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Grenzen der Routine

Ausgabe #26 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
es gibt Arbeitstage, da merkt man schnell, dass man sie nicht vergessen wird. Bei uns in der Redaktion war der vergangene Dienstag so ein Arbeitstag. Nachdem die Nachricht von dem Fund einer Frauen- und einer Kinderleiche in einem Wohnhaus in Bispingen am Vortag die Runde gemacht hatte und in dem Zusammenhang die intensive Suche nach einer elfjährigen Tochter gestartet worden war, waren wir am Dienstag in den Vormittagsstunden mit die ersten, die hinter vorgehaltener Hand erfuhren: Das Mädchen ist gefunden worden. Es ist tot. Mutter, Sohn, Tochter waren ermordet worden. Der Freund der Mutter saß bereits als dringend Tatverdächtiger in Untersuchungshaft, als Polizeibeamte die Leiche der kleinen Lilli Marie an einem Waldweg fanden.
Eigentlich musste es jedem klar gewesen sein, dass das Mädchen nicht mehr lebte. Aber als wir die Nachricht erhielten, verfielen alle Kollegen in eine kurze Schockstarre. Wir müssen fast täglich über Brände, tödliche Unfälle oder Verbrechen berichten, und will man diesen Beruf professionell ausüben, dann entwickelt man auch bei schlimmen Nachrichten eine gewisse Routine. Doch bei Unfällen mit oder gar Mord an Kindern funktioniert journalistische Routine nicht mehr. Minutenlang sprach keiner ein Wort, die Gedanken kreisten um die letzten Lebensminuten der kleinen Lilli Marie und ihres kleinen Bruders Luca. Was war geschehen, dass der mutmaßliche Täter so ausrastete und gleich eine Mutter und ihre beiden Kinder tötete? Nur langsam kehrten wir aus unseren Gedanken in die Gegenwart zurück. Mein Kollege Jens Reinbold hatte sich auf den Weg nach Bispingen gemacht, um von vor Ort zu berichten. Ich versuchte aus der Redaktion heraus, Informationen von Polizei und Staatsanwaltschaft zu erhalten.

Familiendrama: Auch Lilli Marie ist offenbar tot - Walsroder Zeitung
Am nächsten Morgen machte sich Jens Reinbold auf den Weg nach Lüneburg, um an der Urteilsverkündung im Prozess wegen des zweifachen Mordes im Juli vergangenen Jahres in Neuenkirchen teilzunehmen. Nach zehn Verhandlungstagen und einer langen Indizienkette verhängte die 4. Große Jugendkammer des Landgerichts in Lüneburg die Höchststrafe: Der der Morde angeklagte Maurice L. muss lebenslänglich ins Gefängnis, zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Jens Reinbold beobachtete während der vorangegangenen Verhandlungstage und auch bei der Urteilsverkündung eine fast stoische Ruhe des 21-jährigen verurteilten Doppelmörders. Hin und wieder schob er seiner Verteidigung einen Zettel zu, auf dem er Notizen machte. Und so schien auch der Schlusssatz des Richters kaum zu Maurice L. durchzudringen: „Innerhalb von sechs Wochen haben Sie nicht nur das Leben von mehreren Menschen ausgelöscht und ruiniert, sondern auch Ihr eigenes.“
Urteil im Neuenkirchener Doppelmordprozess: Maurice L. schweigt auch beim letzten Wort - Walsroder Zeitung
Die Inzidenzwerte im Landkreis sanken in dieser Woche kontinuierlich, und so lockerte der Corona-Krisenstab die bisherigen Schutzmaßnahmen. Auf ausgewählten Stationen des Heidekreis-Klinikums begann beispielsweise eine zweiwöchige Testphase. Dort dürfen die Patienten wieder täglich von 15 bis 17 Uhr für maximal eine Stunde Besuch empfangen. 
Besucher dürfen wieder ins HKK - Heidekreis-Klinikum - Walsroder Zeitung
Die „gelockerten“ Regelungen für den Einzelhandel sorgten unterdessen für viel Kritik: Wer in einen Laden mit mehr als 200 Quadratmetern Verkaufsfläche kommt, muss entweder negativ getestet, genesen, vollständig geimpft oder unter 14 Jahre alt sein. In kleineren Geschäften gilt weiterhin das Prinzip „Click and Meet“. Unsere Redakteurin Johanna Scheele machte sich auf den Weg durch die Walsroder Innenstadt. Dabei traf sie auf resignierende Geschäftsleute und gespenstisch leere Läden. Ein Zitat in ihrem Artikel trifft ins Schwarze: „Wer lässt sich denn für einen Bleistift testen?“
Einzelhandel: Zwischen Test- und Terminchaos - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Und auch im Zusammenhang mit den Schulen war die Pandemie für uns in dieser Woche wieder Thema – und zwar ganz speziell die Frage, warum die Schülerinnen und Schüler bei einem Inzidenzwert von unter 50 nicht endlich wieder in den Präsenzunterricht zurückkehren dürfen? Denn während in den Cafés die ersten Personen auf der Terrasse wieder ihren Kaffee trinken, gilt in den Schulen noch immer Wechselunterricht. Wann könnte sich das ändern? Johanna Scheele hat konkret nachgefragt. Ihre Antwort: Wenn alles klappt – noch in diesem Monat.
Wechselunterricht im Heidekreis bleibt bestehen - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Neben Mordprozess, Kapitalverbrechen und veränderten Pandemie-Bedingungen gab es auch noch andere Themen. Zum Beispiel dieses: Viele erinnern sich noch an die gescheiterte Fusion von Bomlitz, Walsrode und Bad Fallingbostel vor rund 13 Jahren. Der Zusammenschluss zu einer großen Kommune in der Vogelpark-Region kam nicht zustande, weil es dafür in Bad Fallingbostel keine Mehrheit gab. Ob eine ähnliche Abstimmung heute auch noch so ausfallen würde, ist fraglich. Denn seitdem Walsrode und Bomlitz eine gemeinsame Stadt bilden, blicken viele Bad Fallingbosteler längst nicht mehr argwöhnisch, sondern eher anerkennend, einige sogar neidisch über die „Grenze“. 13 Jahre nach der gescheiterten Fusion gehen jetzt zwei Ratsfraktionen aus Bad Fallingbostel und Walsrode aufeinander zu Die Bürgerlisten vermeiden ganz bewusst das Reizwort „Fusion“, wollen aber enger zusammen arbeiten und sehen dafür eine ganze Reihe von gemeinsamen Themen.
“In der Region ist Gemeinsamkeit spürbar” - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Ein besonders schönes Beispiel, dass Presseberichterstattung auch schnell und konkret helfen kann, ist das von der Beschilderung der Straßenbaumaßnahme an der Landesstraße 190 zwischen Hodenhagen und Eickeloh. Die rief nicht nur viel Verwirrung, sondern noch viel mehr Kritik hervor. Bis Mitte August wird die L 190 saniert; in vier Abschnitten, die von der Esseler Kreuzung bis zum Ortseingang Eickeloh reichen. Eickeloher Geschäftsleute schlugen unterdessen Mitte der Woche Alarm – denn die Beschilderung führte dazu, dass Eickeloh de facto von der Außenwelt abgeschnitten wurde. Die WZ griff das Thema auf – und schon am nächsten Tag waren verwirrende Schilder abgebaut und durch solche ersetzt worden, die eine Durchfahrt nach Eickeloh ermöglichen. Unser Redakteur Dirk Meyland freute sich und meinte: „WZ hilft!“
Das Wochenende liegt vor uns, doch der Wetterbericht verheißt nicht viel Gutes. Machen wir das Beste draus und freuen wir uns nach einem Pandemie-Weihnachten, zwei Pandemie-Oster- und auch zwei Pandemie-Pfingstfesten, dass wir am 5. und 6. Juni 2022 nicht nur besseres Wetter, sondern auch keine Pandemie mehr haben. Was am 5. und 6. Juni nächstes Jahr ist? Sie werden es erraten: Pfingsten!
Rolf Hillmann
Der Heidekreis ist alles andere als eine Insel der Seligen - Meinung - Walsroder Zeitung
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