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Die "heiße" Phase beginnt

Ausgabe #40 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leserinnen und -Leser,
ich habe vor ein paar Wochen schon einmal etwas hinter unsere beruflichen Kulissen blicken lassen, als es um einen tödlichen Verkehrsunfall eines Motorradfahrers ging. Die Resonanz aus Ihren Reihen war damals erstaunlich: Viele von Ihnen haben mir geschrieben, dass Ihnen diese Aspekte unseres Berufes gar nicht präsent waren. Da die vergangenen Tage (und Nächte) in der WZ-Redaktion wieder alles andere als alltäglich waren, möchte ich Sie heute zu einem weiteren Blick hinter die Kulissen einladen.
Im Vordergrund unserer täglichen Arbeit stehen derzeit – Sie können es ahnen – die bevorstehenden Wahlen und der Wahlkampf. Es gibt unzählige Einladungen zu Terminen, bei denen wir nach verschiedenen Kriterien entscheiden müssen, ob wir daran teilnehmen oder nicht. Je näher die Wahltermine rücken – die Kommunalwahl in zwei, die Bundestagswahl in vier Wochen –, umso dünnhäutiger werden die Parteien und ihre Kandidaten. Viele wittern „ungleiche Behandlung“ oder „Bevorzugung der anderen“. Auch in Sachen Landratswahl merken wir, dass die Emotionen zunehmen. Das zeigen auch die Leserbriefe, die uns zu dem Thema erreicht haben und die heute in der gedruckten WZ zu finden sind. Bei einem Pressetermin des Unterstützer-Bündnisses des Landratskandidaten Jens Grote gab es zwar nicht viele Neues zu erfahren, interessant war aber, dass SPD-Fraktionschef Sebastian Zinke schon mal ankündigte, dass es nach einer Wiederwahl des Amtsinhabers im Kreistag ziemlich „ruckeln“ werde, ein „Weiter-So“ werde es nicht geben. Einen Kandidaten zu unterstützen, ist legitim, dem Amtsinhaber im Fall einer Wiederwahl indirekt zu drohen, ist – vorsichtig ausgedrückt – aber schon etwas ungewöhnlich.

Bündnis bekräftigt Unterstützung von Grote - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Doch auch wenn der Wahlkampf tobt, hielt uns die Situation in Afghanistan in den vergangenen Tagen besonders in Atem. Jetzt mögen Sie sich fragen, was eine regionale Tageszeitung mit diesem weit entfernten Geschehen in der Welt zu tun hat. Die Antwort ist einfach: Durch die Bundeswehr-Liegenschaften in Bad Fallingbostel-Oerbke und das Ankunftszentrum der Landesaufnahmebehörde wurde hinter vorgehaltener Hand schon seit Tagen davon gesprochen, dass afghanische Ortskräfte und andere Schutzsuchende nach ihrer Rettung über die Luftbrücke zunächst nach Bad Fallingbostel kommen könnten. Die Hinweise verdichteten sich in der vergangenen 48 Stunden, doch vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wurde allen kooperierenden Organisationen, auch der lokalen Ebene wie Kommune und Landkreis, ein „Maulkorb“ verhängt.
Mittlerweile – es ist jetzt Freitagnachmittag – ist klar, dass noch heute afghanische Schutzsuchende kommen werden. Dazu findet in anderthalb Stunden eine Pressekonferenz statt. Wie viele Flüchtlinge wie lange in Bad Fallingbostel bleiben werden, ist unklar. Wenn ich diesen Newsletter abschließe, sind diese Fragen noch offen. Deshalb kann ich nur auf unsere digitalen Medien und unsere Sonnabend-Ausgabe verweisen, wo wir aktuell darüber berichten werden.
Ich hatte mich schon für Donnerstagabend und nachts darauf eingestellt, zum Camp zu fahren, um über die Ankunft zu berichten. Die Nachrichtenlage war dünn, aber irgendwann um 20 Uhr stand fest, dass die Nacht wohl ruhig verlaufen würde. Das dachte ich jedenfalls. Als dann um 3 Uhr das Telefon klingelte, war es aber nicht wegen „Afghanistan“, sondern – weil es brannte. Also fuhr ich zu einem Feuer in Walsrode, wo die Feuerwehr einen Wohnungsbrand löschte. Die Berichte von den Bombenanschlägen am Flughafen von Kabul noch im Kopf, verbunden mit dem Wissen, dass Menschen von dort auf dem Weg zu uns in den Heidekreis sind, machte ich meine Fotos und Filme an der Hannoverschen Straße, fuhr wieder nach Hause, um noch etwas zu schlafen. Das gelang aber nur mäßig.
Großeinsatz der Feuerwehr - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Unterdessen gehen in wenigen Tagen die Sommerferien zu Ende. Das Wetter hat auch schon auf „Frühherbst“ umgeschaltet. Mit dem Ende der Ferien beginnt die letzte und „heiße“ Phase der Wahlkämpfe. Wir als Zeitung und als Redaktion bemühen uns ständig, unsere Leserinnen und Leser mit Informationen über Parteien und Kandidaten auf dem Laufenden zu halten. Neben der Berichterstattung haben dabei unsere Podiumsdiskussionen schon eine lange und bewährte Tradition. Seit über 15 Jahren laden wir wenige Tage vor dem Wahltermin die Kontrahenten ein. Das ist dann eine der letzten Möglichkeiten für sie, sich einem breiteren Publikum vorzustellen oder in Erinnerung zu rufen. Auch in diesem Jahr findet gleich ein ganzer Reigen an Podiumsdiskussionen statt. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns entschieden, die drei Veranstaltungen zu den Bürgermeisterwahlen in Rethem, Hodenhagen und Bad Fallingbostel als Präsenzveranstaltungen stattfinden zu lassen. Dagegen werden die beiden Podiumsdiskussionen zur Landrats- und Bundestagswahl digital und live in die Wohnzimmer der Zuschauerinnen und Zuschauer übertragen.
Kostenlos informieren bei Podiumsdiskussionen der WZ - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Ich habe heute bewusst darauf verzichtet, wesentliche Berichte und Geschichten der vergangenen Tage noch einmal in den Mittelpunkt zu stellen. Der Blick ist auf die Gegenwart und nahe Zukunft gerichtet. Dennoch möchte ich Ihnen zwei Leseempfehlungen aussprechen. Meine Kollegin Johanna Scheele hat mit einem seit sechs Jahren in unserer Region lebenden, mittlerweile gut integrierten Afghanen gesprochen, dessen Familie noch in dem Land lebt. An deren Beispiel bekommen die Ereignisse ein konkretes Gesicht – und das ganze Ausmaß des Leides und Schicksals einer ganzen Bevölkerung wird noch einmal sichtbar.
“Ein Leben ist für die Taliban nichts wert” - Heidekreis - Walsroder Zeitung
Zuletzt verweise ich auf meinen morgigen Leitartikel in der WZ. Auch darin in geht es um die große Weltpolitik und die regionalen Auswirkungen – ein Appell an alle, die in den afghanischen Hilfesuchenden, die nach Bad Fallingbostel kommen oder schon da sind, „wieder nur Flüchtlinge“ sehen, ihren Blick zu schärfen. Denn diese Menschen haben nicht freiwillig ihr Land verlassen, sondern wegen unseres Versagens. Klicken Sie einfach unten auf den Leitartikel.
 
Ansonsten wünsche ich Ihnen ein erholsames (letztes Ferien-)Wochenende,
Rolf Hillmann
Sie mussten unseretwegen ihre Heimat verlassen - Heidekreis - Walsroder Zeitung
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