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Baden in schwierigem Fahrwasser

Ausgabe #96 • Im Browser ansehen
Roter Faden – der Wochenrückblick
Liebe Rote-Faden-Leserinnen und -Leser,
in diesen Tagen fragen sich wahrscheinlich viele Menschen sehr intensiv, was die nächsten Monate bringen werden. Da ist zum einen der Krieg in der Ukraine, zum anderen kämpfen wir auch hier im Heidekreis mit Inflation und Energiekrise. Es geht dabei zwar nicht um Leben und Tod – wie in der Ukraine -, aber dann doch immerhin um Existenzen.
Unternehmer, aber auch Privatleute schauen wahrscheinlich schon ganz genau hin, wie sie durch die ungewisse Zeit kommen, legen sich einen Plan B zurecht für den Fall, dass es noch schlimmer kommt, als es derzeit abzusehen ist. Und vermutlich haben auch Sie schon einmal überlegt, wo Sie im Falle des Falles am ehesten sparen können.
Auch Kommunen dürfte es so gehen. Die Kämmerer sind längst mit den Haushalten für 2023 und den weiteren Finanzplanungen für die Folgejahre beschäftigt. Doch selten dürften ihnen die Planungen so schwergefallen sein wie aktuell. Das beginnt bei den laufenden Kosten (Stichwort Energie) und endet bei investiven Maßnahmen wie Schulbauten oder Straßensanierungen.
Schon jetzt steht ziemlich sicher fest: Es wird bei dem einen oder anderen Vorhaben Verschiebungen geben. Das ist nachvollziehbar, alles andere wäre auch fahrlässig. Und doch liegen kleine und große Aufgaben vor den Städten und Gemeinden – und ein Aufschieben hilft für einen kurzen Zeitraum, löst aber das Problem nicht. Übrigens: Wenn selbst Kommunen nicht mehr investieren, woher sollen denn all die Handwerksbetriebe sonst eigentlich noch ihre Aufträge herbekommen?
Es wird ganz sicher aber auch um Verzicht gehen. Freiwillige Leistungen stehen mehr denn je auf dem Prüfstand, wenngleich die Streichungen ohnehin auch im Heidekreis in vielen Städten und Gemeinden bereits in den Vorjahren immer wieder Thema waren – und auch schon umgesetzt sind. Doch welche Leistungen und Vorhaben ergeben angesichts der unsicheren Gemengelage eigentlich aktuell noch Sinn?
Mir fällt auf Anhieb das Waldbad in Bomlitz ein. Ein herrliches Bad, im Grunde auch ein Aushängeschild für die Stadt Walsrode. Doch es ist an vielen Stellen marode, Pläne für eine umfassende Sanierung liegen längst auf dem Tisch – zehn Millionen Euro dürfte die vorgestellte Variante inzwischen wohl mindestens kosten.
Drei Millionen Euro hat die Stadt aus einem Fördertopf akquirieren können, bleiben aber noch sieben Millionen Euro als Eigenanteil. Und dann kommen ja auch noch die Folgekosten hinzu: Gerade ein Freibad ist eine ziemliche Energieschleuder – jedenfalls dann, wenn man das Badewasser für Besucher attraktiv warm bereitstellen möchte. Der laufende Betrieb kostet also ebenfalls viel Geld.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin regelmäßiger Gast des Waldbades, habe meine Kindheit und Jugend dort verbracht. Und dennoch frage ich mich in diesen Zeiten: Ist die Sanierung die richtige Maßnahme in dieser Zeit?
Bäder gehören zur Daseinsfürsorge, eine Grundaufgabe zumindest von Mittelzentren, wie Walsrode eines ist. Und Kahlschlag in diesem Bereich würde soziale Probleme schüren. Ich habe vor Jahren vor ein paar Jahren in einem WZ-Kommentar geschrieben: „Wer einen Kopfsprung vom Dreimeterbrett wagt, der kann nicht gleichzeitig anderswo auf blöde Gedanken kommen.“ Und daran hat sich nichts geändert.
Geändert indes haben sich die Rahmenbedingungen. Die Stadtwerke, die mit ihren Gewinnen die Defizite der Hallen- und Freibäder ausgeglichen haben, sind ebenfalls in schwierigem Fahrwasser unterwegs. Ob sie auch künftig dazu fähig sein werden? Zumindest kurzfristig eher nicht.
Diese Melange beim Waldbad ist nur ein Beispiel für die Herausforderungen von Kommunen; es zeigt die vielen Parameter, die sich derzeit verschieben und das Planen für Verwaltung und Politik schwierig machen. Sie werden aber Entscheidungen treffen müssen, und ganz sicher werden sie dabei zwischen Notwendigem, Verschiebbarem und Verzichtbarem abwägen – ohne selbst zu wissen, was die Zukunft bringt.
Es ist erneut ein „Roter Faden“, der sich mit den unangenehmen Folgen einer vor zwei, drei Jahren noch undenkbaren Situation auseinandersetzt, und glauben Sie mir: Ich würde Ihnen gerne mal wieder etwas Erfreuliches schreiben. Aber es ist ja, wie es ist.
Ich fand es in diesem Zusammenhang bemerkenswert, was Landrat Jens Grote bei seinen Ausführungen am vergangenen Freitag im Kreistag gesagt hat: Uns gehe es im Vergleich mit anderen Menschen auf der Welt noch gut, sagte er und appellierte an die Bürger: „Es geht auch darum, das Leben zu feiern, wo es möglich ist und nicht nur Trübsal zu blasen.“
Dem schließe ich mich in diesem „Roten Faden“ gerne an.
Machen Sie es gut – und bleiben sie positiv!
Jens Reinbold

Eine gesetzliche Pflicht zur Erfassung von Arbeitszeit ist überfällig - Heidekreis - Walsroder Zeitung
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