Eigenverantwortung lernen

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Ausgabe #83 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe „Rote Faden“- Leserinnen und -Leser
Der Sommer hat mittlerweile Fahrt aufgenommen, die Temperaturen sind an der 30-Grad-Grenze. In den vergangenen beiden Jahren war das die Zeit, in der Corona und die daraus folgenden Beschränkungen aus dem Leben der Menschen wichen. Ein paar Beschränkungen gab es nach wie vor, aber irgendwie fühlte es sich fast wieder normal an.
In diesem Sommer ist sogar noch mehr möglich. Schützenfeste werden gefeiert, Jahrgangstreffen mit Menschen aus allen Ecken der Welt finden wieder statt, sogar ein großes Stadtfest soll es Anfang September geben. Das fühlt sich unheimlich gut an.
Eines vorweg: Ich will hier nicht den Spielverderber geben. Auch ich freue mich auf Treffen mit vielen Menschen, die ich (nicht nur) wegen der Pandemie lange nicht gesehen habe. Ausgelassen feiern, gute Livemusik hören, Freunde umarmen – viel zu lange musste man darauf verzichten.
Und doch habe ich das Gefühl, dass die Gefahr, an Covid 19 zu erkranken, kaum schon einmal so groß war wie jetzt. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es fast täglich Nachrichten über neue Fälle, die längst nicht mehr alle Eingang in offizielle Statistiken finden. Es ist gefühlt – ja, nutzen wir ruhig das als Vergleich lange verpönte Wort – wie eine große Grippewelle.
Die meisten kommen nach einer, manche erst nach zwei Wochen wieder auf die Beine, andere haben zwar Positivtests, aber bleiben ohne Symptome. Ich vernehme aber auch immer wieder die Berichte von Erkrankten, die offenbar auch lange nach ihrer vermeintlichen Gesundung noch über Beeinträchtigungen klagen. Oft ist es eine gewisse Saft- und Kraftlosigkeit oder auch eine Einschränkung der Atemwege oder der Lunge. Es zieht sich, sagen die Betroffenen häufig. Und mich besorgen diese Nachwirkungen, die ja bis hin zu Long Covid reichen.
Die Frage, warum der Staat aktuell trotz der hohen Infektionszahlen quasi alles laufen lässt, ist wahrscheinlich in zweierlei Hinsicht zu beantworten. Erstens: Die aktuelle Variante ist offenbar weniger tödlich. Zweitens: Die Verantwortlichen wissen ganz genau, dass sie den Menschen nun nicht auch noch widerspruchslos mit allerlei Einschränkungen den Sommer vermiesen dürfen.
Ist das verantwortungslos? Nein, es ist eher einer Entwicklung geschuldet. Es scheint so, als müsste die Gesellschaft peu á peu lernen, dauerhaft mit dem Virus umzugehen, ohne dass der Staat genaue Vorgaben zur Infektionsvermeidung gibt. Die politisch Verantwortlichen hatten die Menschen lange an die Hand genommen, um sie durch die ersten Monate der Pandemie zu führen, nun kommt es eben auf Eigenverantwortung an. Und weiterhin natürlich darauf, die vulnerablen Mitmenschen zu schützen.
Wie gut das funktioniert, wird sich erst noch zeigen. Doch dass der Staat noch einmal derart tief in die Verordnungskiste greift, wie er es zu Beginn der Pandemie getan hat, davon ist aktuell nicht auszugehen. Wahrscheinlich würden auch immer weniger dem folgen.
Zwei Dinge beschäftigen mich in diesem Zusammenhang. Erstens: Was bringen der Herbst und womöglich neue Varianten für Ungemach? Und zweitens: Hoffentlich ist der Staat gut vorbereitet, wenn es darum geht, die punktuell richtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt zu ergreifen.
Um die richtigen Maßnahmen geht es auch im wöchentlichen Leitartikel. Ich habe mir einmal die Situation in Bad Fallingbostel angeschaut, wo die Stimmung am kippen ist, weil das Verhalten einiger Menschen aus dem Ankunftszentrum im Ort zu Unsicherheit führt.

Aus der anfänglichen Euphorie ist längst Verdruss geworden - Meinung - Walsroder Zeitung
Genießen Sie das Wochenende – und vor allem: Bleiben Sie gesund!
Jens Reinbold
Stellvertretender Redaktionsleiter
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