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Das Ehrenamt und seine Grenzen

Ausgabe #94 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Roter-Faden-Leser und -Leserinnen,
2019 engagierten sich hierzulande 39,7 Prozent der Personen ab 14 Jahren ehrenamtlich, was in absoluten Zahlen bedeutet: Gut 29 Millionen Deutsche sind auf Sportplätzen, bei der Tafel, der Freiwilligen Feuerwehr oder auch am Ratstisch tätig, um die Gesellschaft zu bereichern. Freiwilliges Engagement ist eine zentrale Säule unseres Zusammenlebens. Es ist wohl eines der wenigen Themen, die auch heutzutage unstrittig sind.
Das Hohelied aufs Ehrenamt hat auch die Walsroder Zeitung zurecht häufiger angestimmt, doch darum soll es in diesem Roten Faden vordergründig gar nicht gehen. Vielmehr ist es mir an dieser Stelle ein Anliegen, die Dinge anzusprechen, die dazu führen, dass immer weniger Menschen bereit sind, sich in dieser Weise zu engagieren.
Walsrodes Stadtbrandmeister Michael Schlüter hat es unlängst bei der Blaulichtkonferenz in Schwarmstedt im Beisein des niedersächsischen Innenministers Boris Pistorius auf den Punkt gebracht. Die Zahl derer, die vorneweg marschieren wollen, sinkt in den Vereinen und Verbänden. Schlüter sprach davon, dass es an „Häuptlingen“ fehle und berichtete aus seiner „Ehrenamtswelt“: 30 bis 40 Stunden die Woche bringe er für die Feuerwehr auf.
Es gibt diese Menschen, die sich neben Job und Familie derart gut organisieren können, um ein solches Pensum leisten zu können. Aber wenn wir uns ehrlich machen: Es werden weniger, weil auch die Lebensumstände nicht mehr zu vergleichen sind mit einer Zeit etwa vor 50 Jahren. Alles ist schnelllebiger, hektischer geworden, wer bindet sich da noch 30 Stunden Extraarbeit ans Bein?
Das ist ein Problem, das nicht unterschätzt werden sollte. Vorteile etwa durch Ehrenamtskarten sind zwar „nice to have“, wie man neudeutsch formulieren könnte, aber sie werden nicht dazu führen, dass Menschen sich quasi einen zweiten Vollzeitjob aufbürden.
Es muss also anders gehen. Innenminister Boris Pistorius hat angedeutet, dass die Befreiung von Bürokratielasten einen Beitrag in diesem Sinne leisten kann – entweder durch Verschlankung der entsprechenden Verordnungen oder aber durch Unterstützung aus dem Hauptamt. Da darf man gespannt sein, in erster Linie dürften sich diese Maßnahmen an die „Blaulicht-Institutionen“ richten.

Wie das ist mit jenen in anderen Vereinen und Verbänden? Auch dort fehlen Menschen, die Verantwortung übernehmen – und damit eine Menge Arbeit. Und es gibt auch noch das Ehrenamt abseits von Strukturen. In Kirchboitzen zum Beispiel haben die Einwohnerinnen und Einwohner es durch ihr vielfältiges Engagement zum Landessieger in Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ gebracht. Die gesellschaftliche Arbeit dort ist enorm – und kaum abzubilden in Strukturen.
Und gerade in den vergangenen Wochen hat der Heidekreis wieder erlebt, was Ehrenamt noch ist. Für die zahlreichen Feiern – vom Strandfest in Dorfmark über das Hodenhagener Brinkfest bis hin zum Walsroder Stadtfest – haben Bürger ihre Freizeit geopfert, um ihren Mitmenschen eine schöne Zeit bieten zu können.
Dass diese Organisatoren irgendwann an ihre Grenzen kommen, ist abzusehen. Das Walsroder Stadtfest-Komitee etwa hat den Ruf nach einer schnellen Wiederholung verständlicherweise nicht unbedingt mit einem lauten Ja beantwortet; den Organisatoren hängen die Anstrengungen der vergangenen Monate wahrscheinlich noch ein paar Wochen länger in den Klamotten.
Ehrenamt kann vieles, aber eben auch nicht alles. Vielleicht finden sich Mittel und Wege, auch von staatlicher Seite zu helfen, doch noch wichtiger ist die Anerkennung. Da kann jeder mithelfen. Ein liebes „Danke“ gegenüber jenen, die ihre Freizeit opfern, ist schnell gesagt – und kann doch dabei helfen, die Motivation der Ehrenamtlichen zu erhalten.
Auch der Leitartikel der Woche beschäftigt sich mit dem Stadtfest in Walsrode. Viel Vergnügen beim Lesen.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende.
Jens Reinbold
Viel zu gut, um es nur alle Jubeljahre zu feiern - Heidekreis - Walsroder Zeitung
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