefeiert, während die Corona-Zahlen trotz Hitze und Sommers seit Wochen steigen. Corona? Was ist das denn, mag man fragen. Diesem Thema möchte sich die bundesdeutsche Bevölkerung am liebsten erst wieder frühestens im Herbst widmen, wenn überhaupt. Dennoch gibt es viele Menschen, die derzeit erkranken – mal mit schwächeren, mal mit stärkeren Symptomen. Auf jeden Fall führen die ständigen Krankheitsausfälle dazu, dass die ohnehin angespannte Personalsituation in Firmen und Betrieben in der Urlaubszeit noch angespannter ist. Aber auch in der Hinsicht schweigt sich die Politik aus. Das scheint irgendwie ein Konfliktmuster von Politikern zu sein: Entweder es gibt eine Quadrofonie an Meinungen in allen Talkshows zu einem Thema – oder Themen werden totgeschwiegen.
Nun wünsche ich Ihnen aber ein entspanntes Sommerwochenende – und verzeihen Sie mir in dem heutigen Newsletter meinen ironischen Unterton. Aber das musste mal sein.
Rolf Hillmann
Klimawandel - menschengemachter Dampf auf dem Kessel - Heidekreis - Walsroder Zeitung
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