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Gefährliches Grundrauschen

Ausgabe #92 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – aber ich bemerke in der Gesellschaft ein zunehmendes Grundrauschen aus Angst, Aggression, Pessimismus und Feindseligkeit. Ich will gar nicht die vielen Anrufe und E-Mails ins Feld führen, in denen sich Leserinnen und Leser über viele Unzulänglichkeiten in Politik und öffentlichem Leben beschweren. Vieles davon fußt auf Einzelerlebnissen – und -ereignissen und ist nicht unbedingt objektiv. Überhaupt scheint der Populismus immer salonfähiger zu werden - diese Art des Meinungsaustauschs, bei der die Vereinfachung völlig unzulässig benutzt wird, um Stimmung zu machen, zu spalten, Schuldige zu suchen und zu benennen.
Aber darum soll es gar nicht gehen. Vielmehr treibt mich die Sorge um, dass diese Gemengelage aus Ukraine-Krieg mit seinen vielfältigen Auswirkungen, aus Störung der Lieferketten, Arbeitskräftemangel, Inflation und vor allem Preisanstieg in allen relevanten Lebensbereichen dazu führen wird, dass diese Gesellschaft vor einer Zerreißprobe steht. Schon jetzt kündigen Rechte wie Linke Demonstrationen an im Herbst. Nach Flüchtlingskrise und Pandemie kommt das gegenwärtige Bündel aus Krisen und Problemen insbesondere den Rechten gerade zur richtigen Zeit, um montags oder an welchem Wochentag auch immer die Leute auf die Straße zu locken.
Dabei bieten sie scheinbar einfache Lösungen an, um die komplexen Abwägungen und langen demokratischen Prozesse lächerlich zu machen, die eine moderne Gesellschaft ausmachen. Und wer dazu neigt, diesen Menschen mehr Glauben zu schenken als den zum Teil verachteten Politikern, dem sei gesagt: Spätestens, wenn eine dieser einfachen Lösungen sie oder ihn persönlich trifft, merken s(S)ie, dass Demokratie und Rechtsstaat doch mit Abstand die fairste und gerechteste Gesellschaftsform ist, die die Menschheit je hervorgebracht hat.

Doch Demokratie ist anstrengend. Und statt unangenehme Zusammenhänge auszublenden oder so stark zu vereinfachen, dass jedes Problem eine Lösung zu haben scheint, muss man auch mal in Kauf nehmen, dass es manchmal lange dauert, bis es Lösungen und Verbesserungen gibt. Natürlich wissen wir längst, dass gerade die von simplifizierten Angeboten angezogen werden, die gerade Schwierigkeiten haben, sich in einer sich schnell verändernden Welt zurechtzufinden. Populistischen Vereinfachern und Stimmungsmachern zu glauben, dass die Regierungen keine Vertretung des Volkes seien, sondern abgehobene Elite, ist eben einfacher, als komplizierte Sachthemen zu verstehen. Stattdessen sehen sich die Populisten als Stimme des einfachen Volkes. Und dabei sollte niemand glauben, Populismus gebe es nur rechts – ihn gibt es links, rechts und auch in der Mitte der Gesellschaft, nämlich überall dort, wo die Komplexität der modernen Welt mit wenigen dummen Sätzen beiseite geschoben wird.
Allerdings habe ich auch manchmal das Gefühl, dass die Empfängnisbereitschaft für solche Ideen typisch deutsch ist – auch auf die Gefahr hin, mich jetzt furchtbar unbeliebt zu machen. Stänkern, kritisieren und provozieren ist eine deutsche Stammtischkrankheit, die in viel stärkerem Maße jetzt im Internet und in den sozialen Medien ausgelebt werden kann. Kostproben erleben wir täglich in den Kommentarspalten unserer Social-Media-Auftritte. Da fragt man sich dann wirklich: Für wen arbeiten wir eigentlich, wem versuchen wir, die aktuellen und durchaus auch komplizierten Themen der Region nahezubringen? Anstatt zu lesen, sich zu informieren und sich ein Bild zu machen, wird gezetert, geschimpft, beleidigt, vereinfacht, verfälscht und auch gelogen.
Mit diesen eher düsteren Gedanken verabschiede ich mich in Urlaub und notwendige Erholung. In den nächsten Wochen werden meine Kollegin Märit Heuer und mein Kollege Jens Reinbold an dieser Stelle den Roten Faden aufnehmen.
Bleiben Sie gesund!
Rolf Hillmann
Der Staat muss denen helfen, die es nötig haben - Meinung - Walsroder Zeitung
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